Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (2 Kor 5,20 - 6,2)

20Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!

21Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

61Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt.

2Denn es heißt:

Zur Zeit der Gnade habe ich dich erhört, / am Tag der Rettung habe ich dir geholfen.

Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.

Überblick

"Versöhnung" ist für Paulus nicht nur ein Wort und auch keine abstrakte Theologie. Sie ist ihm Lebensauftrag, innerstes Anliegen und zugleich von Gott her Maßgabe für die Gestaltung des Alltagslebens, auch wenn die zusammenlebenden Menschen noch so unterschiedlich sind. 

 

Einordnung der Lesung in den Zweiten Korintherbrief und den näheren Zusammenhang

Anders als die Gemeinde von Phlippi, die als Lieblingsgemeinde des Paulus gilt, bereitete die Gemeinde von Korinth Paulus zahlreiche Probleme. Eine ganze Zeitlang drohte das Verhältnis zwischen ihnen zu zerbrechen. Nicht nur entsprach das Leben in der Gemeinde in manchen Punkten nicht dem Christus-Maßstab, wie es sich Paulus vorstellte. Darüber hinaus wurde das Missionswerk des Paulus durch sehr selbstbewusste Wanderprediger, die als Konkurrenten des Paulus auftraten, gestört. Offensichtlich gelang es ihnen, so viel Unsicherheit in die korinthische Gemeinde hineinzutragen, dass eigene Gemeindemitglieder gegen Paulus mit beleidigenden Worten polemisierten und ihn unter anderem der Geldunterschlagung beschuldigten. Dabei ging es um die Kollektengelder zur Unterstützung der Urgemeinde in Jerusalem. (Das alles ergibt sich besonders aus 2 Korinther 2,1-11 sowie aus Kapitel 8 und 10).

Damit hatte Paulus ein Vertrauensproblem, das sich vermutlich über ein Jahr zwischen den Jahren 54 und 56 n. Chr. hinzog. Lange versuchte er, die Spannungen brieflich sowie mit der Sendung seines Gefährten Titus als Boten aufzulösen. Am Ende reiste er allerdings auch selbst nach Korinth, scheint sich mit der Gemeinde einigermaßen ausgesöhnt zu haben und schreibt von dort seinen Brief an die Gemeinde in Rom.

Der Zweite Korintherbrief erweckt nun den Eindruck, in seinen letzten Kapiteln (10- 13) aus der Zeit der heftigen Auseinandersetzung zu stammen. Man nennt ihn auf dem Hintergrund von 2 Korinther 2,4 (vgl. auch 2 Kor 7,8) "Tränenbrief". Der erste Teil dürfte eher schon im Zeichen der Versöhnung gechrieben sein und auf den "Tränenbrief" zurückblicken. Mit anderen Worten: Der Zweite Korintherbrief ist vermutlich im Nachhinein aus zwei eigenständigen Paulusbriefen zusammengesetzt worden.

Die Zweite Lesung zum Aschermittwoch gehört in den ersten großen Briefteil (2 Kor 1 -9) hinein. Jetzt überrascht es auch nicht, dass ihr großes Thema die Versöhnung ist. Ihr wdmet Paulus eine Grundsatzausführung, die insgesamt von 2 Kor 5,11 bis 6,10 reicht. Dabei weist Paulus in 5,11-13 auf, wie sehr er seine bisherigen (schriftlichen) Bemühungen als Dienst der Versöhnung verstanden wissen möchte. Sodann (5,14-17) verankert er die Versöhnung im Kreuzestod Jesu Christi. Der eigentliche Urheber aber ist schließlich Gott selbst (5,18-21): "Aber das alles kommt von Gott ..." (Vers 18). In 2 Kor 6,1-2 folgt eine Ermahnung, die Chance der Versöhnung nicht zu verpassen bzw. abzulehnen. Die Verse 3-10 knüpfen wieder an 5,11-13 an: Paulus redet noch einmal von sich selbst und spricht sozusagen eine Selbstempfehlung als Vermittler in Sachen gottgewollter Versöhnung aus.  

Der Lesungsabschnitt setzt sich damit aus Teilen des Absatzes 2 Kor 5,18-21, nämlich Verse 20-21, und der Ermahnung 6,1-2 zusammen.

