Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (2 Tim 1,6-8.13-14)

6Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist!

7Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

8Schäme dich also nicht des Zeugnisses für unseren Herrn und auch nicht meiner, seines Gefangenen, sondern leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft:

13Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast in Glaube und Liebe in Christus Jesus!

14Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!

Überblick

Verkündigung ist keine Aufgabe für ängstliche Menschen. Der 2. Timotheusbrief ruft dazu auf, ein anvertrautes Gut in Ehrfurcht und Besonnenheit und Liebe zu bewahren.

1. Verortung im Brief
Der 2. Brief an Timotheus (2 Tim) gehört zusammen mit dem 1. Brief an Timotheus und dem Titusbrief zu den sogenannten Pastoralbriefen. In diesen wendet sich der Verfasser, der sich als Paulus ausgibt, um seinen Worten eine größere Autorität zu verleihen, an Gemeindeleiter in Ephesus (Timotheus) und Kreta (Titus). Grundthema der Briefe ist die Frage nach einer verlässlichen Weitergabe des Evangeliums angesichts vielfältiger Herausforderungen.

Die Verse 6-8 und 13-14 entstammen dem ersten inhaltlichen Abschnitt des 2. Briefs an Timotheus. Dieser folgt auf die typischen einleitenden Briefelemente: Eingangsgruß und Adressat (Verse 1-2) und Danksagung (Verse 3-5).

 

 

2. Aufbau
Die Verse 6-8 rufen Timotheus seine Aufgabe und das ihm von Paulus anvertraute Amt samt seinen theologischen Implikationen (Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit) ins Gedächtnis. In ihnen spielt die persönliche Beziehung zwischen Paulus und Timotheus eine wichtige Rolle.
Die Verse 13-14 nehmen den Inhalt und Charakter der Aufgabe in den Blick.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 6: Der Vers schließt mit „darum“ unmittelbar an das in Vers 5 Gesagte an. Dort dankt der Verfasser dem Timotheus für seinen „aufrichtigen Glauben“. Dieser ist dem Timotheus durch seine Familie überliefert (Mutter und Großmutter, vgl. Apostelgeschichte 16,1-3). Die Tatsache, dass Timotheus seinen Glauben bereits als ihm von anderen anvertrautes Gut erlebt, ist für die Argumentation des Briefes besonders wichtig.
Ebenso von Bedeutung ist die Erinnerung an die Übertragung der Aufgabe der Gemeindeleitung. Paulus soll die darin übertragene Gnade „wiederentfachen“. Anders als in der Parallelüberlieferung in 1 Tim 4,14 spricht der Verfasser hier dezidiert von einer Auflegung der Hände des Paulus. In 1 Tim 4,14 sind es die Ältesten, die durch Handauflegung die Aufgabe übertragen. Die Engführung auf Paulus hier ist begründet in der engen Beziehung zwischen dem Apostel und Timotheus auf die der Brief in besonderer Weise Bezug nimmt.

 

Vers 7: Der angesprochene „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist der Geist, der dem Timotheus als Gabe Gottes mit in seine Aufgabe als Gemeindeleiter hineingegeben wird. Der Verfasser liefert hier den theologischen Hintergrund für die Anforderungen und Ermahnungen der folgenden Verse. Die Formulierung „nicht einen Geist der Verzagtheit“ schlägt eine Brücke zu Vers 8.

 

Vers 8: Die Ermahnung sich nicht zu schämen nimmt die aktuelle Situation des Timotheus in den Blick. Die erfahrenen Anfeindungen und die Auseinandersetzung mit Irrlehrern sollen sich nicht in Verzagtheit, das Evangelium zu verkünden niederschlagen. Er soll nicht davor zurückweichen auch in schwierigen Situationen Zeugnis für Jesus Christus und Paulus abzulegen. Die Erinnerung an Paulus, den „Lehrer“ des Timotheus appelliert an deren enge, fast familiäre Verbindung. In 2 Tim 2,1 nennt ihn der Verfasser, der sich selbst als Paulus bezeichnet sogar „Kind“. So wie Timotheus der Glaube durch seine leibliche Familie (2 Tim 1,5) vermittelt wurde, so auch durch Paulus, der mit seinem Lebens- und Leidenszeugnis ein Beispiel ist für die unerschrockene Verkündigung des Evangeliums.

 

Verse 13-14: Nun gerät die Rolle des Timotheus stärker in den Blick: Er ist – wie Paulus – ein Vorbild für die Gemeinde. Die „gesunden Worte“ die seine Vorbildfunktion qualifizieren sind sowohl die Treue zur Überlieferung des Evangeliums als auch das Handeln entsprechend der Weisungen des Evangeliums. „Glaube und Liebe“ sind als Tugenden etwas formelhaft hier in den Vers eingebunden, sie beschreiben aber in Kurzfassung, wie die Vorbildfunktion des Timotheus erlebbar sein soll. Das Festhalten an der Botschaft ist mit Glauben und Liebe zu verrichten.

