Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 23,35b-43)

35[Das Volk stand dabei und schaute zu;] auch die führenden Männer verlachten ihn und sagten: Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte.

36Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig

37und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!

38Über ihm war eine Aufschrift angebracht: Das ist der König der Juden.

39Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns!

40Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen.

41Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

42Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!

43Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Überblick

Krone richten, weiter machen… Die Kirche feiert mit dem Christkönigs-Fest Christus als einen König, der in allem einen Gegenentwurf darstellt zu bekannten und erwartbaren Herrschertypen.

1. Verortung im Evangelium
Die Szene zwischen Jesus und den beiden mitgekreuzigten Verbrechern ist nur im Lukasevangelium (Lk) in dieser Weise überliefert. Sie ist ein Teil einer Szene, in der unter dem Kreuz verschiedene Reaktionen auf das Geschehen zum Ausdruck kommen. Sie spielt unmittelbar nach der eigentlichen Kreuzigung und vor dem Tod Jesu und steht damit am Ende der Passionserzählung, die mit dem Beschluss, Jesus auszuliefern in Lk 22,1-6 beginnt.

 

 

2. Aufbau
Die Szene hat zwei Schwerpunkte. Zunächst stehen drei unterschiedliche Personengruppen und Personen im Fokus, die den Gekreuzigten verspotten (Verse 35-39). Aus der Verspottung des einen Verbrechers erwächst dann ein zweiter Schwerpunkt (Verse 40.43), der gekennzeichnet ist durch das Zeugnis des zweiten Verbrechers, in Jesus demjenigen zu begegnen, der für das Reich Gottes steht.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 35b: Nach der Notiz von der Kreuzigung Jesu in Lk 23,32 lenkt der Evangelist den Blick auf die Personen, die diese Szene miterleben. Das Volk schaut nur zu, so heißt es in dem ausgelassenen Versteil Vers 35a. Diejenigen aber, die Bezug nehmen zum Geschehen werden in den folgenden Versen in den Blick genommen. Zunächst sind es die Anführer des Volkes („führende Männer“), dann die Soldaten und schließlich einer der Verbrecher. Die Art und Weise wie diese Personen in Beziehung zu Jesus treten, wird parallel dargestellt: Jesus wird dreimal verlacht, verspottet, verhöhnt und mit einem Verweis auf seine christologische Würde aufgefordert, sich selbst zu retten. 

Bei der Verspottung durch die führenden Männer in Vers 35 nimmt Lukas mit dem Wort „verlachen“ Bezug auf Psalm 22. Dort heißt es „alle, die mich sehen, verlachen mich“ (Psalm 22,8). Zugleich wird in der Rede der Anführer das Motiv vom Arzt, der sich selbst nicht heilen kann, abgewandelt. In Lk 4,23 wird es von Jesus selbst als vermeintliches Argument der Kritiker schon einmal verwendet. Die Heilungen Jesu („andere hat er gerettet“), die als Zeichen seiner göttlichen Vollmacht gesehen werden, sind hier ein Argument, um Jesus herauszufordern. Weil er ja offensichtlich Vollmacht hat, soll er sie auch nutzen, um sich selbst zu retten und damit zu zeigen, dass er der Messias („Christus Gottes“) ist. Die Tatsache, dass Jesus der Aufforderung nicht nachkommt, zeigt für sie, dass er zu Unrecht als Messias bezeichnet wird.

 

Verse 36-38: Als zweite Personengruppe treten nach den Anführern nun die Soldaten in Erscheinung. Auch sie fordern Jesus heraus, sich selbst zu helfen. Dabei verwenden sie jedoch nicht den Titel des Messias, sondern „König der Juden“. Vers 38 liefert die Begründung für diese Diktion nach: Der Titel ist auf dem Kreuz angebracht und wird von den Soldaten aufgenommen. Die Soldaten greifen damit eine Verhöhnung auf, die bereits als Aufschrift über dem Kreuz und dem Gekreuzigten hängt. Die Abfolge der für Jesus verwendeten Titel „Christus Gottes“ und „König der Juden“ ist identisch mit den Geschehnissen der Anklage in Lk 23,2-3. Die unterschiedlichen Bezeichnungen zeigen die innerjüdische und die externe, politische Perspektive auf. Die jüdischen Ankläger tragen Pilatus in Lk 23,2 vor, Jesus habe behauptet der „Christus und König“ zu sein. Pilatus selbst nimmt dabei nur das auf, was aus seiner römischen Perspektive entscheidend ist und fragt Jesus: „Bist du der König der Juden?“ (Lk 23,3).

Als Akt der Verspottung ist auch das Reichen des „Essigs“ zu verstehen. Denn dabei handelt es sich um sauren Wein oder mit Weinessig verdünntes Wasser. Beide Varianten verweisen auf Getränke der einfachen Arbeiter (z.B. Feldarbeiter und Soldaten) und des Volkes. Dem König, dieses proletarische Getränk zu reichen, ist eine weitere Provokation und will Jesus herausfordern, seine Königswürde deutlich zu machen.

