Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (1 Kor 12,4-11)

4Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.

5Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn.

6Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen.

7Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.

8Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln,

9dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern - immer in dem einen Geist - die Gabe, Krankheiten zu heilen,

10einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten.

11Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.

Überblick

Die Vielfalt der Gaben entspringen doch alle dem einen Geist Gottes. Er lässt jedem zuteilwerden, was für die Gemeinschaft mit anderen nützlich ist.

1. Verortung im Brief
In den Kapiteln 12-14 im 1. Korintherbrief (1 Kor) widmet sich der Apostel Paulus sehr ausführlich den Geistesgaben. Dabei geht es sowohl um deren Ursprung aus dem einen Geist (1 Kor 12,4-11), als auch um deren Zuordnung zueinander im Bild vom Leib und den Gliedern (1 Kor 12,12-31). Über allen Geistesgaben und deren „Nutzung“ steht jedoch der Weg der Liebe (1 Kor 13,1-13). Danach widmet sich Paulus im Kapitel 14 einigen Gaben ausführlich (1 Kor 14,1-25) und beschreibt, wie diese im Gemeindegottesdienst zum Einsatz kommen (1 Kor 12,26-40). Insgesamt ist das Miteinander in der Gemeinde eines der zentralen Themen des Briefes. Ein weiteres ist die Treue zu der Verkündigung des Evangeliums durch Paulus. Der Apostel versucht, eine Eigendynamik der Gemeinde, die sich durch andere Ausleger des Evangeliums eingeschlichen hat, zu bremsen.

 

2. Aufbau
In den Versen 4-6 geht es um die Einheit und Herkunft des Geistes, der sich in den verschiedenen Gaben zeigt. Vers 7 stellt als zentrale Aussage die Gaben in Verbindung zum Geschehen in der Gemeinde. Bevor in den Versen 8-10 die Gaben einzeln benannt sind. Vers 11 schließt den Bogen zu den Versen 4-6 und ist somit eine erinnernde Rahmung an den einen Geist, aus dem die verschiedenen Gaben entspringen.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 4: Gnadengaben: Hinter dem deutschen Wort verbirgt sich der griechische Begriff „Charismen“, Plural von charisma (χάρισμα, deutsch: aus Wohlwollen gespendete Gabe, Gunsterweis). In der griechischen Umgangssprache der Gemeinde von Korinth spielt dieses Wort kaum eine Rolle. Seine Bedeutung als „Gunsterweis“ und „geschenkte Gabe“ nutzt der Apostel Paulus, um ein weiteres Verständnis des Geistes als Wesen Gottes in der Gemeinde zu fördern. Paulus ist es wichtig, dass die Fähigkeiten und Talente, die jeder einzelne in das Gesamt der Gemeinde einbringen kann, als Geschenk Gottes verstanden werden. Dieses Verständnis bewirkt, dass die Gaben als unverfügbar und zugleich als Aufgabe erkannt werden.

Vers 8: Weisheit und Erkenntnis sind im deutschen Sprachgebrauch nah beieinander, so dass dies wie eine Doppelung wirkt. Paulus benutzt mit den Worten sophia (σοφία, deutsch: Weisheit, Klugheit) und gnosis (γνῶσις, deutsch: Erkenntnis, Wissen) zwei Begriffe, die unterschiedliche Akzentuierungen mit sich bringen und die auf die verschiedenen Gruppen in der Gemeinde abgestimmt sind.
Sophia kommt aus der jüdischen Weisheitstradition und wird von ihm auch in 1 Kor 1,17 benutzt, wo es um die Klugheit geht, auf Spaltungen in der Gemeinde zu verzichten.
Gnosis entspringt der griechischen Denkwelt und taucht wieder auf in der Frage danach, ob das Opferfleisch aus heidnischen Riten für Christen essbar ist (z.B. 1 Kor 8,1). Hier geht es darum, dass Erkenntnis nicht immer auch verstehen bedeutet.

