Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Hebr 11,1-2.8-19)

111Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.

2Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten.

8Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.

9Aufgrund des Glaubens siedelte er im verheißenen Land wie in der Fremde und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten;

10denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat.

11Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara, die unfruchtbar war, die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte.

12So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.

13Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind.

14Und die, die solches sagen, geben zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen.

15Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben zurückzukehren;

16nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.

17Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte

18und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben.

19Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.

Überblick

Nicht nur aller Anfang ist schwer, wie das Sprichwort sagt. Viel schwerer kann es sein, am gelungenen Anfang festzuhalten und nicht irgendwann die Lust zu verlieren oder aufzugeben. Dies scheint die Gefahr der als "Hebräer" bezeichneten Gemeinden zu sein, an die der weder nach Verfasser noch nach Autor sicher "dingfest" zu machende Brief sich wendet.

 

Einordnung der Lesung in den Kontext

Grob zwischen 60 und 100 n. Chr. einzuordnen, spricht immer noch Vieles für eine Einordnung des Hebräerbriefs um das Jahr 90 n. Chr., die Zeit der Bedrängung der Christen unter Kaiser Domitian. Genau diese Bedrohung sorgt in den vermutlich stark judenchristlich geprägten Gemeinden, die vielleicht in der Umgebung Roms zu suchen sind, für Glaubensmüdigkeit und Glaubensanfechtung. Die anfängliche Stärke, Freude und Zuversicht, die Hebräer 10,32-39 anspricht, sind gefährdet oder verschwunden. Gerade deshalb gilt es, Mut zu machen und zu stärken.

Diese Glaubensermutigung beginnt mit der Erinnerung an die starken Anfänge in Hebräer 10,23-39, um sodann nach weiteren Gründen Ausschau zu halten, im Glauben nicht zu erlahmen. Das zweimal, in Vers 38 und 39 ausrücklich gesetzte Stichwort "Glaube" wird dazu aufgegriffen und in Hebräer 11,1, dem Beginn der Lesung, definiert.

Vers 2 lenkt dann den Blick auf die "Alten". Gemeint ist "die Wolke der Zeugen" des Glaubens (so zusammenfassend Hebräer 12,1), von denen das Alte Testament berichtet. Von Abel angefangen (Vers 4), den sein Bruder Kain tötete (Genesis 4), wird eine "unendliche" Liste von Männern und Frauen in Kapitel 11 zusammengestellt, aus der die Lesung eine Auswahl bildet. Kapitel 12 wird den Blick aus der Vergangenheit auf die Adressatengemeinde des Briefes zurücklenken, die zuletzt in Kapitel 10 angesprochen worden war.

 

Vers 1: Was ist Glaube?

Um Übersetzung und Verständnis dieses Verses wird gerungen. Für das erste Kernwort "Grundlage" (griechisch hypóstasis) wird z. B. auch vorgeschlagen: "Verwirklichung" oder "standhaftes Beharren" bzw. "Festhalten". In die letzte Richtung ging auch die alte Einheitsübersetzung von 1980:  "Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht." Nicht zufällig wurde diese Wiedergabe mit der Einheitsübersetzung von 2016 aufgegeben. Denn der Hebräerbrief frönt nicht einem Subjektivismus, bei dem es um die Gefühle und die Intensität des Glaubens beim Einzelnen geht. Vieles spricht dafür, dass Hebräer 11,1 sagen will: Glaube ist die "Wirklichkeitsgrundlage" (Klaus Berger) bzw. "tragende Wirklichkeit" (Knut Backhaus) des Erhofften und Beweis für Dinge, die man nicht sieht. Glaube ist keine Meinung, sondern eine Kraft. Interessanter- wie überraschenderweise spricht der Hebräerbrief auch nirgends von einem "Glauben an jemanden oder etwas". Im Gegenteil, anders als Paulus bevorzugt er gegenüber dem Verb "glauben" das Hauptwort "Glaube". Allein das elfte Kapitel, aus dem die Lesung genommen ist, gebraucht 21mal die Formel "Aufgrund d(ies)es Glaubens ..." (erstmals in Vers 2). Er ist eine im Menschen wirksame und ihn zum Widerstand gegen die Welt befähigende Kraft und Wirklichkeit, die auf Vollendung "im Himmel" (Hebräer 8,1; 12,23) ausgerichtet ist. Denn das ist mit den Umschreibungen "was man hofft" und "Dinge, die man nicht sieht" gemeint: das ewige Leben, das im Himmel bereit gehaltene "Erbe" (Hebräer 9,15: "das verheißene ewige Erbe"), das "himmlische Jerusalem" (Hebräer 12,22). Den Weg dorthin hat nach dem festen Glauben des Hebräerbriefes Christus eröffnet durch seinen ein für allemal Sünden vergebenden Tod am Kreuz. Damit ist er "Anführer des Glaubens" (zur entsprechenden Übersetzung von Hebräer 12,2 s. die Kommentierung am kommenden 19. Sonntag). Er ist weniger Gegenstand des Glaubens, als dass er sich an die Spitze des langen Zuges der Glaubenden stellt, der eben mit Abel (s. o.) beginnt.

