Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (2 Kor 5,17-21)

17Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

18Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.

19Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat.

20Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!

21Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

Überblick

Neuschöpfung - Versöhnung - Änderung der Wege: Das ist der Dreiklang, mit dem Paulus zu einer christlichen Exstenz aus dem Glauben an Jesus Christus ermutigt und mahnt und von dem er sein eigenes Leben bestimmt sein lässt.

 

Die Lesung in ihrem größeren Zusammenhang

Ähnlich wie die Zweite Lesung am Aschermittwoch gehört auch die Zweite Lesung am Sonntag Laetare in die Grundsatzausführungen des Paulus zum Thema "Versöhnung". Sie umfassen insgesamt die Passage  2 Kor 5,11 - 6,10 (vgl. die Auslegung zur Zweiten Lesung am Aschermittwoch). Statt der Verse 5,20-21; 6,1-2 sind diesmal allerdings die Verse 2 Kor 5,17-21 ausgesucht. Sie ergeben einen klaren Dreischritt in der Gedankenführung:

Schritt 1

Christus ist nicht nur als Mensch zu betrachten (wie Paulus es vermutlich während seiner Zeit als Christenverfolger sah), sondern in seiner durch Kreuz und Auferstehung bewirkten Heilsbedeutsamkeit. Sie besteht im "Auslöschen unseres Schuldscheins" vor Gott, wie  es im Gefolge des Paulus im Kolosserbrief 2,14 einmal anschaulich formuliert. Ohne "Schuldschein" zu leben bedeutet aber eine neue, befreite Existenzweise für den Menschen. Paulus nennt sie "eine neue Schöpfung" (Vers 17 als erster Vers der Lesung und als Abschlussvers der Einheit 2 Kor 5,14-17 im Zweiten Korintherbrief).

Schritt 2

Hinter Tod und Auferweckung Christi steht letztlich Gott selbst: "Aber das alles kommt von Gott ..." (Vers 18). Er ist es, der durch den Sohn Jesus Christus handelt (vgl. bereits das Berufungserlebnis des Paulus: "Als es aber Gott gefiel ...., in mir seinen Sohn zu offenbaren ..." (Galater 1,15-16).

Schritt 3

Wenn das Ziel Gottes die Versöhnung ist, muss auch das Werk der Menschen von Versöhnung bestimmt sein. Dies zu verkünden, sieht sich Paulus beauftragt. Er versteht sich als "Gesandter Christi" (Konsequenz aus Schritt 1), der aber letztlich in der Vollmacht Gottes handelt (Konsequenz aus Schritt 2). 

 

"Neues ist geworden" (Vers 17)

Das Bild der "Neuschöpfung" verbindet zwei ältere Vorstellungen aus der Welt alttestamentlichen und jüdischen Denkens. Auf der einen Seite erwartet eine Prophetie wie Jesaja 65,17 nach dunklen Zeiten für Israel einen gottbewirkten Heilszustand, der in das Bild umfassender Erneuerung gekleidet wird: "Ja, siehe, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.". Dieses kosmische Bild wird in späteren Texten (der letzten beiden Jahrhunderte vor Christus) auf Einzelpersonen übertragen; so z. B. wenn jemand von seinen alten Wegen abkehrt und in die sehr auf Reinheit bedachte jüdische Gemeinschaft von Qumran am Toten Mer aufgenommen wird.  Den so gewendeten Gedanken der Neuschöpfung zieht Paulus heran, um das zu deuten, was in der Taufe auf Tod und Auferstehung Jesu Christi geschieht: Es ist nicht nur ein Sich-Unterstellen unter das Wirken Gottes, sondern ein dadurch bewirktes Eintauchen in eine neue Existenz. Sie lebt aus dem Glauben an das ewige Leben, ist aber zugleich schon in diesem irdischen Leben geprägt von einer Neuausrichtung. Einfach gesagt: Aus einem Leben nur "für sich" (2 Kor 5,15) wird ein Leben, das in jeder und jedem Nächsten einen ebenfalls mit Gott Versöhnten erkennt. Respekt und Liebe gegen jedermann sind also eine konkrete Folge des Neuschöpfung-Seins. Es geht um eine Daseinsweise, die sich nicht nur laut der eigenen Größe rühmt, um das Gesicht zu wahren, ohne aber "das Herz zu zeigen" (2 Kor 5,13), das heißt: ohne die eigenen Gedanken erkennen zu lassen, die hinter den wohlklingenden Worten dunkle Absichten offenbaren würden.