Vers 9-10: Glaubenskraft bedeutet Glaube, der etwas bewirkt. Die Wirkweisen entfaltet Paulus direkt im Anschluss: Glaube bewirkt die Fähigkeit zu heilen. Er kann aber die Gabe verleihen, Machttaten wie Exorzismen zu vollbringen. Heilung von Krankheit und Befreiung von psychischen und physischen Fesseln (Exorzismen) sind die beiden Wirkweisen, die in der Gemeinde wohl am Meisten verbreitet waren.

Auslegung

In seiner Korrespondenz mit der Gemeinde von Korinth möchte Paulus die Gemeinde immer wieder an das erinnern, was er ihnen als Evangelium verkündet hat. Er sieht es als seine apostolische Aufgabe, die Gemeinde in ihrer Einheit zu bewahren und ihnen zu zeigen, wie jedes Mitglied der Gemeinde auf eigene Weise von Gott beschenkt ist. Diese Gnadengaben Gottes wertzuschätzen und für alle einzusetzen, ist der Rahmen des Abschnitts 1 Kor 12,4-11.
Zunächst legt er der Gemeinde nahe, die verschiedenen Gaben nicht so zu verstehen, als hätten sie unterschiedliche Ursprünge und damit vielleicht auch Wertigkeiten. Vielmehr sind sie alle Ausdrucksformen des einen Geistes, den der eine Gott ihnen als Glaubenden schenkt. Gott steckt hinter den verschiedenen Charismen, die sich in der Gemeinde zeigen, er ist der einzige Urheber der Fähigkeiten, denn er ist „alles in allem“ (Vers 6). Die „Offenbarung des Geistes“, die in den individuellen Charismen geschieht, ist dem Kriterium des Nutzens für die Gemeinde unterworfen. Nur was sich in den Dienst der Gemeinde und ihrer Einheit stellen lässt, entspringt dem einen Geist und dem einen Gott, zu dem sich die Gemeinde bekennt.
Zu den Gaben gehören in der Aufzählung im 1. Korintherbrief sprachliche Fähigkeiten (Prophetie und Weisheitsrede) und ekstatische Gaben (Wunderkraft und Zungenrede). Die Aufzählung im Römerbrief unterscheidet sich etwas von dieser Liste (Röm 12,6-8), wahrscheinlich, weil dort in der Gemeinde andere Fähigkeiten wahrnehmbar waren und diskutiert wurden.

Zu den sprachlichen Fähigkeiten gehört das Reden mit Klugheit und Wissen (Vers 8) genauso wie die Gabe der Prophetie (Vers 10). Das Charisma der Prophetie versteht sich als Fähigkeit Gottes Willen wahrzunehmen, zu deuten und weiterzugeben, so wie es aus der Tradition der alttestamentlichen Propheten bekannt ist.
Die Zungenrede, die die Fähigkeit zu einem flüssigen, zum Teil unkontrollierbaren und nicht verständlichen Sprechen in Ekstase bezeichnet (Vers 10), muss immer gedeutet werden. Daher ist die Fähigkeit dieses Sprechens bei Paulus direkt kombiniert mir der Fähigkeit diese Rede zu deuten. Zu diesen ekstatischen Gaben, also Gaben, die den Empfänger aus den „normalen“ Kräften hinaustreten lassen, gehört auch die Erfahrung, Krankheiten zu heilen und Exorzismen zu vollziehen. Beides scheint in der Gemeinde in Korinth nicht unbekannt gewesen zu sein.

Viele Gaben lassen sich bei den Christen in Korinth wahrnehmen. Manche Gemeindemitglieder können klug reden und Situationen gut einschätzen, andere erkennen Gottes Handeln in Situationen des Alltags und in der heiligen Schrift und verstehen sie zu deuten. Wieder andere können Menschen Gutes tun und ihr Leben so heilvoll wenden und von Fesseln befreien. Alle diese Charismen sind Zeichen Gottes und der Sendung seines Geistes – wenn sie im Sinne der Gemeinde und im Auftrag Gottes eingesetzt werden. Charismen entfalten sich dort, wo sie nicht den Empfänger des Charismas in den Mittelpunkt stellen, sondern auf Gott als den einzigen Spender. Wo viele Fähigkeiten zusammenkommen, muss der eine Geist, aus dem sie entspringen sichtbar sein.