Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Phlm 9b-10.12-17)

9 ... Ich, Paulus, ein alter Mann, jetzt auch Gefangener Christi Jesu,

10ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin.

12Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein Innerstes.

13Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient in den Fesseln des Evangeliums.

14Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.

15Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst,

16nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn.

17Wenn du also mit mir Gemeinschaft hast, nimm ihn auf wie mich!

Überblick

Die Lesung ist ein starkes Stück: Öffentlich, nämlich in einem Brief, der in der Hausgemeinde des Philemon verlesen werden soll, greift Paulus in den Konflikt zwischen diesem Philemon und seinem entlaufenen Sklaven Onesimus ein. Die Änderung ihres Verhältnisses - Philemon soll Onesimus als "geliebten Bruder" annehmen - wird zur Bewährungsprobe chrsitlichen Glaubens.

 

Blick auf den gesamten Philemon-Brief

Der Philemonbrief fällt aus dem Rahmen der übrigen Paulsbriefe heraus. Mit 24 Versen ist er das kürzeste Schreiben. Zugleich ist er einerseits ein Privatschreiben, insofern er sich an eine Einzelperson (Philemon) wendet, um sie zu einer neuen Haltung zu bewegen. Da Philemon aber zugleich der Gastgeber einer Hausgemeinde ist, hat der Brief auch diese Hausgemeinde im Blick, von deren Mitgliedern in den Versen 1-3 einige sogar namentlich genannt werden. Die Wünsche und Grüße am Ende des Briefes (Verse 22-25) wechseln entsprechend mehrfach vom "Du" (Onesimus) zum "Ihr" (Gemeinde).

Die Lesung wählt den "harten Kern" dessen aus, was Paulus zu schreiben hat. Die für einen Brief üblichen "Einleitungsfloskeln" und die vor allem auf die grundsätzliche Gewogenheit dem Philemon gegenüber zielenden Eröffnungsverse des Briefes (Verse 1-7) sind ebenso ausgelassen wie der Hinweis auf die Bereitschaft, eventuellen Schaden aus der eigenen Tasche zu bezahlen (Verse 18-19) und die besänftigenden Schlussverse sowie briefüblichen Grüße (Verse 20-24).

Durchaus von Interesse ist der ausgelassene Gedanke, den Paulus in den Versen 8-9b einleitend äußert:

"Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, 9 ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten."

Denn könnte man als Außenstehender aus dem Hinweis, dass Paulus im Gefängnis sitzt (Vers 9b), auf eine Position der Schwäche oder gar der Gebrochenheit schließen, macht der Vorspann 8-9b deutlich: Paulus ist alles andere als ein gebrochener Mann. Er ist sich seiner Apostelwürde, also seiner Grundüberzeugung, von Christus selbst gesandt zu sein, voll bewusst und leitet aus ihr sogar eine Weisungsgewalt ab, die dann greift, wenn ein Christ nicht im Sinne des Herrn Christus unterwegs ist. An diese Autorität zu erinnern, bedeutet natürlich zugleich, sie einzusetzen. Sie soll aber nicht als "Totschlagargument" eingesetzt werden. Paulus zielt  auf Einsicht und Freiwilligkeit bei Philemon.

 

Verse 9b-10: Was ist passiert?

Um was geht es eigentlich und was ist passiert? Paulus ist im Rahmen seiner Missionierung offensichtlich im Gefängnis gelandet. Dieses darf man sich nicht als "Hochsicherheitstrakt" vorstellen, sondern eher als eine wenig angenehme Sicherungsverwahrung, die Zutritt von außen erlaubte bzw. sogar erwünschte. Denn solche Besuche entlasteten bei der Versorgungssicherung der Gefangenen. Die Frage, ob der Philemonbrief eher in den Gefängnisaufenthalt in Ephesus (ca. 55 n. Chr.) oder in die letzte Gefangenschaft des Paulus in Rom (Anfang der 60er Jahre), scheint sich nicht endgültig klären zu lassen. Für das Grundverständnis des Briefes richtet die Antwort aber auch nicht viel aus. Zurzeit wird auch die Ansicht vertreten, dass der Brief erst nach dem Tod des Paulus zwischen 70 und 80 n. Chr. durch einen unbekannten Autor in Rom geschrieben worden sei.

