Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 24,13-35)

13Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist.

14Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.

15Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen.

16Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten.

17Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen

18und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

19Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk.

20Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.

21Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.

22Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab,

23fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe.

24Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.

25Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.

26Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?

27Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

28So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen,

29aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.

30Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen.

31Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken.

32Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?

33Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren.

34Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.

35Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

Überblick

Um die Auferstehung wahrhaftig erkennen und verstehen zu können, braucht es österliche Augen.

 

 

1. Verortung im Evangelium
Die Emmausgeschichte ist die zweiter Ostererzählung des Lukasevangeliums (Lk). Zunächst waren die Frauen dann Petrus am leeren Grab gewesen (Lk 24,1-12). Zwar hatten die Frauen von zwei Männern einen Hinweis auf das richtige Verständnis der Ereignisse bekommen und Petrus die Leinenbinden im Grab gesehen, doch von Auferstehung hatte bislang keiner von ihnen gesprochen.

 

2. Aufbau
Das Unterwegssein von zwei Jüngern von Jerusalem nach Emmaus und zurück ist der erzählerische Rahmen um diese Erzählung (Verse 13-14 und 33-35). Durch die neuen Hauptfiguren und den Ortswechsel hebt sie sich deutlich von der vorangegangenen Grabeserzählung ab. Den Schwerpunkt der Geschichte bildet die Begegnung der Jünger mit Jesu (Verse 15-32). Dieser Hauptteil ist wiederrum gerahmt durch das Auftauchen und Entschwinden Jesu (Verse 15-16 und 31-32) und vor allem das Motiv der „gehaltenen bzw. geöffneten Augen“. In den Versen 17-24 berichten die Jünger zusammenfassend von den Ereignissen rund um Jesu, bevor in den Versen 25-27 Jesus selbst deutend das Wort ergreift. Das Gespräch leitet hin nach Emmaus, wo in der Mahlgemeinschaft das Erkennen und Augenöffnen geschieht (Verse 28-30).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 13-14: Die Erzählung setzt mit einem Orts- und Personenwechsel ein. Die Verbindung zur vorangegangenen Episode wird durch die zeitliche Angabe „am gleichen Tag“ und durch die Darstellung der Ereignisse des Ostermorgens in den Versen 22-24 gewährleistet.

Die Lokalisierung des Dorfes Emmaus ist schwierig. In der passenden Entfernung zu Jerusalem ist kein Ort mit diesem Namen bekannt. Möglicherweise sind die 60 Stadien (11km) eine „Standarddistanz“, die einfach für eine zweistündige Wegstrecke steht.

Die Formulierung „all das, was sich ereignet hat“ nimmt Bezug auf die Ereignisse in Jerusalem vom Einzug bis hin zum Auffinden des leeren Grabes. Aber auch die Kenntnis des Wirkens Jesu davor wird miteinbezogen und vorausgesetzt.

 

Verse 15-16: Der Grund für das Nicht-Erkennen Jesu liegt nicht in der Form der Erscheinung Jesu, sondern in den Jüngern selbst. Ihnen fehlt die Fähigkeit richtig zu sehen. Sie muss ihnen am Ende neu geschenkt werden. Jesus geht eigentlich nicht unerkennbar mit ihnen, sie sind nur durch ihre Augen daran gehindert, ihn zu erkennen. Die Augen werden festgehalten von dem Vergangenen.

 

Verse 17-24: Jesus eröffnet das Gespräch und so können die Jünger ihre Traurigkeit in Worte bringen. Erst jetzt wird einer der Jünger namentlich identifiziert (Kleopas). Mit der rhetorischen Frage „Weißt du denn nicht?“ verweisen sie drauf, dass die Ereignisse in Jerusalem von solch außergewöhnlicher Bedeutung waren, dass eigentlich jeder davon Kunde bekommen haben muss. Nur ein „Fremdsein“ Jesu wäre als Erklärung für seine Unkenntnis denkbar. Der Evangelist Lukas arbeitet hier mit einer feinen Ironie. Ausgerechnet Jesus, dem Hauptdarsteller der Ereignisse wird vorgehalten unbeteiligt und fremd zu sein und keine Ahnung zu haben. Die späteren Deutungen Jesu werden das Gegenteil beweisen. Die Jünger, die eigentlich Zeuge der Geschehnisse waren, stehen ihnen fremd gegenüber und verstehen den Sinn dahinter nicht.

Die Jünger liefern nun eine Kurzdarstellung der Ereignisse. Ihre Darstellung hebt zwei Dinge heraus: Ihre Hoffnungen auf eine Erlösung Israels scheinen gescheitert. Und das Wirken Jesu erscheint nun wie das eines großen Propheten – nicht mehr und nicht weniger. Lukas macht hier noch einmal sehr deutlich, dass ohne die Begegnung mit dem Auferstandenen die Ereignisse bis jetzt für die Jünger nicht verstehbar sind. Das leere Grab gibt für sie nicht Grund zu der Annahme, dass sich wundersames ereignet hat. Ihre Hoffnungen, die sich auf das irdische Wirken Jesu konzentriert haben, sind klar enttäuscht und eine andere Deutung gibt es für sie nicht. Lukas konfrontiert die Hoffnungen der Jünger mit dem Tod Jesu am Kreuz. Beides geht für die Jünger nicht zusammen.

