Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 24,46-53)

46Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen

47und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem,

48seid ihr Zeugen dafür.

49Und siehe, ich werde die Verheißung meines Vaters auf euch herabsenden. Ihr aber bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet!

50Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie.

51Und es geschah, während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.

52Sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück.

53Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.

Überblick

Selbst das Abschiednehmen Jesu führt bei seinen Freunden zu Begeisterung.

1. Verortung im Evangelium
Die Verse 46-53 bilden nicht nur das Ende des 24. Kapitel, sondern des gesamten Lukasevangeliums. Mit ihnen schließt der Evangelist Lukas den ersten Band seiner Verkündigungsgeschichte ab. Im Evangelium schildert er das Leben Jesu, von der Ankündigung seiner Geburt bis hin zu seinem Tod, der Auferstehung und der Aufnahme in den Himmel. Im zweiten Band, der Apostelgeschichte, setzen die Jünger Jesu die Verkündigung des Reiches Gottes fort.
Die Erzählung von der Himmelfahrt Jesu ist das Bindeglied zwischen beiden Bänden und wird von Lukas doppelt erzählt. In der Apostelgeschichte (s. 1. Lesung) markiert sie den Auftakt der Geschichte der jungen Gemeinde. Im Lukasevangelium (Lk) schließt sie den Ostertag und die Erscheinungen des Auferstandenen ab.

 

2. Aufbau
Die Verse 46-49 geben die letzten Worte Jesu an seine Jünger im Lukasevangelium wieder. In den Versen 50-51 wird das Entrücktwerden Jesu dargestellt. Den Abschluss bildet die Reaktion der Jünger auf diese Ereignisse in den Versen 51-52.

 

3. Erklärung einzelner Verse

 

Verse 46-47a: In einer Art Kurzzusammenfassung nimmt Jesus Bezug auf die Heilige Schrift und ihre prophetische Verheißung. „Es steht geschrieben“ bezieht sich zurück auf die Verse 44-45, in denen er auch schon auf die Schrift verwiesen hatte („Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.“ Lk 24,44-45). Hier ruft Jesus explizit die jüngsten Ereignisse (Leiden und Auferstehung) in Erinnerung, denn sie sind den Jüngern noch unmittelbar in Erinnerung. Von diesen Ereignissen ausgehend kann „in seinem Namen“ nun die Verkündigung an die Völker begonnen werden.
Die Verbindung von Umkehr und Vergebung der Sünden war im Lukasevangelium bereits in der Predigt Johannes des Täufers gleich zu Beginn thematisiert worden (Lk 1,77) und sie wird sich auch in der Apostelgeschichte als Thema der Verkündigung durch die Apostel fortsetzen, z.B. in der Predigt des Paulus auf dem Areopag in Athen (Apostelgeschichte 17,30). Auf diese Weise ist die Aufforderung zur Umkehr zum einen ein Appell an Israel durch Johannes den Täufer und zugleich ein Appell an „die Völker“ in der Verkündigung des Paulus.

 

Verse 47b-49: Die Art und Weise der Verkündigung wird nun genauer beschrieben: Sie geschieht von Jerusalem ausgehend für alle Völker (vgl. Apostelgeschichte 1,8 „Grenzen der Erde“). Die Jünger sind Zeugen (martys, griechisch: μάρτυς) und damit Träger der Botschaft. Erstmalig wird hier der Begriff des „Zeugen“ im Lukasevangelium gebraucht und dann in der Apostelgeschichte vielfach entfaltet. Allerdings wird der Begriff nur auf die Apostel und Paulus bzw. Stephanus angewendet. Denn „Zeuge“ ist nur, wer den Auferstandenen gesehen hat und durch Jesus Christus erwählt wurde. Da die Erwählung auch durch den Auferstandenen stattgefunden haben kann, können auch Paulus und Stephanus zu den Zeugen gerechnet werden. Sie haben beide den Auferstandenen in einer Vision geschaut und damit Erwählung erfahren.
Die Ankündigung der Gabe des Heiligen Geistes als „Kraft aus der Höhe“ korrespondiert mit Apostelgeschichte (Apg) 1,8. Zugleich knüpft Lukas an die Verheißung des Geistes als Zeichen der anbrechenden Endzeit in Joel 3,1-2 an.

