Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Sir 3,17-18.20.28-29)

17 Kind, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen! 18 Je größer du bist, umso mehr demütige dich und du wirst vor dem Herrn Gnade finden!

[…]

20 Denn groß ist die Macht des Herrn, von den Demütigen wird er gerühmt.

[…]

28 Es gibt keine Heilung für das Unglück des Hochmütigen, denn eine Pflanze der Bosheit hat in ihm Wurzel geschlagen. 29 Das Herz eines Verständigen wird einen Sinnspruch überdenken und das Ohr des Zuhörers ist die Sehnsucht des Weisen.

Überblick

Demut als Weg zur Macht? Demut ist der Weg nicht nur zu Erkenntnis, sondern zu einer engen Beziehung zu Gott.

 

1. Verortung im Buch

Um zu erklären, was Gottesfurcht ist, verweist der Weisheitslehrer Jesus Sirach auf das Gebot die Eltern zu ehren (Sirach 3,1-16), seine Lehre was Demut und Bescheidenheit bedeuten (Sirach 3,17-29) und die Mahnung zum Beistand für Hilfsbedürftige (Sirach 4,1-10). Für ihn sind die religiösen und sozialen Dimensionen des Lebens nicht voneinander zu trennen – denn Gottesfurcht spiegelt sich in der eigenen Existenz wider. Gottesfurcht drückt sich für ihn in der Liebestat gegenüber anderen aus – mit dieser Botschaft schließt er seine theologischen Gedanken über die Demut ab und macht aus der Demut einen moralischen Imperativ:

30 Wasser löscht loderndes Feuer und eine Liebestat sühnt Sünden. 31 Wer Taten der Güte erwidert, dessen erinnert man sich in der Zukunft, im Augenblick seines Falls wird er eine Stütze finden.“ (Sirach 3,30-31)

 

2. Aufbau

Jesus Sirach mahnt zur Bescheidenheit und Demut (Verse 17-20) – hierfür bedarf es eines verständigen und hörenden Herzens, dass sich an der Weisheit ausrichtet (Verse 29). Er warnt vor einem verstockten Herz, der sich nicht an der Quelle der Weisheit ausrichtet, sondern an wilden Spekulationen (Verse 21-28). Der Maßstab für die Demut und die Grundlage für das Herz des Verständigen – und das verschweigt die Auswahl der Verse für die Lesung – ist die von Gott offenbarte Tora und sein Schöpfungswirken:

22 Was dir geboten worden ist, das überdenke, denn du hast keinen Bedarf an verborgenen Dingen! 23 Verwende keine Mühe auf außergewöhnliche Dinge, denn mehr, als Menschen verstehen können, wurde dir gezeigt!“ (Sirach 3,22-23)

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 17-20: Die menschliche Grundhaltung soll Demut sein. Dies bedeutet, sich selbst zu erniedrigen, um sozusagen ein gerechtes Maß herzustellen. Denn Macht besteht im Angesichte Gottes nur in Demut. Sie führt zu einer intimen Beziehung zu Gott und zu einer vertrauensvollen Kommunikation: „Viele sind hochgestellt und berühmt, aber den Bescheidenen offenbart er seine Geheimnisse.“ (Vers 19).

Verse 28-29: Wer sich nicht an der Lehre Gottes ausrichtet, der gleicht einem Blinden (Vers 25). Nur derjenige, der bereit ist Weisheit zu empfangen, vermeidet ein verstocktes Herz. Denn Schüler Gottes und der Weisheit zu sein, bedeutet in Demut die eigene „Kleinheit“ im Angesicht Gottes zu verstehen. Für Jesus Sirach ist nicht das Reden der Weg zum Heil, sondern zuerst das Hören.

Auslegung

Für Jesus Sirach bedeutet Demut, die eigenen, menschlichen Grenzen der Erkenntnis und des Wissens im positiven Sinne anzunehmen. Das bedeutet, sich auf die von Gott gegebene Lehre zu konzentrieren und zum Schüler Gottes zu werden. Zugleich bedeutet dies auch: Das, was der Mensch für ein erfülltes Leben bedarf, hat Gott dem Menschen offenbart und nicht versteckt. Die Beziehung zu Gott ist keine Geheimlehre, sondern ein offenes Ohr und ein verständiges Herz im Angesicht Gottes führen zu einem geglückten Leben.

Kunst etc.

Künstlerische Darstellungen des sehr abstrakten Begriffes „Demut“ verwenden häufig den Gestus des Kniens. Dieser auch religiös sehr bedeutende Akt, lässt einen klein werden. Ja, man wird gar unbeweglicher, starrer. Deutlich ist dies anhand der Skulptur "Demut" von Kurt Lehmann (1905 - 2000) in der Ruine der Aegidienkirche in Hannover zu sehen. Die Arme und Hände, Symbole für Macht und Handlung sind hierbei vor dem Körper nicht abweisen verschränkt, sondern machen zusammen eine geschlossene, umarmende Bewegung. Ganz so, als wäre die Demut eben diese, wie Jesus Sirach sie beschreibt, intime Beziehung zu Gott.

Skulptur
Skulptur "Demut" von Kurt Lehmann (1905 - 2000) in der Ruine der Aegidienkirche in Hannover, fotografiert von ChristianSchd – Lizenz: CC BY-SA 4.0.