 

Versöhner "an Christi statt" (Verse 20-21)

Im ersten Vers steht die entscheidende Aussage am Schluss: "Lasst euch mit Gott versöhnen!" Es geht also um eine Veränderung der Beziehung zwischen Gott selbst und der korinthischen Gemeinde. Und tatsächlich hat das griechische Wort katallásso ("versöhnen") weder etwas mit "Sühne" nocht mit "Sohn" zu tun, wie es das Deutsche zumindest klanglich nahelegt, sondern mit állos "(der) andere". Um Veränderung vom Schlechten zum Guten geht es, um den Austausch von Feindschaft durch Liebe, vom Gegeneinander zum Miteinander. Konkret im Blick hat Paulus so manches Gebaren in der korinthischen Gemeinde von Angeberei und Protzgehabe, um Einfluss und Macht zu gewinnen, aber auch von übler Nachrede und ehrabschneidender Beleidigung. Dies alles betrachtet Paulus aber nicht einfach unter juristischen Gesichtspunkten oder unter der Rubrik menschlicher Anstand. Denn er hat mit der Gemeinde von Korinth nicht einen weltlichen Verband vor sich, sondern Menschen, die sich aufgrund ihrer Taufe zusammenghörig und auf Jesus Christus bezogen wissen. Den sollen sie in ihrem (Gemeinde-)Leben widerspiegeln. Insofern aber Christus  ganz auf die Seite Gottes gehört, geht es also in allem Tun immer um die Frage: Ist das jeweilige Handeln wirklich mit Gott vereinbar, oder schafft es nicht vielmehr einen Riss in der Verbindung Mensch - Gott. 

Der Glaube sagt nun dem Paulus: Gott selbst ist an der Kittung dieses Risses interessiert, der durch uns Menschen aufgrund unserer Schwäche immer wieder entsteht. Gott zieht sich nicht beleidigt zurück, lässt uns aber auch nicht hängen. In Christus sagt er: 'Ihr Menschen müsst nicht die letzte Folge Eures Fehlverhaltens tragen; die trage ich lieber selber. Dies zeige ich euch dadurch, dass mein Sohn Jesus gestorben ist, ohne selbst eine enzige Sünde begangen zu haben. Unser Verhältnis war immer ohne einen Riss.' Dieser schuldlose Tod Jesu schafft - bildlich gesprochen - ein Vakuum, in das alle denkbare Schuld dieser Welt hineinpasst. Sie ist, weil Jesus nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden ist, in Leben verwandelt. Das ist die Bedeutung der sehr verdichteten Formulierung in Vers 21, dass Gott den sündenlosen Christus für unsere Gerechtigkeit zur Sünde gemacht hat.

Das glauben zu können und wrklich zu glauben - so Paulus - verändert die Beziehung zu Gott, führt aber aus solchem Vertrauen auf Gottes Zuwendung auch zu einem zuwendenden, versöhnlichen Verhalten untereinander. Wenn also die Gemeinde untereinander versöhnt lebt, bezeugt sie nach innen wie nach außen, wie sehr sie vom Glauben an Gott wirklich getragen ist.

Da aber weder Gott selbst in direkter Weise zu hören ist und auch Christus nach Tod und Auferweckung nicht mehr sicht- und greifbar in dieser Welt ist, braucht es denjenigen und diejenige, die von dieser Versöhnung sprechen, sie zu ihrem Herzensanliegen machen und so weit wie möglich vorleben. In dieser Funktion sieht sich Paulus. Er sieht sich als Gesandten Jesu,  für den er unterwegs ist. Dieses "für" (griechisch: hypèr) ist doppelt zu verstehen: Paulus missioniert zugunsten Jesu, aber auch stellvertretend für ihn ("an Christi statt"). 

 

Die Zeit der Gnade ist da (Verse 6,1-2)

Auf die "Grundsatzerklärung" in den vorangehenden Versen folgt die eindringliche Ermahnung des Paulus, die Chance, in der Zeit nach Kreuzestod und Auferweckung Jesu zu leben, auch tatsächlich zu nutzen. Die Gemeinde soll sich von Gottes Versöhnungswillen in ihrer konkreten Lebenspraxis wie auch zur "Reparatur" des von Misstrauen getrübten Verhältnisses zwischen ihr und Paulus anstecken lassen. Unter Rückgriff auf ein Wort aus dem Buch Jesaja (Jes 48,9) beschreibt er diese Zeit als "Zeit der Gnade", als gottgewährte Zeit der Veränderung.  

Auslegung

 "Versöhnung" ist nicht nur ein Wort

Bei Paulus sind hohe Theologie und Alltagswirklichkeit keine voneinander getrennten Welten. Im Gegenteil: Für ihn antwortet der Glaube auf Fragen und Nöte des Menschen und ermutigt darin zugleich auch, das praktische Leben zu gestalten.

