Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Apg 15,1-2.22-29)

151Es kamen einige Leute von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.

2Da nun nicht geringer Zwist und Streit zwischen ihnen und Paulus und Barnabas entstand, beschloss man, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen.

22Da beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas, führende Männer unter den Brüdern.

23Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit: Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen die Brüder aus dem Heidentum in Antiochia, in Syrien und Kilikien.

24Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.

25Deshalb haben wir einmütig beschlossen, Männer auszuwählen und zusammen mit unseren geliebten Brüdern Barnabas und Paulus zu euch zu schicken,

26die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben.

27Wir haben Judas und Silas abgesandt, die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen.

28Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge:

29Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!

Überblick

Die Zeichen der Zeit erkennen. Wie die junge Gemeinde streitet und doch eins bleibt!

1. Verortung im Buch
Der erste Teil der Apostelgeschichte (Apostelgeschichte (Apg) 1-12) hat mit Jerusalem und dem Apostel Petrus einen klaren Schwerpunkt. Im zweiten Teil der Apostelgeschichte (Apg 13-28) stehen Paulus und dessen Begleiter sowie die Missionsreisen im Mittelpunkt. Zu Beginn des 13 Kapitels (Apg 13,1-3) werden Barnabas und Paulus durch den Heiligen Geist ausgewählt und von Antiochia am Orontes im antiken Syrien (heute Türkei) aus ausgesendet. Die erste Missionsreise beginnt. Nachdem Paulus und Barnabas in den Städten durchaus unterschiedliche Erfahrungen mit der Verkündigung des Evangeliums gemacht haben und dabei auch festgestellt haben, dass immer mehr Nicht-Juden zum Glauben an Jesus Christus kommen, kehren sie zum Ausgangspunkt ihrer Reise zurück.
Die heutige Lesung berichtet von einem Streit, der in Antiochia entsteht und den Entscheidungen, die durch ihn hervorgerufen werden. Die dazwischen liegenden Ereignisse der Verse 3-21 sind ausgelassen. In ihnen diskutieren die Ältesten und die Apostel in Jerusalem wie sie damit umgehen sollen, dass sowohl Juden wie auch Nicht-Juden sich mit ganz unterschiedlichen Grundvoraussetzungen der jungen Gemeinde anschließen.

 

2. Aufbau
Die Verse 1-2 erzählen die Vorgeschichte zur in Jerusalem diskutierten Streitfrage. Sie spielen in Antiochia am Orontes, von wo aus Paulus und Barnabas ihre Missionsreise unternommen hatten.

Die Verse 22-29 bündeln die Ergebnisse der Diskussion der Ältesten und Apostel in Jerusalem, wohin sich Paulus und Barnabas angesichts der Streitfrage in Antiochia gewendet haben. Die Verse 22-23a sind dabei wie eine Einleitung. Die Verse 23b-29 geben den Brief wieder, mit dem Gesandte von Jerusalem aufbrechen, um die Entscheidungen zu verbreiten.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 1-2: Anlass für die gesamte Situation sind einige Menschen aus Judäa, die fordern, dass die Beschneidung und die Gesetze des Mose für alle Christen verbindlich gelten sollen. Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, berichtet etwas vage, dass sie von Judäa kommen. Genaueres über ihre Herkunft schreibt er nicht. Sowohl ihre Botschaft, als auch die Tatsache, dass es ihnen gelingt, einen Streit loszutreten, lässt jedoch einige Rückschlüsse zu. Zum einen müssen es einflussreiche Männer gewesen sein, sonst hätten ihre Worte in Antiochia nicht einen derartigen Effekt gehabt. Zum anderen zeigen ihre Forderungen (Beschneidung und Gesetzestreue), dass sie eine besonders gesetzestreue Gruppe des Judenchristentums repräsentieren. Ihre Position und Argumentation scheint kompromisslos gewesen zu sein, denn im Dialog mit Paulus und Barnabas lässt sich keine zufriedenstellende Lösung finden. Der bleibende Konflikt und die Einsicht, dass die Frage nicht nur die Gemeinde in Antiochia, sondern auch andere Gemeinden betreffen könnte, bewirkt die Entsendung von Paulus und Barnabas nach Jerusalem. Die Apostel in Jerusalem als authentische Zeugen des Lebens und der Auferstehung Jesu und die Ältesten der Gemeinde werden als Autoritäten in grundlegenden Fragen anerkannt.

 

Verse 22-23a: In den Versen 13-20 hatte der Apostel Jakobus einen Verfahrensvorschlag unterbreitet. Der Beschluss, Paulus, Barnabas und weitere als Botschafter dieser Beschlüsse auszusenden zeigt, dass man sich offensichtlich den Worten des Jakobus anschließt. Das „Begleitschreiben“ zu den Botschaftern sichert die Vereinbarungen der Apostel und Ältesten in Jerusalem. Judas Barsabbas und Silas sind Vertreter des Ältestenkollegiums in Jerusalem. Von beiden wird etwas später in Apg 15,32 gesagt, dass sie „Propheten“ sind, also offensichtlich kluge, hörende und besonnene Mitglieder der Gemeinde. Von Judas Barsabbas ist sonst nichts bekannt, Silas wird später mit Paulus Gemeinden gründen.

