Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (1 Kor 11,23-26)

23Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot,

24sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

25Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

26Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Überblick

Paulus muss der Gemeinde in Korinth deutlich machen, dass sie mit der Feier der Eucharistie eingebunden ist in eine Tradition, deren Ende und Anfang sie selbst nicht überschaut.

 

1. Verortung im Brief
Paulus widmet sich im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth (1 Kor) sehr ausführlich aktuellen Problemen der Gemeinde. Das gesamte 11. Kapitel steht dabei unter dem Fokus einer guten gemeinsamen Gottesdienstfeier. Dabei geht es sowohl um die richtige Einstellung zur Feier als auch um die richtige Praxis. So kritisiert Paulus beispielsweise in 1 Kor 11,17-22, dass das gemeinsame der Feier verloren geht, wenn jeder beim Mahl nur das zu sich nimmt, was er selbst mitbringt. Wen das Teilen und aufeinander Warten innerhalb der Gemeinde nicht mehr praktiziert wird, verkommt das Mahl in seinem eigentlichen Sinn. Um die Gemeinde an den Ursprung der gemeinsamen Mahlfeier zu erinnern stellt Paulus die Tradition des Abendmahls oder Herrenmahls in das Zentrum des Kapitels.

An die Weisungen für den Gottesdienst schließt Paulus mit den Kapiteln 12-14 an, in denen er sich dem Zueinander der Gaben innerhalb der Gemeinde widmet.

 

2. Aufbau
Der kurze Abschnitt lässt sich dreiteilen: Vers 23a als Einleitung, Verse 23b-25 als Überlieferung der Einsetzung des Herrenmahls und Vers 26 als Abschlussmahnung.

 

3. Erklärung einzelner Verse


Vers 23a: Paulus legt zu Beginn Wert darauf, dass nicht er selbst Urheber der anschließenden Weisungen ist. Vielmehr macht er deutlich, dass auch er sich an eine Überlieferung hält, so wie er es von der Gemeinde in Korinth auch einfordert. Damit wird die Feier des Herrenmahls Teil eines Überlieferungs- und Gedächtnisprozesses (vgl. Vers 25) und ist somit der Verfügung der einzelnen Gemeinde entzogen. Das im griechischen Text betont vorangestellte „ich“ betont die Autorität des Paulus als Verkünder der Botschaft Jesu Christi.

Wenn Paulus hier von einer Überlieferung spricht, so wie auch in der Einleitung zum Auferstehungsbekenntnis (1 Kor 15,3), dann ist das wörtlich zu verstehen. Wie auch das Zeugnis der Auferstehung dürfte Paulus die Einsetzungsworte in Antiochien kennengelernt und in seine Verkündigung formelhaft aufgenommen haben. Aufgrund der sprachlichen Nähe zu der Überlieferung der Abendmahlsworte im Lukasevangelium ist anzunehmen, dass auch Lukas diese Tradition aus Antiochien kannte. Beide, Lukas und Paulus, nehmen sie in ihrer Form auf. Die Evangelisten Markus und Matthäus haben eine etwas andere und womöglich noch ältere Tradition in ihre Darstellung eingebunden.

Wenn Paulus dem Hinweis auf die Überlieferung der Worte den Zusatz „vom Herrn“ hinzufügt, dann hat dies eine doppelte Bedeutung: Zum einen soll dies auf Jesus als den Urheber des Geschehens verweisen. Zum anderen auf den in der Mahlfeier gegenwärtigen, zum Vater aufgefahrenen und erhöhten Herrn. Von dort aus ist er durch die Feier zu seinem Gedächtnis bleibend bei seiner Gemeinde, er begibt sich mitten unter sie.

 

Vers 23b-25: Der Hinweis auf die Nacht der Auslieferung Jesu in Vers 23b ist nicht nur wichtig im Hinblick auf die Überlieferung, sondern mit dieser historischen Einordnung ist der Bericht vom Abendmahl Jesu als geschichtliches Ereignis in Raum und Zeit verortet. Dies ist wichtig, um die Begründung der Herrenmahltradition nicht in einem mystischen Kontext fern von menschlichen und zeitlichen Realitäten anzusiedeln. Vielmehr geht es darum, aus einem historischen Ereignis eine Tradition zu begründen und zu normieren, d.h. ihr Regeln zu setzen.

Der Bezug auf das „Mahl“ in Vers 25 weist darauf hin, dass die korinthische Gemeinde die Gedächtnisfeier des Abendmahls Jesu noch in eine gemeinsam eingenommene Mahlzeit einbettet. Dies entspricht der Feier eines jüdischen Festmahls, wie dem Paschamahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte. Dort steht das Brotbrechen und Verteilen am Anfang und ein Dankgebet beim dritten Becher Wein am Ende. Bei den Evangelisten Markus und Matthäus ist der Hinweis auf das Mahl nicht mehr zu finden, hier heißt es „dann nahm er den Kelch“. Die zweimalige Aufforderung „tut dies zu meinem Gedächtnis“ nach dem Brot- nach dem Kelchwort weist jedoch schon darauf hin, dass die Feier des Herrenmahls sich beginnt aus der ausführlichen gemeinsamen Mahlfeier herauszulösen.