 

Vers 39: Als dritter verspottet einer der beiden mitgekreuzigten Verbrecher Jesus. Er formuliert dazu eine rhetorische Frage in Verneinungsform („bist du denn nicht“) und fordert wie die anderen Jesus dazu auf, sich selbst zu retten. Auch für ihn ist damit die nicht erfolgende Rettung ein Zeichen, dass Jesus nicht der Christus sein kann. Der Verbrecher spitzt den Aufruf zur Selbstrettung zu, indem er Jesus nahelegt, nicht nur sich zu befreien, sondern auch seine „Leidensgenossen“, die mit ihm gekreuzigt sind.

 

Verse 40-43: Die Schmähung des einen Verbrechers wird zum Auftakt einer weiteren Szene. Der zweite Verbrecher durchbricht das Schema der Verhöhnung und interveniert mit einer rhetorischen Frage, die ebenfalls in der Verneinungsform steht: „Nicht einmal du fürchtest Gott?“ Der darin zum Ausdruck kommende Vorwurf, der mangelnden Gottesfurcht enttarnt diesen Mitgekreuzigten als einen, der verstanden hat, was hier gerade vor sich geht. Dies setzt sich fort in der Bemerkung über Jesu Unschuld. Lukas charakterisiert den Mitgekreuzigten durch seine Worte: Er weiß sowohl sein eigenes Schicksal („uns geschieht recht“) als auch Jesu Schicksal („dieser hat nichts Unrechtes getan“) zu deuten. Obwohl er in der direkten Anrede an Jesus in Vers 42 keinen Titel verwendet, sondern Jesus beim Namen nennt, kommt sein Verständnis der Person Jesu zum Ausdruck. „Dein Reich“ kann nur jemand sagen, der versteht, dass Jesu Leben mit dem sicheren Tod am Kreuz nicht zu Ende ist. Die Rede vom „Reich“ ist damit ein indirekter Ausdruck des Glaubens an Jesus als den Christus, der von Gott als König des himmlischen Reichs eingesetzt wird.

Die Antwort Jesu ist als Bestätigung dieser Charakterisierung zu verstehen. Denn die Zusage noch „heute“ im Paradies zu sein, verweist auf das Paradies als den himmlischen Ort der Gerechten. Die Erkenntnis des Verbrechers, dass Jesus derjenige ist, der als König des himmlischen Reiches über Heil und Unheil entscheidet, qualifiziert ihn als einen, der Gott kennt und an ihn glaubt. Wegen dieses Bekenntnisses erhält er den Ausblick als Gerechter ins Paradies einzugehen, obwohl er in der Welt offensichtlich Unrecht getan hat.

 

Auslegung

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“, diese Frage richtet Jesus an seine Jünger unmittelbar bevor er ihnen zum ersten Mal ankündigt, was mit ihm geschieht (Lk 9,18-22). Jesus fordert mit seiner Frage seine Jünger heraus, er möchte wissen, welches Bild und welche Erwartungen sie an ihn richten. Und er fordert sie heraus, sich mit der Realität seiner Sendung vertraut zu machen. Dass dies nicht einfach ist, zeigt ein Kommentar des Evangelisten bei der zweiten Leidensankündigung (Lk 9,43b-45). Hier heißt es über die Jünger: „Doch die Jünger verstanden den Sinn seiner Worte nicht“. Auch sie, die mit ihm unterwegs waren, seine Worte hörten und seine Taten sahen, erschließen sich die Worte vom Leiden und Auferstehen nicht automatisch.

