Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 9,11b-17)

11 Er empfing sie freundlich, redete zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.

12Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf und sagten zu ihm: Schick die Leute weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort.

13Er antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für dieses ganze Volk etwas zu essen kaufen.

14Es waren nämlich etwa fünftausend Männer. Er aber sagte zu seinen Jüngern: Lasst sie sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig lagern!

15Die Jünger taten so und veranlassten, dass sich alle lagerten.

16Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.

17Und alle aßen und wurden satt. Als man die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll.

Überblick

Den Hunger stillen oder satt werden? Wie die Zwölf lernen, wie sie mit ihren Gaben umgehen.

1. Verortung im Evangelium
Das 9. Kapitel des Lukasevangeliums (Lk) beginnt mit der Aussendung der Zwölf Apostel (Lk 9,1-6). Der Evangelist berichtet zum Ende des Abschnitts (Vers 6) von ihrer Verkündigungs- und Heilungstätigkeit. In Lk 9,10 kommen die Apostel zurück und berichten davon, „was sie alles getan hatten“. Nach ihrem Bericht zieht er sich das erste Mal mit den Aposteln zurück – der Rückzug wird jedoch durch die Ankunft der „Menge“ (Vers 11) beendet. Auf die Speisung der 5000 folgt die Frage Jesu an seine Jünger „für wen haltet ihr mich“ und das Christusbekenntnis des Petrus „für den Christus Gottes“ (Lk 9,18-22).

Die Erzählung der Speisung der 5000 ist ein sogenanntes „Geschenkwunder“ oder aber die Erzählung einer „wunderbaren Überwindung materieller Mangelsituation“.

 

2. Aufbau
Vers 11b dient der Einordnung der Szene in den Kontext. In den Versen 12-14a wird die Situation bzw. die Problemlage geschildert. Die Verse 14b-17b zeigen wie die Notlage auf wundersame Weise beendet wird. Der letzte Teil von Vers 17 (17c) verdeutlicht die Größe des Geschehens durch die Notiz über die Reste der Speisen.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 11b: Die Notiz vom freundlichen Empfangen der Menschenmenge durch Jesus lässt ihn in die Rolle des „Gastgebers“ gleiten, mit der der Evangelist Lukas im Folgenden bewusst spielt. Die Szene erinnert zudem an Lk 8,40, dort wird Jesus von einer wartenden Menschenmenge empfangen. Lukas schlägt sicher bewusst noch einen zweiten Bogen aus der Szene Vers 11b heraus. Denn auch von Paulus wird berichtet, wie er den Menschen gegenüber als freundlicher Gastgeber auftritt, der das Reich Gottes verkündet (Apostelgeschichte 28,30-31).

 

Verse 12-14a: Mit der Schilderung der Tageszeit („der Tag geht zur Neige“ Vers 12) deutet Lukas schon an, dass sich ein zu lösendes Problem anbahnt. Die Menschen, die Jesus gefolgt sind, werden wie auf einer Pilgerschaft oder Reise eine sichere Unterkunft für die Nacht und Verpflegung benötigen. In der Emmauserzählung nutzt Lukas ebenfalls die Formulierung vom zur Neige gehenden Tag (Lk 24,29), auch dort ist die Tageszeitangabe verknüpft mit der Frage, was am ausgehenden Tag für Reisende notwendig ist. Die Zwölf Apostel bemerken diese Situation und ergreifen die Initiative. Sie machen Jesus auf die Not aufmerksam und erwarten von ihm eine Lösung. Gleichzeitig signalisieren sie unterschwellig: Hier und bei uns kann ihnen nicht geholfen werden. Dies setzt sich in Vers 13 fort, wenn sie von den geringen eigenen Mitteln („fünf Brote und zwei Fische“) sprechen. Der Auftrag Jesu an die Jünger jedoch ist ein anderer: Sie sollen die Rolle der Gastgeber einnehmen und den Menschen zu essen geben. Die abschließende Angabe der Zahl hungriger Menschen („etwa 5000 Männer“) betont die Größe der Not und die reale Herausforderung.

 

Verse 14b-17b: Nun ist Jesus selbst wieder in der Rolle des Gastgebers. Er gibt den Aposteln Anweisungen für die Menge und nimmt anschließend die Rolle des jüdischen Hausvaters bei der gemeinsamen Mahlfeier ein, indem er die Brote segnet und weitergibt.
Weder das eigentliche Wunder noch die Mahlszene werden von Lukas geschildert. Er springt direkt zum Ende des Mahls und der Sättigung der Menge.

 

Vers 17c: Das Wunder der Speisung der 5000 aus den geringen Gaben wird bestätigt durch die abschließende Notiz von der Sammlung der Reste. Ihre Menge zeigt das Wundergeschehen, die Fülle der Gaben an. Die Zwölfzahl der übriggebliebenen Körbe ist ein wichtiger Hinweis auf die Deutung der Geschichte im Lukasevangelium. Zu Beginn der Erzählung war die Zwölfzahl der Apostel benannt worden, hier schließt sich die Rahmung der Erzählung und eröffnet die Interpretation.

