Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Apg 7,55-60)

55Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen

56und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.

57Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,

58trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.

59So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!

60Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

Überblick

Wilde Raserei. Wenn gemeinsamer Hass Menschen zusammenschweißt.

1. Verortung im Buch
Die Erzählung vom Wirken und Sterben des Stephanus beendet innerhalb der Apostelgeschichte den erzählerischen Abschnitt, der sich ganz der Situation der christlichen Gemeinde in Jerusalem widmet. Nach dem Tod des Stephanus weitet sich der Fokus auf die Entwicklung der Gemeinde in Judäa und Samaria.
Der Szene der Lesung voran geht die Vorstellung der Person des Stephanus und seines Wirkens beschrieben (Apostelgeschichte (Apg) 6,8-10) und die große Rede des Stephanus, in der er sich verteidigend die Geschichte Gottes mit den Menschen in der Geschichte Israels nachzeichnet (Apg 7,1-53)

 

2. Aufbau
Der Abschnitt ist aus drei kleinen Teilen zusammengesetzt, dabei rahmen die Worte des Stephanus (Verse 55-56 und 59-60) die Erzählung von seinem gewaltsamen Tod (Verse 57-58).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 55-56: Stephanus ist erfüllt vom Heiligen Geist und mit solcher Gabe ausgestattet wird ihm eine persönliche Vision zuteil. Er sieht die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten des Vaters und hat damit einen Ausblick auf die Wirklichkeit, die den Glaubenden verheißen ist. Gott in seiner Herrlichkeit zu sehen ist die Hoffnung derer, die im Glauben an Gott ihr irdisches Leben verbringen, die versuchen, Gott zu erkennen. Gleich zweimal wird dieser Einblick in die himmlische Welt geschildert, einmal davon in direkter Rede und damit als Mitteilung an die Umstehenden. Kurz vor seinem Tod gibt Stephanus auf diese Weise noch einmal ein Zeugnis seiner Hoffnung und seines Glaubens. In den Berichten über Martyrien ist dies ein oft geschildertes Zeichen der großen Glaubenskraft des Märtyrers.

 

Verse 57-58: Die Vision des Stephanus bringt die ohnehin schon aufgebrachte Menge zur Raserei. Das Geschrei und das Zuhalten der Ohren soll die vermeintliche Gotteslästerung des Stephanus übertönen. Um dem Verhalten des Stephanus ein endgültiges Ende zu bereiten, beschließt man kurzen Prozess zu machen und den Gotteslästerer zu töten. Die Steinigung eines Gotteslästerers muss außerhalb der Stadt erfolgen und die Zeugen der Lästerung beginnen mit der Steinigung (Deuteronomium 17,2-7). So werden auch hier Zeugen erwähnt, die ihre Kleider als Zeichen des Zeugnisses und evtl. aus pragmatischen Gründen für die Steinigung vor den Füßen eines jungen Mannes Namens Saulus ablegen. Er ist damit auch Zeuge für das Geschehen und dessen Rechtmäßigkeit. Saulus wird hier nahezu beiläufig in die Erzählung der Apostelgeschichte eingeführt, die er ab Kapitel 9 maßgeblich prägt.

 

Verse 59-60: Der Sterbende legt in der Weise seines Sterbens Zeugnis ab. Seine letzten Worte sind ähnlich den letzten Worten Jesu am Kreuz Gebet und Bitte für seine Verfolger (zum Vergleich Lukasevangelium 23,34). Mit diesem Gebet für die Verfolger wird deutlich, dass Stephanus wirklich etwas von Gottes Herrlichkeit gesehen hat bzw. von Gott verstanden hat. Denn er bleibt am Ende seines Lebens auch angesichts der gegen ihn angewendeten Gewalt beim Prinzip der Liebe, so wie Jesus selbst am Kreuz.

Auslegung

Die Geschichte des ersten Märtyrers (griechisch μάρτυς, Zeuge), also dessen, der als erster mit seinem ganzen Leben Zeugnis für Jesus Christus ablegt, spielt mit dem Gegensatz zwischen Stephanus und seinen Verfolgern. Immer wieder lässt der Evangelist Lukas, der auch die Apostelgeschichte geschrieben hat, den Blick zwischen Stephanus und den Gegnern hin und her wandern. Da ist der der griechisch sprechende Jude Stephanus, der Christ geworden ist, weil er in Jesus Christus den Messias erkannt hat. Und da sind Juden unterschiedlichster Herkunft, die dieses Bekenntnis nicht teilen, sondern weiter auf den Messias warten. Lukas, der mit der Apostelgeschichte der Erzählung von Jesu Leben und Wirken einen zweiten Teil anfügt, möchte nun die Geschichte der ersten Christen erzählen. Zu dieser Geschichte der frühen Gemeinde gehört das gemeinsame Gottesdienst feiern und beten, das Herrenmahl und die Verkündigung des Evangeliums. Andere Menschen schließen sich der ersten Gemeinde an, so dass sie schnell wächst. Aber zu den Erfahrungen der ersten Christen gehört es auch, dass sie auf Menschen treffen, die die Botschaft von Christus als Sohn Gottes nicht hören oder teilen wollen und ihnen mit Ablehnung und Skepsis begegnen. Das, was Jesus selbst widerfahren ist: Feindschaft, Anklage und Verleugnung, das erfahren auch die ersten Christen. Lukas versucht nachzuzeichnen, dass Menschen, die in die Nachfolge Jesu treten, womöglich wirklich nacherleben, was er erlebt hat. Nicht jeder in der drastischen Weise wie Stephanus, aber doch in unterschiedlichen Formen. Das Verkünden der Botschaft Gottes kann zu Widerständen und Feindschaft führen, so erlebt es Jesus und so erleben es diejenigen, die sich auf ihn berufen.
Besonders eindrücklich schildert Lukas als Autor der Apostelgeschichte, dass die Feindschaft gegen Stephanus als Jünger Jesu, Menschen zusammenschweißt. Wenn die Verfolger des Stephanus als „einmütig“ beschrieben werden, dann sind sie es nur, weil sie alle die Verkündigung des Stephanus ablehnen. Sie finden zusammen, weil sie sich von einem anderen abgrenzen wollen, ihn zu Fall bringen möchten. Dies ist eine ganz andere Art von Gemeinschaft als die junge christliche Gemeinde, die im Fokus der Apostelgeschichte steht. Von ihr wird berichtet, dass sie eine Gemeinschaft ist, weil sie sich um den Tisch des Herrn versammelt. Sie ist verbunden durch den Glauben an die Liebe Gottes, nicht durch den Hass auf einen Andersdenkenden.

Kunst etc.

Die wütende Masse und der ganz gen Himmel ausgerichtete Stephanus in der Darstellung von Rembrandt.

Rembrandt  (1606–1669), Die Steinigung des heiligen Stephanus, Öl auf Holz, 1625, gemeinfrei, The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.
Rembrandt (1606–1669), Die Steinigung des heiligen Stephanus, Öl auf Holz, 1625, gemeinfrei, The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.