Dieser Glaube als Kraft ist zugleich so etwas wie der "Beweis" für die Wirklichkeit all dessen, was die Glaubenden erhoffen, denn es ist eine Kraft, die sich in ihrem Widerstand gegen die Welt (Thema Christenverfolgung) eben nicht aus der Welt selbst ableiten lässt. In der Diskussion um die Übersetzung des griechischen Wortes "élenchos" hat sich die Einheitsübersetzung für "das Zutagetreten" entschieden. Es geht um das Offenliegende und damit Beweiskräftige.

 

Vers 2:  Ein zeitumspannender Glaube

Vers 2 betont noch einmal, dass der Hebräerbrief unter "Glaube" nicht den Glauben an Jesus Christus versteht, obwohl über ihn im Bild des Hohepriesters kapitellang (Hebräer 4,14 - 10,18) belehrt wird. Denn die ganzen alttestamentlichen Personen, die im Folgenden genannt werden, waren zwar erfüllt von Glauben, wussten aber von Jesus nichts. Es ist ein Erfülltsein von der Schöpferkraft Gottes, die die "Alten" beseelt hat und die deshalb als Glaubenszeugen gelten können. Gerade im 11. Kapitel zeigt sich, dass der Hebräerbrief es ernst meint mit seiner Einleitung, in der er festhält, dass es ein und derselbe Gott ist, der zu den Vätern gesprochen hat, zuletzt aber in Jesus Christus (vgl. Hebräer 1,1-3).

 

Verse 8-12: Zwei Beispiele aus dem Leben Abrahams

Es ist schon eine Besonderheit, dass der Verfasser des Hebräerbriefs seine Liste der Glaubenszeugen mit Abel beginnen lässt (vgl. den ausgelassenen Vers 4: "Aufgrund des Glaubens brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain; durch diesen Glauben erhielt er das Zeugnis, dass er gerecht war, was Gott durch die Annahme seiner Opfergaben bezeugte; und durch den Glauben redet Abel noch, obwohl er tot ist".) Dennoch kommt er natürlich nicht an Abraham als "Vater des Glaubens" (vgl. dazu Römer, 4,11-12) vorbei. Dieser Glaube, verstanden als eine tief verwurzelte Kraft, die auf Unsichtbares hin und auf ein "lediglich" in Aussicht gestelltes Verheißungsgut hin tätig werden lässt, wird mit zwei Motiven der Abrahamserzählung verbunden:

1. mit seinem Aufbruch aus vertrautem Terrain in ein unbekanntes, verheißenes Land (Verse 8-10; vgl. als Vorlage: Genesis 12,1-9, abedruckt unter "Kontext")

2. mit dem Mut, als alter und - nach damaliger Vorstellung - eigentlich nicht mehr zeugungsfähiger Mann zusammen mit einer ebenfalls aufgrund ihres Alters als unfruchtbar geltenden Frau sich um Nachkommenschaft zu mühen (vgl. Verse 10-12; das Drama bis zur Geburt des Isaak wird in Genesis 12,10 - 21,8 entfaltet; auch hierzu finden sich Texte unter Rubrik "Kontext").