Die Zweite Lesung am Aschermittwoch lässt deutlich erkennen, dass Paulus seine Theologie zwar durchaus schriftlich, aber keineswegs "am grünen Tisch" oder als "Schönwettergedanken" entwickelt. Mit dem Bekenntnis zum versöhnenden Gott, der lieber den schuldlosen Tod seines Sohnes erträgt als den endgültigen Bruch zwischen sich und den Menschen, die immer wieder Schuld auf sich laden, antwortet Paulus auf eine Situation, in der der Bruch zwischen ihm und der Gemeinde droht. Sein Glaube an den in Christus wirkenden Gott setzt in ihm nie erlahmende Kräfte frei, von sich aus Wege der Versöhnung aufzuspüren, es immer wieder "anders" zu versuchen als die, die mit Beleidigung, Unterstellung oder Imponiergehabe auftreten. Ja, Paulus sieht seinen Auftrag und seine Lebensaufgabe darin, für Christus und statt seiner versöhnend, und das heißt: einheitsstiftend unterwegs zu sein. 

Das geschieht bei ihm keineswegs nur durch mündliche oder schriftliche Predigt, sondern in sehr konkreten Taten. Dazu gehört, dass er die Korinther Vertrauensleute bestimmen lässt, die ihn beim Kollektentransport nach Jerusalem begleiten und jegliche Möglichkeit der Geldunterschlagung ausschließen sollen (vg. 2 Kor 8,16-24). Dieselbe Grundhaltung zeigt sich, wenn er im Philemonbrief sich für den geflohenen Sklaven Onesimus einsetzt und seinen Herrn Philemon nicht nur ermahnt, Onesimus als "geliebten Bruder" zu sich zurückzunehmen, sondern auch anbietet:  Falls Onesimus Geld gestohlen habe solle, werde er, Paulus, es aus eigener Tasche ersetzen (Philemon 18).

So wird deutlich, dass Paulus es ernst meint, wenn er von Versöhnung spricht und im Griechischen ein Wort verwendet, dass im Letzten besagt, etwas zu "ändern" - hin zu größerer Einheit.

 

Eine Frage der Beziehung

Diese "Änderung zur Einheit" ist für Paulus eine Beziehungsfrage. Denn er ist zutiefst überzeugt: Zwischenmenschliche Beziehungen sind, zumindest unter Getauften, gleichermaßen Folge und Spiegel der Gottesbeziehung. Wer glauben kann, dass Gott beständig "hinter uns her ist" im Sinne liebenden Werbens, wird sich von dieser Bewegung anstecken lassen, die keineswegs einfach in den Genen des Menschen liegt. Wo aber das versöhnte oder zumindest Versöhnung suchende Mitienander gelingt, wird es zum Spiegel der Einheit des einen Gottes. Die Zeit, daran zu arbeiten, die "Zeit der Gnade" läuft immer noch. Der Aschermittwoch läutet sie nicht erst ein, setzt aber auch keine Frist, als sei sie mit der Fastenzeit vorbei. Vielmehr ruft er sie in Erinnerung.

Kunst etc.

Molecule Man (2013), Copyright CC BY-SA 3.0
Molecule Man (2013), Copyright CC BY-SA 3.0

Der Molecule Man wurde im Mai 1999 von dem amerikanischen Bildhauer Jonathan Borofsky geschaffen. Es handelt sich um eine Drei-Personen-Skulptur, die  nahe dem Schnittpunkt der drei Ortsteile Kreuzberg, Alt-Treptow und Friedrichshain in Berlin aufgestellt wurde. Der Künstler selbst schreibt zu dieser Skulptur:

„[Die Skulptur soll daran erinnern …] dass ...  es das Ziel aller kreativen und geistigen Traditionen ist, Ganzheit und Einheit innerhalb der Welt zu finden.“ (zitiert nach dem Wikipedia-Eintrag zum Molecule Man: https://de.wikipedia.org/wiki/Molecule_Man).

Was der Künstler hier eher aus einer philosophisch-geistesgeschichtlichen Betrachtung sagt, bringt gut zur Sprache und zur Anschauung, was Paulus aus der Tradition des jüdischen Glaubens (s. sein Zitat aus Jesaja in 2 Kor 6,1) und seines Glaubens an Jesus Christus als die von Gott herkommende Versöhungsgabe formuliert. Die Bewegung der drei Menschen aufeinander zu ist ein wunderbares Symbol für die mit der Versöhnung angesprochene "Veränderung". Aus christlicher wird man, auch wenn der Künstler dies nicht im Blick gehabt haben mag, auf den dreifaltigen Gott als den eigentlichen Bewirker der Versöhnung  verwiesen: 

"Aber das alles kommt von Gott ...", wie es zwei Verse vor Beginn der Lesung zum Aschermittwoch heißt (2 Kor 5,18).