Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Joh 17,20-26)

20Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.

21Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.

22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind,

23ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast.

24Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt.

25Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.

26Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Überblick

„Alle sollen eins sein.“ Was ist aus der Bitte Jesu für seine Jünger geworden?

1. Verortung im Evangelium
Mit dem 13. Kapitel beginnt der zweite Hauptteil des Johannesevangeliums (Joh). Im ersten Hauptteil (Kapitel 1-12) stand die Sendung Jesu vom himmlischen Vater zu den Menschen und sein Wirken mitten unter ihnen im Fokus. Mit dem Evangelium von der Fußwaschung (Joh 13,1-15) beginnt der Rückzug Jesu aus dem öffentlichen Wirken und zugleich die Rückkehr zum Vater, die mit Tod und Verherrlichung am Kreuz endet. Die Kapitel 13-20 (zweiter Hauptteil) verbringt Jesus vor allem mit seinem Jüngerkreis. Ihnen erklärt er nach der Fußwaschung in den sogenannten Abschiedsreden, die Bedeutung dessen, was ihn dann im Leiden und Auferstehen widerfährt.
Der letzte Teil der Abschiedsreden ist ein Gebet Jesu an den Vater. Er bittet darin im Besonderen für seine Jünger, die er bald verlassen wird. Nach der direkten Anrede der Jünger in den Kapiteln zuvor, wird nun nur noch der Vater direkt angesprochen, die Jünger sind „Gegenstand“ der Bitten Jesu. So wird der Abschied Jesu von den Seinen schon anfanghaft sichtbar.

 

2. Aufbau
Der inhaltlich sehr dichte Schlussabschnitt der Abschiedsreden und des Gebets Jesu lässt sich zweiteilen. In den Versen 20-23 ist das zentrale Thema das „Eins-sein“ der Jünger, in dem sich die Einheit zwischen Vater und Sohn fortsetzt. Mit der Anrede „Vater“ in Vers 24 beginnt der Schlussakkord des Gebets (Verse 24-26). Hier werden die wichtigsten Themen des gesamten Gebets Jesu an den Vater noch einmal aufgenommen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 20-21: Mit „nicht nur für diese“ erweitert Jesus den Kreis derer, für die er den Vater bittet. E sind nicht nur die Jünger, die gerade zugegen sind, sondern alle die an ihn glauben. Dabei ist der Blick schon auf diejenigen geweitet, die durch das Zeugnis der Jünger zum Glauben kommen. Die Erweiterung des Adressatenkreises der Bitte wird auch dadurch greifbar, dass Jesus in Joh 17,11 zunächst sehr deutlich die ihn umgebenden Jünger im Blick hatte als er schon einmal aussprach: „damit sie eins sind wie wir“. Jesus wiederholt die Bitte aber nicht nur und dehnt sie aus auf alle, die zum Glauben gekommenen sind, vielmehr nimmt er zugleich die Welt in den Blick. Die Einheit der Jünger Jesu soll für die Welt zum Zeichen werden, dass Jesus der vom Vater in die Welt gesandte Sohn ist, der mit dem Vater eins ist. Das Thema der Einheit zwischen Vater und Sohn war seit der Aussage „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30) immer wieder angerissen worden (vgl. dazu die Auslegung zu Joh 10,27-30).

 

Verse 22-23: Noch einmal wird die Einheit als „Erkennungszeichen“ für die Welt in den Blick genommen. Das Eins-sein zwischen Vater und Sohn strahlt aus auf die Jünger Jesu und von ihnen in die Welt und zu denjenigen, die Jesus noch nicht als den Sohn des himmlischen Vaters erkannt haben.
Herrlichkeit ist ein Ausdruck für das Wesen Gottes, also für seinen inneren Kern. Jesus hat, weil er der Sohn ist, in seinem Tun und in seiner Verkündigung dieses Wesen Gottes sichtbar gemacht. Das letzte und wichtigste Zeichen, in dem das Wesen Gottes und seine Herrlichkeit erfahrbar wird, wird das Kreuz sein. Indem sich Jesus dem Tod und dem Hass nicht widersetzt, sondern ihn auf sich nimmt, vollendet er seine Sendung zu den Menschen. Im Kreuz macht er Gottes Wesen sichtbar: die Liebe. Mit einem Zeichen der Liebe begann auch der Teil des Johannesevangeliums, in dem Jesus nur noch mit den Jüngern zusammen ist. In der Fußwaschung (Joh 13,1-15) machte Jesus seine Liebe zu den Jüngern sichtbar und forderte sie zugleich auf: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,15)