Der Bezug zu den Gemeinden des Hebräerbriefes ist folgender: So wie Abraham allein auf Gottes Wort hin die Zukunft in Angriff nimmt, noch ohne irgendeinen vorliegenden Beweis, sondern nur mit dem Versprechen der beiden künftigen Heilsgüter Land und Nachkommenschaft, so soll auch die christliche Gemeinde ihre Zukunft glaubend in die Hand nehmen im Vertrauen, dass auch für sie ein Heilsgut bereit liegt: die himmlische Gemeinschaft mit Gott. Begrifflich schlägt der Hebräerbrief die Brücke dadurch, dass er beide "Heilsgüter" - die, die Abraham und Sara zu erwarten haben und die, die die Glaubenden erwarten dürfen  - "Erbe" nennt. Deshalb heißt es in Vers 8 zumindest im Blick auf das verheißene Land:

" ... wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte".

Denn hier wird zurückverwiesen auf Hebräer 9,15, wo es im Blick auf die Glaubenden (das sind die zusammen mit Abraham "Berufenen") heißt:

"... sein [Christi]  Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten."

 

Verse 13-16: Eine Zwischenbetrachtung

Verse 13-16 unterbrechen die Auflistung der Beispiele aus dem Leben Abrahams zugunsten einer Grundsatzbetrachtung. Dabei setzt "diese alle" (Vers 13: "Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt.") die in den ausgelassenen Versen 3-7 genannten Abel, Henoch und Noach ebenso voraus wie den Vers 9 neben Abraham und Sara bereits genannten Isaak (Kind) und Jakob (zweitgeborener Enkel, der sich das Erstgeburtrecht erschlichen hat). Sie alle sind darin miteinander verbunden, das Heilsgut des verheißenen Landes nicht gesehen zu haben, weil sie vorher gestorben sind. Dieser Gedanke überrascht zunächst einmal, denn von Abraham und Isaak zum Beispiel wird in der Bibel vom Aufenthalt im verheißenen Land erzählt. Doch der Autor des Hebräerbreifs interpretiert mit Hilfe der Selbstbezeichnung Abrahams als "Fremder und Gast" (Vers 13), die er aus Genesis 23,4 übernimmt ("Fremder und Beisasse bin ich unter euch."), die Glaubensgeschichten der "Alten" (Vers 2) so, dass sie über die Erfüllung der irdischen Verheißungsgüter hinaus sich "nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen" sehnten (Vers 16). "Fremder und Gast" meint also nicht einen national denkenden "Asylstatus", sondern der Hebräerbrief bezieht ihn grundsätzlich auf das Erdendasein. Deshalb wurde schon Vers 9 programmatisch festgehalten: "Aufgrund des Glaubens siedelte er [Abraham] im verheißenen Land wie in der Fremde". Und auf diesem Hintergrund wird das vorläufige Hausen "in Zelten" der himmlischen, von Gott selbst errichteten "Stadt" [Jerusalem] gegenübergestellt (Verse 9-10).

Beides, die Zukunft in Angriff zu nehmen allein auf Gottes Wort hin, ohne schon irgendetwas vom Verheißungsgut sehen zu können (Land, Nachkommenschaft, himmlisches Jerusalem), als auch das Erfülltsein von einer tiefen Sehnsucht nach der himmlischen Zukunft, verbindet die Glaubenszeugen mit den Christen, an die der Hebräerbrief sich wendet. Auch sie sollen trotz aller Bedrängnisse die Zukunft in Angriff nehmen und zugleich von  dieser Sehnsucht auf die himmlische Heimat erfüllt sein. Und dabei sollten sie ebensowenig an den Verführungen dieser Welt hängen wie die "Alten" an ihrer früheren, aufgegebenen Heimat gehangen oder ihr gar hinterhergetrauert haben.

