Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Gal 5,1.13-18)

51Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!


13Denn ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder und Schwestern. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!

14Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

15Wenn ihr aber einander beißt und fresst, dann gebt Acht, dass ihr nicht einer vom anderen verschlungen werdet!

16Ich sage aber: Wandelt im Geist, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen!

17Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist gegen das Fleisch, denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht tut, was ihr wollt.

18Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.

Überblick

Nachdem Paulus in Kapitel 1 - 4 seinen galatischen Gemeinden seine Art der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus vor Augen geführt und gerechtfertigt hat  (s. hierzu und zur Einführung in den Galaterbrief den Überblick zur Zweiten Lesung am 12. Sonntag im Jahreskreis), geht es ab Kapitel 5 um die daraus erwachsende Praxis. Hat er zuvor dargelegt, dass der Glaube an Jesus Christus das Entscheidende ist und dass dieser nicht voraussetzt, sich zuerst beschneiden zu lassen und das jüdische Gesetz mit Reinheits- und Kalendervorschriften zu übernehmen, fordert Paulus nun auf, aus dieser Freiheit heraus gestalterisch tätig zu werden.

 

Einordnung des Lesungsabschnitts in den Galaterbrief

Konkret hatte Paulus in einem komplizierten Gedankengang die Christen geistig zu Nachfahren Isaaks, des Sohnes Abrahams und seiner Frau Sara (vgl. Galater 4,21-30) erklärt. Denn Isaak verdankt sich dem Zusammenhang von Verheißung Gottes und Abrhams Glauben, nicht dem Gesetz. Davon setzt der Apostel den älteren Sohn Abrahams ab, nämlich Ismael, dessen Mutter Abrahams Nebenfrau und Sklavin Hagar ist (zur entsprechenden alttestamentlichen Erzählung vgl. Genesis 16,1-16). Ismael verdankt sich insoweit dem Gesetz, als die Regelung, bei Kinderlosigkeit mit der eigenen Ehefrau eine Nebenfrau nehmen zu dürfen, eine gesetzliche ist.

An dem Gegensatz der beiden Mütter über die Stichworte "eine Freie" (das ist Sara) und "eine Sklavin" (das ist Hagar) knüpft nun der erste Satz von Kapitel 5 an: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. " Mit ihm setzt die Lesung ein. Ehe Paulus ihn ab Vers 13 - der Fortsetzung der heutigen Lesung - positiv entfaltet, verstärkt er in Gal 5,2-12 noch einmal die Absage an die Beschneidung als Unterordnung unter die jüdische Tora (das jüdische Gesetz), für die konservative judenchristliche Missionare, denen das Missionswerk des Paulus nicht gefällt, massiv in den galatischen Gemeinden werben.

Erst nach diesem zum Teil sehr polemischen Abschnitt greift Paulus auf den ersten Satz des Kapitels zurück und entfaltet dessen positive Botschaft.

 

Vers 1: Fest stehen in der Freiheit

Wenn die Christen sich als "Kinder der Freien" verstehen (Galater 4,31) und dies mit ihrer Taufe auf Jesus Christus erklärt haben (er schenkt Sündenvergebung, er eröffnet das Tor zum ewigen Leben, an seiner "Gottessohnschaft" haben die Getauften, Frauen wie Männer, Anteil), dann sollen sie bitteschön die von Christus errungene "Freiheit" auch bewahren bzw. von ihr Gebrauch machen. Das meint "fest stehen" in dieser Freiheit. Sie steht im Gegensatz zu "ein Joch der Knechtschaft".

Damit ist - vielleicht eher überraschend - nicht nur das "Joch" des jüdischen Gesetzes gemeint, d. h. die Unterwerfung unter Vorschriften, die so tut, als müsse eine jeder seine Freiheit erst noch selbst erringen, obwohl dies durch den Kreuzestod schon längst geschenen ist Das ist das Thema der für die Lesung ausgelassenen Verse 2-12.

 

Vers 13: Freiheit zur Liebe

Vers 13 macht deutlich, dass es aber noch eine ganz andere Möglichkeit der Knechtung gibt. Es ist die Unterwerfung unter all das, was den Menschen davon abhält, sich seinem Nächsten gegenüber liebevoll zu verhalten. Es ist das, was den Menschen nach Gründen Ausreden suchen lässt, warum er das, was eigentlich gut zu tun wäre, nicht tut.