 

Versöhner "an Christi statt" (Verse 18-21)

Als ein von der neu erschaffenden Kraft Gottes Erfasster sieht sich auch Paulus (vgl. 2 Kor 4,6). Er will als gutes Beispiel vorangehen und stellt sich daher ganz in den Dienst der Versöhnung, die Gott selbst bewirkt (Verse 18-19). Seine Aufgabe bringt er am Ende von Vers 20 auf den Punkt: "Lasst euch mit Gott versöhnen!" Es geht also um eine Veränderung der Beziehung zwischen Gott selbst und der korinthischen Gemeinde, in der einiges im Argen liegt: Ruhmsucht, Pöstchengeschacher, Verachtung der ärmeren Gemeindemitglieder usw. Und tatsächlich hat das griechische Wort katallásso ("versöhnen") weder etwas mit "Sühne" nocht mit "Sohn" zu tun, wie es das Deutsche zumindest klanglich nahelegt, sondern mit állos "(der) andere". Um Veränderung vom Schlechten zum Guten geht es, um den Austausch von Feindschaft durch Liebe, vom Gegeneinander zum Miteinander. Konkret im Blick hat Paulus so manches Gebaren in der korinthischen Gemeinde von Angeberei und Protzgehabe, um Einfluss und Macht zu gewinnen, aber auch von übler Nachrede und ehrabschneidender Beleidigung. Dies alles betrachtet Paulus aber nicht einfach unter juristischen Gesichtspunkten oder unter der Rubrik menschlicher Anstand. Denn er hat mit der Gemeinde von Korinth nicht einfach einen weltlichen Verband vor sich, sondern Menschen, die sich aufgrund ihrer Taufe zusammengehörig und auf Jesus Christus bezogen wissen. Den sollen sie in ihrem (Gemeinde-)Leben widerspiegeln. Insofern aber Christus  ganz auf die Seite Gottes gehört, geht es also in allem Tun immer um die Frage: Ist das jeweilige Handeln wirklich mit Gott vereinbar, oder schafft es nicht vielmehr einen Riss in der Verbindung Mensch - Gott. 

Der Glaube sagt nun dem Paulus: Gott selbst ist an der Kittung dieses Risses interessiert, der durch uns Menschen aufgrund unserer Schwäche immer wieder entsteht. Gott zieht sich nicht beleidigt zurück, lässt uns aber auch nicht hängen. In Christus sagt er: 'Ihr Menschen müsst nicht die letzte Folge Eures Fehlverhaltens tragen; die trage ich lieber selber. Dies zeige ich euch dadurch, dass mein Sohn Jesus gestorben ist, ohne selbst eine einzige Sünde begangen zu haben. Unser Verhältnis war immer ohne einen Riss.' Dieser schuldlose Tod Jesu schafft - bildlich gesprochen - ein Vakuum, in das alle denkbare Schuld dieser Welt hineinpasst. Sie ist, weil Jesus nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden ist, in Leben verwandelt. Das ist die Bedeutung der sehr verdichteten Formulierung in Vers 21, dass Gott den sündenlosen Christus für unsere Gerechtigkeit zur Sünde gemacht hat.

Das glauben zu können und wrklich zu glauben - so Paulus - verändert die Beziehung zu Gott, führt aber aus solchem Vertrauen auf Gottes Zuwendung auch zu einem zuwendenden, versöhnlichen Verhalten untereinander. Wenn also die Gemeinde untereinander versöhnt lebt, bezeugt sie nach innen wie nach außen, wie sehr sie vom Glauben an Gott wirklich getragen ist.

Da aber weder Gott selbst in direkter Weise zu hören ist und auch Christus nach Tod und Auferweckung nicht mehr sicht- und greifbar in dieser Welt ist, braucht es denjenigen und diejenige, die von dieser Versöhnung sprechen, sie zu ihrem Herzensanliegen machen und so weit wie möglich vorleben. In dieser Funktion sieht sich Paulus. Er sieht sich als Gesandten Jesu,  für den er unterwegs ist. Dieses "für" (griechisch: hypèr) ist doppelt zu verstehen: Paulus missioniert zugunsten Jesu, aber auch stellvertretend für ihn ("an Christi statt"). 