Im Gefängnis wird Paulus seit einiger Zeit von einem Sklaven namens Onesimus betreut, der sich offensichtlich von seinem Herrn, Philemon, schlecht oder ungerecht behandelt fühlt und geflohen ist. Vielleicht hat Philemon einst Paulus bei einem Besuch in der Gemeinde des Philemon selbst erlebt und hofft nun auf seine Vermittlungskünste. Die Brenzligkeit der Situation ist nicht zu unterschätzen: Die Flucht eines Sklaven vor dem Herrn bedeutete ein hohes Risiko, das unter Umständen mit dem Leben bezahlt werden musste. Außerdem flieht Onesimus als "Heide", der erst während seines Aufenthalts bei Paulus sich zum Christentum bekehrt. Denn so ist wohl das Sprachbild vom "Vater werden" aufzulösen.

 

Vers 12: "mein Innerstes"

Für Paulus ist Onesimus aber viel mehr als ein "Missionserfolg": Er empfindet innigste Zuneigung für ihn - eine Zuneigung, die Philemon eher fremd zu sein scheint, der seinen Sklaven nur unter Nützlichkeitsaspekten (so der ausgelassene Vers 11) bzw. unter dem Gesichtspunkt finanziellen Schadens oder Ausfalls zu betrachten scheint (so der ausgelassene Vers 18). Indem Paulus aus innerster Anteilnahme sich die Sache des Onesimus zu eigen macht, zeigt er, dass sein Hohelied auf die Liebe in 1 Korinther 13 (Vers 2: "... hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts") weder reiner Appell an die Anderen noch theoretisches Gerede ist. Sie bewegt ihn durch und durch.

 

Verse 13-14

Nach dem emotionalen Argument Vers 12 spricht Paulus jetzt eine andere Sprache. Onesimus - der Name bedeutet "der Nützliche" - hat sich in der Zwischenzeit für Paulus als äußerst nützlich erwiesen. Gemeint ist wahrscheinlich sowohl ein Engagement in der Versorgung des Gefangenen mit Lebensmitteln als auch in Form von Botengängen, vielleicht auch katechetischen Gesprächen im Auftrag des Paulus. Das Lob des Onesimus wird aber dadurch zur Ermahnung des Philemon, dass all diese Aufgaben eigentlich von Philemon zu erfüllen wären. So sieht es jedenfalls Paulus, der später [außerhalb des Lesungsabschnitts] sogar formulieren kann: "... ohne jetzt davon zu reden, dass auch du dich selbst mir schuldest" (Vers 19). Mit diesem Argument sieht sich Paulus zumindest moralisch berechtigt, Onesmus bei sich zu behalten. Rein rechtlich war natürlich die Einbehaltung des Sklaven enes Anderen nicht erlaubt. Paulus will aber ganz offensichtlich dem Phileomon massiv ins christliche Gewissen reden. Dennoch möchte er dem Sklavenherrn zugleich die Möglichkeit geben, aus eigener Einsicht, ehrlichem Wollen und freiem Willen zu handeln und Onesmus aufzunehmen.

