Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Gen 18,1-10a)

1 Der HERR erschien Abraham bei den Eichen von Mamre, während er bei der Hitze des Tages am Eingang des Zeltes saß. 2 Er erhob seine Augen und schaute auf, siehe, da standen drei Männer vor ihm.

Als er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes aus entgegen, warf sich zur Erde nieder 3 und sagte: Mein Herr, wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, geh doch nicht an deinem Knecht vorüber! 4 Man wird etwas Wasser holen; dann könnt ihr euch die Füße waschen und euch unter dem Baum ausruhen. 5 Ich will einen Bissen Brot holen, dann könnt ihr euer Herz stärken, danach mögt ihr weiterziehen; denn deshalb seid ihr doch bei eurem Knecht vorbeigekommen. Sie erwiderten: Tu, wie du gesagt hast!

6 Da lief Abraham eiligst ins Zelt zu Sara und rief: Schnell drei Sea feines Mehl! Knete es und backe Brotfladen! 7 Er lief weiter zum Vieh, nahm ein zartes, prächtiges Kalb und übergab es dem Knecht, der es schnell zubereitete. 8 Dann nahm Abraham Butter, Milch und das Kalb, das er hatte zubereiten lassen, und setzte es ihnen vor. Er selbst wartete ihnen unter dem Baum auf, während sie aßen.

9 Sie fragten ihn: Wo ist deine Frau Sara? Dort im Zelt, sagte er.

10 Da sprach er: In einem Jahr komme ich wieder zu dir. Siehe, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben. [..]

Überblick

Abraham ist nicht nur einer der Erzeltern. Sondern er ist auch jemand, dessen Geschichte aufzeigt, dass Gastfreundschaft zum Akt der Nächstenliebe an Gott werden kann.

 

1. Verortung im Buch

Schon bevor Gott Abraham beruft und ihn in das verheißene Land, das später seinen Nachkommen gehören soll, erfährt der Leser und die Leserin, dass seine Frau unfruchtbar sei und keine Kinder hatte (siehe Genesis 11,30). Und doch erklingt durch die Erzählungen immer wieder die Verheißung einer zahlreichen Nachkommenschaft (siehe Gen 13,16; 15,18). Immer ist diese Verheißung nur an Abraham und nicht an seine Frau gerichtet. In Gen 15 wird dann Abraham endlich ein Sohn geboren – aber nicht von Sara, sondern von ihrer Sklavin Hagar. Aber wie in Genesis 17 deutlich wird gilt die Verheißung Abraham und Sara: „Meinen Bund aber richte ich mit Isaak auf, den dir Sara im nächsten Jahr um diese Zeit gebären wird.“ (Genesis 17,21). Diese explizite Verheißung wird in Genesis 18 wiederholt und anders erzählt. Und in Genesis 21 beginnt sich die Verheißung einer zahlreichen Nachkommenschaft anfangsweise zu verwirkliche: Isaak wird geboren.

 

2. Aufbau

Die Erzählung, an deren vorläufigen Ende, die Geburt Isaaks verheißen wird beginnt mit einer Erscheinung Gottes in drei Personen (Verse 1-2a). Sie, die plötzlich am Eingang des Zeltes Abrahams stehen, werden von ihm in herzender Gastfreundschaft zur Einkehr eingeladen (Verse 2b-5) und bewirtet (Verse 6-8). Daran schließt sich ein Dialog zwischen einem der Gäste und den beiden Erzeltern bis Vers 15. Hiervon ist nur der Anfang Teil des Lesungstextes – und der Erzählung fehlt einer der erzählerischen Höhepunkte. In Vers 11 berichtet der Erzähler, dass sowohl Abraham als auch im Besonderen Sara nicht mehr in einem Alter waren, um Kinder zu kriegen (siehe auch Genesis 17,17). Und auf das ungläubige Lachen Sarahs als Reaktion auf das verheißene Gotteswort antwortet Gott mit der rhetorischen Frage: „Ist denn beim HERRN etwas unmöglich?“ (Genesis 18,14).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2a: Die Erzählung in Genesis 18,1-15 ist verwirrend. Im ersten Vers wird das folgende Geschehen als eine Gotteserscheinung überschrieben, aber im dann erscheint nicht Gott, sondern drei Männer (siehe dazu „Auslegung“). Und es entfaltet sich das Thema der Gastfreundschaft: Plötzlich sieht Abraham drei fremde Männer, die mitten in der Mittagshitze unterwegs sind, statt geschützt vor der brennenden Sonne irgendwo eingekehrt zu sein.

Verse 2b-5: Abraham eilt den fremden Männern entgegen und offeriert ihnen seine Gastfreundschaft. Er bietet sich Ihnen als williger Diener an und verhält sich Ihnen gegenüber als ein Niedriggestellter: Er wirft sich vor ihnen nieder und er bezeichnet sich als Diener. Bemerkenswert ist, dass Abraham es als seine Aufgabe erkennt, die Fremden auf ihrem Weg einkehren zu lassen und sie für ihren Weg zu stärken: „denn deshalb seid ihr doch bei eurem Knecht vorbeigekommen“. Seine Gastfreundschaft ist Dienst am Anderen, der plötzlich da ist.

