Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 9,51-62)

51Es geschah aber: Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen.

52Und er schickte Boten vor sich her. Diese gingen und kamen in ein Dorf der Samariter und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen.

53Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war.

54Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt?

55Da wandte er sich um und wies sie zurecht.

56Und sie gingen in ein anderes Dorf.

57Als sie auf dem Weg weiterzogen, sagte ein Mann zu Jesus: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst.

58Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.

59Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben!

60Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!

61Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich Abschied nehmen von denen, die in meinem Hause sind.

62Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Überblick

Nachhilfestunde für die Jünger Jesu. Mal mit, mal ohne Worte macht Jesus heute den Jüngern deutlich, wie sie ihre Nachfolge verstehen sollen.

 

1. Verortung im Evangelium
Der ausgewählte Text markiert einerseits einen neuen Abschnitt innerhalb des Lukasevangeliums (Lk), andererseits ist er durch die Jünger-Thematik eng mit den vorangegangen Abschnitten verzahnt. Denn das 9. Kapitel des Lukasevangeliums legt den Schwerpunkt auf die Jünger Jesu. Immer wieder geht es dabei darum, ob und wie die Jünger Jesus und seine Sendung und die Botschaft vom Reich Gottes verstehen. Sowohl in diesen größeren Einheiten als auch in den kleineren Abschnitten dazwischen schimmern sowohl Verständnis als auch Unverständnis oder offene Fragen der Jünger zur Frage nach der Bedeutung Jesu durch.
Gleichzeitig beginnt mit Lk 9,51 ein Teil des Evangeliums, der irgendwo unterwegs auf dem Weg nach Jerusalem spielt. Bis Lk 18,34 gibt es bei den Episoden keine genauen Ortsangaben, so dass man den Weg Jesu nachverfolgen könnte.

 

 

2. Aufbau
Der Evangeliumstext gliedert sich in zwei Abschnitte. Lk 9,52-56 stellt die Jünger in den Mittelpunkt und schildert das ablehnende Verhalten eines Dorfes gegenüber ihrer Verkündigung. Lk 9,57-62 legt in drei unterschiedlichen Szenen dar, was es heißt, Jesus auf seinem Weg nachzufolgen.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

 

Vers 51: Der Vers leitet den gesamten Abschnitt Lk 9,51-18-34 ein und macht deutlich, dass Jesus sich von nun an auf dem Weg nach Jerusalem befindet. Nur aus der nachösterlichen Perspektive wird die weitere Formulierung „dass er hinweggenommen werden sollte“ verständlich. Gemeint ist die Himmelfahrt Jesu, die den Gekreuzigten und Auferstandenen endgültig zurück zum Vater führt.
Die Formulierung „als sich die Tage erfüllten“ bringt den Gedanken zum Ausdruck, dass es eine „Vollständigkeit“ von Tagen oder Jahren oder allgemein der Zeit gibt.

 

Vers 52-53: Die Rolle der Jünger wird als Botendienst beschrieben. Dies ist jedoch nicht abwertend, im Sinne von Dienstbote zu verstehen, sondern im Sinne von Kundschaftern oder Vorläufern. Die Jünger werden gemäß ihrer Aussendung in Lk 9,1-6 unterwegs verkündigt haben und so den Weg bereitet haben für die spätere Verkündigung der Reich Gottes Botschaft durch Jesus selbst. Auf ähnliche Weise ordnete der Evangelist Lukas Johannes den Täufer als Vorläufer ein, wenn er ihn sagen ließ: „Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (Lk 3,16). Gleichzeitig sind die Jünger auch pragmatische Vorbereiter der Wegetappen Jesu, wenn sie sich um Unterkunft bemühen.
Die Ablehnung Jesu in dem Dorf, das die Jünger besuchen, wird von Lukas klar erzählt. Man nimmt Jesus nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem ist. Für die Samariter, die Gott nicht im Tempel in Jerusalem, sondern im Tempel auf dem Garizim verehren, ist jemand, der nach Jerusalem wandert, zwangsläufig nicht gern gesehen. Nur durch die Rivalität bzw. Ablehnung zwischen Juden und Samaritanern ist zu erklären, dass das sonst so bedeutsame Gesetz der Gastfreundschaft hier nicht zum Tragen kommt.