Vor diesem Hintergrund ist die Reaktion des zweiten Verbrechers gegenüber dem Mitgekreuzigten und gegenüber Jesus bemerkenswert. Er, der augenscheinlich Schuldige, vermag zwischen Recht und Unrecht durchaus zu unterscheiden. Und er erkennt nicht nur die Unschuld Jesu, sondern äußert zugleich die Gewissheit, dass Jesus nach seinem Tod in seinem Reich, d.h. dem Reich Gottes sein wird. Diese Gewissheit und Erkenntnis des Verbrechers führen zur Zusage Jesu: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein". Weil der Verbrecher Jesus als denjenigen anerkennt, der im Reich Gottes Macht ausübt ("dein Reich"), zeigt sich an ihm die besondere Gerechtigkeit Gottes. Diese schaut nicht nur auf die weltlichen Kategorien und die Vorgeschichte des Menschen, sondern urteilt nach dem Glauben und dem Vertrauen. So kann auch der Verbrecher vor Gott als Gerechter dastehen. Und genau diese Unterscheidung zwischen Augenscheinlichem und Verborgenem, zwischen Erwartung und Wirklichkeit bestimmt die Szene am Kreuz. Dabei geht es dem Evangelisten nicht um das Geschehen, das längst abgeschlossen ist: Jesus ist gekreuzigt, sein Tod ist besiegelt, der Spott über seine Lage ist durch die Kreuzesinschrift allen sichtbar. Lukas stellt vielmehr das Verhältnis zum Gekreuzigten in dieser Szene in den Mittelpunkt und er spielt mit den fehlgeleiteten Erwartungen der Anführer, Soldaten und des ersten Verbrechers. In der Konstellation dieser Szene wird ein weiteres und letztes Mal sichtbar, was der greise Simeon in Lk 2,34 ankündigte: „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird“. Der Gekreuzigte spaltet die Menschen am Kreuz, der eine Verbrecher verspottet ihn, der andere bekennt sich zu ihm.
Was aber führt zu dieser Spaltung? Es sind fehlgeleitete Erwartungen und ein Blick, der nur auf das Sichtbare und Vordergründige schaut. Die führenden Männer, die Soldaten und der Verbrecher, sie haben ein Bild, eine Erwartung von dem, auf den sie schauen. Diejenigen, die Jesus als den „Christus Gottes“, als Messias, betiteln, erhoffen sich von ihm die Rettung Israels. Eine Rettung, die sich zeigt in religiöser Führerschaft und im kraftvollen Sammeln der Getreuen, damit dann Gottes Heilszeit Wirklichkeit werden kann. Und diejenigen, die Jesus als „König der Juden“ ansprechen, denken dabei an einen Herrscher, der ein Volk regiert, für seine Belange eintritt etc. Nichts dergleichen scheint Wirklichkeit zu sein angesichts der Tatsache, dass Jesus zum Tode verurteilt am Kreuz hängt. Die Aufforderungen, Jesus möge sich selbst retten, wenn er denn der Messias und König sei, untermauern diese falschen Erwartungen. Sie gehen davon aus, dass derjenige der Macht hat, seine Macht auf eine bestimmte Weise nutzt. Die Aufforderungen zur Selbstrettung erinnern dabei an die Versuchungen des Teufels in der Wüste (Lk 4,1-13). Dort wird Jesus ebenfalls aufgefordert, auf eine bestimmte Weise sichtbar zu machen, welche Vollmacht in ihm steckt. Er soll als Sohn Gottes aus Steinen Brot machen, die Herrschaft übernehmen und sich vom Tempel hinabstürzen.
Jesus aber und das ist die Pointe der Szene am Kreuz ist all das, was man ihm zuspricht, aber nicht in der erwarteten Weise. Er ist der „König“, der von seinem Reich, dem Reich Gottes spricht, aber dieses Reich wird regiert von Liebe und Gerechtigkeit, nicht von Machtansprüchen und politischen Forderungen. Er ist der Christus Gottes, der die Heilszeit Gottes sichtbar macht, doch kommt sie unerwartet und unscheinbar daher. In Heilungen und Wundern, in Worten, die Menschen aufrichten, die ermutigen und herausfordern, in einem Leben, das den Menschen dient. Jesus „regiert“, indem er den Menschen dient, ihnen neues Leben schenkt und sie in Liebe und Gerechtigkeit zusammenführt. Und Jesus zeigt seine Macht gerade nicht mit einer Durchsetzungskraft, die anderen schadet oder sie entmündigt. Er zeigt seine Macht, indem er sich wehrlos dem Spott, dem Unverständnis und dem Hass seiner Kritiker aussetzt.

Diese Weise eine Herrschaft auszuüben ist vollkommen anders als es die Menschen seiner Zeit (und auch unserer Zeit) von einem Herrscher erwarten. Erhofft und ersehnt werden starke Helden, Meinungsführer, schlagkräftige Anführer, die sich nicht scheuen, den Worten Taten folgen zu lassen und ihren Anspruch mit allen Mitteln durchzusetzen. Ein Machthaber, der nicht zuerst auf sein eigenes Image schaut, der seine Gegner nicht diskreditiert, der sich nicht zuerst selbst rettet, ein solcher Machthaber polarisiert, aber er lässt niemanden zugrunde gehen.

Die Szene unter dem Kreuz und das Feiern dieser ganz anderen Königsherrschaft Jesu Christi hinterlässt Fragen: Sind wir bereit uns auf diese Form einer „Herrschaft“ einzulassen und uns Christus als demjenigen anzuvertrauen, der seine Macht in der Ohnmacht des Kreuzes zeigt? Und wie gehen wir selbst mit der Macht um, die uns geschenkt ist und mit der bestimmte Erwartungen verbunden sind?

 

Kunst etc.

Haupt der Christus-König-Statue in Świebodzin/Polen. Sie steht auf einem aufgeschütteten 16 Meter hohen Hügel und ist mit 36 Meter die höchste Christusfigur weltweit.