 

Verse 50-51: Die Entrückung Jesu wird mit einem Ortswechsel eingeleitet. Jesus führt die Jünger hinaus nach Betanien. Aufgrund der Beschreibung in Lk 19,29 („Er [Jesus] kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus…“) wird deutlich, dass Lukas Betanien zum Ölberg zählt. So lässt sich die Ortsdifferenz zwischen den Orten der Himmelfahrt im Evangelium (Betanien) und der Apostelgeschichte (Ölberg) ausräumen. Das Erheben der Hände ist Teil des Segnens, so segnet z.B. auch im Alten Testament Laban seine Kinder bevor er von ihnen Abschied nimmt (Gen 32,1). Lukas nimmt diese Abschiedsszene bewusst auf und lässt Jesus mitten im Segen entschwinden. War Jesus früher am Ostertag (Lk 24,31) plötzlich vor den Augen seiner Jünger verschwunden, so fährt er nun quasi in Zeitlupe in den Himmel auf. Lukas bringt das mit einer besonderen Verbform des Griechischen zum Ausdruck und dem Benennen von Ausgangs- und Endpunkt der Entrückung. Jesus wird aus der Mitte seiner Jünger in den Himmel emporgehoben.

 

Verse 52-53: Die Reaktion der Jünger nimmt ein antikes Motiv in Entrückungsgeschichten auf: das Niederfallen als Zeichen der Verehrung. Lukas gebraucht dazu das Wort Proskynese (προσκύνησις, deutsch: Kuss auf etwas), das in der griechischen Welt die Verehrung von Göttern, in der orientalischen Kultur aber auch die Verehrung von höherrangigen Menschen und vor allem Königen durch Niederfallen und Ehrenkuss bezeichnet. Lukas benutzt diese Vokabel nur im Hinblick auf den Auferstandenen und in den Himmel aufgefahrenen Christus.
Die Tatsache, dass die Jünger nach Jerusalem zurückkehren, entspricht den Worten Jesu an seine Jünger (Verse 47 und 49). Zugleich wird damit ein Bogen zum Beginn des Evangeliums geschlagen, das im Jerusalemer Tempel anfängt. Intensiviert wird die Bezugnahme auf den Anfang des Evangeliums auch durch die genaue Ortsbeschreibung des Tempels und die Formulierung „priesen Gott“. Nur von Zacharias (Lk 1,73) und Simeon (2,28) hatte Lukas in den ersten Szenen der Jesusgeschichte berichtet, dass sie Gott priesen. Auch die einzig andere Verwendung der Formulierung „große Freude“ in der Geburtsverkündigung des Engels in Lk 2,10 könnte einen bewussten Bogen zum Ende und der Freude der Jünger schlagen.

Auslegung

Lukas markiert das Ende seiner Jesuserzählung und den Übergang zum Bericht über die Geschichte der Apostel und der jungen Gemeinde mit einer Entrückungserzählung. Sie ist End- und Anfangsszene zugleich, schließt sie doch einerseits mit einigen Motiven einen Bogen zum Beginn des Evangeliums und rundet so die irdische Lebensgeschichte Jesu ab. Andererseits eröffnet sie mit der Verheißung der Geistsendung an die Jünger die Perspektive hinein in die sich fortschreibende Geschichte der Verkündigung des Reiches Gottes.