 

Verse 25-27: Die Gesprächseröffnung Jesu ist typisch für eine „Scheltrede“ und damit wirft er ihnen sofort ihre Fehleinschätzung seines Todes und ein Nichtverstehen der Schrift vor. Indem er sie auf die Worte der Propheten zurückverweist, möchte er ihre Hoffnungen mit seinem Geschick in Verbindung setzen. Er möchte ihnen deutlich machen, dass die Schrift eine Hoffnung bereithält, die über das irdische Wirken hinausgeht, auf das sie sich fälschlicherweise ganz konzentrieren. Der Evangelist Lukas gibt hier zu verstehen: Wer die Verheißung der Propheten richtig liest und versteht, der bemerkt, dass es auch da nicht nur um eine irdische Hoffnung auf Gerechtigkeit und Erlösung geht. In diesem Sinne ist die Schrift, hier zusammengefasst mit „Mose und den Propheten“ als Ausblick auf eine kommende Wirklichkeit zu lesen.
Wenn der Evangelist Lukas schreibt, dass Jesus darlegt, was ihn der Schrift „über ihn“ geschrieben steht, ist dies ein Hinweis, der nur für die Leser zu verstehen ist. Die Jünger auf dem Weg bekommen die Schrift neu ausgelegt, dass sie auf Jesus hin ausgelegt wird, begreifen sie erst später.

 

Verse 28-30: Am Ziel angelangt täuscht Jesus vor, dass er weiterziehen will. Doch es braucht für die Dramaturgie der Erzählung noch die Auflösung, ob die Jünger doch noch erkennen, mit wem sie unterwegs waren. Also setzt sich die Weggemeinschaft in der Mahlgemeinschaft fort.
Jesus übernimmt dabei die Rolle des Hausvaters, also desjenigen, der dem Mahl den Rahmen gibt. Es ist an ein normales gemeinschaftliches Mahl zu denken, nicht an eine Wiederholung des letzten Abendmahls mit deutenden Worten Jesu.

 

Verse 31-32: Aus Vers 35 wird deutlich, dass Brotbrechen und Erkennen zusammengehören. Im Moment des Brotbrechens erkennen sie nicht nur die Gegenwart des Auferstandenen, sondern auch die Bedeutung seiner Worte. Das gemeinsame Brotbrechen wird so für die Gemeinschaft der Jünger zum vergegenwärtigenden Ereignis der Auferstehung Jesu und zum wichtigen Moment ihres Zusammenseins (vgl. Apostelgeschichte 2,43-47). Der alte Zustand ihrer Augen „sind gehalten“ (Vers 16) wird gegen einen neuen ausgetauscht, sie sind „geöffnet“. Das „Brennen des Herzens“ ist eine Umschreibung für einen Zustand innerer Erregung.
Das Verschwinden Jesu ist ein Merkmal einer Erscheinungserzählung und macht deutlich, dass Jesus ihnen nicht als bloßer Mensch begegnet. Denn nur aus seiner himmlischen Existenz, nicht aus seiner irdischen ist ein „Verschwinden“ vor ihren Augen erklärbar. Es handelt sich also wirklich um eine Begegnung mit dem Auferstanden nicht um eine wiederholte Begegnung mit Jesus, wie die Jünger ihn vorher kannten und wahrnahmen.

 

Verse 33-35: Die Erlebnisse drängen die Jünger zu raschem Handeln. Nun können sie den anderen berichten, wie das Auffinden des leeren Grabes zu verstehen ist. Doch bevor die Emmausjünger von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichten können, wird ihnen die Erscheinung vor Petrus erzählt. Der Evangelist Lukas bringt hier seine Erzählung des Ostermorgens bis hierhin zusammen mit der Tradition, nach der Petrus der erste Zeuge der Auferstehung ist. Die Erscheinung vor Petrus wird im Lukasevangelium nicht ausführlich berichtet.

