Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Jes 43,16-21)

16 So spricht der HERR,

der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch gewaltige Wasser, 17 der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht.

18 Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! 19 Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?

Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste und Flüsse durchs Ödland. 20 Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Wüste Wasser fließen und Flüsse im Ödland, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken. 21 Das Volk, das ich mir geformt habe, wird meinen Ruhm verkünden.

Überblick

Gott wird sich sein Volk neu erschaffen. Der gepriesene Gott wird ein Volk zum Lobpreis seiner entstehen lassen, indem er etwas „Neues“ tun wird.  


1. Verortung im Buch

Nach der Zerstörung Jerusalems und der Exilierung des Volkes versucht Gott sein Volk zu überzeugen, dass selbst in der Katastrophe gilt: „Ihr seid meine Zeugen - Spruch des HERRN - und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr erkennt und mir glaubt und einseht, dass ich es bin. Vor mir wurde kein Gott erschaffen und auch nach mir wird es keinen geben.“ (Jesaja 43,10). Die Beziehung Gottes zu Israel fasst er in drei Dimensionen zusammen: Er ist der „Schöpfer Israels“, derjenige, der das Volk entstehen lassen hat, über das er als „euer König“ herrscht und dass er als „euer Erlöser“ retten wird (Jesaja 43,14-15). Israels Vergangenheit und Zukunft ist an das Wirken Gottes gebunden, der dem Volk im Babylonischen Exil zusagt, dass er bereits für sie handelt: „um euretwillen habe ich nach Babel gesandt“. Gemeint ist der persische König Kyrus, den Gott als Werkzeug sendet, um sein Volk aus dem Exil zu befreien, damit es in das Land Israel zurückkehren kann (siehe Jesaja 44,28).

 

2. Aufbau

Mit der sogenannten Botenspruchformel „So spricht der HERR“ setzt die Rede neu ein, aber knüpft gleichzeitig auch an die Aussage von Jesaja 43,14-15 an. In den Versen 16-17 verweist Gott auf das grundlegende Heilsereignis des Exodus als Argument für seine Wirkmacht auch in der Zukunft. Der Weg durch das Meer aus Ägypten wird in den Versen 19-20 mit dem Weg Israels durch die Wüste aus dem Exil zurück in ihr Land gleichgesetzt, der dem Volk verheißen wird. Wie die Verse 14-15 bereits verheißen haben, bekräftigt Gott nochmals, dass die Wende vom Unheil zum Heil bereits begonnen hat (Verse 18-19) der Weg im Lobpreis enden wird (Vers 21). Das Handeln Gottes verdeutlicht sich am Motiv des Wassers: Er hatte Israel einen Pfad durch die „gewaltigen Wasser“ gemacht, um es aus Ägypten zu befreien – und er wird in der Wüste (wieder) Wasser fließen lassen, damit Israel durch die Wüste zurück in sein Land ziehen kann. Darin zeigt sich: Der Schöpfer der Welt, der Macht über die Naturgewalten hat ist der König Israels.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 16-17: Ägypten wird in diesen Versen nicht genannt, aber es geht um den Verweis auf das Schilfmeerwunder, wie es in Exodus 14 erzählt und im Gotteslob in Exodus 15 besungen wird. Gott beherrscht dabei nicht nur die Naturgewalten, in der Form der „mächtigen Wasser“, sondern er lenkt auch direkt die Geschichte, selbst die Feinde: Nicht der Pharao führt sein Herr an, sondern Gott ist es, der das ägyptische Heer ins Unheil schickt. Dass weder Ägypten noch der Pharao genannt werden, hat seinen Grund darin, dass anhand der Erinnerung verdeutlicht werden soll, dass Gott derjenige ist, als der er sich damals erwiesen hat: Er rettet sein Volk immer wieder aus der Gewalt fremder Völker und Heere. Der Name Gottes wird durch zwei Partizipien näher erklärt: Er war nicht nur derjenige, der Israel einen Weg durch das Meer gebahnt hat, sondern er ist es auch weiterhin. Er war nicht nur derjenige, der das feindliche Heer gegen Israel ausziehen ließ, sondern er ist es auch weiterhin. Gott ist der dauernd an Israel Handelnde und es Rettende. Und der Wechsel in den Verbformen verdeutlicht seine Macht. Die besiegten Feinde haben keine Zukunft mehr, weil sie endgültig ausgelöscht sind.

