Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (2 Thess 3,7-12)

7Ihr selbst wisst, wie man uns nachahmen soll. Wir haben bei euch kein unordentliches Leben geführt

8und bei niemandem unser Brot umsonst gegessen; wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen.

9Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf Unterhalt; wir wollten euch aber ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen könnt.

10Denn als wir bei euch waren, haben wir euch geboten: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.



11Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten.

12Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus, dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen.

Überblick

Als religiöse Grundhaltung getarnte Faulheit ("unordentliches Leben") und unermüdliche "Arbeit", um Anderen nicht zur Last zu fallen - auf diesem Gegensatz baut die Ermahnungsrede der heutigen Lesung aus dem Zweiten Thessalonicherbrief auf.

 

Einordnung in den Kontext

Dieser Lesungsabschnitt gibt die entscheidende Passage aus dem zweiten Teil des Zweiten Thessalonicherbriefes wieder. Nachdem der erste Teil mehr auf die "Falschgläubigen" in der Gemeinde und deren Ergehen am Ende der Zeiten bei der Wiederkunft Christi geschaut hat (2,1-12), geht es jetzt um Weisungen zum innergemeindlichen Leben.

Diese Weisungen lassen deutlich zwei Teile erkennen:

  • Verse 7-10: der Hinweis auf das eigene vorbildliche Leben des Briefschreibers, der in die Rolle des Paulus samt seiner Mitstreiter Silvanus und Timotheus schlüpft (s. ihre Nennung im Briefeingang 2 Thessalonicher 1,1 und die ständige "Wir"-Rede in der Lesung).
  • Verse 11-12: die konkrete Aufforderung an die Gemeinde, ein "ordentliches Leben" nach dem in Versen 7-10 beschriebenen Vorbild.

Weggelassen ist der eigentlich noch hinzugehörige Einleitungsvers 3,6 mit der Grundsatzforderung, sich von denen, die ein "unordentliches Leben" führen, "fernzuhalten", sowie der abschließende Vers 13, der ebenso grundsätzlich fordert: "...werdet nicht müde, Gutes zu tun!"

 

Verse 7-8: Vorbildlichkeit

Der Einstieg der Lesung stellt die Vorbildlichkeit der sich als Autorenteam ausgebenden "Paulus, Silvanus und Timpotheus" vor Augen. Die etwas verschleierte Einstiegs-Aufforderung "Ihr wisst, wie man uns nachahmen soll" spricht eine deutliche Sprache. Das nachzuahmende Vorbild heißt konkret: Die Missionierungsarbeit war kein Grund, den zivilen Beruf aufzugeben und auf Kosten der Gemeinde zu leben. Handwerk - bei Paulus war es die Zeltmacherei - für den Lebensunterhalt und Verkündigung gingen Hand in Hand. Auf Ruhezeiten wurde nicht geachtet. Bei dieser Schilderung geht es nicht um den Selbstruhm der Schreibenden, sondern um einen verbindlichen, auf der Autorität des Paulus fußenden Lebensstil. Paulus selbst ist im Zweiten Thessalonicherbrief nicht nur letztverbindlicher Verkündiger (vgl. Vers 12), sondern auch ein Maßstab setzendes Modell.

 

Vers 9: Verzicht

Vers 9 verstärkt noch einmal die Aufforderung zur Nachahmung. Sie wird sogar zum eigentlichen Grund für die anstrengende Lebensweise bei der Missionierung. Denn der Verzicht auf den Unterhalt durch die Gemeinde ist für den Zweiten Thessalonicherbrief keineswegs selbstverständlich. Sie bedeutet vielmehr den Verzicht auf die Inanspruchnahme eines eigentlich bestehenden Rechts. Worauf dieses Recht zur Entgegennahme von Gaben aus der Gemeinde beruht, wird an dieser Stelle nicht begründet. Wahrscheinlich stehen Gedanken aus dem Ersten Korintherbrief im Hintergrund (s. die Rubrik "Auslegung")

 

Vers 11: Keine Faulenzerei

Jetzt schwenkt der Brief von der Vorbildlichkeit des Paulus, Silvanus und Timotheus - sie sind in jedem "wir" des Briefes gemeint - zur Mahnrede. Näherhin ist es eine in die Form des Gerüchts ("Wir hören ...") gekleidete Anklage. Offensichtlich ist der Briefschreiber durch Boten aus der Gemeinde darüber unterrichtet worden, dass einige Gemeindemitglieder das Arbeiten eingestellt haben und lieber auf Kosten der übrigen Gemeinde leben. Damit zeigt sich, dass die in Kapitel 1-2 genannten "Bedränger" nicht nur Außenstehende sind, von denen man sich fernhalten soll (so im der Lesung vorrangehenden Vers 6). Vielmehr haben sie mit ihrer Parole "Der Tag des Herrn ist schon da!" (vgl. 2 Thessalonicher 2,2) schon einige Gemeindeglieder angesteckt. Diese glauben, dass es jetzt nur noch darum geht,  sich ausschließlich auf den letzten Augenblick dieser Weltzeit ("Tag des Herrn") vorzubereiten und sich davon nicht durch so etwas Weltliches wie die Arbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts ablenken zu lassen. Was sie selbst vermutlich ganz toll und als Zeichen wirklichen Glaubens empfinden, stellt sich für den Briefschreiber als "unordentlich" und "alles Mögliche treiben" dar. "Unordentlich" (griechisch: ʼatáktōs) bewegt sich zwischen "sich nicht an Vorschriften haltend" (vgl. Vers 6: "die ein unordentliches Leben führen und sich nicht an die Überlieferung halten") und "untätig" (vgl. Vers 7). Der Ausdruck "alles Mögliche treiben" (griechisch: periergázomai) meint "sich mit überflüssigen, unnützen Dingen beschäftigen". Religiöse Übersteigerung führt bei einigen offensichtlich zu einer Mischung aus Faulenzerei hinsichtlich der Erwerbsarbeit und übertriebener, aber sinnloser Geschäftigkeit.