Das „anvertraute Gut“ (griechisch paratheke, παραθήκη) bezeichnet das Hinterlegte, und für einen Zeitraum Anvertraute. Es handelt sich hierbei um einen spezifischen Begriff aus den Pastoralbriefen. Er wird verwendet, um den anvertrauten Glauben in seiner wahren und durch Autoritäten (Jesus, Apostel) vermittelten Form zu umschreiben. Im Hintergrund stehen dabei Vorstellungen des römischen und griechischen Rechts: Ein Gut wird jemandem verlässlich anvertraut, es soll verantwortlich verwaltet und zur gegebenen Zeit unversehrt zurückgegeben werden.

Auslegung

Als Gemeindeleiter steht Timotheus immer wieder in schwierigen Situationen. Die Botschaft des Evangeliums eckt an, sie ist sperrig – wie auch die des heutigen Sonntags. Menschen für das Evangelium zu begeistern und für den Glauben an Gott und seinen Sohn Jesus Christus zu gewinnen, ist um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert nach Christus kein Selbstläufer. Genauso wenig selbstverständlich ist es, eine Gemeinde, auf die die unterschiedlichsten Einflüsse einprasseln, zusammenzuhalten. In diese Situation hinein ermahnt der Verfasser des 2. Timotheusbriefes, der sich selbst als Paulus ausgibt, den Timotheus. Er ermutigt ihn, an dem festzuhalten, was er nicht nur von seiner Familie, sondern auch von Paulus selbst empfangen hat. Um dies für seine Gemeinde zu tun, hat Timotheus die Hände aufgelegt bekommen und „den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ noch einmal explizit zugesprochen bekommen. Dieser Geist soll ihn vor Verzagtheit bewahren und ihm Mut geben, das Evangelium unerschrocken zu verkünden. So wie es auch Paulus sein Vorbild und Lehrer getan und dafür gelitten hat. Sich mutig selbst einzureihen in diese Vorbildfunktion und ohne Scham Jesus Christus als Gekreuzigten und Auferstandenen zu verkünden, selbst wenn dies Leiden und Bedrängnis nach sich zieht, dazu wird Timotheus ermutigt.
Und er wird daran erinnert, dass ihm etwas Kostbares anvertraut wurde. „Das anvertraute Gut“ des Glaubens soll Timotheus bewahren und notfalls gegen Anfeindungen verteidigen. Dabei jedoch darf er nie vergessen, dass das, was ihm anvertraut wurde, nicht sein Eigentum ist. Er ist der Verwalter eines Gutes, das er schützen und getreu weitergegeben werden soll. Die eigentliche Herausforderung liegt für einen Gemeindeleiter wie Timotheus genau hier: Das Anvertraute soll bewahrt und zugleich weitergeben werden. Denn so wie ihm der Wert des Gegebenen in Erinnerung gerufen wird, wird er auch aufgefordert, unerschrocken Zeugnis für das Evangelium zu geben und damit die Botschaft weiterzugeben. Um die Spannung zwischen der Angst und Sorge, das Glaubensgut getreu zu verwalten und vor Angriffen zu schützen und dem Wunsch, es vielen Menschen weiterzugeben, aufzulösen, erinnert ihn der Verfasser an den Geist, der ihm mit der Übergabe der Aufgabe anvertraut wurde. Die Kraft des Geistes wird Timotheus brauchen, um das Anvertraute vor falschen Interpreten zu schützen. Den Geist der Besonnenheit, um zu verstehen, dass er selbst nur der Verwalter, nicht der Eigentümer dieses Gutes ist; es ist ihm selbst genauso anvertraut, wie vor ihm bereits Generationen, die es dann an ihn abgegeben haben. Und den Geist der Liebe benötigt Timotheus, um den Glauben mit Blick auf die Menschen, die ihm anvertraut sind, weiterzugeben. Und dabei wird er immer wieder die Botschaft umformulieren müssen, um sie für konkrete Menschen in konkreten Situationen zugänglich zu machen ohne ihren Kern zu verändern. Sowohl das Spannungsfeld, in dem sich der Gemeindeleiter Timotheus bewegt, als auch die Erinnerung an die Kraft, Besonnenheit und Liebe, die ihm für die Aufgabe mitgegeben wurde, reichen dabei weit über die historische Situation des 2. Timotheusbriefes hinaus.