Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 3,10-18)

10Da fragten ihn die Leute: Was sollen wir also tun?

11Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.

12Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun?

13Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.

14Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!

15Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei.

16Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

Überblick

Johannes der Täufer fasziniert die Menschen, sie kommen in Scharen an den Jordan, lassen sich taufen und erhoffen sich Antworten auf das, was sie bewegt. Die Antworten des Täufers sind wegweisend – im doppelten Sinne.

Auslegung

Die Predigt des Johannes am Jordan provoziert und polarisiert und zieht offenbar ganz unterschiedliche Menschen an. Die Rede von Umkehr und Buße und die dahinterstehende Frage nach einem vor Gott gelingenden Leben trifft den Nerv der Zeit. Und nicht nur die vermeintlich Frommen, sondern auch Zöllner, Soldaten und andere sehen die Notwendigkeit, sich und ihr Leben zu hinterfragen. Dabei geht es nicht um eine innere Lebensführung, sondern um ein äußeres Tun, das zum Leben beiträgt. „Was sollen wir tun?“, ist die Suche nach einem Handeln, das die innere Umkehrbereitschaft zum Ausdruck bringt.
In der ersten Antwort, die Johannes der Menge gibt, geht es um Nahrung und Kleidung und damit um menschliche Grundbedürfnisse. Wer mehr als das Lebensnotwendige hat, soll den Bedürftigen das für sie Notwendige abgeben. Den Zöllnern und Soldaten trägt der Täufer jeweils auf, ihre Macht nicht zu missbrauchen. Sie sollen den beruflichen Auftrag nicht für persönliche Macht und Bereicherung ausnutzen und damit andere mutwillig schädigen.

Sowohl die Antworten an die Menge im Allgemeinen wie auch an die konkret genannten Berufsgruppen sind weder überraschend noch extrem. Johannes der Täufer fordert ein, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Fürsorge für die Armen und Einhaltung der Grundwerte von Solidarität, Gerechtigkeit und Respekt. Dem wiederholten Ruf zu Umkehr und Buße folgen also typisch ethische Forderungen, die Johannes zwar als weisen Lehrer, aber nicht als radikalen Prediger auszeichnen. Die fragenden Gruppen erhalten von ihm eine Antwort, die passgenau für die jeweilige Lebenssituation ist und in der das alltägliche Tun mit dem Glauben verbunden wird.

Die letzte Frage des Abschnitts bleibt unausgesprochen und betrifft nicht das Leben der Fragenden, sondern die Vollmacht und Funktion des Johannes. Den Erwartungen und Hoffnungen der Menge, dieser kraftvoll auftretende Täufer könnte der ersehnte Messias, der Christus, sein, erteilt Johannes eine Absage. In einem Vergleich setzt er sich selbst ins Verhältnis zu dem, der nach ihm kommt. Das Bild vom Lösen der Riemen beruht auf einer sozialen Kategorie: Es handelt sich um eine typische Sklaventätigkeit. Doch nicht einmal dazu sieht sich Johannes der Täufer im Hinblick auf Jesus berufen. Er selbst tauft mit Wasser und lädt ein, das Verhalten zu ändern und das Leben neu auszurichten. Jesus aber tauft mit dem Heiligen Geist, Zeichen der Nähe, der Sendung und Rettung. Und zugleich tauft er mit Feuer, Zeichen des Gerichts. Der qualitative Unterschied zwischen Johannes dem Täufer und Jesus liegt in der Vollmacht Jesu, die Heil und Gericht zugleich umfasst. Dem entspricht, dass Jesu Antwort auf die Frage „Was sollen wir tun?“ ungleich radikaler ausfällt („Verkaufe alles, was du hast…“ Lk 18,22). Das „stärker sein“ Jesu liegt in der göttlichen Vollmacht, die nicht nur das Jetzt und Hier, sondern auch das Zukünftige umfasst. Die Verkündigung und Forderung des Johannes zielt auf das Leben und Miteinander im Weltlichen, die Fortführung im Himmlischen ist bleibende Verheißung.

Kunst etc.

Eine der bekanntesten Darstellungen Johannes‘ des Täufers ist die von Matthias Grünewald (16. Jh.), der auf dem Isenheimer Altar Johannes mit langem Zeigefinger auf den Gekreuzigten zeigen lässt. Die Inschrift lautet „Jener muss wachsen, ich aber kleiner werden“ und ist den letzten Worten des Täufers im Johannesevangelium 3,30 entnommen.

Matthias Grünewald, Kreuzigung Isenheimer Altar (Detail), 1515, Öl auf Holz, Musée d'Unterlinden, Colmar, Web Gallery of Art, gemeinfrei
Matthias Grünewald, Kreuzigung Isenheimer Altar (Detail), 1515, Öl auf Holz, Musée d'Unterlinden, Colmar, Web Gallery of Art, gemeinfrei

Den Aspekt, dass Johannes Menschen aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen predigt und auf Jesus verweist, stellt Pieter Bruegel der Ältere eindrucksvoll in seinem Gemälde „Die Predigt Johannes des Täufers“ (1566) dar. In der Szene, die aus der Wüste heraus in eine vertraute Landschaft versetzt wurde, steht Johannes der Täufer inmitten einer großen Menschenmenge. In ihr sind Personen unterschiedlichster Herkunft vereint. Ein Chinese und ein Mongole finden sich ebenso, wie zwei Mönche, interessierte und uninteressierte Zuhörer. Noch unscheinbarer als Johannes selbst steht Jesus rechts von ihm im hellen Gewand.

Pieter Bruegel der Ältere, Die Predigt Johannes des Täufers, 1566, Öl auf Holz, gemeinfrei
Pieter Bruegel der Ältere, Die Predigt Johannes des Täufers, 1566, Öl auf Holz, gemeinfrei