Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 14,1.7-14)

1Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.

7Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:

8Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du,

9und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.

10Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.

11Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

12Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten.

13Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.

14Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Überblick

Wen lade ich ein und wer sitzt wo? Das Evangelium vom 22. Sonntag im Jahreskreis erinnert an beliebte Ratgeberliteratur, trifft aber die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung.

1. Verortung im Evangelium
In Lukasevangelium 9,51 hatte Jesus den Entschluss gefasst, nach Jerusalem zu ziehen. Viele der Erzählungen seitdem waren Geschichten am Wegesrand ohne klare Zuordnung zu einem Ort und vor allem durch die handelnden Personen geprägt. Das 14. Kapitel setzt hingegen an einem klar benannten Ort an: Im Haus eines führenden Pharisäers. Alle Episoden in Lk 14,1-24 spielen in diesem Haus, erst mit Lk 14,25 wird das Erzählte aus diesem Kontext herausgelöst. Der Kontext (Mahl im Haus des Pharisäers) bildet eine Bühne für zwei unterschiedliche Schwerpunkte der Verse 1-24. Zunächst geht es um die Frage nach dem Sabbat (Lk 14,2-6), dann um Reihe von Beobachtungen und Hinweisen rund ums Gast und Gastgeber sein (Lk 14,7-24).

 

2. Aufbau
Nach dem einleitenden Vers Lk 14,1, der in die Hintergrundszene einführt, folgen zwei voneinander abgegrenzte Erzählungen, die über das Motiv „Gast und Gastgeber sein“ miteinander verknüpft sind.
Lk 14,7-11 besteht aus einer Einführung in die Szene (Jesus beobachtet das Verhalten der Gäste) in Vers 7 und einer Mahnrede in den Versen 8-10. Vers 11 liefert eine Begründung zu den vorangegangenen Ermahnungen.
Lk 14,12-14 setzt ein mit einer weiteren Folge von Mahnungen, die nun aber an den Gastgeber gerichtet sind (Verse 12-13). Der abschließende Vers 14 beschreibt die Folge des eingeforderten Verhaltens im Hinblick auf das Verhältnis zu Gott.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Die Einleitung „und es geschah“ findet sich so z.B. auch in Lk 5,1. Die Kombination „Sabbat + Pharisäer“ wird dem aufmerksamen Zuhörer oder Leser andere Szenen in Erinnerung rufen, in denen es um die Auseinandersetzung zwischen Jesus und Pharisäern rund um die Sabbatfrage ging (z.B. Lk 6,1-11). Die Charakterisierung des Pharisäers als „führender“ hebt hervor, dass Jesus sich in gehobenen Kreisen bewegt und bei einem angesehenen Mann der Gesellschaft zu Gast ist. Dies ist wichtig für die kommenden Worte zum Gastgeber sein.
Ein klassisches Gleichnis ist die folgende Erzählung nicht. Wohl aber formuliert der abschließende Vers 11 einen Grundsatz, der der Episode eine Bedeutung beimisst, die über die reine Erzählsituation im Haus des Pharisäers hinausgeht.

 

Vers 7: Die Ausgangsszene (Vers 1) wird präzisiert: Jesus beobachtet das Verhalten der Gäste und deren Suche nach den Ehrenplätzen. Die Platzverteilung oder Platzwahl bei einem Festmahl ist in der antiken Welt eine Statusfrage. Daher findet sich auch in antiker Literatur Erzählungen, die sich mit dem Thema „Streben nach dem Ehrenplatz“ beschäftigen.

 

Verse 8-10: Die Mahnungen Jesu sind antithetisch formuliert, d.h. sie arbeiten mit Gegensätzen. Wird zunächst in den Versen 8-9 beschrieben, welches Verhalten unterlassen werden soll, zeigt Vers 10 das gewünschte Verhalten auf. Sowohl das falsche wie das richtige Verhalten werden sofort begründet und in beiden Fällen steht das soziale Ansehen im Hintergrund der Begründung. Denn die falsche oder richtige Platzwahl kann zu Prestigeverlust oder Prestigegewinn führen. Die Begründung des richtigen Verhaltens erfolgt also der pragmatischen Frage: Was ist für mich besser oder: Was bringt mir mehr Ansehen ein?

