Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Mt 6,1-6.16-18)

61Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zu tun, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.

2Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden! Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

3Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut,

4damit dein Almosen im Verborgenen bleibt; und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

5Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

6Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

16Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

17Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,

18damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Überblick

Masken runter! Vor Gott braucht es keine Schauspielerei.

1. Verortung im Evangelium
Die Frage nach dem richtigen Handeln oder anders gesagt dem Handeln nach Gottes Willen steht im Zentrum der ersten großen Rede Jesu im Matthäusevangelium (Mt). In den Kapiteln 5-7 spricht Jesus in der Bergpredigt zu seinen Jüngern, im Zentrum seiner Worte steht das Vater unser als Form der direkten Anrede des himmlischen Vaters. Rund um das Vater unser sind die Mahnungen des vorliegenden Abschnitts platziert.

 

 

2. Aufbau
Die Fragen nach Almosengeben (6,2-4), Beten (6,5-6) und Fasten (6,16-18) bilden die drei Sinneinheiten des Abschnitts, der von einem grundlegenden Vers (6,1) eingeleitet wird.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 1: Der Einleitungsvers hat einen zusammenfassenden und verallgemeinernden Charakter. Er bereitet den Leser darauf vor im Folgenden drei Beispiele für die richtige Form der Gerechtigkeit genannt zu bekommen. Im gerechten Handeln zeigt sich für den Evangelisten Matthäus das Handeln nach dem Willen Gottes.

 

Verse 2-4: Beim ersten Beispiel des gerechten Tuns geht es um das Almosengeben. Hinter dem deutschen Wort Almosen steht das griechische Wort eleemosyne (ἐλεημοσύνη), das sowohl Erbarmen, wie Wohltätigkeit bedeutet. In späterer Zeit wurde in der Synagogengemeinde eine Versorgung der Armen auf Gemeindeebene organisiert. Zur Zeit des Matthäusevangeliums ist dieses System noch nicht installiert, im Text geht es um eine freiwillige Gabe für Arme und Benachteiligte. Das Bild vom „Herumposaunen“ der guten Tat ist eine Übertreibung. Es ist aber durchaus bekannt, dass großzügige Gaben z.B. in antiken Städten und auch in der jüdischen Gemeinde zu besonderen Ehren führten und bekannt gemacht wurden (vgl. Jesus Sirach 31,11).

Das Wort Heuchler stammt vom griechischen Wort hypokrites (ὑπoκριτής) und meint eigentlich den Schauspieler. Im übertragenen Sinne wird es jedoch im Griechischen auch für einen Menschen verwendet, dessen Worte und Taten nicht übereinstimmen. Matthäus verwendet das Wort hier, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Haltung hinter den Almosen bei den benannten Heuchlern falsch ist. Sie geben nicht aus Selbstlosigkeit, religiöser Gesinnung und Mitleid mit dem Armen, sondern um sich selbst ins Rampenlicht zu stellen.

Das Gegenbild zum erhofften Lob und dem zur Schau gestellten Almosengeben formuliert der Evangelist Matthäus ebenfalls zugespitzt und so, dass es für uns sprichwörtlich geworden ist: Die linke Hand soll nichts von der rechten wissen. Die Gabe und das Tun des Guten soll alleine vor Gott, der auch das Verborgene sieht, geschehen. Auch dieser Grundgedanke findet sich in anderen Texten der Antike wieder: Almosen und barmherziges Tun sollen nicht der Selbstbestätigung dienen, sondern aus einem inneren Ideal oder dem Blick für den Nächsten heraus erfolgen.

 

Verse 5-6: Das zweite Beispiel des gerechten Tuns ist die richtige Form des Betens. Der Evangelist Matthäus zeigt zunächst die falsche Form des Gebetes auf: Es stellt die eigene Frömmigkeit zur Schau. Warum Matthäus das für Juden wie für Christen selbstverständliche Gebet so in den Fokus rückt, wird eigentlich nur aus den folgenden Versen ersichtlich. Das Gegenbeispiel ist für den Evangelisten das Gebet in der Kammer. Das verwendete griechische Wort tameion (ταμεῖον) bezeichnet die Vorratskammer, also einen Raum, der normalerweise von keinem Fremden betreten wird. Er ist auch von außerhalb des Hauses nicht sichtbar, sondern ganz im Inneren des Hauses und so abgeschirmt von den Blicken anderer. Das Gebet, das hier vorgeschlagen wird, ist also ein Gebet, das ein inneres Geschehen zwischen Beter und Gott darstellt. Es geht alleine um den himmlischen Vater und denjenigen, der sein Anliegen vor ihn hinträgt. Es geht um einen ganz intimen Moment und deshalb nicht zur Schau gestellten Moment zwischen Gott und Mensch.
In den Versen 9-14, die hier ausgelassen sind, wird Jesus seinen Jüngern mit dem Vater unser einen Gebetstext an die Hand geben, der diese innige Beziehung zwischen Gott und Mensch in der Vateranrede zentral zum Ausdruck bringt.