 

Verse 54-56: Die erfahrene Ablehnung führt bei zwei der Jünger Jesu zu einem Vorschlag: Johannes und Jakobus wollen gegen das Dorf aktiv werden bzw. Gott gegen das Dorf aktiv werden lassen. Im Hintergrund steht die Idee, dass Gott Sünder dadurch straft, dass er Feuer auf die Erde sendet (vgl. Genesis 19,24). Die geschilderte Reaktion Jesu ist klar, kommt aber ganz ohne wörtliche Rede Jesu aus. Einerseits wird berichtet, dass er die Jünger zurechtweist, andererseits zieht Jesus mit den Seinen einfach weiter in ein anderes Dorf.

 

Verse 57-58: Das Verständnis von Nachfolge als „hinterhergehen“ und „Schicksal/Leben in allem teilen“ kommt hier zum Ausdruck, wenn beteuert wird, überall mit hin zu gehen. Der Schüler folgt in diesem Verständnis dem Lehrer im wahrsten Sinne auf Schritt und Tritt und führt ein Leben ganz wie der Lehrer.
In der Antwort Jesu spiegelt sich das Erleben von sogenannten Wandercharismatikern, die wohl auch hinter der Überlieferung des Abschnitts stehen. Dabei handelt es sich um Gruppen oder einzelne Personen, die sich ganz der Verkündigung des Gottes Reichs widmen und so ohne Verwurzelung an einem Ort oder mit bestimmten Menschen umherziehen. Ihr Leben ist ganz auf die Weitergabe der Botschaft ausgerichtet, daher haben sie sich allen Ballasts entledigt und damit auch der Sicherheit, zu wissen, wo man abends schläft.

 

Verse 59-62: Die beiden weiteren Gesprächsszenen sind eng miteinander verbunden. In beiden findet sich die Bitte um die Erlaubnis vor dem Eintritt in die Nachfolge noch etwas „erledigen“ zu dürfen und eine Antwort Jesu in Bezug zum Reich Gottes.

Das Bestatten der Toten ist eine Verpflichtung der Tora und ist den vielen anderen Geboten übergeordnet als zentraler Dienst an den Verstorbenen. Es geht mit dieser Frage also im Kern darum, wie sich der Ruf in die Jüngerschaft mit zentralen Geboten des Miteinanders verträgt. Die Antwort Jesu spielt mit dem Begriff „tot sein“. Wenn die Toten sich selbst begraben sollen, dann sind damit diejenigen gemeint, die nicht in der eigentlichen Lebenswirklichkeit, dem Reich Gottes zuhause sind. Deshalb ist die Antwort Jesu auch mit der Aufforderung zur Verkündigung verbunden. Wer das Reich Gottes verkündet und auf es hofft, weiß um das ewige Leben, das damit verheißen ist. Damit werden die Verpflichtungen im Diesseits nicht alle automatisch aufgehoben, aber wer das Reich Gottes verkünden will, der muss auch durch das Abstandnehmen von solchen Regeln deutlich machen, dass er in eine neue und andere Wirklichkeit eingetaucht ist. So verliert die Verpflichtung zur Bestattung angesichts der Hoffnung auf ewiges Leben seinen zentralen Moment der Fürsorge und Ehre.

Der Wunsch, sich von den Angehörigen zu verabschieden, bevor man in die Nachfolge eintritt, erinnert an eine ähnliche Situation im 1. Buch der Könige. Dort gibt der Prophet Elia seinem Schüler auf dessen Wunsch hin die Möglichkeit, sich von dem Vater zu verabschieden. Der Ritus des Abschiednehmens soll die Verbindung zwischen Personen auch über eine räumliche oder zeitliche Distanz hinweg sichern und stärken. Die Antwort Jesu ist gleichnishaft und schildert den „normalen Vorgang“. So wie man nicht mit dem Blick nach hinten pflügen kann, so kann man in der Nachfolge nicht auf das Fortbestehen etablierter Verbindungen bauen, sondern muss sich von allem frei machen, um sich ganz in den Dienst nehmen zu lassen.