Insgesamt lassen sich zwei inhaltliche Schwerpunkte im Abschluss des Evangeliums erkennen.
Zum einen steht die Botschaft der Zeugen im Fokus. Wenn die Jünger als Gesandte Jesu und damit letztlich als Botschafter Gottes gestärkt durch den Heiligen Geist in der Welt verkünden, dann geschieht das mit einem eindeutigen Aufruf an die Menschen. Es geht um die Umkehr des eigenen Lebens und seine Ausrichtung auf Gott hin. Gegenüber Johannes dem Täufer, der ja ebenfalls zur Umkehr aufruft, ist die Neuausrichtung, zu der die Jünger in der Nachfolge Jesu aufrufen jedoch mit einem Gesicht verbunden. Wenn sie „in seinem Namen“ den Völkern die Umkehr zur Vergebung der Sünden ankündigen (Vers 47), dann ist Jesus Christus die Richtschnur für die Neuorientierung. Damit verschiebt sich der Orientierungsrahmen der Umkehrbotschaft von Johannes dem Täufer hin zu den Jüngern Jesu. Brachte Johannes den Menschen die Nähe Gottes und seine Gebote in Erinnerung, so laden die Jünger ein, diese Nähe Gottes und seine Einladung ins Reich Gottes am konkreten Menschen Jesus von Nazareth und seiner Lebensgeschichte abzulesen. Die Botschaft, die die Jünger im zweiten Teil der lukanischen Erzählung, der Apostelgeschichte, verbreiten werden, hat ein Gesicht. Es ist das Gesicht Gottes, der in der unbedeutenden Stadt Bethlehem in Jesus Mensch wurde.

Zum anderen ruft Lukas in der Reaktion der Jünger auf die Himmelfahrt Jesu den Lesern seines Evangeliums ins Gedächtnis, auf welche Weise man Menschen erkennt, in deren Leben Gott gegenwärtig ist. Selbst im Moment des Abschiednehmens von Jesus sind die Jünger von großer Freude erfüllt, sie halten sich im Tempel auf und loben Gott. Auch dort, wo die wirklich greifbare Begegnung mit Gottes Sohn zu Ende ist, zeigt sich die Gegenwart Gottes in der Lebenseinstellung der Jünger. Die Motive der Freude und des Lobpreises sind sowohl Ausdruck einer inneren Haltung als auch eines nach außen hin sichtbaren Zeichens. Die Freude über Gott, der allen Menschen nahe ist (Verkündigung der Engel in Lk 2,10), zeigt sich in der Art und Weise wie die Jünger Jesu miteinander umgehen und wie sie auf Menschen zugehen. Die Haltung des Lobpreises oder auch einfach des Gebets macht deutlich, dass sie auf die Kraft Gottes hoffen und ihr vertrauen. Sie macht aber auch deutlich, dass die Jünger auch in den Alltagsdingen Gott entdecken können. In diesem Sinne ist auch der Tempel im übertragenen Sinne zu deuten. Er ist der Ort der Gottesbegegnung für das Volk Israel. Zur Zeit des Lukas ist dieser Tempel bereits zerstört und der Ort nicht mehr sichtbar, dennoch ist er bleibendes Zeichen dafür, dass Gott inmitten seines Volkes wohnt.

Was Lukas zum Abschluss seines Evangeliums und an der Wende von der Jesusgeschichte hin zur Geschichte der Apostel in den Fokus rückt ist die Kernbotschaft des Evangeliums. Gott kommt den Menschen in Jesus Christus nahe. An Jesus, Gottes Sohn mitten unter uns, können wir uns ausrichten und unserem Leben Orientierung geben. Und was wir finden in der Begegnung mit Gott lässt uns freudig strahlen und Gottes Gegenwart verkünden. Dass dies nicht nur den Jüngern der damaligen Zeit mit auf den Weg gegeben wurde, unterstreicht das Zitat von Papst Franziskus aus dem Apostolischen Schreiben ‚Evangelii Gaudium‘ (Über die Freude des Evangeliums): „Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben.“ (Evangelii Gaudium 10)

 

Kunst etc.

Das Wesentliche kann nicht dargestellt werden – wie so oft, wenn es um die Begegnung zwischen Himmel und Erde geht. So stellt der Meister des Heisterbacher Altars nur die Füße Jesu und den Berg, von dem er empor gehoben wird dar. Wie genau man sich die Szene der „Himmelfahrt“ vorstellen kann, bleibt auch für uns ein Geheimnis.

Zugleich nimmt der Künstler auf augenzwinkernde Weise die „Zeitlupe“ der Erzählung des Lukas auf.

Meister des Heisterbacher Altars [Public domain] via wikicommons
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