 

Verse 23b-29: Lukas geht es in diesen Versen um größtmögliche Authentizität. Daher gibt er die Beschlüsse der Versammlung in Form eines Sendschreibens wieder, dass sich am Formular eines antiken Briefs orientiert. Zunächst werden die Apostel und Ältesten in Jerusalem als Absender genannt, dann explizit die Mitchristen in den Regionen Syrien und Kilikien, die als Nicht-Juden zum Glauben gekommen sind. Sie werden wie alle anderen Mitchristen mit „Mitbrüder“ also dem vertrauten Umgangston der christlichen Gemeinde angesprochen.

Im ersten Argumentationsschritt (Vers 24) erfolgt eine Abgrenzung von denjenigen, die mit dem Slogan „Gesetz und Beschneidung“ (Apg 15,1) den Streit entfacht haben. Es wird deutlich gemacht, dass sie ohne Auftrag der Jerusalemer Gemeinde solche Thesen verbreitet haben.

Im zweiten Schritt (Verse 25-27) wird verdeutlicht, dass die im Brief übermittelten Weisungen „einmütige Beschlüsse“ der Jerusalemer Gemeinde sind. Zugleich werden Zeugen benannt, die durch ihre Person für die Richtigkeit des Beschlossenen einstehen. Judas Barsabbas und Silas sollen als Autoritäten des Jerusalemer Beschlussgremiums die in der Region wirksamen Missionare Paulus und Barnabas unterstützen. Bewusst wird auf die Verdienste der Missionare hingewiesen, die für ihren Glauben ihr Leben eingesetzt haben, also in Gefahr geraten sind.

Der dritte und letzte Argumentationsschritt (Verse 28-29) liefert die Antwort auf die Streitfragen. Die von den „Gegnern“ geforderte Beschneidung und das damit verbundene Einhalten der jüdischen Gesetze wird als notwendige Voraussetzung für den Übertritt zum christlichen Glauben verworfen. Dies geschieht jedoch nicht explizit, sondern implizit, indem den Nicht-Juden in der Gemeinde lediglich vier Regeln mitgegeben werden: Sie sollen kein Fleisch essen, das durch fremde Kultpraktiken entstanden ist. D.h. kein Fleisch von Tieren, die für andere Kulte geschlachtet wurden. Sie sollen sich ebenfalls kein Blut oder Ersticktes zu sich nehmen. Außerdem sollen sie unmoralische Handlungen meiden. Hier ist vor allem daran gedacht, die ethischen Regeln des Judentums anzuerkennen und sich von bestimmten Umgangsformen ihres bisherigen Lebens loszusagen.

Die abschließende Mahnung „Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig“ unterstreicht die Tatsache, dass damit der „Regelkatalog“ für die Nicht-Juden in der christlichen Gemeinde abgeschlossen ist. Die Formulierung „der Heilige Geist und wir“ zu Beginn der Beschlüsse will noch einmal deutlich machen, mit welcher Autorität diese Regeln nun entstanden sind.

Auslegung

Zugegebenermaßen ist die Schilderung der Konfliktlösung in der Auseinandersetzung zwischen gesetzestreuen Judenchristen und den Missionaren Paulus und Barnabas sowie der Jerusalemer Gemeinde sehr idealtypisch dargestellt. Es gibt eine Streitfrage und gemeinschaftlich („einmütig“) wird eine Lösung gefunden und übermittelt. Die Darstellung der Diskussion der Jerusalemer Gemeinde in den ausgelassenen Versen Apg 15,6-21 unterstreicht dieses Bild – selbst wenn auch die Rede davon ist, dass unter den Aposteln und Ältesten heftig diskutiert wurde (Apg 15,6).

