Lesejahr C: 2018/2019

4. Lesung (Jes 54,5-14)

5Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, / HERR der Heerscharen ist sein Name.

Der Heilige Israels ist dein Erlöser, / Gott der ganzen Erde wird er genannt.

6Ja, der HERR hat dich gerufen / als verlassene, bekümmerte Frau.

Kann man denn die Frau seiner Jugend verstoßen?, / spricht dein Gott.

7Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, / doch mit großem Erbarmen werde ich dich sammeln.

8Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht / in aufwallendem Zorn;

aber in ewiger Huld habe ich mich deiner erbarmt, / spricht dein Erlöser, der HERR.

9Wie bei der Flut Noachs soll es für mich sein: / So wie ich damals schwor,

dass die Flut Noachs die Erde nie mehr überschwemmen wird, / so schwöre ich jetzt, dir nie mehr zu zürnen / und dich nie mehr zu schelten.

10Mögen auch die Berge weichen / und die Hügel wanken -

meine Huld wird nicht von dir weichen / und der Bund meines Friedens nicht wanken, / spricht der HERR, der Erbarmen hat mit dir.

11Ärmste, vom Sturm Gepeitschte, / die ohne Trost ist:

Siehe, ich selbst lege dir ein Fundament aus Malachit / und Grundmauern aus Saphir.

12Aus Rubinen mache ich deine Zinnen, / aus Beryll deine Tore / und alle deine Mauern aus kostbaren Steinen.

13Alle deine Kinder sind Schüler des HERRN / und groß ist der Friede deiner Kinder.

14Du wirst auf Gerechtigkeit gegründet sein. / Du bist fern von Bedrängnis,

denn du brauchst dich nicht mehr zu fürchten / und bist fern von Schrecken; / er kommt an dich nicht heran.

Überblick

Diese Lesung steht unter emotionaler Hochspannung: Der Gefühlslage äußerster Verlassenheit und Verlorenheit wird die Zeit zärtlichster Zuwendung und furchtloser Geborgenheit gegenübergestellt. Es ist so, wie die Osternacht auf den Karfreitag und den Karsamstag antwortet. Nur dass die Szene Jahrhunderte vor Tod und Auferstehung Jesu spielt: Es geht um Jerusalem im 6. Jh. v. Chr.

 

Einordnung des Textes in seine Zeit

Zwischen der dritten und der vierten alttestamentlichen Lesung in der Osternacht, also zwischen der Lesung aus dem Buch Exodus und der jetzigen Lesung aus dem Propheten Jesaja, ist vor dem inneren Auge zeitllich ein riesiger Sprung zu vollziehen. Auf den Auszug aus der Gefangenschaft Ägyptens , der auf jeden Fall in eine Zeit deutlich vor 1000 v. Chr. verweist, folgt nun eine Lesung, die ins 6. Jh. v. Chr. verweist.

587/586 v. Chr. wurde Jerusalem von den Babyloniern (heute Irak) zerstört und die Oberschicht wurde deportiert. Durch die Machtübernahme der Perser ab 539 v. Chr. änderten sich die Voraussetzungen und die in Jerusalem Zurückgebliebenen wie die nach Babylon Verschleppten durften auf einen Wiederaufbau Jerusalems samt neuem Tempel hoffen.

Die Worte aus dem Buch Jesaja sprechen in die Zeit zwischen Untergang und Rettung hinein. In emotional aufwühlender Sprache wird die Katastrophe der Zerstörung Jerusalems ebenso zur Sprache gebracht wie eine heilvolle Zukunft in Aussicht gestellt. Der Garant dieses Wechsels ist Gott selbst, der nach einer Zeit des Verlassens sich seinem Volk wieder zuwendet.

 

Der Aufbau der Lesung

Im Groben hat der Text zwei Teile: Verse 5-10 und Verse 11-14. Die erste Hälfte spricht Jerusalem als Person, näherhin als Frau an, der zweite Teil verwendet zumeist Bilder aus dem Erscheinungsbild einer Stadt. Nur Vers 13 knüpft mit der Rede von den "Kindern" noch einmal an den ersten Teil an. Gemeint sind die Bewohner Jerusalems und aus dessen Umgebung, die Jerusalem als ihre "Mutter" betrachten.

