Lesejahr C: 2018/2019

7. Lesung (Ez 36,16-17a.18-28)

16Das Wort des HERRN erging an mich:


17Menschensohn, als die vom Haus Israel in ihrem Land wohnten, machten sie es durch ihre Wege und ihre Taten unrein. [Wie die monatliche Unreinheit der Frau waren ihre Wege in meinen Augen.]

18Da goss ich meinen Zorn über sie aus, weil sie Blut vergossen im Land und es mit ihren Götzen befleckten.

19Ich zerstreute sie unter die Nationen; in die Länder wurden sie vertrieben. Nach ihren Wegen und nach ihren Taten habe ich sie gerichtet.

20Als sie aber zu den Nationen kamen, entweihten sie überall, wohin sie kamen, meinen heiligen Namen; denn man sagte von ihnen: Das ist das Volk des HERRN und doch mussten sie sein Land verlassen.

21Da tat mir mein heiliger Name leid, den das Haus Israel bei den Nationen entweihte, wohin es auch kam.

22Darum sag zum Haus Israel:


So spricht GOTT, der Herr: Nicht euretwegen handle ich, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr bei den Nationen entweiht habt, wohin ihr auch gekommen seid.

23Meinen großen, bei den Nationen entweihten Namen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen. Und die Nationen - Spruch GOTTES, des Herrn - werden erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich mich an euch vor ihren Augen als heilig erweise.

24Ich nehme euch heraus aus den Nationen, ich sammle euch aus allen Ländern und ich bringe euch zu eurem Ackerboden.

25Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen.

26Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch.

27Ich gebe meinen Geist in euer Inneres und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Rechtsentscheide achtet und sie erfüllt.

28Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gegeben habe. Ihr werdet mir Volk sein und ich, ich werde euch Gott sein.

Überblick

Wie die Vierte und Fünfte Osternachtlesung aus den Kapiteln 54 und 55 des Jesajabuches gehört auch die Siebente Lesung aus dem Buch Ezechiel in die Zeit zwischen der  Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier (587/586 v. Chr.) und die Befreiung durch die Perser 538 v. Chr.: Totalzerstörung und Neuaufbau, Tod und und Wiederaufleben sind die beiden Erfahrungen israels, die gerade diese Zeit zur Folie für den Sieg des Lebens über den Tod machen, der in der Osternacht gefeiert wird. Der Gott, der hoffnungslosen und verstörenden Untergang in wieder aufblühendes Stadtleben verwandelt hat, ist derselbe, der den ebenso hoffnungslos und verstörend erscheinenden Kreuzestod Jesu in das leere Grab münden lässt, aus dem den Frauen die Frage entgegenschallt: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" (Lukas 24,5).

 

Einordnung der Lesung in das Buch Ezechiel

Anders als der uns namentlich unbekannte Prophet , der im Buch jesaja ab Kapitel 40 spricht, erfahren wir von Ezechiel, dass er Sohn eines Priesters war und schon beim ersten babylonischen Feldzug gegen Jerusalem in den 590er Jahren v. Chr. nach Babylon verschleppt wurde, Er wird zum theologischen Anführer einer jüdischen, aus Mitverschleppten bestehenden Gemeinde in der Nähe des Euphrat (Irak). Zunächst spricht er mahnend und klagend vom bevorstehenden Ende Jerusalems, das 587/586 v. Chr. eintraf. Als er aber per Bote vom Fall der Hauptstadt hört, eine zeitweilige Verstummung (Ez 33,21) und er beginnt mit der Hoffnungsbotschaft von der Rückkehr nach Jerusalem sowie der Vision eines neuen Tempels.

In diesen Teil  des Prophetenbuches gehört die Lesung. Das ausgewählte Kapitel 36 geht dabei direkt dem berühmteren Kapitel 37 mit der Vision von totengebeinen voran, die durch den Geist Gottes wiederbelebt werden - ein Bild für das in der Fremde lebende, sich wie tot vorkommende Israel, das aus dem "Grab" Babylon ins Reich des Lebens, nach Jerusalem, zurückkehren wird (der Bibeltext findet sich vollständig abgedruckt unter "Kontexte")..

 

Aufbau der Lesung

Kapitel 36 gibt Einblick in die Motivation Gottes, warum er sein Volk wieder zurückführen will. Anders als in Jes 54 ist es weniger das Mitleid mit der Stadt und ihren Einwohnern als vielmehr die Bewahrung des eigenen Namens (JHWH - "Er ist [wirksam] da", in der Einheitsübersetzung immer: "der HERR") vor Schmach und Schande. Davon ist in zwei Teilen die Rede:

- In den Versen 16-21 wendet sich Gott an den Propheten.

- Ab Vers 22 erfährt Ezechiel, was er dem Volk sagen soll.