 

Auslegung

Enttäuschung, Schmerz, Verunsicherung und das Gefühl, die Dinge hätten sich ganz anders entwickelt – mit einer Mischung aus all dem im Herzen werden die beiden Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus gewesen sein. Sie hatten all ihre Hoffnungen auf einen Mann aus Nazareth gesetzt, waren mit ihm unterwegs gewesen, hatten seinen Worten meist aufmerksam gelauscht. Sie hatten gesehen, wie er Kranke heilte und Mutlosen Kraft gab. Er lehrte sie, die Welt um sie herum mit anderen Augen zu sehen und Gottes Wirklichkeit wahrzunehmen. Bis nach Jerusalem waren sie ihm gefolgt, um dort einer Katastrophe beizuwohnen. Er wurde vom eigenen Freund verraten und zum Spielball der Interessen. Vor drei Tagen starb er elendig am Kreuz und nun ist auch der Ort weg, an dem man um ihn hätte trauern können, denn das Grab wurde leer aufgefunden. Für die Jünger ist das Erlebte nur noch Vergangenheit. Sie erinnern sich an ihre Hoffnungen, dieser Jesus könnte der Retter Israels sein. Sie erinnern sich an ihre Sehnsucht, nun könnte sich alles ändern. Aber so ist es nicht gekommen. Ja, er war ein Prophet, wirk- und wortmächtig, aber ihre Hoffnung auf Erlösung hat sich zerschlagen.

Das Bild, in dem der Evangelist Lukas all diese Gefühle der Jünger zusammenfasst, ist das Bild von den „Augen, die gehalten werden“. Ihre Augen sind nach innen, auf sich selbst, auf die Vergangenheit gerichtet. Den Jüngern fehlt die Fähigkeit sich wieder einer Zukunft zuzuwenden, so sehr beschäftigt sie das Alte und ihre enttäuschten Hoffnungen. Sie schauen auf das Vordergründige der Ereignisse, auf das, was für sie sichtbar und nachvollziehbar ist. Von sich aus gelingt es ihnen nicht, sich von diesen Gedanken zu befreien. Nur die direkte Begegnung mit dem Auferstanden, das Erkennen seiner Gegenwart in der gemeinsamen Mahlfeier verändert ihre Perspektive. Und dann wird plötzlich alles klar, ergibt alles einen Sinn. So wie schon die Engel am Grab die Frauen darauf verwiesen haben, dass Jesus ihnen zu Lebzeiten eine Deutung der Ereignisse mitgegeben hatte, so erkennen sie plötzlich auch den wahren Sinn der Schriftauslegung Jesu unterwegs. Das Brechen des Brotes lässt ihre Augen frei werden, sie blicken nicht mehr nur zurück und auf das, was auf den ersten Blick geschehen ist. Sie schauen nun auf das, was sich im Verborgenen abgespielt hat, auf das Kreuz, das Zeichen der Erlösung wird und die Auferstehung, die von neuem Leben kündet. Die Gemeinschaft mit dem Auferstanden befreit die Jünger von der Last gescheiterter Hoffnungen und macht den Weg frei für die neue, österliche Perspektive.

Nun sind ihre Augen geöffnet, die Ereignisse erschließen sich ihnen, alles macht einen Sinn. Jesus ist nicht tot, er lebt. Und weil er lebt, sind seine Worte und Taten doch wirklich so revolutionär wie die Jünger sie einst wahrgenommen haben. In Jesus ist Gottes Wirklichkeit ganz nah, zum Greifen nah. Sie ist anders als sie es sich ausgemalt haben, aber sie ist da und verändert die Welt. Und in der Heiligen Schrift finden sie einen Zugang, diese Wirklichkeit Gottes zu erkennen.

In der Erzählung von den Emmausjüngern sind die geöffneten, österlichen Augen ein Geschenk der Begegnung mit dem Auferstandenen. Mit diesen Augen sieht die Welt anders aus, erscheint alles in neuem Licht. Nicht mehr das Alte und die enttäuschten Hoffnungen, sondern die Zukunft und die Verheißung von Gottes Wirklichkeit, sie bestimmen nun das Leben. Ein Leben in österlicher Freude.

Kunst etc.

Sie sehen nicht, wie er die Richtung weist. Die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus, sind ganz mit sich selbst beschäftigt.

Rekonstruktion des Bildes "Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus, denen der Herr nahe ist" aus der Lukaskirche in Frankfurt am Main.
Das Original von Wilhelm Steinhausen wurde 1914 gemalt, die abgebildete Rekonstruktion ist die einzige Farbwiedergabe der 21 verbrannten Gemälde der Lukaskirche (Frankfurt).

Wilhelm Steinhausen, The original uploader was Chaddy at German Wikipedia. [Public domain]
Wilhelm Steinhausen, The original uploader was Chaddy at German Wikipedia. [Public domain]

Die Darstellung Caravaggios aktualisiert die Erzählung des Lukas auf die Zeit Caravaggios (17. Jahrhundert) hin. So wird die Begegnung mit dem Auferstanden für den Betrachter zu einer Begegnung, die mitten im Hier und Jetzt seines Lebens hätte stattfinden können.

Michelangelo Merisi da Caravaggio, Das Mahl in Emmaus zwischen 1601 und 1602 Caravaggio, gemeinfrei via wikicommons
Michelangelo Merisi da Caravaggio, Das Mahl in Emmaus zwischen 1601 und 1602 Caravaggio, gemeinfrei via wikicommons