 

Verse 5-10: Die verstoßene und wieder angenommene "Ehefrau" Jerusalem

Die erste Hälfte des großen Trostliedes an Jerusalem besteht aus drei Strophen, die alle mit der Formel "spricht dein [Gott dein Erlöser/der HERR]" enden, also jedem Einzeltext höchste Bedeutsamkeit und Gültigkeit zusprechen: Immer spricht Gott selbst. Der ungenannte Prophet ist nur Sprachrohr und verschwindet hinter seiner Botschaft.

Verse 5-6: Da Städte im Alten Orient grundsätzlich weiblich sind (wegen ihrer weiblichen Schutzgottheiten), ist die Betrachtung Jerusalems als "Frau" für die damalige Zeit keine Überraschung. Wichtiger: Das Verhältnis zwischen Jerusalem und Gott  wird einer Ehe verglichen. Gott sieht sich an seine Ehefrau gebunden. Das Bild zeigt, mit welcher Liebe Gott an Jerusalem hängt. Ohne ihn wäre aber die Stadt auch nie geworden, was sie vor der Zerstörung war: Aus einem eher unbedeutenden kanaanäischen Festungshügel ("Zion") war die prachtvolle Hauptstadt des Reiches Juda geworden mit Tempel und Königspalast. Jetzt, da die Stadt ein Ruinenhügel ist, ergreift Gott erneut die Initiative. Er erweist sich als "Erlöser". Das hebräische Wort wird sonst für den Freikauf von Sklaven gebraucht, die damit ihren urspürünglichen Rechtsstatus als freie Bürger erhalten. Jerusalem wird also aus der "Sklaverei" Babylons befreit werden und in den Stand der rechtmäßigen Ehefrau wieder eingesetzt.

Verse 7-8: Diesen Stand hatte Jerusalem verloren, weil es durch soziale Verbrechen unterschiedlichster Art und Fremdgötterei seinen "Ehemann" Gott betrogen und verlassen hatte. Als Strafe hatte Gott Jerusalem seinem Schicksal (Eroberung durch Babylon) überlassen. Aber dies war nur ein vorübergehender Zornesausbruch. Gott hat Mitleid mit der "verlassenen, bekümmerten Frau".

Verse 9-10: Dass ein endgültiges Aus nicht im Sinne Gottes ist - und zwar nie -, wird mit der Erinnerung an die Sintflutgeschichte und Noach bekräftigt. Diese Erzählung von der Überflutung der ganzen Erde (vgl. Genesis 6-8), bei der nur Noach, seine Familie und die Tiere auf der Arche überleben und gerettet werden, endet mit der Zusage: Gott wird die Erde nie mehr vernichten, auch wenn es immer wieder unheilvolle Gedanken und daraus erwachsende Taten bei den Menschen geben wird (vgl. Gen 8,21-22)1. Dabei geht es nicht um die Frage, ob es eine solche Sintflut je gab. Vielmehr geht es um den tiefen Glauben, dass Gott seine Schöpfung nicht wirklich untergehen lässt. Er könnte, wenn er wollte - aber er will nicht. Daran erinnert der Prophet in der Vierten Lesung der Osternacht (vgl. auch Kunst etc.).

 

Verse 11-14: Die sturmgepeitschte und kostbar wieder errichtete Stadt

Das Bild von der "verlassenen, bekümmerten Frau" wandelt sich jetzt in das der "sturmgepeitschten Stadt". Vom Tornado mitgerissene Hauswände hinterlassen in der Tat das Gefühl der "Trostlosigkeit". Dieser traurigen Szenerie wird ein überwältigendes Bild des Neuanfangs gegenübergestellt. Die Übersteigerung ins Phantastische, "Swarowsky-hafte", soll Mut machen. Aber es geht im Letzten nicht um die Erneuerung des Mauerwerks, sondern die Erneuerung der Menschen: Die Einwohner Jerusalems werden "Gottesschüler/innen" werden - solche, die verinnerlichen, was Gott eigentlich will.