 

Verse 15-16: "als geliebten Bruder"

Dabei geht es nicht darum, bei der Zurücknahme des Onesimus auf Strafen - wegen der Flucht oder eventueller Vergehen in seinem Sklavendienst - zu verzichten. Vielmehr erwartet und erhofft Paulus von Philemon eine grundsätzliche Neubestimmung seines Verhältnisses zu Onesimus. Der Wechsel drückt sich in der Gegenüberstellung der Begriffe "Sklave" und "geliebter Bruder" aus. Aus einem Rechtsverhältnis, das ein absolutes Machtgefälle bzw. eine totale Abhängigkeit, Verfügungsgewalt und Gehorsamspflicht umschreibt, soll ein auf Gleichrangigkeit, Gemeinschaftszugehörigkeit sowie Verzicht auf Herren-Allüren basierendes Verhältnis werden, in dem "Liebe" im Sinne gegenseitiger hochachtender Wertschätzung Raum findet. Für Philemon soll in Bezug auf Onesimus das gelten, was für Paulus schon längst im Blick auf den entlaufenen Sklaven gilt.

Man vertue sich nicht: Es geht hier nicht um Sentimentalität und auch nicht um einen Einzelfall, sondern um das Durchbuchstabieren eines Grundsatzes am konkreten Beispiel:

"Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus" -

so lautet der Grundsatz, den Paulus in Galater 3,28 formuliert hat.

Mit anderen Worten: An seinem Verhalten gegenüber Onesimus erweist sich der Christusglaube des Philemon als wirklichkeitsprägend oder lebensunwirksame Theorie.

 

Vers 17: "wie mich"

Mit Vers 17 wird ein Bogen zurück zum Anfang des Philemonbriefes geschlagen. Denn von dort her erschließt sich, was Paulus damit meint, dass Philemon seinen Sklaven aufnehmen soll wie Paulus selbst. In Philemon 1 heißt es nämlich:

"Paulus, Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an Philemon, unseren Geliebten und Mitarbeiter."

"Bruder", "Geliebter", "Mitarbeiter" - das sind die Begrifflichkeiten, mit denen Paulus das Verhältnis zu denen bestimmt, mit denen er zu tun hat. Hier werden Paulus, sein Gefährte Timotheus und Philemon absolut gleichrangig. Denn alle sind einem einzigen Herrn zugeordnet: Christus Jesus, für den sich Paulus sogar gefangen nehmen ließ. Genau in diese Gleichordnung will Paulus auch den Onesimus aufgenommen wissen - und zwar durch Philemon. Dann würde sich dessen positiver Ruf als zutreffend bestätigen, der Paulus zu Ohren gekommen ist:

Philemon 5: "Denn ich höre von deinem Glauben an Jesus, den Herrn, und von deiner Liebe zu ihm und zu allen Heiligen."

Auslegung

"... als Mensch und auch vor dem Herrn" (Vers 16)

Die Formulierung am Schluss von Vers 16 klingt etwas eigen. Tatsächlich wird sie dem griechischen Text auch nicht ganz gerecht. In genauerer Übersetzung lautet Vers 16:

"... nicht als einen Sklaven, sondern mehr als einen Sklaven: als einen geliebten Bruder - besonders für mich, wieviel mehr aber für dich, sowohl im Fleisch als auch im Herrn."

"Im Fleisch" und "im Herrn" sind offensichtlich strikt parallel zu verstehen und bezeichnen die beiden Welten, die zusammenkommen sollen: die religiöse Sinn- und Deutungswelt ("im Herrn" [Jesus Christus]) und die gesellschaftliche Welt mit ihren irdischen Gegebenheiten ("im Fleisch"). Was "im Herrn" gilt, dass nämlich durch den Glauben an ihn alle zu Brüdern und Schwestern geeint sind, soll auch im gesellschaftlichen Leben gelten. Der "hohe Glaube" soll sich sozusagen "verfleischlichen" und damit erfahrbar werden.

