Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Jes 60,1-6)

601Steh auf, werde licht denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des HERRN geht strahlend auf über dir.

2Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht strahlend der HERR auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir.3Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz.

4Erhebe deine Augen ringsum und sieh:

Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter werden auf der Hüfte sicher getragen.5 Da wirst du schauen und strahlen, dein Herz wird beben und sich weiten.

Denn die Fülle des Meeres wendet sich dir zu, der Reichtum der Nationen kommt zu dir.6Eine Menge von Kamelen bedeckt dich, Hengste aus Midian und Efa. Aus Saba kommen sie alle, Gold und Weihrauch bringen sie und verkünden die Ruhmestaten des HERRN.7Alle Schafe von Kedar sammeln sich bei dir, die Widder von Nebajot sind dir zu Diensten. Sie steigen zum Wohlgefallen auf meinen Altar; so verherrliche ich das Haus meiner Herrlichkeit.

Überblick

Selbst Tiere werden sich selbst freiwillig für Gott opfern, wenn Zion im göttlichen Glanz neu erscheint.

 

1. Verortung im Buch

Die Ankündigung, dass alles Fleisch die Herrlichkeit Gottes sehen wird (Jesaja 40,5), wird verwirklicht werden. Das Aufscheinen Gottes über seiner Stadt führt zur Zurückführung des zerstreuten Volkes, die eines der Haupthemen von Jesaja 40-55 ist. Nun in Jesaja 60-62 steht die allumfassende Erlösung im Zentrum. Es gibt keine Anklagepunkte und keine Urteile mehr; es werden keine Bedingungen für den Zugang zum angebotenen Heil festgelegt, außer der Bereitschaft, es anzunehmen.

 

2. Aufbau

In Jesaja 60 wird Zion wie eine Frau angesprochen und ihr wird eine fast messianische Rolle für die Völkerwelt zugeschrieben. Im Zentrum der ersten drei Verse steht Jerusalem, das gemäß den folgenden Versen zum Anziehungspunkt nicht nur für die Israeliten im Exil, sondern für die gesamte Völkerwelt, ja für die gesamte Schöpfung wird.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Die Stadt Zion wird angesprochen, ohne dass ihr Name genannt wird. In den folgenden Versen werden neben Aufforderungen an sie, fast ausschließlich verheißende Aussagen über ihre Zukunft gemacht. Doch der erste Satz stellt ein bestehendes Ereignis fest: Das Licht Zions ist bereits auf dem Weg zu ihr oder sogar schon da! Das bedeutet, die Herrlichkeit Gottes wird an ihr und über ihr sichtbar. Die Präsenz Gottes in der Welt, wird in Jerusalem sichtbar und die Stadt soll deshalb selbst zum Licht werden und dies wiederspiegeln. Was dies bedeutet hatte zuvor Jesaja 59,20 definiert: „Doch für Zion kommt der Erlöser und für alle in Jakob, die umkehren von ihrem Vergehen - Spruch des HERRN.“

Vers 2: Im Kontrast zur gesamten Welt, wird Zion nicht nur ein Licht in der Welt sein, sondern die Völker erleuchten. Sie werden wie die Motten vom Licht angezogen werden. Die Dunkelheit der Welt, wird durch Gott in seiner Beziehung zu Israel für die Stadt und die Völker erleuchtet. Dieses Bild verdeutlicht die besondere, exklusive Beziehung Gottes zu seiner Stadt. Dreimal wird in den Versen 1-2 betont, dass das Licht und die Herrlichkeit Gottes nur über Zion aufgehen werden.

Vers 3: Aus dem Licht Gottes wird das Licht Zions. Gott erleuchtet mit seiner Herrlichkeit nicht nur die Stadt, sondern lässt sie selbst zum Licht für die Welt werden. Die Stadt wird eine vergleichbare Funktion haben wie der Knecht Gottes, der in Jesaja 42,6 als „Licht der Nationen“ bezeichnet wird. Die Völker werden nach Jerusalem strömen (vgl. Jesaja 2,1-4) samt ihren politischen Eliten. Wirklich alle? Vers 12 stellt klar, dass die Völker, die dem Licht nicht folgen, vernichtet werden.