Dazu bietet der letzte Vers ein wichtiges Stiochwort: "Gerechtigkeit". In diesem Begriff sind zwei Dimensionen enthalten: Treue und Zuverlässigkeit auf der einen Seite, Gemeinschaftssinn bzw. sich verantwortlich wissen für das Wohl des Anderen auf der anderen Seite. Von Gott her darf der Mensch solche Gerechtigkeit erwarten. Für die Menschen ist diese Gerechtigkeit beständige Aufgabe, an der letztlich der Bestand Jerusalems - auch im Sinne jeglichen Ortes menschlichen Zusammenlebens - hängt.

Auslegung

Die Lesung aus dem Buch Jesaja deutet ein politisches Geschehen - die Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch Babylon, die Ablösung der Babylonier durch die Perser und den dadurch möglichen Wiederaufbau Jerusalems - als ein Beziehungsdrama zwischen Menschen und ihrem Gott. So gelesen wird aus historischen Vorgängen ein existentiell spannungsvolles Geschehen, das sich zwischen Leben und Tod abspielt.

 

Eine Frage des Gottesbildes

Die "Blutstadt" Jerusalem (so ein Ausruck des zeitgenössischen Propheten Ezechiel in Ez 22,2; 24,6.9), das mit seiner Silbe "-salem" eigentlich auf Frieden, Heil, Recht und Gerechtigkeit verweist, hat ihr Leben verspielt. Das Fremdgehen mit  dem Götzen Gewalttätigkeit bringt den ganz auf Frieden, Heil, Recht und Gerechtigkeit setzenden "Ehemann" dieser Stadt, Gott selbst, zur Preisgabe Jerusalems. Es mag Vielen nicht in ihr Gottesbild passen, dass auch diese dunkle Seite zu Gott gehört. Aber, so können wir von Israel lernen: Nur die Annahme auch der dunklen Seite Gottes hat dem Volk bis in die Gegenwart geholfen, auch Zeiten der Katastrophe auszuhalten. Vor allem hat sie geholfen, statt einfach etwa zu den Göttern Babylons als den ersten Siegern überzuschwenken oder auf die bösen Anderen zu schimpfen, eigene Verantwortung für Schuld zu übernehmen, an Gott festzuhalten und von ihm her die Wende zu erwarten. In aller Dunkelheit geht nämlich der Glaube nie verloren, dass der Heilswille in Gott um ein vielfaches größer ist als sein eventueller kurzzeitiger Zornesausbruch.

Von diesem Heilswillen spricht der Prophet und kündet der sich wie tot vorkommenden Witwe Jerusalem ("verlassene Frau") die Rückkehr ins Leben an. Diejenige, der im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, erhält ein neues Fundament, das letztlich das alte ist: Gott selbst, der einen neuen Versuch mit den Seinen unternimmt und immer neu hofft, dass auf diesem Boden die Zeichen der Zeit, in denen Gott spricht, verstanden werden und zu Taten der "Gerechtigkeit" führen.So würden aus Gott Glaubenden Gott Lernende.

Diese von Gott in Gang gesetzte Bewegung vom Tod zum Leben ins Herz eindringen zu lassen ist eine wirkliche Vorbereitung auf das Osterevangelium.

 

 

 

Kunst etc.

Joseph anton Koch, Noachs Dankopfer (1803), gemeinfrei, GNU Free Documentation License
Joseph anton Koch, Noachs Dankopfer (1803), gemeinfrei, GNU Free Documentation License

Das Gemäde "Landschaft mit Dankopfer Noachs" des österreichischen Malers Joseph Anton Koch (1768 - 1839) veranschaulicht die Anspielung von Jes 54,9-10. Hier nimmt der Text Bezug auf die Sintflutgeschichte, an deren Ende nicht die Menschen sich geändert haben, sondern Gott beschließt, mit den unvollkommenen, zu falschen Entscheidungen neigenden Menschen weiter zu leben. Es soll keine nochmalige Vernichtung der Erde und Austilgung der Lebewesen auf ihr geben (vgl. Genesis 8,21-22). Zeichen dafür ist der berühmte Regenbogen, der aus dem göttlichen "off" von links in das Gemälde hineinragt: Er deutet an, dass Gott seinen Kriegsbogen auf Dauer abgestellt hat. Nicht enden wollende Huld und Frieden sind die entsprechenden Stichworte in der Lesung, Als Lebenszeichen kann der Regenbogen damit durchaus auch als ein österliches Zeichen verstanden werden.