Der entscheidende Punkt dürfte sein, dass für den Zweiten Thessalonicherbrief ein solches Treiben das Gemeindeleben zersetzt.

 

Vers 12: Wer hat das Sagen?

Wenn Vers 12 gebietet, unaufgeregt ("in Ruhe") der Erwerbsarbeit nachzugehen und so für sich selbst zu sorgen ("ihr eigenes Brot zu essen"), so entspricht das genau dem, was Paulus vorgelebt hat. Denn, so hält es Vers 7 ja fest: Er und seine Gefährten wollten "keinem von euch zur Last ... fallen" (Vers 8).

Das bedeutet aber: Die Ermahnten können sich mit ihrer Einstellung weder auf Paulus berufen noch gar auf Jesus Christus. Wenn der Briefschreiber sich selbst als Paulus ausgibt und sich zugleich auf die Autorität des Herrn Jesus Christus beruft, übernimmt er wohl das Argumentationsmuster des echten Paulus, der in 1 Thessalonicher 4,1.11 schreibt:

1 Im Übrigen, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: ...

11 Setzt eure Ehre darein, ruhig zu leben, euch um die eigenen Aufgaben zu kümmern und mit euren Händen zu arbeiten, wie wir euch aufgetragen haben. 

Schlechte Karten für die angesprochenen, endzeitlich "hochgetunten" Thessalonicher!

 

 

 

 

Auslegung

Verse 7-8 und ihre Vorlage

Vom eigentlichen Verfasser des Zweiten Thessalonicherbriefs wissen wir so gut wie nichts. Er "versteckt sich" hinter dem als Autorität vor Augen gestellten Paulus und seinen Gefährten Silvanus und Timotheus. Von ihnen her beschreibt er auch den schonungslosen Einsatz bei der Missionierung der Gemeinde von Thessaloniki. Seine konkrete Vorlage ist an dieser Stelle wie auch bereits in früheren Passagen  des Briefes der Erste Thessalonicherbrief, der zweifelsfrei auf den Apostel Paulus selbst zurückgeht. Dort schildert dieser - nicht zur Ermahnung der Thessalonicher, sondern zur eigenen Rechtfertigung -, wie er einst seine Gemeindemission durchgeführt hat. Nie habe er für die Verkündigung des Glaubens Geld genommen bzw. auf anderer Leute Kosten gelebt, sondern immer sei er seinem Beruf nachgegangen:

"9 Ihr erinnert euch, Brüder und Schwestern, wie wir uns gemüht und geplagt haben. Bei Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen, und haben euch so das Evangelium Gottes verkündet" (1 Thessalonicher 2,9).

Im Namen Jesu Christi unterwegs zu sein sei also keine Rechtfertigung gewesen, sich handwerklich auszuruhen. Man ahnt, dass im Nachhinein in der Gemeinde von Thessaloniki bestimmte Leute mit entsprechenden Vorwürfen versucht haben, Paulus in Misskredit zu bringen.

Auf diesen entsprechenden Passus aus dem Ersten Thessalonicherbrief bezieht sich nun der Zweite Thessalonicherbrief. Jetzt geht es aber nicht mehr um die Selbstrechtfertigung des uns unbekannten Briefschreibers, der die Rolle des Paulus übernimmt. Die Ermahnung der Gemeindeglieder oder zumindest "einiger" (Vers 11), die es besonders nötig zu haben scheinen, steht im Vordergrund.

Die Verlagerung von der Selbstverteidigung (1 Thessalonicher) zur Mahnung (2 Thessalonicher) merkt man übrigens auch daran, dass an die Stelle der Auseinandersetzung mit dem Vorwurf  "versteckter Habgier" (1 Thessalonicher 2,5) der Hinweis auf die Meidung eines "unordentlichen Lebens" tritt (in der Lesung Vers 7).

