Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Apg 5,12-16)

12Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder im Volk. Alle kamen einmütig in der Halle Salomos zusammen.

13Von den Übrigen wagte niemand, sich ihnen anzuschließen; aber das Volk schätzte sie hoch.

14Immer mehr wurden im Glauben zum Herrn geführt, Scharen von Männern und Frauen.

15Selbst die Kranken trug man auf die Straßen hinaus und legte sie auf Betten und Liegen, damit, wenn Petrus vorüberkam, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiel.

16Auch aus den Städten ringsum Jerusalem strömten die Leute zusammen und brachten Kranke und von unreinen Geistern Geplagte mit. Und alle wurden geheilt.

Überblick

„Legt mich in seinen Schatten!“ - War das der gängige Wunsch eines Kranken, wenn er wusste, der Apostel Petrus geht vorüber?

 

1. Verortung im Buch
Die Notiz über das Wunderwirken der Apostel gehört zu den Erzählungen, die unmittelbar an die Erfahrung des Pfingstwunders in Apostelgeschichte (Apg) 2, 1-13 anknüpfen. Die Jünger sind mit dem Heiligen Geist ausgestattet und treten in ihrem Tun und Verkünden im wahrsten Sinne in die Nachfolge Jesu ein. In ihren Worten und in ihren Taten spiegelt sich das Wirken Jesu wieder. Bisher finden alle Ereignisse in Jerusalem statt, so dass die einzelnen Erzählungen eng miteinander verknüpft sind, obwohl sie zum Teil lose aufeinander folgen, also nicht über Orts- oder Zeitangaben direkt verbunden sind. Alles spielt bisher irgendwie in Jerusalem und dabei ist der Blick mal mehr auf die Apostel selbst und mal mehr auf die jungen Gemeinde als Ganzes gerichtet. So wurde in Apg 5,1-11 von einem Ehepaar berichtet, dass der Gütergemeinschaft der Gemeinde nicht entsprach. In Apg 5,17-42 schließt sich an unsere Erzählung die Verhaftung der Apostel und deren Verhör vor dem Hohen Rat an.

 

2. Aufbau
Die Verse sind inhaltlich über das Motiv der Wundertaten miteinander verbunden. Während die Verse 12-14 eher allgemein berichten, nehmen die Verse 15-16 die Gestalt des Petrus in den Fokus spielt das Motiv für ihn exemplarisch durch.

 

3. Erklärung einzelner Verse


Vers 12: In Apg 4,30 hatte die Gemeinde um „Heilungen und Zeichen und Wunder“ gebeten. Dies erfüllt sich nun und wird berichtet. Mit der „Halle Salomos“ wird auf den Tempel verwiesen, bereits in Apg 3,11-12 war davon berichtet worden, dass Petrus und Johannes dort wirken und lehren. Hier wird der Tempel als Wirkungsstätte auf „alle“ Apostel ausgedehnt.

 

Verse 13-14: Die Reaktion auf das Wunderwirken der Apostel ist ehrfurchtsvoller Abstand, so berichtet Lukas, der Autor der Apostelgeschichte. Die Apostel genießen ein hohes Ansehen, gleichzeitig kommt man ihnen nicht zu nahe. Ob dies an der zuvor berichteten Episode mit dem Ehepaar Hananias und Sapphia und deren Bestrafung (Apg 5,1-11) liegt oder einfach daran, dass sie Apostel mit der Aura der Wundertäter umgeben sind, bleibt offen. Trotz der Vermeidung eines direkten Kontaktes gibt es jedoch zu immer mehr Menschen, die zum Glauben kommen.

 

Vers 15-16: Exemplarisch wird nun für Petrus berichtet, wie sich die Begegnungen zwischen Aposteln und Hilfesuchenden auch im ehrfurchtsvollen Abstand abspielt. Man trägt die Kranken auf die Straße und hofft, dass das Vorüberziehen des Wundertäters hilft. Im Markusevangelium wird ähnliches über die Begegnung mit Jesus erzählt (Markusevangelium 6,56), auch ihm werden die Kranken „auf den Weg gelegt“ in der Hoffnung, sie könnten wenigstens mit dem Saum seines Gewandes in Berührung kommen und dadurch Heilung erfahren. Wie der „Saum des Gewandes“ ist auch der „Schatten“ ein Bruchstück einer direkten Berührung mit der Person, zu der das Gewand oder der Schatten gehört. Daher – so der Gedanke – kann bereits durch diese Form der Nähe eine Kraft vom einen zum anderen übergehen. Indem Lukas bewusst Petrus in den Mittelpunkt rückt und davon berichtet, dass man ihm auf ähnliche Weise wie Jesus selbst Kranke nahebringt, wird die Autorität des Petrus als Führungsfigur des Apostelkreises betont. Das Wirken der Apostel bleibt nicht auf Jerusalem beschränkt, auch wenn sie sich selbst erst einmal alle dort aufhalten. Bewusst berichtet Lukas, dass auch aus umliegenden Städten Menschen zusammenströmen.

