Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 15,1-32)

151Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.

2Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

3Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:

4Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

5Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,

6und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war!

7Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.

8Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet?

9Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte!

10Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

11Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.

12Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf.

13Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

14Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden.

15Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

16Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

17Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um.

18Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.

19Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!

20Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

22Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße!

23Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.

24Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.

25Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.

26Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.

27Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.

28Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.

29Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.

30Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

31Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.

32Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Überblick

Weniger ist mehr! Was wie ein Tipp zur Lebensmaximierung klingt, weist in der Logik des Evangeliums auf ein anderes Wertesystem hin.

1. Verortung im Evangelium
Die Szene im Lukasevangelium (Lk) 15,1 schließt sich an die vorangegangenen Episoden an. Irgendwo auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Jesus „viele Menschen“ (Lukasevangelium 14,25) begleiten, spricht Jesus nun in Gleichnissen (Beispielgeschichten) zu den Menschen und ganz besonders zu den „Pharisäern und Schriftgelehrten“. Zu Beginn von Kapitel 16 wird er sich dann sehr konkret den Jüngern als Adressaten seiner Worte zuwenden.

 

 

2. Aufbau
Vers 1 bietet die Ausgangssituation für das gesamte Kapitel: „Zöllner und Sünder“ kommen, um Jesus zu hören. In Vers 2 wird durch die Konfrontation mit den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ ein Konfliktgespräch begonnen, indem Jesus durch eine ausführliche Gleichnisrede Stellung bezieht. Die parallel aufgebauten Gleichnisse vom Schaf und der Drachme (Verse 4-10) erzählen von der Freude im Himmel über die Umkehr eines einzigen Sünders. Die Doppelkonstruktion der Gleichnisse erinnert an die beiden Gleichnisse in Lk 14,28-32 (Turmbau und Kriegsführung). Das Gleichnis vom verlorenen Sohn veranschaulicht erzählerisch, was die Gleichnisse zuvor behaupten (Freude über das Wiedergefundene). Deshalb sind die Gleichnisse in Kapitel 15 des Lukasevangeliums auch durch die Worte „verlieren – finden“ und „Freude“ eng miteinander verbunden.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 1-3: In Lk 14,25 war von einer großen Menge die Rede, die mit Jesus zog. Nun werden zwei Gruppen aus dieser Menge explizit in den Blick genommen: „Sünder und Zöllner“ einerseits und „Pharisäer und Schriftgelehrte“ andererseits. Diese Gruppierungen liefern für die folgenden Gleichnisse einen Verstehenshorizont: Immer wieder gerät Jesus im Laufe seiner Verkündigung mit Pharisäern und Schriftgelehrten aneinander. Sie, die sehr strikt nach den Geboten Gottes zu leben versuchten, hielten sich nach Möglichkeit entfernt von Menschen, die sich nicht oder kaum an Gottes Gebote hielten. Zu solchen Menschen gehörten Sünder und Zöllner. Der Beruf des Zöllners steht in einem schlechten Ruf, weil diese oft ohne Skrupel möglichst viel Geld von den anderen einforderten.

Wenn der Evangelist Lukas hier bereits zweimal das Stichwort „Sünder“ auftauchen lässt, dann verweist er auf einen Grundkonflikt zwischen den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ und Jesus. Sein Verhalten gegenüber Sündern, also denen, die sich vermeintlich durch ihre Lebensweise von Gott abgewandt hatten, war für „Pharisäer und Schriftgelehrte“ nicht tolerierbar. Das erzählte Gleichnis ist also eine direkte Antwort Jesu auf den Vorwurf der Pharisäer und Schriftgelehrten: „Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.“

 

Vers 4: Hier wie in Vers 8 beginnt der Evangelist Lukas das Gleichnis jeweils mit einer rhetorischen Frage. Er ist sich sicher, dass niemand anders handeln würde, als die beiden Personen (Hirte und Frau). Bei der Gegenüberstellung von 99 zu 1 geht es nicht darum eine große Menge dem Einzelnen gegenüberzustellen und so einen Kontrast aufzubauen. Vielmehr geht es um das Verlorensein des einen Schafes (und später der Drachme). Dieses Verlorensein initiiert ein neues Wertesystem, in dem es nicht um Zahlen geht.

 

Verse 5-6: Das Wiederfinden des einen Schafes wird zum Anlass der Freude. Sie drückt sich aus in der fürsorgenden Zuwendung (Schaf wird über die Schultern gelegt) und der Einladung an die Freunde und Nachbarn. Das Motiv der Freude, das für die Gesamtdeutung der drei Gleichnisse wichtig ist, wird eingeführt.
Unerzählt bleibt allerdings, was mit dem verlorenen Schaf passiert und ob die Einladung zur Feier der Freude von den Nachbarn und Freunden angenommen wird. Dies zeigt, wo der wirkliche Fokus der Gleichnisse liegt: Die Freude über das Verlorene und die Übertragung auf die Ebene Gottes.