 

Vers 11: Mit „denn“ wird eine klare Begründung eingeleitet, die das Dargestellte auf eine allgemeingültige Ebene hebt. Hinter der Formulierung vom Erhöhen und Erniedrigen könnte ein Wort aus dem Buch Ezechiel stehen: „Hoch das Niedrige, nieder das Hohe“ (Ezechiel 21,31). Aus der Tischszene heraus spricht Jesus den Grundsatz aus, dass ein sich selbst Erhöhen nur zu einer Erniedrigung durch andere führen kann und umgekehrt. Der Evangelist Lukas lässt Jesus hier nicht ein theologisches Programm formulieren, in dem es um Gott als den Erhöhenden oder Erniedrigenden geht. Es geht vor allem um eine menschliche Haltung, die sich sowohl auf das Verhältnis zu den Mitmenschen als auch auf das Verhältnis zu Gott bezieht: Nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellen.

 

Verse 12-13: Wie die Verse 8-10 werden auch hier antithetische Mahnungen formuliert, diesmal mit Blick auf den Gastgeber und die Auswahl der Gäste. Dabei ist zu beachten, dass nicht die eingeladen werden, die sich revanchieren können, sondern diejenigen, die keine Mittel haben, selbst zum Gastgeber zu werden. Ähnlich wie in Lk 6,27-35 (Gebot der Feindesliebe) steht dahinter die Aufforderung, sich vom Prinzip der „Wechselseitigkeit“ (Reziprozität) zu verabschieden. Das bedeutet, seine Handlungen nicht danach auszurichten, ob einem das eigene Handeln entsprechend vergolten wird.
Die Personen, die in Vers 12 benannt werden, entstammen allesamt dem näheren sozialen Umfeld des Gastgebers, dies wird mit dem „reichen Nachbarn“ sogar noch betont. Alle Personen sind damit Menschen, die eine Einladung – aus Höflichkeit, Verbundenheit oder Prestigegründen – mit einer Gegeneinladung beantworten. Die Gegenüberstellung von Armen, Krüppeln, Lahmen und Blinden ist fast plakativ, dafür aber auch einleuchtend: von ihnen ist keine Gegenleistung zu erwarten.

 

Vers 14: In Form einer Seligpreisung wird die Folge des in den Versen 12-13 angemahnten Verhaltens dargelegt. Derjenige, der sich vom Prinzip der Wechselseitigkeit (auf Erden) verabschiedet, wird von Gott „bei der Auferstehung der Gerechten“ also am Ende der Zeiten eine positive Vergeltung seines Tuns erhalten.

 