Auslegung

Das Staunen der Menschen über die Fähigkeiten der Apostel muss wirklich groß gewesen sein und ebenfalls Bewunderung und Furcht, die sich daraus ergaben. In den ersten Kapiteln seiner Apostelgeschichte stellt Lukas die Geschehnisse rund um die Apostel in vollkommen idealisierter Weise dar. Zwar steht auch über den späteren Episoden die Idee, dass es um Beispielerzählungen für das Leben und Handeln der Apostel und ersten christlichen Gemeinden geht, doch insbesondere die Ereignisse in Jerusalem in den Kapiteln 1-6 sind idealtypische Geschichten, die nicht einfach den Alltag der jungen Gemeinde abbilden wollen.

Dennoch erzählt uns auch die heutige Lesung etwas von der Stimmung und dem Enthusiasmus, die nach Pfingsten unter den Jüngern Jesu herrschten. Im Sprachenwunder des Pfingsttages wird den Jüngern klar: Wir haben eine Mission und wir haben die Kraft dazu! Das Bewusstsein von Jesus selbst gesendet und Zeugen seines Wirkens zu sein (Apg 1,8), wird plötzlich spürbar. Womöglich haben die Jünger haben aus der Geistsendung ein Selbstbewusstsein und eine Sicherheit im Auftreten gewonnen, dass sie nun offensiv ihre Überzeugung vertreten: Jesus ist der Sohn Gottes, er ist gestorben und auferstanden und wir waren dabei. Nun nehmen sie den Gedanken der Nachfolge wörtlich und treten ein in das Wirken, dass sie von Jesus selbst gelernt haben. Sie setzen fort, was er begonnen hat und wissen sich durch den Heiligen Geist dazu ermächtigt.
Wenn nun die Apostel Kranke heilen, dann machen sie darin das Reich Gottes mitten unter den Menschen sichtbar, so wie Jesus es ihnen schon einmal aufgetragen hatte: „Und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen.“ (Lukasevangelium 9,2) Wie bei Jesus selbst, erregt das Handeln der Apostel Aufsehen und Bewunderung, es zieht an. Selbst wenn die Jünger ihren aktuellen Standort Jerusalem noch nicht verlassen haben, so breitet sich die Kunde ihres Handelns aus und man kommt ihretwegen in die große Stadt.

Die Erzählung von der Wunderkraft der Apostel, von ihrem Ansehen und der Heilkraft des Petrus-Schattens will die Ausstrahlungskraft der Jünger Jesu deutlich machen. Sie sind nicht zu bremsen! Die Realität der Auferstehung Jesu und das Geschenk des Heiligen Geistes beflügeln sie und bestärken sie darin, dem Auftrag Jesu gerecht zu werden und Zeugen seines Wirkens zu sein.

Nicht auszudenken, was geschieht, wenn eine Woche nach Ostern die in Taufe und Firmung mit Geist beschenkten Christen mit einer solchen Strahlkraft von ihrem Glauben Zeugnis geben. Kranke würde man ihnen sicher nicht vor die Füße legen, aber man würde sich mit den persönlichen Nöten und Ängsten an sie wenden und auf einen guten Rat hoffen. Oder man würde um ihr Gebet bitten. Oder man würde wissen wollen, was ihnen eine solche Freude und Ausstrahlung verleiht.

Kunst etc.

Masaccio, Der Heilige Petrus heilt die Kranken mit seinem Schatten (15. Jahrhundert), restauriertes Fresko in der Kirche Santa Maria del Carmine in Florenz.

Masaccio, Der Heilige Petrus heilt die Kranken mit seinem Schatten [Public domain]
Masaccio, Der Heilige Petrus heilt die Kranken mit seinem Schatten [Public domain]