Auslegung

Die Speisung einer großen Menschenmenge mit überschaubaren Mitteln und die Fülle der vermehrten Gaben findet sich als Erzählung sowohl im Alten Testament (Elischa in 2. Buch der Könige) als auch in den unterschiedlichen Darstellungen der Jesusgeschichte. Interessant ist, dass trotz der unterschiedlichen Prägungen in den einzelnen Evangelien (Matthäusevangelium 14,13-21; Markusevangelium 6,30-44; Johannesevangelium 6,1-13) viele Gemeinsamkeiten in den Erzählungen zu finden sind. Dies lässt darauf schließen, dass es eine gut überlieferte Form der Speisungsgeschichte gab, die dann von den einzelnen Autoren entsprechend umgeformt in ihre Evangelien aufgenommen wurde. Eine solch gute und gemeinsame Grundlage der verschiedenen Interpretationen in den Evangelien zeigt jedoch, dass der Kern der Erzählung für die frühen Christen eine große Bedeutung hatte: Jesus stillt den Hunger der Menge und die Fülle der göttlichen Gaben wird in den übriggebliebenen Broten deutlich.

Von diesem Erzählkern ausgehend setzt der Evangelist Lukas zwei Akzente in seiner Darstellung. Zum einen geht es selbstverständlich um die Gaben, die Jesus in Fülle denen schenkt, die ihm nachfolgen, die sich sehnen nach der Botschaft vom Reich Gottes und sich Heilung erhoffen. Denn dies ist der Grund, warum sie ihm auch dann folgen, wenn er sich vermeintlich zurückziehen will (Vers 14). Ihnen wendet er sich zu, ihre Not sieht er und schenkt ihnen überreich die Gaben. Der Moment des Gebets („er blickte zum Himmel auf, sprach den Lobreis“) wird von Lukas betont, weil er verdeutlicht, dass Jesus mit göttlicher Vollmacht die Fülle der Gaben spendet. Es geht nicht einfach um die wunderbare Vermehrung der Brote, sondern um den Ursprung der Fülle, die in Gott selbst entsteht.

Zum anderen geht es Lukas aber auch wesentlich um die Zwölf Apostel und die Fortsetzung der Reich Gottes Botschaft in der nachösterlichen Zeit. Er schreibt für eine Gemeinde am ausgehenden 1. Jahrhundert nach Christus und möchte dieser Gemeinde am Beispiel der Apostel deutlich machen, wie sie in der Nachfolge Jesu und der Apostel mit ihren Gaben umgehen soll. Dazu spielt Lukas einerseits bewusst mit der Gastgeberrolle, die immer wieder zwischen Jesus und den Aposteln hin und her wechselt, den Zwölfen aber eigentlich mit Vers 12 „Gebt ihr ihnen zu essen!“ deutlich zugesprochen wird. Andererseits durchziehen die Motive „Hunger“ und „satt werden“ die gesamte Erzählung. Es geht darum, den Menschen den Hunger, der ganz natürlich am Ende des Tages auftritt, zu stillen, sie zu sättigen. Dies gelingt, wenn die Jünger mit den ihnen zur Verfügung stehenden Gaben gut umgehen. Wenn sie darauf vertrauen, dass sie durch Gott mit dem, was sie haben, auch vollbringen können, was notwendig ist. Jesus hilft mit seinem Tun den Jüngern in der Erzählung, dies zu erkennen. Es sind seine Anweisungen und sein Gebet, die hier noch das Wunder vollbringen. Aber die Zwölf haben bereits die Voraussetzungen, auch selbst auf diese Weise vom Reich Gottes zu künden. Sie haben es bereits erfahren, nachdem sie ausgesendet wurden (Lk 9,10) und es zeigt sich in ihrer Wachsamkeit für die Not der Menschen (Vers 12). Auf ihrem weiteren Weg mit Jesus werden sie immer mehr lernen, welche Gaben ihnen gegeben sind, weil sie auf Gott vertrauen. In der Darstellung des Lukas mündet dies in der Apostelgeschichte in den kraftvollen Taten, die von den Aposteln selbst berichtet werden.

Kunst etc.

St. Oswald bei Freistadt (Oberösterreich ). Pfarrkirche hl. Oswald - Neogotischer Hochaltar (1873) von Franz Oberhuber: Wunderbare Brotvermehrung ( Relief an der Predella )  Wolfgang Sauber [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
St. Oswald bei Freistadt (Oberösterreich ). Pfarrkirche hl. Oswald - Neogotischer Hochaltar (1873) von Franz Oberhuber: Wunderbare Brotvermehrung ( Relief an der Predella ) Wolfgang Sauber [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Auf der Darstellung auf einem Hochaltar (1873) sind drei wichtige Aspekte der Erzählung zu sehen: Jesus als derjenige, der die Speisen segnet. Die unüberschaubare Menschenmasse im Hintergrund, deren Not gelindert wird. Die Jünger im Vordergrund, die das Wenige verteilen.