Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (1 Kor 12,12-31a)

12Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus.

13Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.

14Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern.

15Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib.

16Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib.

17Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?

18Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach.

19Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib?

20So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib.

21Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.

22Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.

23Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand,

24während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ,

25damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen.

26Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.

27Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

28So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede.

29Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun?

30Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle solches Reden auslegen?

31aStrebt aber nach den höheren Gnadengaben!

31b

Die höheren Gnadengaben - das Hohelied der Liebe: 12,31b - 13,13

Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt:

Überblick

Paulus entwirft ein neues Bild für die Gemeinde.

1. Verortung im Brief
In den Kapiteln 12-14 im 1. Korintherbrief (1 Kor) widmet sich der Apostel Paulus sehr ausführlich den Geistesgaben. Dabei geht es sowohl um deren Ursprung aus dem einen Geist (1 Kor 12,4-11), als auch um deren Zuordnung zueinander im Bild vom Leib und den Gliedern (1 Kor 12,12-31). Über allen Geistesgaben und deren „Nutzung“ steht jedoch der Weg der Liebe (1 Kor 13,1-13). Danach widmet sich Paulus im Kapitel 14 einigen Gaben ausführlich (1 Kor 14,1-25) und beschreibt, wie diese im Gemeindegottesdienst zum Einsatz kommen (1 Kor 12,26-40). Insgesamt ist das Miteinander in der Gemeinde eines der zentralen Themen des Briefes. Ein weiteres ist die Treue zu der Verkündigung des Evangeliums durch Paulus. Der Apostel versucht, eine Eigendynamik der Gemeinde, die sich durch andere Ausleger des Evangeliums eingeschlichen hat, zu bremsen.

 

2. Aufbau
Der Abschnitt wird eingeleitet durch die Einführung des Bildes vom Leib und den vielen Gliedern (Verse 12-13). Der Hauptteil wendet den Vergleich mit dem Leib und den Gliedern auf die Gemeinschaft der Getauften hin an (Verse 14-27). Die abschließenden Verse (Verse 28-31) wenden den Blick zu den Gaben und Diensten, die Gott im Hinblick auf die Gemeinde verleiht.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 12-13: Das Bild von der Gemeinde als Leib Christi muss der Gemeinde schon bekannt gewesen sein, denn es wird ohne große Erklärung eingeführt. Der Leib ist dabei das Bild für die bestehende Gemeinde, in die ein Getaufter eingegliedert wird und in der bestehende Gegensätze der antiken Gesellschaft überwunden sind (Vgl. Galaterbrief 3,26-29).

Verse 14-27: Paulus greift mit dem Bild vom Leib und den vielen Gliedern auf ein Gleichnis zurück, dass in der Gemeinde bekannt gewesen ist. Es bezieht sich u.a. zurück auf einen Bürger der römischen Oberschicht, Menenius Agrippa, der 494 v. Chr. versuchte mit diesem Gleichnis den Aufruhr der einfachen Stadtbevölkerung zu beruhigen.
Paulus formuliert in den Versen 14-27 sein zentrales Anliegen in zwei Argumentationslinien aus. Ziel ist, dass jedes Glied, jeder Getaufte sich als ein Teil am Leib Christi, ein wichtiger Bestandteil der Gemeinde hin begreift. Dabei gibt es vielleicht eine scheinbare funktionale Überlegenheit mancher Körperteil oder Organe (Hand, Auge), aber dies ändert nichts an der Zuordnung der Glieder zu einander und der gegenseitigen Verwiesenheit. Gleichzeitig kann ein Leib nicht im Streit mit sich selbst oder einzelnen Teilen seines Aufbaus sein, sondern ein Körperteil muss für das andere sorgen, damit der Leib als Ganzer funktionstüchtig bleibt.

Verse 28-31: Im abschließenden Abschnitt blickt Paulus auf Funktionen (nicht Ämter), die sich in der frühen Kirche herausgebildet haben. Da die missionarische Tätigkeit der Apostel immer gemeindeübergreifend und damit überregional war, weitet sich der Begriff der Kirche hier über das Bild der einen Gemeinde hinaus. Apostel, Lehrer und Propheten tragen je auf ihre Weise zur Verbreitung des Evangeliums bei und zum Aufbau des Leibes Christi. Sind die Apostel missionarisch unterwegs, sind Lehrer und Propheten die Größen, die der Gemeinde vor Ort Gestalt und Ordnung geben.
Die folgende Auflistung von Geistesgaben erinnert an die Aufzählung zu Anfang des Kapitels, wobei auch hier die Zungenrede sicher bewusst als letzte genannt wird. Die Auflistung der Funktionen und der Gaben macht zum einen deutlich, dass Apostel, Lehrer und Propheten weitere Ausprägungen der Geistesgaben sind, aber den anderen nicht qualitativ überlegen. Zum anderen wird durch die Leitungsfunktionen eine gewisse Ordnung in den vielgestaltigen Leib hineingetragen, ohne die die Gemeinde sich zu sehr auf einzelne Gaben fokussieren könnte. Hier versucht Paulus sehr versteckt und dennoch deutlich die Gemeinde mit ihrer Tendenz zur Überhöhung der ekstatischen Gaben wie Zungenrede und Exorzismen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

Vers 31: Was Kriterium für die höheren Gnadengaben ist, hatte Paulus bereits im 1. Korintherbrief (1 Kor) 12,7 benannt. Die Gaben werden geschenkt, damit sie für alle zum Nutzen werden. Dieses Kriterium betont er nun indirekt wieder, wenn er auffordert nach den höheren Gnadengaben zu streben.

Auslegung

Die Frage nach dem Zusammenhalt in der Gemeinde und den sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Geistesgaben (Charismen) beschäftigt Paulus. Offensichtlich erlebt er nicht nur, dass die Gemeinde in Korinth die nach außen gewandten, ekstatischen Fähigkeiten wie Zungenrede überhöht. Es scheint auch so als würden die verschiedenen Gaben in der Gemeinde zueinander in Konkurrenz stehen und so einzelne Gemeindemitglieder mit ihren Fähigkeiten sich geringgeschätzt oder gar wertlos im Zusammenspiel der Charismen fühlen. Und noch ein weiterer Aspekt scheint akut zu sein: Das Höherbewerten mancher Charismen dient nicht der Ordnung der Gemeinde, sondern führt zu Chaos. Das Gleichnis vom Leib und den Gliedern soll zum einen denjenigen Mut machen, die sich mit ihren Fähigkeiten von anderen überrannt fühlen, zum anderen weist es auf die Verschränkung der Glieder in dem einen Leib hin. Die Zuordnung der Gaben in der Gemeinde ist nicht einfach spirituell überhöht zu denken, sondern funktional, so zeigt es das Bild vom Leib. Das eine Glied kann ohne das andere nicht existieren und das Leid des einen Körperteils wird zum Leid des anderen. Im Leib Christi lebt niemand für sich allein!

Wenn es dennoch eine Unterschiedenheit von Gaben und auch daraus erwachsenden Funktionen in der Gemeinde von Korinth und dem entstehenden Christentum gibt, dann sind diese Unterschiede nie qualitativ zu verstehen. Die eine Gabe kann die andere Gabe nicht übertrumpfen. Keiner soll sich mit seiner Geistesgabe einem anderen und dessen Gabe unterlegen fühlen müssen. Die Zuordnung zueinander und das miteinander eingegliedert sein in den einen Leib werden daher immer wieder von Paulus betont. Die guten Gaben und ihr guter Nutzen zeigen sich in der Art und Weise, wie sie dem Miteinander in der Gemeinde dienen.