 

Vers 7: Die Pointe des Gleichnisses wird in die Ausgangssituation hinein übertragen. Dort ging es den Pharisäern und Schriftgelehrten um die Nähe Jesu zu den Sündern und um die Frage nach der Gottesbeziehung des Einzelnen – auch des Sünders. Durch die Entschlüsselung des Gleichnisses sollen die Pharisäer und Schriftgelehrten die Sünder als Verlorene ansehen – dies soll sie in ein neues Werteverständnis hineinführen.

 

Vers 8: Die Situation entspricht derjenigen aus Vers 4. Allerdings ist hier die Relation des Verlorenen von Bedeutung. Hatte der Hirte eines von 100 Schafen verloren, so verliert die Frau eine von 10 Drachmen und damit 10% des Besitzes.

 

Verse 9-10: Geschlechterspezifisch werden hier Freundinnen und Nachbarinnen zum Mitfeiern der Freude über das Wiedergefundene eingeladen. Im Übrigen entspricht die Übertragung derjenigen aus Vers 7. Die „Engel Gottes“ stehen für die himmlische Welt, die in Freude über den Sünder, der umkehrt, verfällt.

 

Vers 11: Die Eröffnung „ein Mann…“ ist eine typische Redeeinleitung für beispielhafte Erzählungen im Lukasevangelium (siehe auch Lk 10,30 und Lk 14,16).

 

Verse 12-13: Die Ausgangssituation wird geschildert. Mit der Auszahlung des Erbes verliert der jüngere Sohn alle weiteren Ansprüche. Die Verben „zusammenpacken“ und „verschleudern“ stehen sich mit ironischem Unterton gegenüber und bereiten auf die folgende Krise vor.

 

Verse 14-16: Der Begriff „große Hungersnot“ ist sowohl aus der Bibel (z.B. Genesis 12,10) als auch in der griechischen Literatur bekannt. Eine solche Hungersnot kann unterschiedliche Ursachen haben (Missernten, Naturkatastrophen, Kriege etc.), sie hat jedoch immer dasselbe Ergebnis: Nahrung ist knapp und teuer und die Armen sind die Leidtragenden. Zu diesen Armen gehört nun auch der Sohn, der zuvor alles Zusammengepackte verschleudert hat.

Weil er nicht mehr über ausreichend Geld verfügt, um die teuren Lebensmittel zu kaufen, muss der Sohn seine Arbeitskraft verkaufen. Die Umschreibung „sich aufdrängen“ beschreibt die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses, das anders als bei Tagelöhnern/Tageskräften, auf Dauer angelegt war. Ein Teil der Entlohnung konnte in der Bereitstellung hier in Form von Unterkunft, Nahrung und Kleidung erfolgen. Das Hüten der Schweineherde symbolisiert den sozialen Abstieg des Sohnes. Schweine sind nach dem jüdischen Gesetz unreine Tiere. Wenn Lukas erzählt, dass sich der Sohn aus Not sogar das Essen mit ihnen teilen würde, wird der vollkommene Abstieg des Sohnes deutlich.

 

Verse 17-19: Die Krisenerfahrung führt den Sohn in eine innere Einkehr („er ging in sich“ Vers 17). In Form eines inneren Monologs vergleicht er seine Lebenssituation mit der Situation der Lohnarbeiter seines Vaters: Während diese „im Überfluss haben“, kommt er vor Hunger um. Im Griechischen steht hier das Wort „apollymi“ (ἀπόλλυμι), das übersetzt sowohl „verlieren/verloren gehen“ wie „umkommen“ heißen kann. Der Evangelist Lukas spielt hier bewusst mit der Doppeldeutigkeit der Vokabel. Im Bild vom „Verlorengehen“ und „Wiedergefunden werden“ nimmt er später genau dieses Wort wieder auf.