 

Welcher Anspruch? (Vers 9)

Die Formulierung "Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf Unterhalt ..." überrascht etwas. Denn man fragt sich schon, woraus er sich herleiten soll. Doch wahrscheinlich kannte der Verfasser eine entsprechende Passage aus dem Ersten Korintherbrief, in der Paulus selbst tatsächlich einen Anspruch auf Unterhalt durch die Gemeidne entwickelt:

"3 Das aber ist meine Rechtfertigung vor denen, die abfällig über mich urteilen: 4 Haben wir nicht das Recht, zu essen und zu trinken? 5 Haben wir nicht das Recht, eine Schwester im Glauben als Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas? 6 Haben nur ich und Barnabas kein Recht, nicht zu arbeiten? 7 Wer leistet denn Kriegsdienst und bezahlt sich selber den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seinem Ertrag? Oder wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch der Herde? 8 Sage ich das nur als Mensch? Sagt das nicht auch das Gesetz? 9 Im Gesetz des Mose steht doch: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt denn Gott etwas an den Ochsen? 10 Spricht er nicht allenthalben unseretwegen? Ja, unseretwegen wurde geschrieben: Der Pflüger wie der Drescher sollen ihre Arbeit in der Erwartung tun, ihren Teil zu erhalten. 11 Wenn wir für euch die Geistesgaben gesät haben, ist es dann zu viel verlangt, wenn wir von euch die irdischen Gaben ernten? 12 Wenn andere an dem, was euch gehört, teilhaben dürfen, dann nicht wir erst recht? Aber wir haben von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht" (1 Korinther 9,7-12a).

Die Argumentation ist zweiteilig. Zum einen ergibt sich das Recht auf Lohn aus dem Vergleich mit der Ausübung anderer Tätgikeiten: Der Söldner erhält den Sold von denen, für die er arbeitet. Im übertragenen Sinne gilt das auch für die Weinberg- und Hirtenarbeit: Ohne diese Arbeit gäbe es keine Erträge an Wein oder Milch; folglich wandern Anteile davon an den, der die Arbeit getan hat. "Weinberg" und "Herde" werden zu "Zahlenden" (in Form von NAturalien). Im Blick auf Paulus und die Gemeinde bedeutet das: Paulus versteht seine Missionstätigkeit als eine  Arbeit, von der die Gemeinde ihrerseits profitiert. Daraus erwächst ein Anspruch auf Lohn durch die Gemeinde an den, der ihr geistliches Wachstum herbeiführt.

Schlagkräftiger ist im religiösen Kontext sicher der zweite Beweis. Als ausgebildeter jüdischer Rabbiner argumentiert Paulus mit einem Satz aus dem alttestamentlichen Gesetz (Vers 9 zitiert Deuteronomium 25,4). Dabei legt er ihn nicht wörtlich aus. Dann ginge es beim Verbot des Maulkorbanlegens beim dreschenden Ochsen allein um Tierschutz. Paulus fragt - wie in der jüdischen Schriftauslegung üblich - nach der tieferen, hinter dem Buchstabensinn liegenden Bedeutung. In dieser sogenannten allegorischen Auslegung verweist der nicht angelegte Maulkorb bereits auf das Recht des arbeitenden Tieres, zu fressen. Noch einmal übertragen: Paulus leitet aus dieser Weisung Gottes einen Hinweis auf den Unterhaltsanspruch des Arbeiters ab, auch des "Gemeinde-Arbeiters".

Diesen Gedanken scheint Vers 9 der Lesung stillschweigend vorauszusetzen. Dazu passt, dass sowohl die Fortsetzung des oben zitierten Korinther-Absatzes als auch die heutige Lesung zu derselben Schlussfolgerung kommen: Obwohl es also einen Anspruch auf Unterhalt durch die Gemeinde gibt, verzichten die Missionare sowohl der Paulus des Ersten Korintherbriefes als auch der angebliche Paulus des Zweiten Thessalonicherbriefes auf die Inanspruchnahme dieses Rechts.

Kunst etc.

Scrabble-Steine zeigen
Scrabble-Steine zeigen "Work" (Arbeit); Photo: Marco Verch (24.6.2019); CC BY 2.0

Arbeit ist mehr als ein Wort

Für den Zweiten Thessalonicherbrief ist Arbeit ein zusammenfassender Begriff dafür, dass Glaube nicht in Weltenthobenheit abdriftet. Dann wird er nämlich zur Entschuldigung für die Übernahme des eigenen Anteils an der sozialen Verantwortung. Sicherlich hat der Brief dabei nicht die Probleme unserer Zeit im Blick und antwortet nicht auf die grundsätzlichen Fragen nach dem Sinn von Arbeit, der sich zwischen Existenzsicherung und eigener Selbstverwirklichung bewegt. Auch  die Problematik von Arbeitslosigkeit oder unwürdigen Arbeitsbedingungen interessiert ihn nicht. Er will für seine Zeit und vor allem in die ihm vor Augen stehende Gemeinde hinein vor Weltflucht aufgrund religiöser irremachender Parolen wie "Der Tag des Herrn ist schon da" (2 Thessalonicher 2,2) warnen. Das bleibt im Grundsatz ebenso bedenkenswert wie die Frage danach, was ein Gemeinwesen zusammenhält und was es von innen her auflöst..