 

Verse17-19: Ein drittes Beispiel aus Abrahams Leben

Verse 17-19 bringen nach der Zwischenbetrachtung ein drittes Beispiel aus dem Leben Abrahams für dessen unerschütterlichen Glauben. Er gab ihm sogar die Kraft, den eigentlichen Verheißungsträger, Isaak, "hinzugeben" (Vers 17 verwendet zweimal das griechische Wort "prosphéro "darbringen"). Es ist bedeutsam, dass der Hebräerbrief an dieser Stelle weder von der "Opferung" Isaaks spricht (auch das Judentum spricht stattdessen von der 'aqedāh - der "Bindung/Fesselung" Isaaks) noch die genaueren Umstände der biblischen Erzählung Genesis 22 wiedergibt. Dem Hebräerbrief geht es einzig und allein um das Vertrauen Abrahams in die Kraft Gottes, die auch Tote zu erwecken vermag - also um viel mehr als blinden Gehorsam. Und in diesem Glauben ist Abraham von Gott bestätigt worden, indem er Isaak zurückerhalten hat. Das eigentliche Opfer wurde ein Widder, der sich fand (vgl. Genesis 22,13). Aufgrund dieses Glaubens und seiner Bestätigung von Gott her kann das von Abrahams Glaube getragene Geschehen zu einem Sinnbild und Ansporn für die in Bedrängnis und Konflikt mit Rom lebenden Christen werden, im Glauben an die auferweckende Kraft Gottes unterwegs zu sein und notfalls das irdische Leben "hinzugeben", wo der Glaube diese Hingabe verlangt. Dann geht es allerdings nicht mehr um die Bewahrung vor dem Tod, sondern um die Bewahrung im Tode. Das Vertrauen in Gott aber bleibt dasselbe.

Auslegung

"Glaube aber ist ..." (Vers 1) - Einige Ergänzungen

Es lohnt sich, dem Glaubensbegriff des Hebräerbriefes noch intensiver nachzugehen, als es im "Überblick" bereits geschehen ist. Denn die Frage, was denn Glaube ist, bleibt bis heute aktuell und ihr müssen sich sowohl jede und jeder Glaubende als auch alle diejenigen stellen, die sich als nichtglaubend betrachten. Denn es ist immer gut, für sich klar zu haben, wofür oder wogegen man sich entscheidet oder entschieden hat und nicht nur irgendwo aufgeschnappten Ansichten zu folgen.

 

Das Glaubensbeispiel der Gemeinschaft

Dabei fällt nun auf, dass der Hebräerbrief ein Glaubenskonzept vertritt, das sich deutlich von demjenigen des Apostels Paulus unterscheidet. Offensichtlich kann man schon vom Neuen Testament her auf die Frage nach dem Glauben mit sehr unterschiedlichen Akzentuierungen antworten.

Diese Akzentverschiebungen gehen bei Paulus und dem vermutlich aus ca. drei Jahrzehnten späterer Zeit stammenden Hebräerbrief mit den sehr unterschiedlichen Absichten und Umständen beider einher. Paulus war erkennbar erfüllt von missionarischem Interesse. Er wollte Menschen für den Glauben an Jesus Christus gewinnen. Dieses Interesse hat der Hebräerbrief eindeutig nicht. Ihm geht es vielmehr um eine Stärkung der angesprochenen Gemeinden nach innen, die dabei sind, sich aufzulösen (Hebräer 10,25: "Lasst uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist, sondern ermuntert einander, und das umso mehr, als ihr seht, dass der Tag naht!") und innerhalb derer es einige gibt, die bereit sind, sich zugunsten Roms von ihrem Glauben zu verabschieden (so erklärt sich am ehesten die harte Drohbotschaft in Hebräer 6,4-9, die für solche "Glaubensflüchtlinge" keine Rückkehrchance mehr offen hält).

Dem Hebräerbrief geht es also weniger um die Verkündigung einer Glaubenslehre als um eine aus Glauben gestaltete Lebenspraxis, die im Gemeindeleben erkennbar sein muss. Wenn es eine Form von Mission gibt, dann nicht diejenige der Verkündigung nach außen (Paulus), sondern die einer vorbildlichen Praxis des Zusammenlebens, die den Glauben als Grundlage erkennen lässt. Dementsprechend ist das gesamte Kapitel 13 des Hebräerbriefs dieser Praxis des gemeindlichen Lebens gewidmet!

 

Das Glaubensbeispiel der/des Einzelnen

Die "Ablesbarkeit" des Glaubens gilt allerdings auch im Blick auf das Individuum. Die Grundlage dazu spricht die Lesung in Vers 13 an:

"Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind."