 

Verse 16-18: Im dritten Beispiel der Gerechtigkeit geht es um das Fasten. Hier wird von den Heuchlern und damit denen, die in falscher Weise fasten, gesagt, dass sie ein „finsteres Gesicht“ machen. Diese Umschreibung wird in anderen Texten benutzt, wenn es um die Anhänger fremder und auffälliger religiöser Praktiken geht. Damit kritisiert Jesus ein weiteres Mal ein bewusstes Sichtbarmachen der eigenen religiösen Überzeugungen und Handlungen. Entsprechend ist das Gegenbeispiel darauf ausgelegt, eben nicht aufzufallen, sondern sich im Fasten so zu verhalten, wie man es auch an einem Festtag tun würde: Haupt salben und Gesicht waschen.

 

 

Auslegung

Wer meint, mit besonderen Zeichen der Frömmigkeit vor Gott und den Menschen punkten zu können, der wird im heutigen Evangelium eines Besseren belehrt. Die zentrale Aussage Jesu, die der Evangelist Matthäus rund um das Vater unser in der Bergpredigt platziert, lautet: Vor deinem himmlischen Vater musst du kein Theater spielen!
Die Beispiele der Schauspieler, der Heuchler, die in ihrem Tun doch immer nur darauf schauen, wie sie selbst gut auf der Bühne erscheinen, sind als Mahnung für die Zuhörer gedacht. Wer mit seinen Almosen Lob einstreichen will, bei seinem Gebet von allen gesehen werde möchten und beim Fasten besonders finster aussieht, der vergisst das Wesentliche seines religiösen Tuns. Der wiederholte Hinweis auf „den Vater, der das Verborgene sieht“ zeigt hingegen den richtigen Weg auf. Beim Almosengeben, Beten und Fasten passiert etwas zwischen Mensch und Gott. In allen drei Beispielen geht es um die Beziehung zum himmlischen Vater. Und in der Weise, wie ich faste, bete und mich um die Armen kümmere, bringe ich zum Ausdruck, wie sehr ich auf den himmlischen Vater vertraue. Wenn man weiß, dass man Gott in einfachen Worten (wie im Vater unser) um alles bitten kann, was man braucht, ist keine Schauspielerei mehr nötig. Im Vertrauen auf Gott, der sich um seine Kinder kümmert, muss an sich vor Gott und den Menschen nicht mehr beweisen. Dann wird die Sorge um die Armen ein Mittun an der Sorge Gottes um jeden Menschen. Dann wird das Gebet zum wirklichen inneren Moment des Sich-Anvertrauens und das Fasten ein Zeichen für die Konzentration auf das Wesentliche.
Der Evangelist Matthäus bringt keine Beispiele, WAS man nicht tun soll, sondern Beispiele WIE man es nicht tun soll. Entscheidend hinter allem Handeln und auch hinter den Ausdrucksformen des Glaubens ist die Haltung, sich Gott ganz anzuvertrauen und auf die Beziehung mit ihm zu setzen.

Kunst etc.

Den Übergang vom frohen und ausgelassenen Treiben des Karnevals in die Zeit des Fastens stellt Peter Breughel, der Ältere, in seinem Bild „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ (1559) dar. Beide Zeiten werden in kleinen Szenen dargestellt, am Deutlichsten wird der Kampf zwischen den Zeiten in den beiden Gestalten, die in der Bildmitte unten einander gegenüberstehen.

Pieter Brueghel the Elder [Public domain], Der Kampf zwischen Karneval und Fasten, Kunsthistorisches Museum Wien.
Pieter Brueghel the Elder [Public domain], Der Kampf zwischen Karneval und Fasten, Kunsthistorisches Museum Wien.