Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Joh 13,1-15)

131Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.

2Es fand ein Mahl statt und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn auszuliefern.

3Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte,

4stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch.

5Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.

6Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen?

7Jesus sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen.

8Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.

9Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.

10Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle.

11Er wusste nämlich, wer ihn ausliefern würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.

12Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe?

13Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.

14Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.

15Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Überblick

Alles aus Liebe! Die letzten Stunden Jesu sind ein einziges Gleichnis. Ein Gleichnis der Liebe Gottes zu uns Menschen mit der Aufforderung zur Nachahmung.

1. Verortung im Evangelium
Mit dem 13. Kapitel beginnt der zweite Hauptteil des Johannesevangeliums (Joh). Im ersten Hauptteil (Kapitel 1-12) stand die Sendung Jesu vom himmlischen Vater zu den Menschen und sein Wirken mitten unter ihnen im Fokus. Mit dem Evangelium von der Fußwaschung beginnt der Rückzug Jesu aus dem öffentlichen Wirken und zugleich die Rückkehr zum Vater, die mit Tod und Verherrlichung am Kreuz endet. Die Kapitel 13-20 (zweiter Hauptteil) verbringt Jesus vor allem mit seinem Jüngerkreis. Ihnen erklärt er in den sogenannten Abschiedsreden nach der Fußwaschung, die Bedeutung dessen, was ihn dann im Leiden und Auferstehen widerfährt. Er schenkt ihnen aber auch Zuversicht für die Zeit nach seiner Gegenwart und gibt ihnen mit der Fußwaschung ein praktisches Beispiel wie sie einander in Liebe dienen sollen.

 

2. Aufbau
Die Verse 1-3 bilden eine ausführliche Einleitung, die Verse 4-11 berichten von der Fußwaschung selbst, wobei ein Großteil der Szene vom Dialog zwischen Jesus und Petrus ausgefüllt ist (Verse 6-10). In den Versen 12-15 deutet Jesus seinen Jüngern und uns das Geschehene.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 1-3: Die Zeitangabe „vor dem Paschafest“ meint konkreter den Vorabend vor dem eigentlichen Festtag. Die folgenden Ereignisse bis zum Verhör vor Pilatus (Johannesevangelium (Joh) 18,28) spielen in der Nacht. Gleich zweimal betont Johannes das Wissen Jesu in dieser Einleitung: Jesus weiß um das „Kommen seiner Stunde“ und er weiß „dass der Vater ihm alles in die Hand gegeben hatte“. Auch im weiteren Verlauf (Verse 6 und 11) der Szene wird es um das Wissen und Verstehen gehen, das Motiv setzt sich in der Passionserzählung weiter fort. In der Einleitung geht es um das Wissen um eine Rückkehr zum Vater, das zentrale Motiv des zweiten Hauptteils des Johannesevangeliums. An dieser Stelle ist die Rückkehr zum Vater verknüpft mit der Liebe zu den Seinen, die sich in der Vollendung, also in der Rückkehr, zeigt und der Bevollmächtigung durch den Vater. Gott gibt Jesus „alles in die Hand“, er überlässt ihn nicht einem Schicksal, sondern lässt ihn es frei gestalten. Und doch gibt es eine klare Ausrichtung für den Weg Jesu: Es ist der Weg, der ihn zum Vater zurückführt. Es ist der Weg, der ihn aus der Welt, in die er gesandt wurde, heraus und wieder in Gottes Wirklichkeit hineinführt. Dabei ist die „Liebe“ das zentrale Motiv des Weges, sie wird in Joh 13,1 erstmals explizit erwähnt. Dahinter steht der Gedanke, dass die Liebe zu den Menschen und den Jüngern sich zwar auch vorher im Handeln und Verkünden Jesu gezeigt hat, in den Ereignissen der letzten Stunden seines Lebens, in seiner Hingabe am Kreuz ihren Höhepunkt erreicht. Indem das Kreuz seine ganze Liebe zu den Menschen zeigt und vollendet, vollendet sich auch die Liebe Jesu zum Vater. Im Kreuz ist auch dieser Weg zur Vollendung gebracht, wie die letzten Worte Jesu am Kreuz deutlich machen („es ist vollbracht“).

