Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (1 Kön 19,16b.19-21)

16b[…] und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle.

[…]

19 Als Elija von dort weggegangen war, traf er Elischa, den Sohn Schafats. Er war gerade mit zwölf Gespannen am Pflügen und er selbst pflügte mit dem zwölften.

Im Vorbeigehen warf Elija seinen Mantel über ihn.

20 Sogleich verließ Elischa die Rinder, eilte Elija nach und bat ihn:

Lass mich noch meinem Vater und meiner Mutter den Abschiedskuss geben; dann werde ich dir folgen.

Elija antwortete:

Geh, kehr um! Denn was habe ich dir getan?

21Elischa ging von ihm weg, nahm seine zwei Rinder und schlachtete sie. Mit dem Joch der Rinder kochte er das Fleisch und setzte es den Leuten zum Essen vor. Dann stand er auf, folgte Elija und trat in seinen Dienst.

Überblick

Diese Berufung geschieht ohne Worte. Erst über die Konsequenz wird gesprochen. Doch was sagt Elija zu Elischa?

 

1. Verortung im Buch

Erschöpft – nahe am Burnout – war der Prophet Elijah zum Sterben in die Wüste geflohen. Am Ende gibt Gott ihm Kraft in einem „leisen Säuseln“ (siehe dazu meinen Text „Burnout – eine 'Volkskrankheit' und ihre biblische Therapie“). Dem Propheten, der gefühlt im Kampf gegen den Götzendienst gescheitert ist, wird ein neuer Auftrag erteilt und ihm wir an seine Seite eine Stütze gestellt. Elischa soll der Begleiter und Nachfolger Elijahs werden. In den für die Lesung ausgewählten Verse wurde der Auftrag an Elijah, der unter anderem zur Berufung Elischas führt nur verstümmelt berücksichtigt – vollständig steht in den Versen 15-18:

Der HERR antwortete ihm: Geh deinen Weg durch die Wüste zurück und begib dich nach Damaskus! Bist du dort angekommen, salbe Hasaël zum König über Aram! Jehu, den Sohn Nimschis, sollst du zum König von Israel salben und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle. So wird es geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den wird Jehu töten. Und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den wird Elischa töten. Ich werde in Israel siebentausend übrig lassen, alle, deren Knie sich vor dem Baal nicht gebeugt und deren Mund ihn nicht geküsst hat.“

Die folgende Berufung Elischas ist somit nicht nur eine Berufung zur Nachfolge, sondern zum gewalttätigen Kampf gegen den Götzendienst.

 

2. Aufbau

Die in den Versen 19-21 erzählte Berufung geschieht wortlos durch den Überwurf des Prophetenmantels (Vers 19). Darauf folgt erst ein Gespräch: Elischa ist zur Nachfolge bereit, aber er will sich erst aus seinem alten Leben verabschieden, was er auch tun wird (Verse 20-21). Und ganz rätselhaft steht Elijahs Antwort auf Elischas Bitte in der Mitte dieser Erzählung: „Geh, kehr um! Denn was habe ich dir getan?“

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 16: Der Name Elischa (אֱלִישָׁע) bedeutet „Gott hat gerettet“ und ist eine Bekenntnisaussage, dass Gott Hilfe und Rettung bringt.

Vers 19: Der Name Elija (אֵלִיָּה) bedeutet „Mein Gott ist JHWH“. Daraus ergibt sich aus der Aufeinanderfolge der Propheten auch eine Bekenntnisfolge: Mein Gott ist JHWH und er bringt Hilfe und Rettung. Elischa ist kein armer Mann. Dass er zusammen mit seinen Arbeitern mit zwölf Gespannen seinen Landbesitz pflügt, weist ihn als einen wohlhabenden Mann aus – der seinen Besitz verlässt, um einem Propheten nachzufolgen. Die Art der Berufung ist einmalig im Alten Testament und es ist keine Salbung, wie es Gott zuvor ihm geheißen hatte. Mit seinem Mantel hatte sich Elija zuvor geschützt, als Gott an ihm vorüberzog (Vers 13). Und an einer anderen Stelle werden dem Mantel besondere, göttliche Kräfte zugeschrieben: „Er nahm den Mantel, der Elija entfallen war, schlug mit ihm auf das Wasser und rief: Wo ist der HERR, der Gott des Elija? Als er auf das Wasser schlug, teilte es sich nach beiden Seiten und Elischa ging hinüber.“ (2 Könige 2,14).