Für den Autor des Hebräerbriefs ist es nämlich entscheidend, dass jemand seinen Glauben bis zum Sterbebett durchträgt. Darauf wird wohl mit der etwas unklaren Formulierung "Ertrag ihres Lebenswandels" in Hebräer 13,7 angespielt: "Gedenkt eurer Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben! Betrachtet den Ertrag ihres Lebenswandels! Ahmt ihren Glauben nach!" Wörtlich geht es nämlich um den "Ausgang (griechisch: ékbasis) ihres Wandels". Vom Ende eines Lebens her lässt sich erst erkennen, welche Tragkraft der Glaube eines Menschen wirklich hatte.

 

Glaube hat immer eine Vorgeschichte

Ein Letztes: Während Paulus sehr viel stärker die Entscheidung zum Glauben betont, stellt der Hebräerbrief gerade im 11. Kapitel heraus, dass der Glaube des Einzelnen wie der Glaubensgemeinschaft sich einschreibt in eine "namhafte" Vorgeschichte. Sie schließt Frauen (Verse 31 und 35) wie Männer ein und lässt sich überhaupt nicht vollständig darstellen: "Und was soll ich noch sagen? Die Zeit würde mir nicht reichen, wollte ich von Gideon erzählen, von ..." (Hebräer 11,32). Es ist eine Vorgeschichte, die durch die jeweilige Gegenwart aktualisiert wird. Deshalb endet das Kapitel 11 mit dem Hinweis: "... denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden" (Hebräer 11,40). Solche Sicht kann vor der Überheblichkeit bewahren, sich für den einzig wahren Glaubenden zu halten oder alles neu erfinden zu müssen, genauso aber auch vor der Verzweiflung, als Glaubende(r) völlig vereinzelt dazustehen.

Die Herausforderung an den Glauben ist aber damit eine doppelte: der Vergangenheit im Blick auf die Glaubenszeugen ebenso zu trauen wie der Zukunft im Blick auf das in Aussicht gestellte Heil, von dem auf Erden nichts erkennbar ist außer dem Phänomen und der lebensprägenden Kraft des Glaubens. Das ist ja genau mit dem Anfangssatz der Lesung gemeint:

"Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht" (Hebräer 11,1).

 

 

Kunst etc.

J. Schnorr von Carolsfeld, Verheißung an Abraham (1860), Wikimedia Commons
J. Schnorr von Carolsfeld, Verheißung an Abraham (1860), Wikimedia Commons

Der dem Nazarenerstill zuzurechnende romantische Maler Julius Schnorr von Carolsfeld (1794 - 1872) zeigt die Vision Abrahams, dem Gott eine Nachkommenschaft so zahlreich wie die Sterne am Himmel zusagt (vgl. Gen 15,1-6; wiedergegeben unter "Kontext"). Das Spannende an diesem Holzschnitt ist nicht die konkrete Szenerie oder die so menschliche Darstellung Gottes auf der rechten Bildhälfte. Spannend und und mitreißend ist vielmehr, dass die Betrachter des Bildes in die Blickrichtung Abrahams mitgenommen werden, dessen Gesicht so gerade eben erkennbar ist, da von Carolsfeld ihm sozusagen von hinten über die Schulter blickt und damit die Bildbetrachter der Richtung des Fingerzeigs Gottes folgen lässt. Dieser Blick geht geht in's Weite, führt aus antiken Ruinen heraus in den Sternenhimmel und eine darunter liegende Stadt. Aber so schön das Erblickte sein mag: Wer würde auf solche schöne Naturaussicht hin auf sehr biologisch gemeinten Nachwuchs hin setzen? 

In diesem Widerspruch zwischen vordergründiger Sichtbarkeit der Gegenwart und eigentlicher Unsichtbarkeit dessen, was die Zukunft bringen wird, liegt die Botschaft des Bildes. Die Brücke zwischen beiden bildet einzig Gottes vernommenes Wort bzw. der Glaube.

Eine wirkliche Zu-Mutung, von der der Hebräerbrief aber zutiefst überzeugt ist.