Das Mahl Jesu mit seinen Jüngern wird im Johannesevangelium nur kurz erwähnt. Johannes integriert hier aber in größerer Ausführlichkeit die Ankündigung des Verrats (Joh 13,21-30). Dies wird bereits hier in Vers 2 vorbereitet. In der Darstellung des Johannes wird Judas zum Gehilfen des Teufels – so wird sein Verrat an seinem Freund und Lehrer versucht zu deuten. Der Hinweis auf das Wissen Jesu und die Bevollmächtigung durch den Vater weisen aber darauf hin, dass nicht die Machenschaften des Teufels am Ende das Schicksal Jesu lenken, sondern die Beziehung zwischen Vater und Sohn und Sohn und den Seinen.

 

Verse 4-11: Nach der langen und inhaltlich aufgeladenen Einleitung nimmt die Erzählung an Dynamik zu. Jesus überrascht seine Jünger: Er übernimmt die Rolle eines Sklaven und wäscht und trocknet ihnen die Füße und das während des Mahles! Entsprechend reagiert Petrus für die Jünger mit großer Entrüstung auf den Regelbruch. Der Dialog zwischen ihm und Jesus verleiht der Szene eine große Anschaulichkeit. Es lässt sich mitfühlen, wie Petrus von der Irritation über das Handeln Jesu umschwenkt in den Wunsch dann doch ganz von Jesus gewaschen zu werden, um ganz „Anteil zu haben“. Jesus reagiert geduldig auf das doppelte Unverständnis des Petrus: Zum einen macht er ihm deutlich, dass das Waschen der Füße ein Dienst ist, der sich nicht durch die Umfänglichkeit des Tuns auszeichnet, sondern durch die Tatsache, dass Jesus derjenige ist, der ein Zeichen setzt. Zum anderen gibt er Petrus zu verstehen, dass dieser erst später (Ostern) erkennen wird, was ihm in dieser Stunde geschehen ist. Das Zeichen der Fußwaschung, das ein Zeichen der Liebe Jesu zu den Seinen ist, es bleibt Petrus und den Jüngern in seiner ganzen Tragweite an dieser Stelle verschlossen. Die Leser des Evangeliums aber sind durch Vers 1 sensibilisiert für den eigentlichen Charakter der Handlung Jesu. So wie sie auch den Hinweis auf Judas verstehen: „ihr seid rein, aber nicht alle“.

 

Verse 12-15: Die Dynamik der Fußwaschung weicht nun der gesammelten Atmosphäre der Deutung. Jesus kehrt in die Mahlgemeinschaft zurück und gibt seinen Jüngern Verstehenshinweise. Er, den sie zurecht „Meister und Herr“ nennen, er hat ein Beispiel getan, dass sie aufnehmen sollen. Denn wenn selbst der „Herr und Meister“ in der Lage ist, den anderen in Liebe zu dienen, um wieviel mehr müssten sie dazu  in der Lage sein. Sein Beispiel ist Aufforderung zur Nachahmung, es ist der Appell, sich selbst nicht zum „Meister und Herrn“ zu machen um der Herrschaft willen, sondern ganz in den Dienst füreinander einzutreten.

Auslegung

Jesus weiß um das, was an ihm in den kommenden Stunden geschehen wird. Er rennt nicht „blindlings“ ins Verderben, er geht den Weg, den sein himmlischer Vater für ihn bereitet hat. Dem Evangelisten Johannes ist es wichtig, dies zu Beginn der Fußwaschungs-Szene herauszuheben.

