Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 2,41-52)

41Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.

42Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.

43Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten.

44Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten.

45Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.

46Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.

47Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.

48Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.

49Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?

50Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.

51Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.

52Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.

Überblick

Ein ungehorsames Kind oder verständnislose Eltern?

1. Verortung im Evangelium
Die Erzählung folgt unmittelbar auf die Darbringung des Jesuskindes im Tempel (Lukasevangelium (Lk) 2,22-40). Der zeitliche Sprung zwischen den beiden Episoden beträgt knapp 12 Jahre. Damit findet erstmals ein größerer Zeitsprung innerhalb der Erzählung des Lukasevangeliums statt. Nach dem Besuch des Paschafestes in Jerusalem folgt ein weiterer, nicht genau zu beziffernder Zeitsprung hin zum Auftreten Johannes des Täufers (Lk 3,1-20).

 

2. Aufbau
Nach dem einleitenden Vers 41, der hilft, den zeitlichen Abstand zur vorangegangenen Episode zu schließen, folgt mit den Versen 42-45 eine ausführliche Exposition. In ihr wird die allgemeine Formulierung aus Vers 41 konkret und der Hintergrund für die folgenden Verse bereitet. Denn nun findet ein Perspektivwechsel statt und die Handlung wird in den Tempel in Jerusalem verlagert (Verse 46-47). Die Verse 48-50 schildern das Auffinden des Knaben durch die Eltern. Abschließend wird die Heimkehr nach Nazareth geschildert und das Aufwachsen Jesu dort summarisch skizziert.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 41: Der Abschnitt beginnt mit einer allgemeinen Notiz über die Heilige Familie und ihren Alltag. Der regelmäßige Mitfeier des Paschafestes in Jerusalem verdeutlicht die Gesetzestreue der Eltern Jesu. Sie entsprechen den Weisungen, die dem Volk Israel im Buch Exodus (23,14-17) in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und den Erhalt des gelobten Landes gegeben werden.

Verse 42-45: Nach der allgemeinen Einleitung folgt nun die große Exposition zur Erzählung vom Knaben im Tempel. Immer noch pilgert die Familie Jesu jährlich nach Jerusalem zum Paschafest. Das unbemerkte Zurückbleiben des Kindes ist nur vorstellbar vor dem Hintergrund des antiken Pilgerwesens. Da der Zug nach Jerusalem zum Fest die Gesetzestreue der Pilgernden abbildet, sind große Pilgerströme gleichzeitig unterwegs. Im Kreis von Verwandten, Bekannten oder Nachbarn macht man sich zu Fuß auf den Weg und bewegt sich im Pilgerzug immer mal wieder von vorne nach hinten. Die Kinder können durchaus auch als eigene kleine Gruppe unterwegs und nicht immer bei den Eltern gewesen sein. So fällt erst nach einer Tagesreise, also zur ersten Nachtruhe auf, dass Jesus nicht mitgezogen ist. Was sich anfangs leicht wie eine Vernachlässigung der Aufsichtspflicht liest, wird durch diesen Kontext relativiert. Als das Verschwinden Jesu bemerkt wird, machen sich die Eltern unverzüglich zurück auf den Weg nach Jerusalem.

Verse 46-47: Die Suche nach einem Kind in einer Großstadt während der Pilgerzeit gestaltet sich nicht einfach, Lukas schildert dies sehr realistisch. Er benennt zwar nicht die Stationen der Suche (Verwandte, Bekannte vor Ort), aber er macht deutlich, dass der Tempel nicht die erste Stelle ist, an der die Eltern ihren vermissten Sohn vermuten. Dies leitet in gewisser Weise bereits über zu dem später festgestellten Unverständnis der Eltern über den Aufenthaltsort und die Antwort des Sohnes. Die Notiz über das Verhalten Jesu, seine Neugier (Fragen), sein Verständnis (Antworten) und die Verwunderung der anderen bereitet im Verlauf des Lukasevangeliums bereits vor auf das Auftreten Jesu in der Synagoge seiner Heimatstadt. Anders als in vielen anderen Episoden, in denen später Jesus und die Gesetzeslehrer oder andere religiöse Autoritäten aufeinandertreffen, wird hier nicht von einer Konfrontation oder einem Streitgespräch berichtet. Ungewöhnlich ist die Tatsache, dass Jesus direkt mit mehreren Lehrern Unterhaltungen führt und nicht wie üblich zu Füßen des Lehrers sitzt und zuhört. Dies wäre die normale Haltung von Schülern, die sich in kleinen Gruppen um einen Lehrer scharen. Die übliche Rangordnung zwischen Lehrer und Schüler ist in dieser Episode bereits aufgehoben.

