Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 6,27-38)

27Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen!

28Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!

29Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!

30Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück!

31Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!

32Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.

33Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder.

34Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen.

35Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

36Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

37Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!

38Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Überblick

Was wäre, wenn wir uns auf Gottes Denkregeln einlassen würden?

1. Verortung im Evangelium
Die Forderung zur Feindesliebe und die folgenden Weisungen und Begründungen sind Teil der „Feldrede“ Jesu im Lukasevangelium (Lk 6,20-49). Zunächst hatte Jesus speziell zu seinen Jüngern gesprochen. Ihnen, die sich ganz auf Gott verlassen und Jesus nachfolgen und alles zurücklassen, hatte er das Reich Gottes verheißen. Nun zieht er den Kreis der Adressaten größer und bezieht auch die anderen mit ein.

 

2. Aufbau
Im Zentrum des Abschnitts stehen zwei ethische Hauptteile, die durch die Goldene Regel (Vers 31) getrennt werden.
Im ersten Hauptteil (Verse 27b-30) finden wir acht Imperative. Sie gehen der Frage nach, wie man darauf reagieren soll, wenn andere einem „das Leben schwer machen“. Zuerst werden Gruppen und danach Einzelpersonen mit ihrem Verhalten beschrieben und eine Forderung aufgestellt, wie auf das erlittene Verhalten der anderen zu reagieren ist.
Der zweite Hauptteil (Verse 32-34) greift auf die ethischen Forderungen aus den Versen 27-30 zurück. Nun geht es darum Begründungen zu liefern für das andere Verhalten der Christen gegenüber ihren „Feinden“.
Die abschließenden Verse 35-38 ordnen die ethischen Normen in einen klaren theologischen Horizont ein. Gott selbst ist das Vorbild und „Urheber“ eines anderen, neuen Verhaltens.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 27-28: Die in der ersten Forderung zur Feindesliebe genannten „Feinde“ werden im Anschluss durch drei Verben charakterisiert: hassen, verfluchen, schmähen. An diesen erfahrenen Taten erkennen die Zuhörer ihre Feinde. Die drei Imperative „tut Gutes“, „segnet“ und „betet“ formulieren den Eingangsimperativs „liebt“ aus. Sie zeigen, wie die Liebe gegenüber denen, die einem feindlich gegenüberstehen, konkret werden kann und soll.

 

Vers 29: Zu den hier formulierten Forderungen gibt es keine tragfähigen Vergleichstexte! Zwar gibt es auch andere und nicht-religiöse Texte, die den Verzicht auf Vergeltung und Rache fordern (vgl. Jesus Sirach 28,1-5), aber soweit auch „die andere Wange hinzuhalten“ gehen sie nicht.
Einen ähnlichen Grundgedanken finden wir jedoch im Buch Jesaja (Jes 50,6) und der Gestalt des Gottesknechtes. Er ist bereit, alle Schmähungen auszuhalten, weil er sich ganz auf Gott hin ausrichtet und auf ihn verlässt.
Das Wegreißen des Mantels lässt an einen Raubüberfall denken, wie er zum Beispiel im Gleichnis vom barmherzigen Samariter geschildert wird (Lk 10,30-35).

 

Vers 30: Hier wird das zuvor an zwei Beispielen gezeigte Verhalten auf eine generelle Ebene gehoben. Nicht nur beim geschlagen oder beraubt werden, soll es nicht um die Frage danach gehen, was man als Ausgleich erhält. Vielmehr geht es um den Verzicht auf das, was „normale Entgegnung“ wäre und die Forderung ohne den Gedanken auf Ersatz zu geben und sich sogar Dinge nehmen zu lassen.

 

Vers 31: Der Evangelist Lukas nimmt hier die auch aus anderen Kulturen und Religionen bekannte „goldene Regel“ auf. Hier geht es um einen Handlungsgrundsatz: Wie man sich selbst wünscht, behandelt zu werden, so soll auch die eigene Handlungsweise aussehen.

 

Verse 32-34: Die drei Begründungen greifen auf die ethischen Forderungen aus den Versen 27-30 zurück: Feinde lieben, den Hassenden Gutes tun und das Weggenommene nicht zurückfordern. Es geht darum, das sonst geläufige Prinzip der Reziprozität also der Wechselseitigkeit und Gegenleistung aufzuheben. Jeder kann die lieben, die einen lieben – aber auch die zu lieben, die einen hassen, DAS ist der neue Schritt, zu dem Jesus hier auffordert.

