Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 4,1-13)

41Erfüllt vom Heiligen Geist, kehrte Jesus vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt,

2vierzig Tage lang, und er wurde vom Teufel versucht. In jenen Tagen aß er nichts; als sie aber vorüber waren, hungerte ihn.

3Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.

4Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

5Da führte ihn der Teufel hinauf und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises.

6Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.

7Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.

8Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.

9Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab;

10denn es steht geschrieben:

Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten;

11und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, / damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.

12Da antwortete ihm Jesus: Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.

13Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.

Überblick

„Man kann’s ja mal versuchen!“ – dachte sich der Teufel.

1. Verortung im Evangelium
Der Ortswechsel im einleitenden Vers 1a schließt an die Taufszene im Lukasevangelium (Lk) 3,21-22 an. Dort befindet sich Jesus zu seiner Taufe ebenfalls am Jordan, von da aus zieht er sich in Lk 4,1 in die Wüste. Für den Leser scheint es also so, als hätte sich Jesus eine Weile in der Nähe des Jordan aufgehalten. Die Abstimmungsliste in Lk 3,23-36 unterbricht zwar die direkte Erzählreihenfolge von Jesu ersten öffentlichen Präsentationen als Gottessohn, sie führt aber nicht zu einem Bruch in der Chronologie dieser Ereignisse.
Nach der Versuchung Jesu in der Wüste schließt sich ab Lk 4,14 das öffentliche Wirken Jesu von der Heimatstadt Nazareth in ganz Galiläa an.

 

 

2. Aufbau
Die Verse 1-2a und 13 bilden einen Rahmen um die drei konkreten Versuchungen. Verse 2b-4: Stillung des Hungers, Verse 5-8: Herrschaft über die ganze Erde, Verse 9-12: Erprobung Gottes. Jede Versuchung besteht aus einer kurzen Einführung, einer Rede des Teufels und einem Schriftzitat Jesu als Antwort.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 1a: Die Bemerkung vom Ortswechsel Jesu (Jordan à Wüste) schließt die Geschichte von der Versuchung Jesu nahtlos an den Erzählzusammenhang in Lk 3,22 an. Das „Erfülltsein vom Heiligen Geist" benutzt der Evangelist Lukas in seinem Evangelium und der Apostelgeschichte immer wieder, wenn es darum geht, deutlich zu machen, das Gottes Wirken im Hintergrund des Erzählten steht (vgl. Apostelgeschichte 11,24).

 

 

Vers 1b-2a: 40 Tage lang hält sich Jesus in der Wüste auf und weiß sich dabei stets vom Heiligen Geist geleitet. Die 40 Tage des Wüstenaufenthalts wollen vor allem eine Parallele schaffen zu den 40 Jahren, die das Volk Israel zwischen der Flucht aus Ägypten und dem Einzug ins gelobte Land in der Wüste verbrachte. Doch auch an anderen Stellen des Alten Testaments sind 40 Tage ein symbolischer Wert: So verbringt Mose 40 Tage und Nächte auf dem Sinai und der Prophet Elias benötigt diese Zeit, um zum Gottesberg Horeb zu ziehen.

Die Art und Weise, in der der Evangelist Lukas von der Zeit in der Wüste und dem Versuchen durch den Teufel berichtet, erweckt den Eindruck, dass der Teufel Jesus über die gesamte Dauer des Aufenthalts auf die Probe stellt. Die anschließend ausführlich dargestellten drei Prüfungen sind dann nur Beispiele für das, was sich in der Wüstenzeit insgesamt ereignet (vgl. Vers 13).

 

Verse 2b-4: Die erste Prüfung ergibt sich unmittelbar aus der Situation des Wüstenaufenthaltes. Denn der Mangel an Nahrung macht die erste Versuchung des Teufels glaubhaft.

Die Übersetzung des ersten Satzes des Teufels führt ein wenig in die Irre. Die Formulierung „wenn" ist nicht konditional, d.h. nicht als Bedingung zu verstehen. Richtiger übersetzt würde es heißen: „da du ja Sohn Gottes bist…". So wird deutlich, dass der Teufel die Gottessohnschaft Jesu nie anzweifelt. Die Erprobungen des Teufels versuchen vielmehr Jesus dazu zu bewegen, anders zu handeln als es seiner Identität entspricht. Also anders zu handeln als es der Sohn Gottes tun würde, der aus dem unmittelbaren Vertrauen auf Gott lebt und der sich seiner Erwählung durch Gott bewusst ist. Diesem Erwähltsein durch Gott, wie es in der Erzählung von der Taufe Jesu zu Ausdruck kam (Lk 3,21-22), zu widersprechen, käme dem Aufgeben der eigenen Identität gleich.

Der Aufforderung, den Stein in Brot zu verwandeln und so dem eigenen Hunger ein Ende zu bereiten, hält Jesus ein Schriftwort entgegen. Mit Deuteronomium 8,3 („Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht. macht er deutlich, dass Brot nicht das ist, was den Menschen am Leben hält.“).