Die erste Folge des Nachdenkens des Sohnes ist das Eingeständnis der eigenen Schuld. Ein vergleichbares Bekenntnis findet sich zum Beispiel im Buch Exodus: „Da ließ der Pharao Mose und Aaron eiligst rufen und sagte zu ihnen: Ich habe gegen den HERRN, euren Gott, gesündigt und auch gegen euch.“ (Exodus 10,16)

Die zweite Folge des Nachdenkens ist die Feststellung der eigenen Unwürdigkeit, also des Zurückbleibens hinter den eigenen Ansprüchen und den religiösen und sozialen Erwartungen (Umgang mit dem Erbe, Zusammenleben mit Schweinen). Damit einher geht die Bereitschaft, den eigenen Status aufzugeben. Interessant ist, dass der Sohn zwar davon abrückt, als Sohn mit den entsprechenden Rechten zurückzukehren, er zugleich aber weiterhin vom „Vater“ spricht. Diese Verhältnisbestimmung „Vater-Sohn“ bleibt für ihn intakt, auch wenn er sich als unwürdig erwiesen hat.

 

Verse 20-21: Der Sohn setzt sein inneres Vorhaben um und bricht zum Vater auf. Noch bevor der Sohn seine Schuld eingestehen kann, wird die Reaktion des Vaters geschildert. Die Pointe dieses Abschnitts entsteht aus der natürlichen Erwartung der Leser und dem tatsächlichen Verhalten des Vaters. Das Wort „Mitleid haben“ entstammt dem griechischen Wort „splangnizomai“ (σπλαγχνίζομαι), was so viel bedeutet wie „bis ins Innerste, die Eingeweide erschüttert werden“. Es geht also nicht um ein oberflächliches „Mitfühlen“, sondern um ein wortwörtliches „Mitleiden“, das unter die Haut geht und spürbar wird.

 

Verse 22-24: Interessanterweise spricht der Vater nicht zu seinem Sohn, sondern zu den Knechten. Die Anweisungen für die Behandlung des Zurückgekehrten (Kleidung, Schuhe, Ring) bedeuten nicht, dass der jüngere Sohn in seine alte Stellung als Erbe zurückversetzt wird. Es kommt aber eine besondere Ehrung zum Ausdruck. Insofern stimmt die Reaktion des Vaters mit dem inneren Monolog in den Versen 17-19 überein. Das Verhältnis „Vater-Sohn“ existiert weiter, eine Wiedereinsetzung als Erbe erfolgt nicht. Der jüngere Sohn hat seinen Teil erhalten und ist damit unwürdig oder unverantwortlich umgegangen, er bekommt diese Chance nicht noch einmal.

Das „Mastkalb“ ist ein besonders teures Schlachttier, weil es neben Grünfutter auch Getreide, also teures Futter bekam.

Der Aufruf zum Fest „wir wollen essen und fröhlich sein“ führt das Leitmotiv „Freude“ für das anschließende Streitgespräch mit dem älteren Sohn ein. Die Begründung für das Fest und die Freude ist der Unterschied zwischen einst und jetzt. Mit der Gegenüberstellung „tot – lebendig“ greift der Evangelist auf typische Vokabeln aus Bekehrungsgeschichten zurück. Die Bildwelt „verloren – wiedergefunden“ hingegen verweist auf die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme in den Versen 4-10. Diejenigen, die die Gleichnisse am Stück lesen oder hören, erkennen hier sofort, dass sie eine Einheit bilden und sich gegenseitig deuten.

 

Verse 25-32: Die Schlussszene des Gleichnisses erfolgt in der Form eines Streitgesprächs und schließt damit einen Boden zur Auseinandersetzung Jesu mit den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ in Vers 2.

Der ältere Sohn kehrt erst zurück als das Fest schon in vollem Gange ist, er hat von den Vorbereitungen und der reumütigen Wiederkehr des Bruders nichts mitbekommen. Durch einen Filter (Schilderung des Knechtes) wird er in die Geschehnisse einbezogen, er erhält die „wesentlichen Infos“: der Bruder ist zurück und der Vater ließ das Mastkalb schlachten, weil er wohlbehalten heimgekehrt ist. Die Worte des Knechtes trivialisieren das Geschehen und führen so hinein in die heftige Reaktion des älteren Sohnes.

In Vers 28 prallen die Einstellungen des Vaters und des älteren Sohnes aufeinander: Während der Vater gutzuredet (wörtlich: bittet, einlädt) will der Sohn „nicht hineingehen“. Die Verwendung des Imperfekts bei beiden Verben (bitten – nicht hineingehen wollen) bedeutet, es geht nicht um eine vorübergehende Haltung, sondern um eine grundlegende und anhaltende Ablehnung bzw. Einladung!