 

Verse 24-26: Die Anrede „Vater“ leitet zum Abschluss des Gebets über. Jesus erbittet für die Seinen die Gemeinschaft mit ihm im Reich des Vaters, in das er zurückkehren wird. Dort werden die Jünger die Herrlichkeit, also das Wesen Gottes schauen und damit auch die Sendung des Sohnes in die Welt als Zeichen seiner Liebe in seiner ganzen Tiefe verstehen. Doch auch jetzt haben die Jünger schon einen Anteil an der Erkenntnis des Wesens Gottes, weil sie – im Gegensatz zu der Welt – Jesus als den von Gott gesandten Sohn erkannt haben.

Das Kundtun des Namens bedeutet nichts anderes als das Wesen Gottes verständlich machen. Denn der Name Gottes bezeichnet nicht nur etwas, sondern gibt die Identität desjenigen preis. Der Evangelist Johannes denkt hier ganz in der alttestamentlichen Tradition, in der der Gottesname „ich bin“ (Exodus 3,14-15) die Nähe und Gegenwart Gottes zum Ausdruck bringt. Diesen Namen Gottes hat Jesus verkündet, indem er als Gottes Sohn sichtbar und greifbar Gottes Nähe spürbar macht.

Auslegung

Wenn Jesus für alle bittet, die an ihn glauben, dann ist hier die junge Gemeinde gemeint, die aus der Verkündigung der Apostel und Jünger entsteht. Diese Gemeinschaft soll ein Sinnbild sein für die Gemeinschaft, die Vater, Sohn und Heiliger Geist bilden. Wann immer man die Jünger Jesu erlebt, wann immer man ihnen zuhört und sieht wie sie miteinander und mit anderen umgehen, soll etwas vom Wesen Gottes zum Ausdruck kommen. Die Liebe und Gegenwart Gottes soll der Welt durch die Gemeinde erfahrbar werden. Als Hilfestellung hat Jesus ihnen nicht nur in der Fußwaschung, sondern bei vielen anderen Gelegenheiten gezeigt, wie Gottes Liebe und Nähe zum Ausdruck kommt. Er hat Kranke geheilt, Sündern vergeben, Menschen wiederaufgerichtet und Trost gespendet. Vor allem aber hat er sich nie auf die Seite der Hassenden und Wütenden gestellt, sondern im Gegenteil deren Handeln bewusst ertragen, um es am Kreuz endgültig zu durchbrechen.

Die Bitte Jesu bleibt aber nicht stehen bei der jungen Gemeinde, für die der Evangelist Johannes sein Evangelium schreibt. Die Bitte Jesu bezieht auch die Kirche in ihrer heutigen Gestalt als Gemeinschaft der Glaubenden mit ein. In ihrem „Eins-sein“ soll sie Zeichen sein für die Welt. Sie soll in all ihrem Tun, in ihren Ausdrucksformen, in allen Gemeinschaften und an allen Orten durch ihre Weise des Miteinanders ein Zeichen sein für die Liebe als das Wesen Gottes. Ein Zeichen für die Liebe, die Vater und Sohn miteinander verbindet.
Die Bitte Jesu ist für die Gemeinschaft der Glaubenden heute ein tröstliches Zeichen. Denn der Sohn selbst bittet für sie beim Vater. Die Bitte ist jedoch zugleich ein mahnender Auftrag, dem sie nicht immer gerecht wird: Die Christen sollen „eins sein“. Nicht nur als eine Gemeinschaft von Glaubenden, in der niemand dem anderen den Glauben abspricht, nicht als eine Gemeinschaft, in der alles vereinheitlicht wird, sondern als eine Gemeinschaft, die in ihrem Kern das Wesen Gottes sichtbar macht: Ein Gott, in drei Personen – eine Einheit in Liebe.

Dieses Eins-sein in Liebe, das uns das Evangelium dieses Sonntags vorstellt, gewinnt noch an Deutlichkeit mit Blick auf die Lesung aus der Apostelgeschichte. Die Einheit der Glaubenden im Evangelium ist dann ein Gegenmodell zu der Einmütigkeit der Verfolger des Stephanus, die nur durch den gemeinsamen Hass auf ihn zu einem Mut finden.

Kunst etc.

Christus mit segnendem Gestus auf einem Mosaik aus dem 6. Jahrhundert in der Basilika Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna.

The original uploader was Aiden at English Wikipedia.Later versions were uploaded by Bilanovic, Gogo Dodo at en.wikipedia. [gemeinfrei]
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