 

Verse 16-21: Die Gründe für die Katastrophe

Die Rede Gottes an den Propheten hält Rückblick auf und begründet den Untergang Jerusalems bzw. die Verschleppung ins Ausland - das dem Israeliten immer als unreiner, gottferner Boden gilt - als göttliche Strafe. Zwei Gründe werden genannt. Blut vergießen und Götzen. Beide Vergehen machen "unrein", schließen das Betreten des Tempels als reinem und heiligem Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch aus. Hier hört man sprachlich den Priestersohn heraus, besonders wenn zum nicht gerade freundlich gemeinten Vergleich auch noch die - für die Osternachtlesung weggelassene - Unreinheit der  Frau (Menstruation) zum Vergleich herangezogen wird, die ebenfalls mit dem Ausschluss vom Tempelbereich einherging.

Gewalttätigkeit (hebräisch: chamás) ist in der Heiligen Schrift die Ursünde schlechthin, die die Geschichte von ihren Anfängen an (Kain ermordet seinen Bruder Abel, vgl. Genesis 4) bis in die  späten Zeiten Israels durchzieht und weltweit bis heute unendliches Leid verursacht. Die Wendung "Blut vergießen" kann wörtlich gemeint sein und auf Morde sowie Tötungen aufgrund von falschen Prozessen bei Gericht anspielen, aber auch Andere am Leben hindernde soziale Unterdrückungsmaßnahmen aller Art vom Landraub über gesellschaftliche Ausgrenzung bis hin zu unmenschlichen Sklavenarbeiten meinen.

Das Stichwort "Götzendienst" verweist darauf, dass das 6. Jh. v. Chr. die Zeit ist, in der sich der Glaube an JHWH als einzigen Gott ausbildet. Er ist nicht nur der Gott Israels, sondern der ganzen Welt und des ganzen Kosmos. Er hat alles erschaffen und ohne ihn ist nichts. Mit diesem Gott hat Israel seine Urerfahrung gemacht, als er das Volk aus Ägypten in die Freiheit hinausführte (vgl. die Dritte Lesung der Osternacht aus dem Buch Exodus). Diese Erfahrung kann Israel mit keiner anderen Gottheit, die in der Regel damals als Statue in welcher Gestalt auch immer dagestellt wurde, in Verbindung bringen. Diese Statuen bleiben handgemachte Werkstücke, die genau nichts bewirken. Deshalb spricht Ezechiel bei deren Verehrung von "Nichtsen", in der Einheitsübersetzung: "Götzen". Wer sich dem "Nichts-Bewirker" anschließt und ihn dem unsichtbaren, im Bild nicht darzustellenden Gott Israels vorzieht, hat die Folgen der ausbleibenden Hilfe zu tragen. So ist es Israel ergangen.

Doch diese Strafaktion Gottes kann auch ganz anders bewertet werden: Die ausländischen Völker, allen voran das siegreiche Babylon, können nun sagen: "Guckt mal, was Israel für einen schwachen Gott hat. Der konnte sein Volk nicht vor unserem Militär und unserer Kriegsgottheit Marduk schützen." Damit ist die zweite Sünde Israels schlimmer als die erste: Sie haben nicht nur durch ihre Gewalttätigkeit gegen Gottes Weisung verstoßen, sondern als Besiegte im Land der Sieger Gott selbst in Verruf gebracht.

Mit diesem Argument kann der Prophet erklären, wehalb Gott sich zur Rettung seines Volkes entschließt, obwohl irgendein Sinneswandel bei den Besiegten überhaupt nicht erkennbar ist. Gott reagiert nicht auf die Umkehr, sondern rettet, um so zwar auch seinen Namen vor Schande zu schützen, aber noch mehr, um sein Volk zu einer neuen Lebensausrichtung zu motivieren.

 

Verse 22-28: Eine Kette von Zusagen

Davon sprechen ganz besonders die Verse 22-23, um dann eine Kette von ermutigenden Zusagen an Israel folgen zu lassen. Sie umfassen:

  • die Rückkehr ins eigene Land, also nach Jerusalem (Vers 24);
  • die "Reinigung" von Sünden, ausgedrückt im Bild des Abwaschens von Schuld, als ob sie "Flecken" hinterlassen würde, die man auswaschen muss; gemeint ist von Gott her die Wiederherstellung der verloren gegangenen Kultfähigkeit (s. o.): Israel darf wieder den (noch zu bauenden) Tempel als Ort der Gottesbegegnung betreten (Vers 25);
  • eine innere "Neuschöpfung", indem die Panzerherzen, aus denen die hartherzige Gewalt hervorging, in fleischliche, d. h. menschliche und mitfühlende Herzen umgewandelt werden (Vers 26);
  • die Mitteilung des Geistes Gottes als die Willenskraft, sich im Handeln an diesem Gott zu orientieren (V27). 