Verse 48-50: Vollkommen zurecht sind die Eltern Jesu verwundert, auch hier bleibt Lukas in seiner Darstellung „realistisch“. Sie sind vor allem froh, den Sohn wiedergefunden zu haben und halten ihm ihre eigenen Sorgen und Schmerzen vor Augen. Die Antwort Jesu schließt zwar über das Wort „suchen“ an die Frage der Eltern an, die Rede vom Tempel als Haus des Vaters jedoch kommt vollkommen unvermittelt. War der Tempel in der vorangegangenen Episode nur Teil der rituellen Szenerie (Lk 2,22-40) und Hintergrund für die Weissagungen des Simeon und der Hanna, steht der Ort nun in einer direkten und persönlichen Beziehung zu Jesus: Er ist der Ort der Begegnung mit dem himmlischen Vater. Der Entgegnung Jesu wird das Unverständnis der Eltern kommentarlos gegenübergestellt. So bleibt die erste Äußerung Jesu im Lukasevangelium ohne direkte Reaktion.

Verse 51-52: Ein letztes Mal wechselt die Szene: Die Familie kehrt nach Nazareth zurück. Jesus wird als fortan gehorsam den Eltern gegenüber beschrieben und aufwachsend mit Weisheit und Gefallen bei Gott und den Menschen. Dies korrespondiert mit der Aussage aus Vers 40, am Ende der Darbringungsszene. Das Bewahren der Worte Jesu und der Ereignisse in Jerusalem im Herzen der Mutter wiederrum ruft Vers 19 in Erinnerung als Ähnliches zum Abschluss der Geburtserzählung berichtet wird.

Diese Verknüpfungen (Bewahrung der Worte im Herzen und Heranwachsen) weben die Erzählung vom Zwölfjährigen im Tempel in den Erzählfluss ein. Da die Episode durch den fehlenden direkten zeitlichen Anschluss nach vorne und hinten ein wenig in der Luft hängt, machen diese Verknüpfungen aus ihr eine Scharnierstelle. Sie verbindet so gekonnt, die Zeit des Säuglings mit der des Heranwachsenden und selbstständigen jungen Mannes, der das nächste Mal dann in der Erzählung seiner Taufe ins Zentrum des Evangeliums rückt. Nimmt man die Notiz vom Aufwachsen Jesu am Ende der Geburtsgeschichte (Vers 40) und hier in Vers 52 liest sich die dazwischen liegende Szene wie eine Entfaltung dieser beiden Notizen: Aus dem Kleinkind wird ein Junge und aus dem Jungen ein junger Mann, der mit Weisheit und Gnade beschenkt ist. Die Formulierung in Vers 52 erinnert an eine ebensolche Bemerkung über den heranwachsenden Samuel (1. Buch Samuel 2,26).

Auslegung

Die Episode könnte auch „Szenen einer Familie“ heißen. Denn das verlorengegangene Kind, die sorgenvollen Eltern, das Missverständnis zwischen Eltern und Kind über die je eigenen Vorstellungen und die Notiz über das Heranwachsen könnten auch in vielen anderen Familien spielen. Und doch ist etwas anders – nicht nur weil es sich hier um die Heilige Familie handelt. Zunächst ist es von der bisherigen Erzählung her verwunderlich, dass die Eltern Jesu angesichts seines Auftretens im Tempel und der Erklärung im Haus des Vaters zu sein mit bleibendem Unverständnis reagieren. Alle bisherigen Etappen im Leben dieser Familie von der Ankündigung der Geburt bis zu den prophetischen Worten von Simeon und Hanna waren geprägt von außergewöhnlichen Begegnungen und dem dahinterliegenden Wirken Gottes. Wenn Lukas so dezidiert das Nichtverstehen der Eltern benennt, drückt er damit aus, dass ganz realistisch den Eltern Jesu bei allem Glauben und Vertrauen auf Gott sein Wirken immer wieder auch unergründlich ist. Auch sie, die sich an die Gesetze halten, und den Auftrag, den Gottessohn groß zu ziehen, angenommen haben, werden von den Ereignissen noch überrascht.

Dies findet auch einen Ausdruck im wiederholten Erzählen, wie Maria die Worte in ihrem Herzen aufbewahrt. Nicht direkt zu reagieren, sondern mit den erlebten Ereignissen sorgsam umzugehen, bringt ins Bild, dass Verwunderliches und Außergewöhnliches geschieht. Zugleich deutet dieser Erzählzug vielleicht auch hin auf ein besonderes Verständnis Marias im Hinblick auf das, was Gott mit dem Kind vorhat (Lk 2,19.33-35). Unmittelbar nach der Ankündigung des Simeon durch ihre Seele werde ein Schwert dringen (Vers 36), erleidet sie ein erstes Mal Schmerzen über das Schicksal ihres Sohnes.

Kunst etc.

Franz Xaver Glink (1795-1873) [Public domain], via Wikimedia Commons
Franz Xaver Glink (1795-1873) [Public domain], via Wikimedia Commons
 Otto van Veen [Public domain or CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Otto van Veen [Public domain or CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]