Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Joh 3,13-17)

13Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn.

14Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden,

15damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.

16Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.

17Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.

Überblick

Das Kreuz als sichtbares Zeichen des Heils. Ein Zeichen aber, das eine Antwort fordert.

1. Verortung im Evangelium
Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Joh) stammt aus einem nächtlichen Gespräch Jesu mit dem Pharisäer Nikodemus. Jesus hält sich seit Joh 2,13 in Jerusalem auf, nachdem er zuvor in Kana sein erstes Zeichen vollbracht hatte (Hochzeit zu Kana). Während des ersten Jerusalemaufenthaltes Jesu berichtet der Evangelist Johannes von der Tempelreinigung Jesu (2,13-25) und dem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus (Joh 3,1-21). Im Anschluss zieht Jesus weiter nach Judäa und Samaria.

 

 

2. Aufbau
Der kompakte Abschnitt vereint zwei Gedankengänge: Zum einen geht es um das Bild der Erhöhung (Verse 13-15) und zum anderen um Gottes Liebe, die sich in der Sendung, Hingabe und Erhöhung des Sohnes offenbart (Verse 16-17).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

„Rahmenhandlung“ – Der Besuch des Nikodemus: In Joh 3,1 wird Nikodemus als ein führender Pharisäer eingeführt, der Jesus des Nachts besucht. Die ungewöhnliche Tageszeit ist dabei nicht nur Anzeichen dafür, dass der Besuch bei Jesus nicht im Öffentlichen stattfindet. Vielmehr steht hier auch die Grundidee des Kommens zum „Licht, das die Welt erleuchtet“ (Joh 1,9), im Hintergrund. Nikodemus sucht Jesus auf, weil er in ihm einen „Lehrer“ sieht, „der „von Gott gekommen“ ist (Joh 3,2). Obwohl sich darin bereits die Sehnsucht nach einem Verstehen Jesu ausdrückt, braucht es eine ausführliche Erklärung Jesu, wie die göttliche Herkunft und seine Sendung zu verstehen ist. Dabei spielt im ersten Teil des Dialogs vor allem die Frage eine Rolle, wie der Mensch Gott und seinem Heil näherkommen kann. Nun im zweiten Teil des Dialogs geht es darum, wie Gott sich dem Menschen zuwendet.

 

Vers 13: Jesus macht deutlich, dass der Mensch nicht von sich aus zu Gott hinaufsteige kann. Nur derjenige, der von Gott kommt, ist dazu in der Lage. Nur der Gesalbte, der Christus, den Gott selbst sendet, kann auch wieder in den Himmel emporsteigen. Der Evangelist Johannes verwendet hier den Titel „Menschensohn“ für Jesus.

 

Verse 14-15: Der Evangelist Johannes knüpft an die biblische Grunderfahrung und das Wissen seiner Leser an. Denn die Geschichte aus dem Buch Numeri (Numeri 21), die hier im Hintergrund steht, wird nicht genauer erläutert, sie ist den Lesern klar vor Augen (vgl. die Auslegung zur ersten Lesung). Die Erhöhung der Schlange in der Wüste wird als Grundbild verwendet, um die Erhöhung (das Aufrichten) des Kreuzes verständlich zu machen und dessen heilbringende Kraft zu verdeutlichen.

 

Verse 16-17: Der Evangelist Johannes bindet das Grundthema seines Evangeliums ein. Für ihn ist die Christusgeschichte die Geschichte der Sendung des Sohnes in die Welt und diese Sendung vollendet sich und kommt zur Erfüllung im Wiederhinaufsteigen des Sohnes. In Sendung und Hingabe des Sohnes wird der Welt die Rettung geschenkt.

Auslegung

Der Evangelist Johannes scheint bei seinen Lesern darauf vertrauen zu können, dass sie sich in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel auskennen. Denn er greift auf die Erzählung aus dem Buch Numeri (vgl. erste Lesung und ihre Auslegung) nur mit wenigen Worten zurück, um seinen entscheidenden Punkt deutlich zu machen. In der erzählten Situation, dem Besuch des Pharisäers Nikodemus bei Jesus, ist dieses Wissen um die Geschichte aus der Wüstenzeit Israels ebenso klar vorauszusetzen. Nikodemus – und er dürfte für viele fromme Juden seiner Zeit stehen – sucht zu verstehen, wie das Wirken Jesu im Lichte der Geschichte Israels zu deuten ist. Das Bild von der Schlange, die in der Wüste erhöht ist, ist ein Versuch Jesu, ihm das kaum erklärbare verständlich zu machen. Dabei weist Jesus weit voraus auf die noch ausstehende Erhöhung des Kreuzes, auf einen Moment also, den Nikodemus selbst noch nicht wahrnehmen kann. Aber wenn dieser Moment eintritt, wenn das Kreuz auf Golgotha aufgerichtet wird, dann soll er sich an das Zeichen in der Wüste erinnern. Und das aufgerichtete Kreuz, das anders als die eherne Schlange in der Wüste nicht von Menschen gemacht ist, sondern Teil des göttlichen Heilsplans ist, dieses aufgerichtete Kreuz kann für Nikodemus zum Zeichen der Liebe Gottes zum Menschen sein. Das Volk Israel zweifelte in der Wüste an der Nähe und Liebe Gottes, sie schien im nicht mehr spürbar zu sein. Erst das Wunder der Schlange öffnete ihnen wieder die Augen. Das Kreuz aber, an dem Gottes Sohn selbst aufgerichtet wird, es ist der Höhepunkt der liebenden Zuwendung Gottes. Nur er, der vom Vater in die Welt gesandt ist, der vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, er kann auch aus dieser Welt zum Vater emporgehoben werden. Damit geschieht das Erhöht werden nicht durch Menschenhand – auch wenn menschliche Kräfte das Kreuz aufrichten. Weil Gott selbst beschließt den Sohn hinzugeben und dieser Sohn sein Leben als Zeichen der Liebe hingibt, liegt die Aktivität stets bei Gott. Ähnlich wie im Hymnus aus dem Philipperbrief (Phil 2,6-11, vgl. die zweite Lesung) geschieht die Erhöhung Jesu im Moment des Kreuzes. Dort zeigt sich die ganze Größe der göttlichen Liebe, die nicht nur die Menschwerdung und das in die Welt kommen, sondern auch das Leid des Kreuzes auf sich nimmt.

So sehr im Kreuz das Heil sichtbar wird, so sehr fordert dieses Zeichen eine Antwort. Denn Vers 15 beschreibt mit „jeder, der an es glaubt“, dass es das Zeichen an sich für den Einzelnen zum Entscheidungsmoment wird. Im Kreuz wirklich das Heil Gottes zu erkennen und Gottes liebende Gegenwart im geschundenen Körper des Gottessohnes zu entdecken, das braucht es, damit ein Kreuz nicht nur ein Erinnerungsstück oder religiöses Symbol ist, sondern ein Bekenntnis, das das Leben verändert.

Kunst etc.

Das Triumphkreuz im Lübecker Dom von Bernd Notke, aufgerichtet im Jahr 1477.

Bodo Kubrak [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Bodo Kubrak [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]