Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Sach 12,10-11; 13,1)

10 Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich einen Geist des Mitleids und des flehentlichen Bittens ausgießen.

Und sie werden auf mich blicken, auf ihn, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie bei der Klage um den Einzigen; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint.

11 An jenem Tag wird die Klage in Jerusalem so groß sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo.

[…]

131 An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle entspringen gegen Sünde und Unreinheit.

Überblick

Der Blick ist auf denjenigen gerichtet, der durchbohrt ist – um ihn trauern alle, aber niemand weiß, wer er ist.

 

1. Verortung im Buch

Das bedrohte Jerusalem kann sich in Sicherheit wiegen – Gott kündigt die Vernichtung aller Feinde seiner Stadt an: „An jenem Tag wird es sein, da werde ich danach trachten, alle Völker zu vernichten, die gegen Jerusalem anrücken.“ (Sacharja 12,9) – und nach dieser Verheißung wendet er den Blick auf sein Volk. Sacharja 12,10-13,1 sind auf der Perspektive der überstandenen Bedrohung gegen Jerusalem zu lesen: Auf den Sieg folgt die Trauer!

 

2. Aufbau

Sacharja 12,10-14 thematisiert die zukünftige Trauer ganz Israels. Die in der Lesung ausgelassenen Verse 12-14 verdeutlichen, dass sowohl das Königshaus als auch die Priesterfamilien wie das gesamte Volk trauern werden – „das gesamte Land“. Ausgelöst wird die Trauer durch Gott (Vers 10) und er ist es auch, der auf die Trauer reagiert (Sacharja 13,1), indem er die Möglichkeit zur Vergebung der Sünde und der Aufhebung der Unreinheit erschafft. Dieses Handeln Gottes ist der Kontext, um die Aussage über denjenigen zu verstehen den das Königshaus Davids und die Bewohner Jerusalems „niedergestochen haben“ (Sacharja 12,10).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 10-11: Gott gießt einen „Geist des Mitleids und des flehentlichen Bittens“ über das Königshaus und die Bewohner Jerusalems aus. Die Folge ist eine das gesamte Land umfassende Trauer (Vers 12). Die nähere Beschreibung des Geistes durch die hebräischen Wörterחֵן וְתַחֲנוּנִים (gesprochen: chen we-tachnunim) zeigt ein zweifache Bewegungsrichtung an: Der erste Begriff die Gunst, die man erlebt, und der zweite Begriff bezieht sich auf die Gunst, die man sucht. Diesen Geist empfangen bedeutet, sich der Gunst, bzw. Gnade Gottes wieder sicher sein zu können – und er veranlasst um den Erweis der Gnade zu bitten durch einen neu gefunden Glauben an Gott. Der Blick auf Gott verweist jedoch auf eine durchbohrte Gestalt – angesichts dieser Gestalt bricht die Volksmenge in Trauer aus. Diese Trauer wird zweifach beschrieben: Zum einen wird sie verglichen mit dem Verlust des erstgeborenen Sohns, der ein Symbol für den Fortbestand in der Zukunft darstellt. Zudem wird die Trauer mit einem altorientalischen Klageritus verglichen, in dem um jährlichen Tod des Fruchtbarkeitsgottes während der Trockenperiode getrauert wurde, bis die Regenzeit als ein Zeichen seiner Rückkehr gedeutet wird. Zur Frage, wer der Durchbohrte ist, siehe die Rubrik „Auslegung“.

Kapitel 13, Vers 1: Gott gewährt dem Königshaus und den Bewohnern Israels ein Entsündungsmittel. Daran wird deutlich, dass ihre Trauer auf der Erkenntnis beruht, dass sie sich versündigt und damit unrein gegenüber Gott gemacht haben. Zugleich symbolisiert die Öffnung einer Quelle einen Neuanfang, der fortwährend die Entsündung ermöglicht.   

Auslegung

Wer ist der Durchbohrte? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Der hebräische Text ist sehr schwer zu deuten – man könnte ihn folgendermaßen wörtlich auf Deutsch wiedergeben: „[…] sie werden zu mir blicken – den, den sie erstochen haben – und sie werden um ihn trauern […]“. Scheinbar ist Gott selbst, derjenige, der tödlich niedergestochen wurde. Diese krasse Aussage müsste metaphorisch verstanden werden: Das Volk hat sich in seiner Sünde völlig von Gott abgewendet, ihn sozusagen für Tod erklärt. Die meisten Ausleger des Textes stört dann jedoch die Fortsetzung der Rede Gottes: über den Durchbohrten redet Gott in der dritten Person („ihn“). Ist dies vielleicht ein rhetorisches Mittel, um die Distanz oder die gescheiterte Beziehung zwischen dem Volk und seinem Gott zu verdeutlichen?

Einige hebräische Manuskripte des Bibeltextes belegen eine Textvariante, die sich so auch im Neuen Testament findet: „[…] sie werden auf ihn blicken – den, den sie erstochen haben – und sie werden um ihn trauern […]“. In diesem Falle wäre die durchbohrte Person ein Mensch. Es würde sich um eine Anspielung handeln, die die damaligen Leser noch entschlüsseln konnte, während die heutigen Leser durch den Text nicht mehr erkennen können, um wen es sich handelt.

Sei der Durchbohrte nun ein Mensch oder im metaphorischen Sinne Gott selbst – das Volk hat sich an ihm versündigt. Und nur Gottes Handeln ermöglicht eine Wiederherstellung der Beziehung zu Gott. Er spendet den Geist, der die Sünde erkennen lässt und er gewährt ein Mittel, damit Sühne geleistet werden kann, indem er in Jerusalem eine Quelle entspringen lässt.

Kunst etc.

Für Christen und Christinnen weckt die Aussage über den Durchbohrten direkt Assoziationen an den Kreuzestod Jesu: In den bereits leblosen Körper Jesu Christi stößt ein römischer Soldat eine Lanze in die Rippen, um sicherzustellen, dass er tot ist – zum Beispiel bildlich dargestellt auf dem sich im Dominikanerkloster San Marco in Florenz befindenden Fresko von Fra Angelico, das in der Mitte des 15. Jahrhunderts entstand. Diese direkte Assoziation stammt aus der deutenden Feder der neutestamentlichen Autoren.

Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten - dieser Sabbat war nämlich ein großer Feiertag - , baten die Juden Pilatus, man möge ihnen die Beine zerschlagen und sie dann abnehmen. Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.  Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen. Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ (Johannes 19,31-37; siehe auch Offenbarung 1,7)

Kreuzigung Christi mit Lanzenstich des Hauptmanns Longinus, Fresko von Fra Angelico – Lizenz: gemeinfei.
Kreuzigung Christi mit Lanzenstich des Hauptmanns Longinus, Fresko von Fra Angelico – Lizenz: gemeinfei.