Vers 20: Den ihm von Elijah überworfenen Mantel, deutet Elischa direkt als Ruf in die Nachfolge, dem er folgen will. Die Nachfolge bedeutet das Verlassen seines bisherigen Lebens – daher ist es sein Wunsch, sich noch von seinen Eltern verabschieden zu dürfen. Die Antwort Elijahs auf diesen Wunsch ist nur schwer zu verstehen: Weißt er den Wunsch zurück? Widerruft er vielleicht gar die Berufung? Mit der Aufforderung „Geh!“ schickt er Elischa zurück, der ihm gerade nachgeeilt war. Er soll entsprechend seinem Wunsch zu seiner Familie gehen und sich verabschieden. Die folgende Aufforderung „Kehr um/zurück!“ dann sodann in zweifacher Art verstanden werden: Entweder als Verstärkung des „Geh!“ oder als Befehl nach der Verabschiedung wieder zu Elijah zurück zu kehren und ihm zu folgen, wie es dann auch Vers 21 erzählt. Da es im Hebräischen keine Fragezeichen gibt, ist die Wiedergabe durch „Denn was habe ich Dir getan?“ nur eine Deutung. Ebenso möglich und verständlicher wäre ein direkter Bezug auf die Aufforderung zu Elijah zurückzukehren „Kehr zurück, aufgrund dessen, was ich getan habe!“

Vers 21: Das Gespann, das eben noch beim Pflügen sein Leben war, wandelt er zu einem Abschiedsmahl mit dem er sich nicht nur symbolisch von seinem alten Leben verabschiedet, um nun bedingungslos Elijah zu folgen.

Auslegung

In der Bibel gibt es viele Berufungsszenen. Sie alle sind auch eine Anfrage an den Leser und die Leserin. Würde ich alles stehen und liegen lassen, nur weil jemand mir das sagt, und ein neues, entbehrungsreiches Leben beginnen? Elischa, der anscheinend aus einer wohlhabenden Familie stammt, muss nicht mal berufen werden. Es bedarf keiner Worte, sondern es reicht schon ein symbolischer Akt: Elija wirft seinen Mantel über ihn. Die Bedeutung dieser Handlung ist heute nicht mehr zu verstehen. In einem griechischen Graffito aus einem phönizischen Grab des dritten Jahrhunderts v. Chr. erklärt eine Geliebte, dass sie sich das Gewand ihrer Geliebten gesichert hat, und glaubt, dass sie damit die Macht über seine Person habe. Elijas Handlung ist vielleicht eine Symbolhandlung, die verdeutlicht, dass Elischa nun unter seiner Gewalt steht. Am Ende des Abschnittes heißt es: „Dann stand er auf, folgte Elija und trat in seinen Dienst.“ Elischa ist noch nicht sein Nachfolger, sondern sein Diener.

Ob er jedoch, der in diesen Dienst eintritt, von Elija direkt in seinen ersten Worten zurückgewiesen wird und ihn dann dennoch folgt. Oder, ob Elija ihm seinen Wunsch, sich noch von seiner Familie zu verabschieden, zugesteht, aber ihn an die stattgefundene Indienstnahme erinnert – das ist im Text so formuliert, dass der heutige Leser selbst entscheiden muss, wie er Elijas Worte versteht.

Kunst etc.

Elischa wurde in der Kunst oft dargestellt, da in der christlichen Rezeption die Totenerweckungserzählung in 2 Könige 4,8-37 und die Brotvermehrung in 2 Könige 4,42-44 wie ein Vorausbild auf das Wirken Jesu scheinen. Häufig wird in den Darstellungen Elischa sein Mantel betont, der gemäß biblischer Tradition der Mantel ist, mit dem Elija ihn berufen hatte.

 

Während sie [= Elija und Elischa] miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor. Elischa sah es und rief laut: Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter! Als er ihn nicht mehr sah, fasste er sein Gewand und riss es mitten entzwei. Dann hob er den Mantel auf, der Elija entfallen war, kehrte um und trat an das Ufer des Jordan. Er nahm den Mantel, der Elija entfallen war, schlug mit ihm auf das Wasser und rief: Wo ist der HERR, der Gott des Elija? Als er auf das Wasser schlug, teilte es sich nach beiden Seiten und Elischa ging hinüber. Die Prophetenjünger von Jericho, die in der Nähe standen, sahen ihn und sagten: Der Geist des Elija ruht auf Elischa. Sie kamen ihm entgegen und warfen sich vor ihm zur Erde nieder.“ (2 Könige 2,11-15)

 

Auf dieser holländischen Bildfliese aus dem 18. Jahrhundert überreicht Elijah vom Himmel seinen Mantel an Elischa:

Bildfliese aus dem 18. Jahrhundert, Bestand des Museum Rotterdam – Lizenz: gemeinfrei
Bildfliese aus dem 18. Jahrhundert, Bestand des Museum Rotterdam – Lizenz: gemeinfrei