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Auslegung

Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln

Mitten in der österlichen Bußzeit begehen wir am vierten Fastensonntag den sogenannten Sonntag "Laetare" - "Freue dich!" Sozusagen zur Halbzeit greifen wir Christen für einen Tag der Osterfreude vor, um für die zweite Hälfte der österlichen Bußzeit Kraft, Freude und Zuversicht zu sammeln.

Für diesen Tag lassen wir bereits alles Alte hinter uns, getreu des Auftaktes der Lesung aus dem Korintherbrief: "Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung!" (2 Kor 5,17) Was für eine Ansage! Dabei bedeutet „in Christus sein“ so viel wie ‚ganz aus Christus‘ leben. Oder wie Paulus in einem anderen Bild formuliert: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angezogen.“ (Gal 3,27) "Christus anzuziehen" ist ein wunderbares Bild dafür, in ihn eingehüllt zu sein und ihn gleichzeitig sichtbar zu machen.

Wenn ein Mensch getauft und der Geist Gottes auf ihn herabgerufen wird, wenn dieser Mensch dann ganz „in Christus“ ist, dann wird sie bzw. er eine neue Schöpfung. Gott spricht dann: ‚Ich lege meine ganze Kraft in dich und werde mit dir unterwegs sein, stärkend, bewahrend, führend. Ich lasse dir Kräfte zuwachsen, die du nicht erahnst. Und in welche menschliche Vorgeschichte du auch immer eingebunden bist: Ich lasse dich neu anfangen. Lass dich darauf ein. Traue mir und traue damit auch dir selbst: Du bist eine neue Schöpfung!‘ Immer wenn ich Kinder oder Erwachsene taufen darf, bin ich tief beeindruckt von der Kraft, die von diesem Sakrament und von dem Zuspruch Gottes darin ausgeht.

Die Lesung vom Sonntag Laetare atmet diese Kraft des schöpferischen Neuanfangs in Christus. Aber nicht allein das. Noch spannender wird es, wenn man den Text weiterliest: Am Anfang spricht Gott zwar vom Einzelnen, von "jemand, der in Christus ist" (vgl. 2 Kor 5,20). Am Ende aber heißt es: "Lasst euch mit Gott versöhnen" (2 Kor 5,20). Paulus bleibt nicht beim Einzelnen stehen, er schreibt ja auch nicht einem Einzelnen, sondern der ganzen Gemeinde von Korinth. Für ihn ist der Glaube, ist das „in Christus sein“ immer etwas Gemeinschaftliches. Es geht darum, dass alle, die eine neue Schöpfung geworden sind, eine Gemeinschaft bilden.

Besonders in diesen ersten Frühlingstagen wird uns sinnenfällig, was "Schöpfung" bedeutet: Lebendigkeit sprießt, die Natur blüht auf, das scheinbar Leblose bekommt zarte Knospen und ihm wird neues Leben eingehaucht. Für Paulus ist klar: Das Aufblühen der Lebendigkeit, die aus Gott erwächst, zeigt sich besonders im Miteinander der Glaubenden und im wachsenden Vertrauen untereinander. Da ist kein Platz für Streit, Neid, Rechthaberei oder Herabsetzung des anderen - alles Verhaltensweisen, die Paulus durchaus in der Gemeinde von Korinth anzumahnen hatte. Aber im Glauben weiß jede und jeder darum, dass auch alle Anderen im Glauben an Jesus Christus neu geschaffen sind. Alle ziehen aus dem Miteinander von der kleinsten bis zur größeren Gemeinschaft Kräfte für die Gestaltung des Lebensalltags. Dazu gehört auch die Kraft, Altes zu lassen, damit Platz für Neues entsteht.

In welche Richtung dieser Prozess gehen soll, lässt sich erkennen aus dem Vers: "Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt." (2 Kor 5,20) Natürlich spricht der Apostel Paulus hier zunächst einmal von sich und im Namen derer, die ihn in seiner Missionsarbeit unterstützen. Doch der Auftrag, an Christi statt zu handeln, betrifft nicht nur ihn. Alle, die eine neue Schöpfung sind, alle Getauften und Gefirmten haben diese Aufgabe: Wir alle sollen helfen zu entdecken, dass von Gott her ein jeder Mensch Neuschöpfung ist. Wir sollen Vertrauen zu diesem Gott wecken und so in einem tiefen Sinne mit Gott versöhnend unterwegs sein. Und da, wo wir uns zusammenschließen und erkennen lassen, aus welcher Quelle wir leben, wirken Christen ansteckend mit ihrem Leben aus dem Geist der Versöhnung.