Auslegung

Zwischen Begeisterung für zugesprochene Vollmacht und Festhalten an der alten „Routine“ bewegt sich das Schicksal der Jünger Jesu im heutigen Evangeliumsabschnitt. Es fällt ihnen noch schwer, das richtige Maß zu finden in dem anvertrauten Auftrag und gleichzeitig sind ihnen die Konsequenzen der Nachfolge noch nicht vollständig klar.
Bei ihrer Aussendung (Lk 9,1-10) durften die Zwölf Apostel erleben, dass sie mit einer Macht ausgestattet wurden, die sie sich wahrscheinlich nie hätten träumen lassen. Sie sollen nicht nur das Wort Gottes verkünden, sondern sogar Kranke heilen! Angesichts dieser Erfahrung ist es durchaus verständlich, dass sie diese Vollmacht auch gegenüber dem ungastlichen Dorf anwenden wollen oder denken, dass sie hierzu eine Art „Empfehlung“ aussprechen könnten. Doch damit schießen Jakobus und Johannes deutlich über das Ziel hinaus. Sie sind – trotz aller übergebenen Vollmacht – nicht diejenigen, die solche Entscheidungen treffen. Die ihnen gegebene Macht soll dem Leben der Menschen dienen, nicht strafen oder schaden. Sie können Heilung herbeiführen und Worte des Trostes zusprechen, die Kompetenz über das Dorf Gericht zu halten, haben sie nicht. Die scharfe, wenngleich „wortlos“ wiedergegebene Reaktion Jesu im Lukasevangelium soll das zum Ausdruck bringen.

Demgegenüber benötigen die Jünger in Sachen Klarheit der Entscheidung Korrekturen in eine andere Richtung. Hier ist es nicht ein zu viel, sondern ein zu wenig an Engagement, das thematisiert wird. Die Gesprächssituationen sollen allesamt zeigen, auf welche Weise das Reich Gottes zu verkünden und damit die Nachfolge Jesu anzutreten ist. Denn wer Jesus wirklich nachfolgt, der muss wirklich alles dafür aufgeben (vgl. Lk 5,11). Und das bedeutet nicht nur für den Moment, sondern umfassend. Wer sich auf Jesus und die Wirklichkeit Gottes einlässt, der kann nicht mehr festhalten an den Dingen, die man schon immer so gemacht hat. Ein wahrer Jünger Jesu ist in der Lage, auch alte Normen hinter sich zu lassen und sogar die eigenen Lebensumstände durch die Botschaft des Reich Gottes durchkreuzen zu lassen. Das bedeutet, dass das Leben in der Nachfolge auch eine Entwurzelung aus dem vertrauten Umfeld und etablierten Sicherheiten bedeutet. Es scheint, die Jünger Jesu hätten sich die Regeln der Nachfolge gerne etwas lockerer und dehnbarer gewünscht.

In ihrem zu viel auf der einen und zu wenig auf der anderen Seite sind die Jünger sicher bereits den ersten Lesern des Lukasevangeliums sehr sympathisch gewesen. Denn ihre Suche nach dem richtigen Maß bzw. ihre Hoffnung auf flexiblere Regeln leuchtet sofort ein. Sie haben sich bereitwillig mit Jesus auf den Weg gemacht, haben Anteil an seinem Tun und seinen Worten, ihnen ist sogar Vollmacht zugesprochen worden. Doch trotz ihres schon vorhandenen Engagements werden sie zu einer größeren Klarheit aufgefordert. Sie sollen zum einen die Grenzen ihrer eigenen Macht erkennen und zum anderen in der Bereitschaft wachsen, konsequent den Ruf zur Nachfolge umzusetzen. Nicht nur die Leser des Lukasevangeliums an der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert dürften sich in den Fragen der Jünger wie in den Mahnungen Jesu wiedergefunden haben.

Kunst etc.

Der Evangelist Lukas auf einer Darstellung von Lambert Jacobsz aus dem 17. Jahrhundert.

Lambert Jacobsz [Public domain] via wikicommons
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