Auch bei den Worten zum Brechen des Brotes gibt es einen Unterschied zwischen der Überlieferung von Paulus und Lukas im Gegensatz zu Markus und Matthäus. Sprechen Paulus und Lukas vom Leib „für euch“, so überliefern die anderen beiden „für die vielen“. Diese Tradition ist vermutlich älter, zeigt sie doch ein umfassenderes Bild der Deutung der Gabe Jesu. Wenn Lukas und Paulus dann „für euch“ formulieren, ist dies weniger exklusiv zu verstehen, vielmehr möchte es die feiernde Gemeinde ganz persönlich in das heilbringende Geschehen einbeziehen.

Das Blut des Kreuzes, d.h. der Tod Jesu am Kreuz besiegelt den „neuen Bund“ zwischen Gott und Mensch, daher ist der Kelch Zeichen des „neuen Bundes“.

 

Vers 26: Mit dem letzten Vers der Lesung verlässt Paulus die Tradition, die ihm überliefert ist und mahnt die Gemeinde, den Ausgangspunkt der Mahlfeier nicht aus dem Blick zu verlieren. So wie das Blut des Kelches den neuen Bund besiegelt, so steht das Kreuzesereignis als Ganzes für die Erlösung der Menschen und das Hereingerufen Sein in die Gemeinschaft mit Gott. Die Mahlgemeinschaft soll diesen neuen Bund, der durch das Kreuz gestiftet ist, verkünden. Das Mahl ist kein Selbstzweck, sondern gewinnt seine Bedeutung im Blick auf das einmalige Ereignis des Todes Jesu.

Auslegung

Die wenigen Sätze, mit denen Paulus der Gemeinde von Korinth das wesentliche der Abendmahlsfeier ins Gedächtnis ruft, haben es in sich. Weniger von der Komplexität als vielmehr von der Tiefe des Gesagten. Dabei spannt der Apostel einen bewussten Bogen von der Einleitung und Erinnerung an die ihm überlieferte Tradition zur abschließenden Mahnung. Offensichtlich sieht er die Gemeinde in der Gefahr, die existentielle Bedeutung der Mahlfeier für jeden Einzelnen und die versammelte Gemeinschaft abzuschwächen. „Abschwächen“ bedeutet für Paulus: Den Ursprung und das vorausgehende Heilsereignis aus dem Blick zu verlieren und den wahrhaftigen Gedächtnischarakter der Feier damit aufzuheben. Sollte die Gemeinde die Mahlfeier als eine Tradition von vielen begreifen oder die Überlieferung des letzten Abendmahls nur als eine unter vielen Zeichenhandlungen Jesu verstehen, dann würde sie sich selbst im inneren Kern auflösen. Paulus betont explizit, dass die Gemeinde genauso wie er selbst eine Überlieferung anvertraut bekommen hat. Und diese Überlieferung dient nicht einfach der Erinnerung, sondern dem Gegenwärtighalten.

In der gemeinsamen Feier des Herrenmahls bleibt der Kreuzestod Jesu für alle Menschen sichtbar, erfahrbar, ja sogar schmeckbar. Immer wenn Brot und Wein in der überlieferten Form als Gemeinde geteilt werden, dann ist Christus konkret bei ihnen. Um dies deutlich zu machen, nutzt Paulus das Wort des „Gedächtnis“. Es knüpft an die das Motiv des Gedenkens an, wie es im Alten Testament aber auch in der griechischen Welt bekannt ist. Wer gedenkt, erinnert sich an die Vergangenheit und zieht dafür Konsequenzen für die Gegenwart und die Zukunft. Daher ist das Herrenmahl auch mehr als bloße nostalgische Erinnerung an vergangene Zeiten als Jesus noch mit seinen Jüngern zusammenkam und das Brot teilte. In der gemeinsamen Feier wird dem Vergangenen gedacht, dem Mahl Jesu mit seinen Jüngern vor seinem Tod. Weil dieses Abschiedsmahl eine einmalige Bedeutung bekam durch den Tod und die Auferstehung Jesu, ist die Überlieferung dieses Geschehens so wichtig. Jesus, der bald darauf sein Leben für die Seinen hingab und seine Sendung vollendete (vgl. die Auslegung zum heutigen Evangelium), setzte im Mahl ein Zeichen, dass die Bedeutung der Ereignisse für alle Zeiten festhalten sollte. Die deutenden Worte über Brot und Wein verweisen auf die Selbsthingabe und diese Hingabe am Kreuz hat Bedeutung von damals über heute bis in die Zukunft. Und sie beinhaltet eine Zusage nicht nur an die Jünger, sondern auch an die konkrete Gemeinde. Deshalb nimmt Paulus beim Kelchwort womöglich auch die direktere Formulierung „für euch“. Auch für diese konkrete Gemeinde gilt die Zusage Jesu an seine Jünger: Wenn sie sich zur Feier des Herrenmahls versammelt, dann verkündet sie den Tod Jesu als Ereignis von existentieller Bedeutung. In der Feier erzählen sie davon, wie der Sohn Gottes aus Liebe zu den Menschen starb und mit seinem Tod (in meinem Blut) einen neuen ewigen Bund zwischen Gott und Mensch ermöglichte. Wer so feiert, der erinnert sich nicht nur, der handelt im Gedenken und vergegenwärtigt, was er feiert. Und Vergegenwärtigung bedeutet dann nicht nur die Mahlgemeinschaft an sich, sondern es bedeutet auch eine Verlebendigung der Worte und Taten Jesu im konkreten Leben der Feiernden.

Kunst etc.

Nicolas Poussin, Die Einsetzung der Eucharistie (1640), gemeinfrei via wikicommons.
Nicolas Poussin, Die Einsetzung der Eucharistie (1640), gemeinfrei via wikicommons.