Verse 18-19a: Erst in Vers 18 beginnt das eigentliche Gotteswort. Es scheint absurd, dass nach der Erinnerung an das Schilfmeerwunder, die Aufforderung folgt: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr!“ Der Bezugspunkt dieser Aufforderung kann ein zweifacher sein: (1.) Mit dem Früheren könnte der Untergang Jerusalems und die Exilierung Israels gemeint sein. (2.) Radikal soll Israel seinen Blick von der Vergangenheit, sowohl vom Heil als auch Unheil, abwenden und sich völlig auf „das Neue“ der Zukunft ausrichten, das Gott in den folgenden Versen verkündet. Dass dieses Neue bereits begonnen hat wird durch die rhetorische Frage Gottes deutlich: „Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ Sie ist eingeleitet durch das hebräische Wort הֲלוֹא (gesprochen: ha-lo), dass eine positive Antwort erwarten lässt.

Verse 19b-21: Im Zentrum steht nicht die angekündigte Rettung Israels, noch die angekündigte, wundersame Führung durch die Wüste, sondern die Neuerschaffung Israels. So wie Israel zum Volk Gottes durch den Exodus aus Ägypten wurde, so wird Israel durch die Herausführung aus dem Exil erneut zum Volk Gottes, aber mit einer neuen Dimension: Während das Volk Israel auf der Wüstenwanderung von Ägypten ins verheißene Land oft gegen Gott murrte, wird es nun ein Gott rühmendes Volk sein. Nicht nur Israel will Gott lobpreisen, sondern selbst die Tiere in der Wüste – die Rettungstat Gottes wird zum allumfassenden Lob an einem Ort der eigentlich Lebensfeindlich ist. Der hier im Deutschen mit „Wüste“ wiedergegebene hebräische Begriff יְשִׁימוֹן (gesprochen: jeschimon) bezeichnet ein Trockenland, in dem das Leben völlig von Wasser abhängt – und Gott gibt Wasser im Überfluß. Der Ort extremer Not wird zum Ort reichen Segens. Der Weg Israels wird sozusagen getränkt, damit Israel unbeschadet in sein Land zurückkehren kann. So ist der Lobpreis der Wüstentiere im Endeffekt ein Lobpreis der Rettung Israels, des erwählten Volkes Gottes. Die Bezeichnung „Erwählter“ ist ein Ehrentitel, der neben dem Gottesvolk eigentlich nur auf ausgewählte Einzelpersonen angewendet wird: Mose und David.  

Auslegung

Der Text beginnt, indem Gott gepriesen wird. Er ist es, der in der Vergangenheit Israel errettet hat. Dies gehört grundlegend zu seinem Wesen. Er ist der Gott Israels, der aufgrund seines Handelns in der Geschichte gepriesen wird. Und der Text endet mit dem Verweis auf eben diesen Lobpreis Gottes. Die erneute Rettung Israels und die Rückführung ins verheißene Land wird Israel zu einem Volke des Gotteslobs machen. Die ersten beiden Verse sind noch kein Gotteswort, sondern nur die Einleitung. Das heißt, dass hier bereits das Ziel der Verheißung Gottes erfüllt ist. In der Verkündigung des Gotteswortes lobpreist der Verkünder bereits Gott und blickt hoffnungsvoll in die Zukunft: der Hörer und die Leserin werden in diesen Lobpreis einstimmen.

Der einleitende Lobpreis und das angekündigte Rühmen der Taten Gottes sind jedoch auch zu unterscheiden. Denn Gott wird etwas „Neues“ erwirken, das zu einem neuen Lied führen wird. Neu wird nicht Gott sein, er ist in der Vergangenheit und in der Zukunft der Schöpfer, Retter und König Israels. Sondern das Neue ist das Tun Gottes, dass nun sein Volk endgültig als sein Volk aufrichtet, damit sie andauernd seinen Lobpreis singen und seinen Rum verkünden können. Gott verheißt seinem Volk eine Neuschöpfung.

Kunst etc.

Die Lebenswichtigkeit von Wasser erfährt ein Mensch in der Wüste am eigenen Leib. Nur dort, wo im Boden etwas Wasser gegeben ist, kann Leben entstehen und bestehen. Sichtbar wird dies zum Beispiel bei einem Besuch des Wüstenortes Ein Gedi. In den Bergen der Steinwüste schlängelt sich der Davidsfluss hinab ins Tote Meer. Dort, wo das Wasser entlang fließt, blüht das Leben und nur wenige Meter entfernt ist der Boden todestrocken.

Nahal David in Ein Gedi, fotografiert von  מני גל – Lizenz: CC BY 2.5
Nahal David in Ein Gedi, fotografiert von מני גל – Lizenz: CC BY 2.5