 

Verse 5 bis 8: Jesus wird eine Übersicht über die Erde geboten, die eigentlich von keinem irdischen Punkt aus denkbar ist. Es ist also an eine Form der Entrückung zu denken. Der Teufel bietet ihm angesichts aller Königreiche der Welt die ultimative politische Herrschaft an. Doch ist diese Herrschaft an die Bedingung gebunden, den Teufel anzubeten und vor ihm nieder zu fallen. Würde Jesus diesem Wunsch entsprechen, würde er die Einzigkeit Gottes infrage stellen. Entsprechend antwortet Jesus wieder mit einem Zitat aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 6,13: „Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten; ihm sollst du dienen, bei seinem Namen sollst du schwören.“ und Dtn 10,20: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten. Ihm sollst du dienen, an ihm sollst du dich festhalten, bei seinem Namen sollst du schwören.“).

 

Verse 9-12: Bei der dritten Prüfung wird Jesus an irgendeinen Punkt hoch oben auf der Tempelanlage des Jerusalemer Tempels geführt. Von dort herunter zu stürzen, würde den Tod oder zumindest schwere Verletzungen nach sich ziehen. Der Teufel fordert Jesus auf, mutwillig von dort in die Tiefe zu stürzen und auf Gott als Beschützer zu vertrauen, ja sein Eingreifen zu provozieren.

Theologisch ist dies der Höhepunkt der Prüfungen: Jesus wird aufgefordert, Gott und sein Wirken auf die Probe zu stellen. Entsprechend benutzt Jesus in seiner Antwort ein Schriftzitat, das einem ähnlichen Kontext entspringt. Deuteronomium 6,16 greift zurück auf das Volk Israel, dass sich in der Wüste befindet: Es fordert Gott auf sich zu beweisen, indem er seinem Volk in der Wüste Wasser zur Verfügung stellt. („Du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten. Ihm sollst du dienen, an ihm sollst du dich festhalten, bei seinem Namen sollst du schwören.“)

 

Vers 13: Dieser Vers schließt die Erzählung ab und fasst die Ereignisse in der Wüste zusammen. Jesus ist gegenüber „diesen Versuchungen“ (wörtlich: allen oder all jenen Versuchungen) immun. Er wird seiner Erwählung durch Gott und damit seiner Identität als Gottessohn gerecht, indem er wie der Sohn Gottes handelt
Für eine gewisse Zeit spielt der Teufel nun keine Rolle mehr.

 

 

Auslegung

Auslegung
Die Erzählung von der Versuchung Jesu durch den Teufel in der Wüste ist keine Geschichte des Zweifels oder Anzweifelns, sondern eine Geschichte der Bestätigung und Offenbarung. Und ausgerechnet der erste Satz des Teufels bringt dies zum Ausdruck. Die Anerkenntnis der Gottessohnschaft Jesu durch den Teufel lässt uns als Leser in gewisser Weise mitfiebern, ob Jesus die Identität, die ihm zugesprochen wird, auch durch sein Handeln bestätigen wird. Wenn wir am Ende der Erzählung sagen können: Ja dieser Mensch, Jesus von Nazareth, ist Gottes Sohn, dann liegt das nicht an den klugen und schriftgemäßen Antworten Jesu.

Dass dieser Jesus wirklich Sohn Gottes ist, zeigt sich vielmehr in dem zum Ausdruck gebrachten Verhältnis zum Vater. Zu keinem Zeitpunkt und in keiner Weise lässt er sich durch den Teufel aus seinem innigen Verhältnis zu Gott, dem Vater, herauslocken.
In der ersten Prüfung widersteht er der Verlockung, sich selbst als Gottes Sohn beweisen zu müssen. Er muss dem, was ihm sein Vater in der Taufe zugesprochen hat, nichts hinzufügen!
Die zweite Prüfung bringt die Versuchung mit sich, sich selbst Macht anzueignen oder zusprechen zu lassen. Auch dies hat für Jesus keine Relevanz, er ist ja bereits der Sohn Gottes. Alles, was dem Vater gehört, gehört auch ihm.
Die dritte Prüfung ist eine Form der Selbstvergewisserung oder Erprobung Gottes. Jesus soll die Wirklichkeit seiner Gottessohnschaft testen. Er soll überprüfen, ob die Zusage Gottes, die Seinen zu beschützen, auch ihm gilt. Im Letzten also geht es darum, Gott zu versuchen, damit er sich als real erweist.
Auch dieser letzten Versuchungen kann Jesus widerstehen: Er ist und lebt ganz aus dem Wissen, dass Gott da ist, dass Gott Vater ist, dass Gott alle Mächte in seiner Hand hält.

Die Versuchung Gottes entsteht aus dem Zweifel, ob Gott wirklich Gott ist. Durch sein Nicht-Eingehen auf die Erprobungen des Teufels wird dem Leser der Zweifel an der Realität Gottes und seines Sohnes genommen.

Kunst etc.

Juan de Flandes, Versuchung Christi (1500), [Public domain], via Wikicommons.
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