Wie ein Mensch mit einer herannahenden Katastrophe, einem drohenden Schicksalsschlag, einer nicht mehr kontrollierbaren Situation umgeht – das zeigt, wer er als Mensch ist, was ihn auszeichnet, aus welcher Hoffnung er lebt. In den letzten Stunden seines Lebens, da weicht Jesus nicht von dem ab, was sein Leben prägte, was seine innerste Existenz ausmacht. Auch angesichts von Verrat, Leiden und Tod bleibt er seiner Botschaft treu. Er offenbart, wie Gott ist: Er ist die Liebe, die alles umfängt und nicht aufgibt.

Damit dieses Zeugnis von der Liebe und Hingabe Gottes nicht in Vergessenheit gerät, schenkt Jesus seinen Jüngern ein Zeichen, das er zur Nachahmung empfiehlt. So wie die Feier des Abendmahls mit den Einsetzungsworten in den anderen Evangelien, so ist für das Johannesevangelium die Fußwaschung das Zeichen, das Jesus den Seinen mitgibt. Er fordert sie auf, so zu handeln wie er. Und das meint nicht einfach nur den Dienst einander gegenüber oder ein symbolisches Füße Waschen. Die Aussage Jesu „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Ist eine Aufforderung, die sich nicht nur auf die letzten Stunden bezieht. Sie greift aus auf das, was die Jünger bereits von Jesus gelernt haben und das, was sie in seinem Leiden und Sterben entdecken werden. Er lebt ganz aus seinem Vertrauen zum himmlischen Vater und aus dieser Beziehung heraus, kann er lieben, wo andere hassen, kann er Wege der Versöhnung aufzeigen und Menschen in ein neues Leben einladen. Er kann sich ganz auf Gottes Wirklichkeit einlassen und doch mitten in der Welt und unter den Menschen sein und ihnen dienen. Dies ist die eigentliche Aufforderung Jesu zur Nachahmung. Der Aufruf zu einem Leben aus dem Vertrauen auf Gott und im Dienst füreinander.

Dabei zielt die Aufforderung Jesu bewusst erst einmal auf den internen Kreis. Er trägt nicht auf hinaus zu gehen und allen anderen die Füße zu waschen. Der Dienst und das Zeigen der Liebe beginnt gerade dort, wo man einander kennt, wo man um die Fehler und Schwächen der anderen weiß, wo man sich in der Kenntnis des anderen gerade nicht klein machen will. Wer in dieser Vertrautheit und in dem Wissen um die Begrenztheit des anderen, seine Stärke, seine „Herrschaft“ aufgeben kann und zum Dienst bereit ist, der wird es auch dem Unbekannten gegenüber in Liebe dienen können.

Kunst etc.

Der Gesang „Ubi caritas et amor“ der Gemeinschaft von Taizé nimmt das Geschehen des Tages ins Gebet. „Wo die Güte und die Liebe wohnt, da wohnt der Herr“ – mit diesen Worten lässt sich antworten und verstehen, was sich in den Tagen von Gründonnerstag bis Ostern ereignet. Gott zeigt sich ganz und unverhüllt: Er ist Liebe, die stark ist, stärker als der Tod. Hier ist ein Link zu einem Hörbeispiel des Gesangs aus Taizé [Weiterleitung zu youtube].

Die Entrüstung der Jünger Jesu angesichts der Fußwaschung wird auf großartige Weise eingefangen in den Gesichtern der Jünger auf diesem Gemälde eines unbekannten sizilianischen Malers vom Anfang des 18. Jahrhunderts. In der Bildmitte im Hintergrund zeigt einer der Jünger sogar an seine Stirn, so „idiotisch“, so ungeheuerlich ist ihm, was Jesus ihnen im Zeichen schenkt.

Unbekannter italienischer Maler (18. Jh. Sizilien), Fußwaschung Christi, gemeinfrei via wikicommons.
Unbekannter italienischer Maler (18. Jh. Sizilien), Fußwaschung Christi, gemeinfrei via wikicommons.