Dabei darf die Rede vom "geliebten Bruder" nicht von den eigenen Geschwister-Erfahrungen her entschlüsselt werden. Auch die Bibel weiß, seit Kain und Abel, dass leibliche Geschwisterschaft und Liebe kein zwingendes Paar bilden. Der von Paulus verwendete "Bruder"-Begriff ist eher vom Buch Deuteronomium/5. Buch Mose inspiriert (vgl. dazu z. B Deuteronomium 15,11: "Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem notleidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.") Hier entsteht Bruderschaft nicht in erster Linie durch Verwandtschaft, sondern durch die gemeinsame Bezogenheit aller auf die Erwählung durch denselben Gott. Dieses Modell überträgt der jüdische Gelehrte Paulus auf Christus: Der gemeinsame Bezug auf ihn macht alle zu Brüdern und Schwestern. Insofern aber das Wesensmerkmal des Verhhältnisses Gottes und auch Jesu zu den Seinen die Liebe ist, soll diese Liebe auch das Leben der Geschwister untereinander bestimmen. Sie sind (von Gott/Christus) geliebte Brüder und Schwestern und sollen es zugleich (in Gegenseitigkeit) sein. Für das paulinische Christentum gilt dasselbe, was der Alttestamentler Lothar Perlitt einmal im Blick auf das Buch Deuteronomium gesagt hat: "Mit dem Wort 'Bruder' sollen der Liebe Beine gemacht werden!"

 

Und was ist mit dem Sklaventum?

Nun wird man zu Recht einwenden können, dass weder das Alte noch das Neue Testament die Skalverei aufgehoben bzw. verboten hat. Paulus schickt Onesimus als Sklaven zu seinem Herrn zurück, bittet nicht um eine Änderung von dessen Rechtsstatus. Er erbittet einen anderen Umgang. Das mag aus heutiger Sicht zu wenig sein. Bedenkt man allerdings, dass die Sklavenbefreiung erst im 19. Jh. beginnt, ist die Forderung des Paulus bereits revolutionär. Und es ist keienswegs auszuschließen, dass sie auch praktische Folgen hatte, zumindest im Rahmen der gemeindlichen Zusammenkünfte. Wenn Philemon nämlich Onesimus aufnehmen soll wie Paulus selbst, dann bedeutet das auch die Zuweisung eines entsprechenden Liege- oder Sitzplatzes beim Gastmahl, auf dem außerhalb der christlichen Gemeinde ein Sklave nie zu liegen gekommen wäre. Zumindest das Herrenmahl könnte damit der Ort sein, an dem die Gleichheit aller unter dem einen Herrn Jesus Christus praktiziert und damit erlebbar wurde.

Möglicherweise war dies eines der Wesensmerkmale, dass in damaliger Zeit das Christentum gerade für die sonst Minderberechtigten attrkativ machte.

 

 

 

Kunst etc.

Triclinium in der Villa Poppea in Oplontis (Photo AlMare, 2002) CC BY-SA 3.0
Triclinium in der Villa Poppea in Oplontis (Photo AlMare, 2002) CC BY-SA 3.0

Die prächtige Villa Poppea (eine zeitlang wurde diese Ausgrabung der zweiten Ehefrau Kaiser Neros, Poppaea Sabina [* ca. 30/32 n. Chr.; † 65 n. Chr.] zugeordnet) dürfte wohl das häusliche Anwesen des Philemon bei weitem überbieten.

Allerdings gibt der wunderbar ausgemalte Raum den Eindruck eines römischen "Speisezimmers" gut wieder: An drei Seiten des Raums waren wandläufig die Liegegelegenheiten (aus Stein mit Polstern oder richtige Sofas) aufgebaut, von denen aus man die in der Mitte des Raums dargebotenen Speisen zu sich nahm. Aus den Wörten "tri" ("drei") und "klinē" (Liege") entstand die Bezeichnung "triclinium" für diesen Raum.

Versetzt man sich in eine Mahlszene in griechisch-römischer Zeit, wird anschaulich, was Paulus im Philemonbrief meint: Onesimus rückt beim gemeinsamen Mahl der Gemeinde vom Tischdienst hoch auf die Liegesofas und damit auf dieselbe Ebene wie sein Herr Philemon. Denn er ist "geliebter Bruder" (Vers 16). Ob das dem Philemon so richtig geschmeckt hat, wissen wir nicht. Die Mahnung des Paulus aber steht im Raum!