Verse 4-5: Die Stadt soll das Heil schon sehen können. Nicht nur werden die ehemaligen Bewohner werden aus der Ferne wieder zurückkommen, sondern sie werden sogar herbeigetragen werden. Der vorherige Vers legt nahe, dass die Zerstreuten durch die nicht-israelitischen Völker wieder zurück in ihre Heimat gebracht werden. Die mächtigen Könige der Welt dienen somit dem Volk Israels und bringen zudem der Stadt ihre Reichtümer dar. In den hebräischen Manuskripten werden verschiedene Reaktionen Zions darauf berichtet: Entweder wird Zion dies sehen und vor Freude strahlen, oder sich zuerst fürchten und dann vor Freude strahlen. So oder so gelesen, wird die Stadt reich beschenkt werden.

Verse 6-7: Ein Dromedar ist kräftiges Lastentier und kann bis zu 250kg transportieren. Sie und ihre Jungbullen werden reichlich die Schätze Arabien, Gold und Weihrauch als Geschenke für den Kult und den Tempel Gottes bringen und selbst zum Geschenk werden. Midian, Efa sowie Kedar lagen wohl zwischen Ägypten und Nordwestarabien, Sheba im heutigen Jemen, und die Lage Nebajots ist unbekannt. Gemäß der Grammatik von Vers 6 singen die Dromedare und ihr Nachwuchs bei der Darbringung ihrer Garben den Lobpreis Gottes. Dies passt auch zu dem folgenden Vers, in dem die reinen Opfertiere (vgl. Levitikus 11,4) aus Arabien freiwillig auf den Altar steigen. All dieser Reichtum dient nicht Zion, sondern soll zur Pracht des Tempels beitragen und somit auf Gottes Ehre und Herrlichkeit verweisen.

Auslegung

Zion, die ehemals zerstörte und durch das Exil in der Bedeutungslosigkeit verschwundene Stadt wird nicht nur wieder zum Ort Gottes, sondern sie wird sozusagen zu einem Leuchtturm in einer finsteren Welt. Gottes Herrlichkeit, die gemäß dem Buch Ezechiel den Tempel und die Stadt verlassen hatte, geht wie die Sonne nach einer langen Nacht wieder über ihr auf und lässt sie erleuchten. So wird sie selbst zum Anziehungspunkt nicht nur für Israel, sondern für die gesamte Schöpfung. Aber die Stadt wird nicht überhöht, sondern sie wird zum Zeichen: Das Heil, das ihr widerfahren wird, dient der Herrlichkeit Gottes. Sie ist der Ort, an dem sich Völker samt ihren Tiers orientieren werden, um Gott zu verherrlichen – und dies ist ein Grund zur Freude für die Stadt!

Kunst etc.

Gemäß dem Glauben der orthodoxen Kirchen entzündet sich jedes Jahr am Nachmittag des Karsamstags in der Grabeskirche auf wunderbare Weise ein Feuer. Aus der Dunkelheit des Grabes wird das Licht an die Menge der Gläubigen und Pilger verteilt. Diese Tradition kann als christliche Adaption von Jesaja 60,1-7 verstanden werden. Auf diesem Bild aus dem Jahr 1905 zeigt die Massen, die auf das „Heilige Feuer“ warten.

Warten auf das Heilige Feuer vor der Grabeskirche in Jerusalem, unbekannter Fotograf, 1905 - Lizenz: gemeinfrei
Warten auf das Heilige Feuer vor der Grabeskirche in Jerusalem, unbekannter Fotograf, 1905 - Lizenz: gemeinfrei