"An Christi statt" meint dabei allerdings nicht nur einen Auftrag, sondern auch eine Art Filter, der der Gemeinde und der Kirche heute mitgegeben ist: Kann das, was der Einzelne oder die Gemeinschaften in der Kirche tun, wirklich als ein Handeln "an Christi statt" gelten? Ist das, was getan wird, wirklich immer mit seinem Auftrag und Vorbild vereinbar?

Die ehrliche Antwort auf diese Fragen wird zeigen, dass "Neuschöpfung" nicht nur eine Zusage ist, sondern auch ein Anspruch, den wir als Menschen mit all unseren Schwächen nicht immer einlösen. Hier gilt das Wort des Paulus: "Lasst euch mit Gott versöhnen!" (2 Kor 5,20) Darauf werden wir in der österlichen Bußzeit besonders hingewiesen. Es geht darum, das eigene Leben selbstkritisch zu hinterfragen und genauer auf das eigene Tun und Denken zu schauen. Doch gerade der heutige Sonntag unter der Überschrift "Laetare" – "Freue dich!“ betont: Aller Buße geht etwas ganz Anderes voraus: der tiefe Glaube und das Vertrauen, eine Neuschöpfung Gottes zu sein. Ohne die vorangehende Freudenbotschaft, ohne die Zusage Gottes, fehlt der Maßstab zur Überprüfung dessen, was zu ändern ist.

Die Kraft zu solcher Änderung erwächst nach Paulus aus dem Herrenmahl, der sonntäglichen Eucharistie. Davon hatte der Apostel im Ersten Korintherbrief bereits ausführlich gesprochen und kann dies nun in seinem Zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth voraussetzen. Die Eucharistie ist in Wort und Sakrament die Nahrung derer, die sich als neue Schöpfung verstehen und zugleich die Feier der Sammlung und Einheit. Sie ist die Feier derer, die ganz auf die Versöhnung mit Gott setzen und von ihr her gestärkt in den Alltag gehen, um Spuren dieser Versöhnung auszulegen. Wer sich in der Eucharistie und der um den Tisch versammelten Gemeinde den Zuspruch Gottes erneut vergegenwärtigt, der kann auch anderen von einer neuen Lebendigkeit künden, der kann als österlicher Mensch leben - mitten in der Bußzeit: Laetare!

Kunst etc.

Molecule Man (2013), Copyright CC BY-SA 3.0
Molecule Man (2013), Copyright CC BY-SA 3.0

Der Molecule Man wurde im Mai 1999 von dem amerikanischen Bildhauer Jonathan Borofsky geschaffen. Es handelt sich um eine Drei-Personen-Skulptur, die  nahe dem Schnittpunkt der drei Ortsteile Kreuzberg, Alt-Treptow und Friedrichshain in Berlin aufgestellt wurde. Der Künstler selbst schreibt zu dieser Skulptur:

„[Die Skulptur soll daran erinnern …] dass ...  es das Ziel aller kreativen und geistigen Traditionen ist, Ganzheit und Einheit innerhalb der Welt zu finden.“ (zitiert nach dem Wikipedia-Eintrag zum Molecule Man: https://de.wikipedia.org/wiki/Molecule_Man).

Was der Künstler hier eher aus einer philosophisch-geistesgeschichtlichen Betrachtung sagt, bringt gut zur Sprache und zur Anschauung, was Paulus als die von Gott herkommende Versöhungs(auf)gabe formuliert. Die Bewegung der drei Menschen aufeinander zu ist ein wunderbares Symbol für die mit der Versöhnung angesprochene "Veränderung". Aus christlicher wird man, auch wenn der Künstler dies nicht im Blick gehabt haben mag, auf den dreifaltigen Gott als den eigentlichen Bewirker der Versöhnung  verwiesen: 

"Aber das alles kommt von Gott  ..." - wie es am Beginn der Lesung zum Sonntag Laetare heißt (2 Kor 5,18).