Das alles geschieht ohne vorangehendes Handeln Israels. Ob aber aus diesem geschenkten Neuanfang etwas Bleibendes wird, das wiederum hängt davon ab, inwieweit sich das Volk zu einer Neuausrichtung motivieren lässt (Vers 28).

Auslegung

Die Gedankenwelt Ezechiels mag bei erstem Hören oder Lesen befremden. Und doch ist sie moderner oder aktueller, als man glauben mag.

 

Der Blick zurück

Gewalttätigkeit und Götzendienst nennen zwei gesellschaftszerstörende Kräfte, die bis heute am Werk sind. Vom Völkerkrieg über Großattentate, Amokläufe oder Einzeltötungen, Vergewaltigung, Missbrauch oder heimische Brutalität, Lust am Anschauen der Gewalt (das Live-Video des Mörders von Christchurch auf Neuseeland öffneten 1 1/2 Millionen Menschen!) oder das virtuelle Spiel mit ihr - wir sind in eine Umgebung von Gewalt hinein geboren, und das verändert die Herzen: Selbst wenn längst nicht jede und jeder zum Täter wird, geht die Sensibilität oft verloren, die Herzen stumpfen ab, werden gleichgültig und hart. Und ebenso gilt: Der Platz Gottes bleibt dort, wo er nicht geglaubt wird, niemals unbesetzt. An seine Stelle tritt nur Anderes, was das eigene Handeln bestimmt: vom Trieb beim Einzelnen bis hin zum Götzen Wachstum, der etwa vielfach in wirtschaftlichen Zusammenhängen "angebetet"  wird. 

Der Rückblick Ezechiels mit einer Antwort auf die Frage, warum viele Israeiten in die babylonische Gefangenschaft geraten sind, hat sich alles andere als erledigt sondern taugt nach wie vor zur Selbstüberprüfung - bis hin zu der Frage, ob der Mensch nicht in der Fremde lebt, der Entfremdung von sich selbst.

 

Der Blick nach vorne

Ezechiel spricht aber auch von der Rückführung des Menschen zu sich selbst (im Bild der Rückkehr nach Jerusalem) und von der Heilung der möglichen Schädigungen, die Menschen mit sich schleppen: Herzensverhärtung, Willensschwäche zur Änderung des eigenen Verhaltens,  Verunreinigung der Mitwelt durch die Folgen eigenen Tuns. Auf sich allein gestellt wäre der Mensch überfordert - so der Glaube der Bibel. Aber von Gott her können Kräfte zuwachsen, von denen der Mensch vielleicht noch gar nichts ahnt. 

Dass diese Lesung in der Osternacht vorgetragen wird, soll eine Brücke schlagen zur Erneurung des Taufbekenntnisses als festem Bestandteil des nächtlichen Gottesdienstes (wo möglich, findet auch eine Taufe statt). Besonders die Rede vom Wasser und von der Reinigung (Vers 25) werden wohl als Vorausverweis auf die Taufe verstanden. Die Bilder von der Neuschöpfung (neues Herz, neuer Geist) finden ihre Entsprechung im neuen, weißen und fleckenlosen Taufkleid. In der Taufe, so glaubt die Kirche, werden dem Täufling von Gott her die Kräfte eines Neunfangs inmitten der Welt geschenkt, um mitzuwirken an deren Veränderung zum Guten, wo immer es angezeigt ist.

 

 

Kunst etc.

Gian Lorenzo Bernini, Die Taube des Hl. Geistes, Petersdom (1660), CC-BY-SA 3.0
Gian Lorenzo Bernini, Die Taube des Hl. Geistes, Petersdom (1660), CC-BY-SA 3.0

Das kleine Heilig-Geist-Fenster im überdimensionalen Petersdom in Rom hat eine Wirkung ganz besonderer Art. Wenn hier das Licht hindurchscheint, geht es weniger um die Art der Darstellung in Gestalt einer Taube, sondern vielmehr wird die Wirkkraft des Geistes selbst in Form von Leuchtkraft und Verleihung von Farbe spürbar.

Tatsächlich bedeutet das hebräische Wort für "Geist (ruach) sowohl Atem als auch Wind. Der Geist ist Verlebendiger und unsichtbarer Beweger in die Richtung, in die Gott den Menschen gerne lenken möchte. Er entbindet Kräfte, die den Menschen ans Werk gehen lassen.

Der österliche, von der Auferweckung Jesu geprägte Mensch ist auch der Geist-erfüllte Mensch, der - wie die Emmausjünger (vgl. Lukas 24) - vom Weg zu den Anderen und der Ausschau nach Wegen des Lebens sich nicht mehr abbringen lässt.