Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 17,11-19)

11Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.

12Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen

13und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!

14Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein.

15Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.

16Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter.

17Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun?

18Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?

19Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

Überblick

Wo sind denn die anderen? Die Begegnung Jesu mit zehn Aussätzigen schärft die Sinne für die wundersamen Geschenke des Lebens und deren Ursprung.

1. Verortung im Evangelium
Der Weg Jesu nach Jerusalem nimmt im Lukasevangelium (Lk) einen breiten Raum ein. Bereits in Lk 9,51 wird vom Entschluss Jesu nach Jerusalem zu gehen berichtet. Seitdem ereignen sich Begegnungen stets unterwegs und unter dem Vorzeichen der Einmaligkeit. Denn dem Leser des Evangeliums ist klar, dass Jesu Weg nach Jerusalem der Weg ans Kreuz ist und er nicht mehr an die Orte seines jetzigen Wirkens zurückkehren wird.
Die direkt vorausgegangenen Erzählungen hatten sich konkreten Zuhörerkreisen gewidmet: Pharisäer (Lk 16,14-31) und Jünger (Lk 17,1-10). Nun ereignet sich im Grenzgebiet von Galiläa und Samaria eine konkrete Begegnung.

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt kombiniert eine Wundererzählung (Verse 11-16) mit einem Jesuswort (Verse 17-19).
Die Wundererzählung wird eingeleitet durch Orts- und Personenangaben (Vers 11), es folgt die Darstellung der Notsituation (Verse 12-13). Die knappe Heilungsszene (Vers 14) weist bereits darauf hin, dass diese nicht den Höhepunkt des Abschnitts darstellt. Der Beweis des Wunders (Verse 15-16) schließt die Wundererzählung ab und leiten über zum Jesuswort (Verse 17-19).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 11: Der Evangelist nimmt eine Einordnung in den Gesamtkontext vor (Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem) und ebnet den Weg für die Begegnung mit dem Samaritaner.

 

Verse 12-13: Die Eröffnung der Szene erinnert an Lk 5,12-14 und weckt die Erwartung, hier würde Ähnliches erzählt. Das Stehenbleiben der Aussätzigen in der Ferne entspricht den Weisungen der Tora, der fünf Bücher Mose. Dort findet sich im Buch Levitikus zum Umgang die Regel formuliert: „Solange das Anzeichen an ihm besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.“ (Levitikus 13,46)

Der Ruf der Aussätzigen nimmt ein Wort in den Mund, was im Lukasevangelium sonst nur von den Jüngern verwendet wird: „Meister“ (epistáta, griech. ἐπιστάτα). Statt eines konkreten Anliegens bitten sie Jesus um Erbarmen („hab Erbarmen mit uns“). Dieser Ruf gehört zu den charakteristischen Merkmalen von neutestamentlichen Wundererzählungen und findet sich dort entsprechend oft. Der Ruf nach dem Erbarmen Gottes ist auch in den Psalmen fester Bestandteil und bringt die Bitte um Rettung aus einer Notsituation und die Zuwendung Gottes zum Ausdruck (vgl. Psalm 31,10). Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) hatte der Reiche den Abraham mit eben diesen Worten („hab Erbarmen mit mir“) um Linderung seiner Not gebeten. Diese Erzählung ist den Hörern des Evangeliums sicher noch in Erinnerung.

 

Vers 14: Die eigentliche Heilung bleibt unerzählt. Es gibt kein Wort, das die Heilung sofort auslöst, oder eine Tat, die zur Heilung führt (anders als in Lk 5,13!). Nur die Aufforderung Jesu, sich dem Priester zu zeigen, damit dieser das Ende der Krankheit (= Reinheit) feststellt, verweist auf das Wunder.
Die Leerstelle in der Erzählung hat jedoch auch den erzählerischen Hintergrund, dass sonst die weitere Reaktion der Geheilten und des Samariters nicht verständlich wäre. Wären die zehn Aussätzigen sofort geheilt gewesen, wäre die Rückkehr des einen nicht verständlich. Genau auf diesen Moment aber läuft die Erzählung hin. Die Leerstelle in der Erzählung muss man sich also gedanklich wie folgt füllen: Jesus schickt die Aussätzigen zum Priester, auf dem Weg dahin werden sie rein.

 

Verse 15-16: Die Feststellung des Wunders und das Lob darüber gehören ebenfalls zum Inventar von Wundererzählungen. Hier wird dieses Gotteslob (Akklamation, Anrufung) zum Ausgangspunkt der abschließenden Worte Jesu. Die Feststellung der Größe Gottes, die sich in der Heilung zeigt, wird zuerst an Gott adressiert (Vers 15) und erfährt eine Erweiterung im Dank gegenüber Jesus selbst (Vers 16a). Um seinen direkten Dank auszusprechen, muss der Geheilte zurückkehren, denn das Wunder fand nicht unmittelbar beim Wundertäter statt.
Die nachgeschobene Zuordnung des zurückgekehrten Geheilten in die Gruppe der Samaritaner erinnert an andere Situationen, in denen die Beziehung zwischen Juden und Samaritanern einen Rolle spielte: Lk 9,52-53 (Jesus wird abgewiesen, weil er auf dem Weg nach Jerusalem ist) und Lk 10,30-35 (Gleichnis vom barmherzigen Samariter).