 

Vers 14: Wie schon die Heilige Schrift sagt ...

Damit ist Paulus bei einem seiner Lieblingsworte gelandet: "Liebe" (griechisch: agápè). Doch anders als im berühmten Hohelied der Liebe in 1 Korinther 13 wird sie diesmal nicht wie eine griechische Tugend vor Augen  geführt - ohne Hinweis uaf das Vorbild Jesu und ohne Bezug zur Heiligen Schrift -, sondern mit einem Beweis aus der Heiligen Schrift. Denn die Forderung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist ein Zitat aus Levitikus (3. Buch Mose) 19,18. Die Charakterisierung dieses einen Verses als Kern der gesamten Tora des Mose ist auch in der jüdischen Tradition überliefert (Rabbi Hillel, Rabbi Aqiba), wenn dort wohl auch mit innerjüdischer Beschränkung gemeint, während Paulus es universal auf jeden Nächsten - Jude wie Nichtjude, Christ wie Nichtchrist - bezieht. Wie wichtig auch Jesus dieses Gebot war, wird in Lk 10, 25-37 deutlich, wenn er ihm das sehr ausführliche Gleichnis vom barmherzigen Samariter widmet (mehr zum Liebesgebot unter der Rubrik "Kontext")..

 

Vers 15 Die Sache mit der Grube

Dieser Vers verbirgt in seiner sehr polemischen Sprache den konkreten Sachverhalt, gegen den Paulus seine Stimme erhebt. Erkennbar aber sind "beißen" und "fressen" Gegenbegriffe zur "Nächstenliebe". Dabei scheint Paulus außerdem den weisheitlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang im Hinterkopf zu haben: "Wer (anderen) eine Grube gräbt, fällt (selbst) hinein" (vgl. Sprichwörter 26,27; 28,10). Mit anderen Worten: Wer seinen Nächsten nicht liebt, sondern ihn lieber "beißt", muss sich nicht wundern, wenn auch er selbst nicht geliebt und am Ende "aufgefressen" wird.

 

Vers 16-17: Zwei Welten - Fleisch nund Geist

Vers 16 ordnet das, was Paulus meint, in seine Sicht vom Menschen (Anthropologie) ein. All das, was den Menschen von der Liebe abhält, ordnet Paulus der Welt des Fleisches zu, das in sich die Tendenz zur Sünde hat und schwach ist. Davon setzt er die Welt des Geistes ab, die nicht nur den Verstand meint, sondern letztlich die von Gott bestimmte Denk-, Gefühls- uind Handlungswelt des Menschen, die sich dem Geist Gottes als eigentlichem Motor öffnet.

Wenn der große österreichische Psychologe und Philosoph Viktor Frankl (1905 - 1997) in einem ihm zugewiesenen Zitat den entscheidenden Handlungsspielraum des Menschen im Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion sieht, dann ist dies eine ziemlich gute Veranschaulichung dessen, was als Wirkfeld des Geistes und die Ermöglichung von Freiheit bei Paulus verstanden werden kann.

Dass es hier um nichts Selbstverständliches geht, stellt Paulus fest, wenn er an anderer Stelle schreibt:

"Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das vollbringe ich" (Römer 7,19).

 

Vers 18: Fazit

Vers 18 zieht das Fazit: Wenn das Fleisch dem Hang zum Bösen wie einem fremden Gesetz folgt, dann kann die Entscheidung nur lauten, dem Geist, also dem in der Taufe von Gott geschenkten Geist Gottes zu folgen und sich so die Freiheit zu sichern.

Dass die bisherigen Ausführungen alle noch relativ abstrakt bleiben, liegt daran, dass die Konkretionen, die Paulus durchaus im Blick hat und auch anführt, erst in den nächsten Versen folgen, die aber leider vom Lesungsabschnitt ausgelassen werden. Diese ausgelassene Passage wird deshalb unter der Rubrik  "Auslegung" "nachgereicht".

 

Auslegung

In gewisser Weise liefert Paulus die Auslegung zum Lesungsabschnitt Galater 5,1.13-18 selber, und zwar im letzten Teil des  Kapitels, der im Gottesdienst leider nicht vorgesehen ist, nämlich in Galater 5,19-25

Der Absatz lautet:

19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,
20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen,
21 Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben.
22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue,
23 Sanftmut und Enthaltsamkeit; gegen all das ist das Gesetz nicht.
24 Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.
25 Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln! 