Auslegung

Ob Hochzeiten oder Geburtstage, Besprechungen mit Arbeitskollegen oder Projektsitzungen – die Frage nach „Einladungslisten“ und der richtigen Platzvergabe kennt womöglich jeder. Und wer solche Situationen kennt, der weiß auch, wie viel Zeit Diskussionen über die richtige Platzierung von Gästen einnehmen, oder wie sehr man in Not kommt, wenn man begründen muss, warum der eine eingeladen ist und der andere nicht. Und auch die entgegengesetzte Perspektive kennen wir: Eine Feierlichkeit findet ohne uns statt, zum spannenden neuen Projekt sind wir nicht hinzugeholt worden, bei der Hochzeit sitzt man am hintersten Tisch und eine nur flüchtige Bekannte lädt man doch zum Geburtstag ein, weil man hofft, dann auf ihrem Geburtstag ein paar spannende Leute zu treffen…
Diese Sehnsucht und Suche des Menschen nach Anerkennung nimmt Jesus im Evangelium in den Blick, nachdem er beobachtet hat, wie sich die Gäste im Haus des Pharisäers die besten Plätze aussuchen. Genau deshalb setzt er mit seiner Mahnung auch bei dem an, was die Menschen erstreben: Anerkennung, der Wunsch gesehen zu werden und Bedeutung zu haben. Und wer den Worten Jesu gut zuhört, der wird entdecken, dass Jesus auch nicht grundsätzlich gegen diese menschliche Sehnsucht angeht oder sie tadelt. Schließlich spricht für ihn nichts dagegen am Ende vom Gastgeber an den vordersten Platz gesetzt zu werden oder eine Einladung anzunehmen, die man nicht erwidern kann. Jesus selbst befindet sich in der Erzählung in einer ähnlichen Situation im Haus des Pharisäers. Wogegen Jesus jedoch Stellung bezieht ist das Streben, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Den richtigen Platz beim Fest nimmt man nicht selbstbewusst ein im Sinne „hier komme ich, ich gehöre nach ganz vorne“. Den richtigen Platz findet man im Zusammenspiel mit den anderen Gästen und dem Gastgeber. Und dies kann dann mal ganz oben und mal eher unten am Tisch sein. Wer aber immer nach oben oder vorne will, läuft Gefahr düpiert zu werden, weil er sich selbst zu wichtig nimmt und überschätzt.
Und bei der Frage nach den Gästen, die man einlädt, gilt das Gleiche. Nur diejenigen einzuladen, bei denen eine Gegeneinladung wahrscheinlich ist, zielt auf die Steigerung der eigenen Anerkennung. Eine Einladung jedoch ohne Erwartung einer Gegeneinladung auszusprechen, zeigt die richtige Haltung. Die in diesem Zusammenhang mit einer Seligpreisung in Aussicht gestellte „Vergeltung“ der Einladung an die Benachteiligten ist nicht als „Jenseitsvertröstung“ zu verstehen. Hier mischt sich die Frage nach der eigenen Anerkennung mit der Zuwendung zu den Armen, die im Lukasevangelium oft thematisiert wird (schon seit dem Magnifikat Marias in Lk 1,46-55). Die Seligpreisung lädt ein, auch als Gastgeber nicht danach zu streben, sich selbst zu erhöhen oder mit der Einladung sein gesellschaftliches Ansehen zu steigern. Arme, Krüppel, Lahme und Blinde als Gäste zu bewirten, bewirkt im gesellschaftlichen Ansehen eine Erniedrigung. Aber auch auf diese freiwillige Erniedrigung folgt die Erhöhung – nicht wie bei der Platzwahl durch den Gastgeber – sondern durch Gott. Durch Gottes besonderes Augenmerk auf die Benachteiligten wird dieses Verhalten in seinem Reich besonders entlohnt.
Und auch die Begründung des ersten Abschnitts zur richtigen Platzwahl beinhaltet eine Gottesaussage. Diese besteht jedoch weniger darin, dass derjenige, der sich hier erniedrigt, von Gott erhöht wird. Denn die Worte Jesu sind ganz auf die Szene des Festmahls zu beziehen. Um die auf Gott hin orientierte Ebene zu verstehen, ist eine zweite Stelle im Lukasevangelium hilfreich. Auch das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9-14) endet mit den Worten: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“. Mit Blick auf den Pharisäer in diesem Gleichnis lässt sich eine doppelte Selbst-Erhöhung feststellen: Er erhöht sich gegenüber dem Zöllner („ich bin nicht wie dieser“) und versucht sich zugleich Gott gegenüber in ein besonderes Licht zu rücken („ich faste, ich gebe“). Mit Hilfe dieses zweiten Textes wird etwas deutlich, was auch in Lk 14,8-11 zu bedenken ist. Der Wunsch, sich selbst ins richtige Licht zu rücken und das Streben nach den besten Plätzen ist weder im Hinblick auf die Mitmenschen noch auf Gott hin erfolgreich. Ja vielmehr, es kann leicht im Gegenteil münden. Und wie es Jesus in Lk 22,26 formuliert: „Bei euch soll es nicht so sein“, so ein Verhalten ist auch für die Jünger Jesu nicht angemessen.

Vielleicht lohnt es sich, in der kommenden Woche einmal genau darauf zu achten, welchen Platz man sich selbst zuweist – unter den Menschen und vor Gott!

Kunst etc.

Hans Rottenhammer, Die Hochzeit zu Kana (1606) [Public domain] via wikicommons
Hans Rottenhammer, Die Hochzeit zu Kana (1606) [Public domain] via wikicommons

Das Gemälde von Hans Rottenhammer, das hier die „Hochzeit zu Kana“ ins Bild setzt, gibt einen Eindruck davon, was Ehrenplätze ausmachen. Denn das Bild zeigt eine große Festgemeinschaft, die sich vom Vordergrund bis in den Hintergrund zieht. Selbstverständlich möchte man dann lieber mitten drin statt am letzten Ende der Tafel sitzen.