In den Versen 29-32 stehen sich nun die Argumente von älterem Sohn und Vater gegenüber. Zu jedem Argument des Sohnes hat der Vater dabei ein Gegenargument. Jedoch diskutieren sie auf unterschiedlichen Ebenen: Für den Sohn ist der Anlass zum Ärgernis und zur Ablehnung das Fest, das für den Bruder ausgerichtet wurde – trotz des bekannten Lebenswandels. Er stellt dem Fehlverhalten des Bruders sein eigenes gutes Verhalten gegenüber. Für den Vater ist jedoch nicht das Verhalten entscheidend, sondern die Tatsache, dass seine Kinder bei ihm sind. Der eine war es immer, der andere war verloren und ist nun wiedergefunden. Die Wiederkehr des jüngeren Sohnes ist für den Vater der Anlass für das gemeinsame Fest: „aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen“.

Auslegung

verloren sein – wiedergefunden werden – Freude

Diese drei Begriffe durchziehen das 15. Kapitel des Lukasevangeliums und geben Antwort auf die Auseinandersetzung zwischen Jesus und den „Pharisäern und Schriftgelehrten“. Auf ihre Kritik an seinem Umgang mit Sündern antwortet er mit drei Gleichnissen, in denen von der großen Freude über das Wiedergefunden werden von etwas Verlorenem erzählt. Angesichts der „Zöllner und Sünder“ von denen es in Vers 1 heißt, dass sie zu Jesus kommen, um ihn zu hören, spricht Jesus hier klar über seine eigene Haltung ihnen gegenüber. Sie, die sich durch ihr Verhalten von Gott abgewendet haben, sie kommen auf ihn, den Sohn Gottes zu. Und er ermöglicht ihnen in einem unvoreingenommenen Umgang, dass sie „wiedergefunden werden“, eine neue Beziehung zu Gott aufbauen können – wenn sie es wollen. Wenn ein Mensch, der seine Beziehung zu Gott verloren hat, diese von sich aus wieder aufnehmen will, sich Gott wiederannähert, dann ist das Grund zu großer himmlischer Freude. Und genau dies ist der Auftrag Jesu: die Sünder zur Umkehr, zum Umdenken, zum Neuausrichten ihres Lebens zu bewegen. So heißt es im Lukasevangelium 5,32: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.“

Das griechische Wort für Umkehr (griechisch: μετάνοια, metanoia) heißt wörtlich übersetzt: Sinnesänderung oder auch Verhaltensänderung, Bekehrung. Im Gleichnis vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme wird es explizit verwendet, im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird diese Sinnesänderung dann erzählerisch ausgefaltet (ohne das Wort zu gebrauchen). Das entspricht auch der Reihung der drei Gleichnisse im Evangelium. Das Doppelgleichnis vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme wollen die Leser des Evangeliums und die direkten Adressaten der Worte Jesu motivieren ihr Wertesystem zu überprüfen. Der Evangelist Lukas setzt dazu eine geschickte Steigerung ein. Während im ersten Gleichnis noch ein verlorenes Schaf den 99 anderen gegenübersteht, ist es im Gleichnis der verlorenen Drachme eine Münze zu zehn. Wer schon zugestimmt hat, dass es ein Schaf, das verloren gegangen ist, rechtfertigt, ihm nachzugehen und sich über sein Wiederfinden zu freuen, der wird in der Relation eins zu neun erst recht sehen, warum es wichtig ist, die eine verlorene Münze zu suchen und sich über das Wiederfinden zu freuen. Und wer würde dann, wenn er einen von zwei Söhnen verloren glaubt, nicht dessen Rückkehr frenetisch feiern?! Geschickt lenkt die Reihenfolge der Gleichnisse den Blick auf das Wesentliche. Es geht nicht um den Grund des Verlorengehens, oder das, was auf das Wiederfinden oder die Rückkehr weiter folgt. Das Wesentliche ist: Wenn etwas Wichtiges verloren geht, dann freut man sich über die Wiederkehr oder das Wiederfinden. Man wendet sich dem Wiedergefundenen zu, man jubelt und teilt seine Freude.
Die Übertragung von der Bildebene der Gleichnisse zur Erzählebene wird bereits am Ende der Gleichnisse geleistet. Im Blick auf die Ausgangszene zwischen Jesus und den Pharisäern und Schriftgelehrten bedeutet dies: Die Begegnung mit Jesus ist kein rein irdisches Geschehen. Wenn Jesus mit Sündern und damit den „Verlorenen“ zusammentrifft, wenn diese sogar die Begegnung und Gemeinschaft mit ihm suchen, dann ist die Freude bis in den Himmel zu spüren.

 

HINWEIS: Eine detaillierte Auslegung zum Gleichnis vom verlorenen Sohn ist zu finden beim 4. Fastensonntag.