Auch wenn der Apostel Paulus hier eher klischeehaft mit einem sogenannten Tugend- bzw. Lasterkataog arbeitet, wird doch anschaulich, wovon er bislang gesprochen hat. Jenseits der ängstlichen Suche nach genauen Richtlinien dessen, was zu tun und zu lassen ist - dafür stehen die Forderung der Beschneidung und das jüdische Gesetz - gibt es die Selbstverschreibung an innnere Triebe und Mächte, die vielleicht noch vielmehr den Menschen in die Unfreiheit führen. Er mag sich frei und toll vorkommen, ist es aber tatsächlich nicht. Dies wird besonders deutlich ab dem Begriff "Streit" in den Versen 20 und 21. Man braucht nur in die Welt der Politik und die vielfältigen, oft innerparteilichen Zerwürfnisse zu schauen oder in die Welt der Hasstiraden im Internet oder die allein auf Zerstörung, nicht auf Konstruktivität ausgerichteten Cyberattacken, um zu erkennen, wie blindwütige innere Mächte das Handeln von Menschen bestimmen können. Da fehlt es nicht nur an Liebe und all dem, was Paulus ab Vers 22 als "Frucht des Geistes" auflistet, sondern bereits an Sinn und Verstand. Und was sexuell an Vergewaltigung, Missbrauch und Kinderpornographie zu verzeichnen ist, zeugt von der ungezähmten Macht sexueller Triebhaftigkeit.

All dem stellt Paulus entgegen:

Wer sich in der Taufe für den gekreuzigten, begrabenen und auferweckten  Christus entscheidet und dem Glauben folgt, in der Taufe mit ihm begraben zu werden und zugleich mit ihm zu einem christusgemäßen Leben aufzuerstehen, für die und den gilt:

"Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt" (Vers 24).

Dass hier kein "Selbstläufer" vorliegt, haben die jüngsten innerkirchlichen Skandale zur Genüge gezeigt. Aber kein einziger Täter wird sich auf die Heilige Schrift berufen können zur Rechtfertigung seiner Taten. Verbrechen widerlegen nicht das Taufgeschehen, sondern sie erweisen die Täter nur als solche, die noch weit hinter den Möglichkeiten der Freiheit zurückgeblieben sind, die die Taufe ihnen eröffnet hat. 

Es gilt der zweite Satz aus Vers 13 des Lesungstextes:

"Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!"

Damit wird am Ende deutlich: Paulus wendet sich nicht nur gegen alle Möglichkeiten, in Abhängigkeitsfallen zu tappen, sondern auch gegen die Versuchung, den christlichen Freiheitsgedanken misszuverstehen als "Freifahrtschein" für alles Mögliche, was mit der zentralen Aufgabe der Nächstenliebe und damit mit Gott selbst überhaupt nicht vereinbar ist.

Kunst etc.

Anangke (Necessity (Zwang), Richard Roland Holst (1892); Wikimedia Commons
Anangke (Necessity (Zwang), Richard Roland Holst (1892); Wikimedia Commons

Eine vor kurzem abgekratzte oder übermalte Inschrift im Glockenturm von Notre Dame in Paris, die das griechische Wort "Ananke"  zum Inhalt hatte, ist ein Leitbegriff für Victor Hugos gleichnamigem Roman, der gerade im Jahr des Brandes dieser Kathedrale neue Aufmerksamkeit erlangt hat. Das Wort bedeutet "Zwang, Verhängnis" und spielt etwa in der griechischen Mythologie eine große Rolle. Es gibt Zusammenhänge, denen der Mensch sich nicht entziehen kann und die ihn wie in einem Netz gefangen halten sowie Wege vorherbestimmen. 

Genau diese mythische Figur der Ananke hat 1892  der niederländische Künstler Richard Roland Holst (1868 - 1938) ins Bild gebracht. Er ist ein dem Jugendstil zuzuordnender Künstler.

Sein dunkles, Knechtung durch dunkle Mächte zum Ausdruck bringendes Gemäde kann als Gegenbild zu dem betrachtet werden, was Paulus meint, wenn er seinen Christen in Galatien zuruft:

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Galater 5,1).