Verse 6-8: Die Einkehr der drei Männer – die Annahme der Gastfreundschaft – bedeutet weitere Eile für Abraham. Das Mahl, das er Ihnen bereitet ist nicht nur „ein Bissen Brot“. Die Maßeinheit „Sea“, die hier für das Mehl angegeben wird, beträgt ca. 6 oder 7 Liter. Und das Schlachten eines Kalbs für die Gäste, stellt für einen Normaden als der Abraham in den Geschichten dargestellt wird, eine wertvolle Gabe dar. Von dem Festmahl isst jedoch weder Sara, die das Brot zubereitet hat, noch Abraham selbst etwas, sondern alles ist für die fremden drei Männer gedacht. Die Gastfreundschaft ist ein reiner Akt der Nächstenliebe.

Verse 9-10a: Nach dem Mahl übernehmen die drei Fremden erstmals die Führung der Handlung: Sie fragen danach, wo Abrahams Frau ist – und sie wissen, wie sie heißt. Auf die kurze Antwort Abrahams: „Dort im Zelt“, spricht dann unvermittelt nur noch einer der drei, ohne dass der Leser und die Leserin erfahren, wer dieser eine ist. Im hebräischen Text könnte man grammatikalisch auch annehmen, dass in Vers 10 weiterhin Abraham spricht. Die ungenannte Person wiederholt Gottes Verheißung an Abraham aus dem vorherigen Kapitel: „Meinen Bund aber richte ich mit Isaak auf, den dir Sara im nächsten Jahr um diese Zeit gebären wird.“ (Genesis 17,21).

Auslegung

Wem begegnet Abraham in der Mittagshitze? Wem gewährt er seine umfassende Gastfreundschaft? Für den Leser und die Leserin ist mit dem ersten Vers deutlich, dass Abraham eine Gotteserscheinung zuteilwird. Aber aus der Perspektive Abrahams, wie sie in Vers 2 erzählt wird, sieht er zuerst nur drei fremde Männer. Die Anrede Abrahams an die drei Männer in V 3, „mein Herr“, führt bereits auf die Fährte, dass auch für ihn diese drei Männer nicht einfach irgendwelche Fremde sind. Hebräisch ist eine Konsonantenschrift, der später – um den Textbestand zu sichern – eine Vokalisation hinzugefügt wurde. Etwa ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. entwickelten jüdische Gelehrte, die sogenannten Masoreten, ein System für Vokal- und Betonungszeichen, das die Aussprache und damit die Bedeutung des hebräischen Bibeltextes endgültig festlegte. Der Konsonantenbestand in Vers 3 ermöglicht drei Verständnisvarianten: Man kann אדני als Anrede im Singular „mein Herr“, im Plural „meine Herren“ oder als Gottesanrede „mein HERR“ lesen. Am unwahrscheinlichsten ist das Verständnis „meine Herren“, da sich das Verb in Vers 3 im Singular befindet. Die von den Masoreten eingefügte Vokalisation legt das Verständnis „mein HERR“ nahe. Allerdings wäre eine solche Gottesanrede im Buch Genesis einmalig. Außerdem betont der vorherige Vers, dass Abraham nicht Gott sah, sondern drei Personen. Denkbar ist auch, dass Abraham in Vers 3 einfach sozusagen die hervorstehende Person der Drei anspricht. Der Konsonantentext lässt offen, ob und wann Abraham in der Erzählung erkennt, dass einer der drei Männer Gott selbst ist. Für den Leser stellt sich diese Frage nicht. In Vers 13 wird nochmals betont, dass Gott es ist, der zu Abraham spricht und in Genesis 19,1 wird ersichtlich, dass es Gott war, der Abraham zusammen mit zwei Engeln begegnete.

Diese Offenheit der Erzählung, die nicht wissen lässt, wann Abraham versteht, dass er in seiner Gastfreundschaft Gott bei sich aufgenommen hat, mindert nicht die dienende Nächstenliebe Gottes, Daran lässt der Text keinen Zweifel: Sobald Abraham die Drei sieht, eilt er Ihnen entgegen.

Bei der Frage, wem Abraham glaubt, dort zu begegnen, könnte man fast die Ungeheuerlichkeit des Textes übersehen. Der Leser und die Leserin wissen von Anfang, dass Gott in den drei Personen, bzw. als einer der drei Fremden zu Abraham kommt. Der Gott, von dem es im Alten Testament heißt, dass derjenige sterben muss, der ihn von Angesicht zu Angesicht sieht; dieser Gott, der wenn er seinem Volk erscheint, die Erde zum Beben und Qualmen bringt, begegnet hier Abraham als ein Mensch, der in der Mittagshitze einen Ruheplatz und Stärkung sucht. Gott ist in dieser Erzählung wie ein Mensch, der sich hinsetzt, trinkt und isst. Gott begegnet Mose im Angesicht eines Menschen. Ein radikaler Gedanke, der verdeutlicht: „Ist denn beim HERRN etwas unmöglich?“ (Vers 14).

Kunst etc.

Die sogenannte Dreifaltigkeitsikone des russischen Ikonenmalers und Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche Andrei Rubljow (ca. 1360-1430) ist ein Werk, dass viele Theologen und Gläubige zu Meditationen herausgefordert hat. In ihr ist die Erzählung in Genesis 18 als ein Bild der Dreifaltigkeit Gottes dargestellt. Die drei dargestellten Engel stehen für Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, ohne dass er künstlerisch eine Unterscheidung setzt

Die Dreifaltigkeitsikone, троица, von Andrei Rubljow, entstanden ca. 1411, heute ausgestellt in der Tretjakow-Galerie in Moskau - Lizenz: gemeinfrei.
Die Dreifaltigkeitsikone, троица, von Andrei Rubljow, entstanden ca. 1411, heute ausgestellt in der Tretjakow-Galerie in Moskau - Lizenz: gemeinfrei.