Viel wichtiger aber erscheint aber das Bild, das uns im vorliegenden Lesungstext übermittelt werden soll: Angesichts einer bedrängenden Frage für den Zusammenhalt der christlichen Gemeinden bemüht man sich gemeinsam im Zusammenspiel der Autoritäten eine gute und für die Betreffenden angemessene Lösung zu finden. Konkret bedeutet das hier: Neuerdings bestehen die christlichen Gemeinden nicht mehr nur aus Menschen, die sich als Juden taufen lassen und damit ihr Bekenntnis zu Christus ablegen. Es gibt nun auch Nicht-Juden, die sich von der Botschaft Jesu überzeugen lassen und getauft werden. Der Glaube an Christus verbindet die judenchristlichen und heidenchristlichen Teile der Gemeinde. Doch zum Beispiel bei der Frage, was man gemeinsam isst, kommen Schwierigkeiten auf. Die judenchristlichen Gemeindemitglieder werden zunächst ihre jüdischen Speisevorschriften beibehalten haben. Ihre heidenchristlichen Schwestern und Brüder in der Gemeinde teilen diese jedoch nicht. Wie kann man also gut zusammen Mahl halten? Für diejenigen, die den Streit in Antiochia lostreten, ist klar: Auch die heidenchristlichen Gemeindemitglieder müssen sich an den jüdischen Vorschriften orientieren. Denn Jesus selbst als Jude hatte sich an ihnen orientiert und sich zu ihm zu bekennen bedeutet dann auch, seine jüdischen Wurzeln anzuerkennen. Und dies würde nicht nur für die Speiseregeln gelten, sondern eben auch für die Beschneidung und andere Gesetzesvorschriften. Für einen Menschen, dem diese Lebensweise bislang vollkommen unbekannt war, ist dies ein ziemlich großer und schwerer Schritt. Es würde bedeuten, sich durch den Glauben an Jesus Christus nicht nur aus seinen bisherigen sozialen Zusammenhängen loszulösen, sondern auch noch ein fremdes und unbekanntes Regelwerk übernehmen zu müssen. Für manch einen am Christentum Interessierten war das zu viel. Und denjenigen, die sich bereits haben taufen lassen und nun mit der Forderung der gesetzestreuen Gruppe konfrontiert werden, dürfte es ebenso gegangen sein. Das bedeutet: Die Frage nach der Orientierung an der jüdischen Lebensweise als verbindliche Lebensform der christlichen Gemeinde beinhaltete eine ziemliche Sprengkraft.

Diese Brisanz nimmt die Gemeinde in Antiochia ernst. Außerdem erkennt sie, dass nicht nur sie von dieser Frage betroffen sein könnte, sondern alle Gemeinden, in denen auch Nicht-Juden zum Glauben an Jesus Christus gekommen waren. Die Entsendung von Barnabas und Paulus nach Jerusalem zeigt die Umsicht der Christen in Antiochia, hier keine Einzellösung zu treffen. Sie zeigt aber auch, dass es zur Lösung dieser Frage vielleicht eine größere Perspektive und Erfahrung braucht als die Gemeinde in Antiochia für sich selbst in Anspruch nehmen würde.

Der in Jerusalem vereinbarte Beschluss ist klar und auf die Betroffenen hin ausgerichtet. Es wird eine Lösung präsentiert, die „von weiteren Lasten“ absieht und nur „diese notwendigen Dinge“ vorschreibt. Damit ist geklärt, dass es keinen weiteren Auseinandersetzungsbedarf über Einzelfragen geben kann. Zugleich nimmt der Beschluss in der wichtigsten Frage des gemeinsamen Lebens in der Gemeinde, dem gemeinsamen Mahlhalten, eine Position ein, die für beide Teile der Gemeinde tragbar ist. Das Fernhalten von Blut und Ersticktem ermöglicht es relativ unkompliziert, einen Großteil des Essens miteinander zu teilen. Mit den Regeln zum Opferfleisch und dem sittlichen Umgang wird zudem der bisherigen Lebensweise der judenchristlichen Gemeindemitglieder gegenüber Respekt erwiesen. Gleichzeitig wird von ihnen die Toleranz erwartet, dass die heidenchristlichen Brüder in der Gemeinde nicht erst durch die Beschneidung ihre Verbundenheit mit Gott als dem Vater Jesu zum Ausdruck bringen müssen, um Christ zu sein.

 

Ob in Antiochia oder Jerusalem: Die Apostel und Ältesten, die Gemeinde und ihre Missionare, sie haben die Streitigkeiten als drängende Fragen ihrer Zeit erkannt und gedeutet. Und sie haben eine Lösung gefunden, die weder die eine Seite und ihre Traditionen vor den Kopf stößt, noch der anderen Seite so Recht gibt, dass ein gemeinsames Leben in Christus nicht mehr möglich ist. Die Beratungen in Jerusalem nehmen das Gemeinsame des Glaubens an Jesus Christus als Gottes Sohn ernst, ohne die unterschiedlichen Voraussetzungen bei Juden und Nicht-Juden aufzuheben. So idealtypisch Lukas Die Ereignisse in Jerusalem und die Lösung des ersten größeren Konfliktes beschreibt Lukas sicher sehr idealtypisch im Hinblick auf Einmütigkeit und Schnelligkeit der Entscheidung. Die dargestellte Weise, auf die Herausforderungen der Zeit gemeinsam eine für alle tragbare Antwort zu geben, hat jedoch bis heute Bestand. Im gemeinsamen Unterwegssein den Zeichen der Zeit zu begegnen, bedeutet Kirche synodal (synodia = Weggemeinschaft) zu gestalten.

Kunst etc.

Die Apostel mit Jesus in der Mitte als Sinnbild für die Überzeugung, dass die Apostel als Augenzeugen des Lebens und Wirkens Jesu am Ehesten Streitfragen in seinem Sinne klären können.

Pixabay
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