 

Verse 17-18: Die Rückkehr des einen Geheilten nimmt Jesus zum Anlass anhand von drei Fragen auf das Ausbleiben der übrigen Neun zu reagieren. Die Fragen Jesu sind rhetorisch gemeint, denn ihre Beantwortung ist offenkundig: alle zehn Aussätzigen sind geheilt, die anderen Neun aber nicht zurückgekehrt und nur der eine hat etwas erkannt.
Die Bezeichnung des Samariters als „Fremder“ weist noch einmal auf seine Herkunft hin.

 

Verse 19: Die Feststellung Jesu „dein Glaube hat dich gerettet“ findet sich z.B. auch im Markusevangelium 10,52 (Heilung des blinden Bartimäus). Dort geht sie jedoch der Heilung voraus und der geäußerte Glaube wird zum Ausgangspunkt der Heilung. Hier ist dem Evangelisten Lukas ein anderer Akzent wichtig: Jesus bestätigt den Glauben des Samariters, der dadurch zum Ausdruck gekommen ist, dass er zu Jesus zurückkehrt und ihm seinen Dank entgegenbringt.

Samaritaner: Ist die Bezeichnung für einen Teil der Bevölkerung der Region Samarien (Norden Israels), die sich wohl nach dem Babylonischen Exil (5./4. v.Chr.) in der von den Persern gegründeten Provinz als religiöse Gruppe herausgebildet hat. Sie halten sich an die Tora, also an die Gesetze Israels, verehren Gott jedoch nicht in Jerusalem, sondern in einem Heiligtum auf dem Berg Garizim. Die immer wieder thematisierte Differenz zwischen Juden und Samaritanern ist in der unterschiedlichen Kultstätte begründet.

Auslegung

Ja, es ist nur einer zurückgekehrt. Nur einer von zehn. Und der Verwunderung Jesu ist zu entnehmen, dass doch alle einen Grund hätten haben können, um sich noch einmal auf den Weg zu dem zu machen, der sie vom Aussatz befreite.
Die Erzählung von der Heilung der zehn Aussätzigen im Lukasevangelium ist zwar eine klassische Wundergeschichte, sie läuft jedoch auf eine andere Pointe hinaus. Die drei rhetorischen Fragen Jesu am Ende lenken den Blick auf die eigentliche Aussage, die sich in zwei Dimensionen entfalten lässt.
Zum einen geht es ganz Vordergründig um das Thema der Dankbarkeit. Den Aussätzigen wird eine Bitte erfüllt und mit der Erfüllung der Bitte eine neue Lebensdimension. Wenn der Priester ihnen Reinheit attestiert, löst sich ihr Status als Ausgestoßene auf. Sie müssen sich nicht mehr von den Menschen fernhalten und können wieder in normaler Weise am Leben teilhaben. Und das bedeutet, bei ihren Familien sein, arbeiten, einkaufen, in den Tempel oder die Synagoge gehen. Wer aussätzig ist, dessen Leben gerät aus den Fugen. Und erst die vom Priester bescheinigte Reinheit vom Aussatz ermöglicht die Rückkehr in den Alltag. Nach der Begegnung mit Jesus steht den Aussätzigen dieser Weg offen und das ist dieser Plötzlichkeit alles andere als Selbstverständlich. Der eine zurückgekehrte Aussätzige hat dies verstanden und wahrgenommen. Ihm ist bewusst, dass ihm ein Geschenk zuteilgeworden ist. Natürlich haben sie alle darauf gehofft, dass ihre Bitte um Erbarmen erfüllt wird – doch was genau sie sich davon erhofften, das bleibt offen. Ob sie zu hoffen gewagt haben, dass sie vom Aussatz befreit werden? Nun sind sie geheilt – aber nur einer bringt seine Dankbarkeit für das nicht-selbstverständliche Geschehen zum Ausdruck. Der Samaritaner bringt seinen Dank zum Ausdruck. Er hat verstanden, dass an ihm etwas geschehen ist, mit dem nicht zu rechnen war. Dieses Nicht-Selbstverständliche im Alltag zu erkennen und zu würdigen, daran erinnert uns die Reaktion des Geheilten.

Zum anderen geht es um das Erkennen Gottes. Der abschließende Satz Jesu bringt dies zum Ausdruck. Denn der Samaritaner hat nicht nur die Wachsamkeit besessen, das Geschenk der Heilung als solches zu begreifen, sondern er hat auch erkannt, von wem dieses Geschenk ausging. Sein Gotteslob und seine Rückkehr zu Jesus zeigen, dass er in jenem den Ursprung des Wunders erkannt hat. Und so ein Wunder der plötzlichen Heilung ist für den Samaritaner mit Gottes Kraft und Gegenwart verbunden. Und diese ist ihm in Jesus Christus real begegnet. 
Ausgerechnet der Samaritaner, der auch als Fremder benannt wird, er versteht, wer Jesus ist, und reagiert entsprechend.

Die beispielhafte Erzählung vom aussätzigen Samaritaner lädt ein, die Sinne wach zu halten für die nicht-selbstverständlichen Geschenke des Lebens und Gottes Gegenwart in ihnen zu erkennen.

Kunst etc.

Die wundersamen Geschenke des Lebens und deren Ursprung zu entdecken, beginnt bei dem, was wir zum Leben in Gottes Schöpfung vorfinden.