 

Vers 35: Das andere Handeln, also das nicht auf Ausgleich bedachte Tun, ist entscheidend unterscheidendes Kennzeichen der christlichen Gemeinde. Es unterscheidet sich vom Handeln der andern, weil es auf einer Gewissheit beruht, einer Gewissheit, die nur im christlichen Kontext Bedeutung hat: Wer am anderen handelt ohne etwas zu erwarten, dem ist die Gotteskindschaft verheißen. Denn auch Gott orientiert sich in seinem Handeln nicht an der Frage, was er für sein Tun erhält. Wer es wagt, sich aus dem Schema der Reziprozität auszuklingen und dem neuen Muster der Feindesliebe zu folgen, der wird „Kind des Höchsten“ sein.

 

Vers 36: Lukas benennt zum Abschluss eine Begründung oder Motivation für die vorgeschlagenen Handlungsweisen. An Gottes Barmherzigkeit sollen sich die Christen orientieren, um ihr Handeln auszurichten. Vorbild für eine solche Weisung ist beispielsweise die Forderung zur Heiligkeit wie sie Levitikus 11,45 kennt: „Ihr sollt daher heilig sein, weil ich heilig bin.“

 

Vers 37-38: Ans Ende setzt Lukas eine Reihe von Forderungen, die als Ausformulierungen der Forderung zur Barmherzigkeit in Vers 36 verstanden werden können.
Die ersten drei Imperative in Vers 37 sind eng miteinander verknüpft. Eigentlich umschreiben die Verben „verurteilen“ und „Schulden erlassen“ das erste Verb „richten“ genauer. Die Forderung zum Geben in Vers 38 nimmt den Gedanken aus Vers 30 wieder auf.
Wichtig ist an dieser Stelle aber der Gedanke, dass das bereitwillige Geben, ebenso wie der Verzicht auf das Richten unterstützt werden von der Verheißung Gottes. Der „Ausgleich“ für das Gegebene (und auch Erlittene) wird von Gott kommen. Weil Gott aber selbst gibt, ohne etwas zu bekommen, wird das „alte“ Prinzip der Reziprozität damit endgültig aufgebrochen.

Auslegung

Jesus spricht nun mit allen, nicht mehr nur zu den Jüngern (vgl. Lk 6,20) und fordert sie zu einem radikalen Handeln auf. Mit hoher Sicherheit ist das Gebot der Feindesliebe eine authentische Forderung Jesu! Denn aus ihr spricht eine vollkommen andere Denkweise, eine Form von Gerechtigkeit, die nur von Gott ausgehen kann. Was Jesus seinen Zuhörer aufträgt, geht über alles hinaus, was im menschlichen Alltag bisher gelebt und gefordert wird. Es geht um das sich Verabschieden von der Idee, für erlittenes Unrecht ebenso wie für vollbrachte gute Taten eine Gegenleistung zu bekommen. Es geht um ein Durchbrechen der „Spielregeln“ der Welt, wie sie die Christen bisher kennengelernt haben. Es geht um die Aufforderung sich als Christen konsequent an dem zu orientieren, was Christus vorlebt und was seinen Ursprung hat in der Wirklichkeit und dem Wesen Gottes. Gott gibt, er liebt und schenkt Barmherzigkeit und stellt niemals die Frage nach einer Gegenleistung. Sich an diesem Prinzip zu orientieren und im Alltag Abstand davon zu nehmen, Gegenleistungen oder Vergeltung zu fordern, heißt Christ sein. Das Unterscheidende der christlichen Ethik und ihre Radikalität besteht in der Aufgabe des Gedankens der Reziprozität. Eine ungeheure und fast nicht leistbare Zumutung! Aber es gibt auch einen Anreiz dafür sich von Gegenleistung und Vergeltung zu verabschieden: Es ist die Aussicht auf die Gotteskindschaft und die Zusage, dass Gott denjenigen, die so handeln seine Gerechtigkeit zu teil werden lässt. Eine Gerechtigkeit, die größer ist als alles Vorstellbare.

Kunst etc.

Der große Kreis der Zuhörer Jesu, die mit radikalen Forderungen konfrontiert werden, hier in der Sixtinischen Kapelle in Rom auf einem Fresko von Cosimo Roselli.

Cosimo Rosselli [Public domain], Bergpredigt, Sixtinische Kapelle, wikicommons.
Cosimo Rosselli [Public domain], Bergpredigt, Sixtinische Kapelle, wikicommons.