Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 6,39-45)

39Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?

40Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein.

41Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?

42Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

43Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt.

44Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben.

45Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.

Überblick

Was im Herzen wohnt, bleibt nicht verborgen.

1. Verortung im Evangelium
Die Feldrede im Lukasevangelium (Lk 6,20-49) ist nahezu vorüber. Gegen Ende bindet Lukas noch einige Bildworte Jesu ein.

 

2. Aufbau
Nach einer kurzen Überleitung zu den Bildworten in Vers 39a, folgen vier Bildzusammenhänge: Das Führen eines Blinden, das Verhältnis zwischen Schüler und Meister, der Blick auf die eigenen Fehler und die Fehler der anderen und das Fruchtbringen. Am Ende von Vers 45 wird das Bild vom Fruchtbringen auf die Ebene des Menschen übertragen.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 39: Das Bild vom Führen eines Blinden durch einen Blinden ist auch außerhalb des Neuen Testaments gut bekannt. Die Frage, ob ein Unkundiger, einem Unkundigen den Weg weisen, ihn führen kann, ist eindeutig zu beantworten. Allerdings bleibt offen, in welche Richtung Lukas die Pointe setzt (oder ob er es bewusst offen hält): Geht es darum, dass die Gemeinde notwendigerweise einen Lehrer braucht? Oder wird kritisch hinterfragt wie es ist, wenn sich in der Gemeinde jemand selbst zum Lehrer und Anführer berufen fühlt?

 

Vers 40: Auch wenn die Begriffe „Meister“ und „Jünger“ auch im nicht-religiösen Kontext des antiken Lebens bekannt sind und auch da eine klare Verhältnisbestimmung zwischen Meister und Schüler herrscht, ist hier wohl der innergemeindliche Zusammenhang entscheidend. Die Zuhörer Jesu werden mit „Meister“ den Herrn selbst und mit „Jünger“ sich selbst identifiziert haben. Insofern geht es um ein Zutrauen, das hier zum Ausdruck kommt. Die Jünger können ihrem Meister, Jesus, nachfolgen, indem sie das, was sie selbst gelernt haben, verkünden und umsetzen. Damit können sie sich nicht über ihn erheben, aber sich im wahrsten Sinne auf die Nachfolge einlassen.

 

Verse 41-42: Diese Verse sind sprichwörtlich geworden. Sicher auch, weil ähnliche Mahnungen auch aus dem Judentum und der antiken Welt (Plutarch) bekannt sind. Bevor man andere auf ihre Fehler hinweist und sie auffordert, diese abzulegen, gilt es an den eigenen Fehlern zu arbeiten und sich von ihnen zu trennen.

 

Verse 43-45: Lukas nimmt nach den Bildern aus der Ebene des menschlichen Zusammenlebens nun die Pflanzenwelt in den Blick. Es geht um die Entsprechung zwischen dem Obstbaum, der Pflanze und den Früchten. Die Pflanze und ihre Früchte hängen miteinander zusammen. Es gibt einen Erwartungshorizont zwischen dem, was man an Pflanze wahrnimmt und dem, was man an Frucht erwarten kann.

Das Bild aus der Pflanzenwelt wird am Ende auf das menschliche Herz übertragen: Was im Inneren, dafür steht das Herz, ist, dass bricht sich auch nach außen Bahn. Wo das Gute im Inneren ist, kommt Gutes heraus und wo Böses im Inneren verankert ist, kommt Böses heraus. Denn: Das Herz ist nicht unbegrenzt aufnahmefähig, irgendwann muss heraus, was drinnen ist.

Auslegung

Die verschiedenen Bildworte haben einen gemeinsamen Punkt: Es geht um die Überprüfung und Justierung des eigenen Verhaltens! Gegen Ende der Feldrede, in der von der Verheißung des Reiches Gottes (Lk 6,20-23) und dem neuen Maß der Gerechtigkeit (Lk 6,27-38) die Rede war, kommen nun Aufforderungen zur Selbstreflektion: In wie weit mache ich mich zum Führer anderer? Wo fordere ich von anderen etwas, was ich selbst nicht richtig einlöse? Versuche ich mich über andere zu erheben?

Lukas erinnert daher am Ende nur zu gerne daran, dass nichts, was im Herzen ist, im Verborgenen bleibt. Im Gegenteil: Was im Herzen wächst und groß wird, das gelangt auch nach außen. Daher gilt es zu prüfen, was im Herzen ist und an diesen Regungen und Bestrebungen zu arbeiten.