Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Apg 13,14.43b-52)

14Sie selbst wanderten von Perge weiter und kamen nach Antiochia in Pisidien. Dort gingen sie am Sabbat in die Synagoge und setzten sich.

43Es schlossen sich viele Juden und fromme Proselyten Paulus und Barnabas an. Diese redeten ihnen zu und ermahnten sie, der Gnade Gottes treu zu bleiben.

44Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort des Herrn zu hören.

45Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen aus.

46Paulus und Barnabas aber erklärten freimütig: Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch selbst des ewigen Lebens für unwürdig erachtet, siehe, so wenden wir uns jetzt an die Heiden.

47Denn so hat uns der Herr aufgetragen:

Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht,

bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein.

48Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren.

49Das Wort des Herrn aber verbreitete sich in der ganzen Gegend.

50Die Juden jedoch hetzten die vornehmen gottesfürchtigen Frauen und die Ersten der Stadt auf, veranlassten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.

51Diese aber schüttelten gegen sie den Staub von ihren Füßen und zogen nach Ikonion.

52Und die Jünger wurden mit Freude und Heiligem Geist erfüllt.

Überblick

Der Anfang geht immer mit... So ist auch der erste große Auftritt des Paulus in der Apostelgeschichte wegweisend für dessen weitere Missionstätigkeit.

1. Verortung im Buch
Der erste Teil der Apostelgeschichte (Apostelgeschichte (Apg) 1-12) hat mit Jerusalem und dem Apostel Petrus einen klaren Schwerpunkt. Im zweiten Teil der Apostelgeschichte (Apg 13-28) stehen Paulus und dessen Begleiter sowie die Missionsreisen im Mittelpunkt. Zu Beginn des 13 Kapitels werden Barnabas und Paulus durch den Heiligen Geist ausgewählt und von Antiochia am Orontes im antiken Syrien (heute Türkei) aus ausgesendet. Die erste Missionsreise beginnt. In Antiochia in Pisidien, der zweiten Station der Reise, wird Paulus in der Synagoge gebeten, ein Wort des Zuspruchs an die Anwesenden zu richten. Seine Darstellung der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen wird zur programmatischen Ansprache (vgl. Jesu Worte in Nazareth in Lukasevangelium 4,16-30). Wann immer bei der folgenden Missionstätigkeit auf die Verkündigung des Paulus verwiesen wird, bildet die Ansprache in Antiochia den notwendigen Verstehenshintergrund.

Die heutige Lesung setzt am Ende der Verkündigung des Paulus ein und schildert vor allem die darauffolgenden Reaktionen.

 

 

2. Aufbau
Der Text besteht aus einer doppelten Einleitung: Vers 14 führt die Leser in die Gesamtszene ein: Paulus und seine Begleiter nehmen am Synagogengottesdienst in Antiochia teil. Die Verse 43 und 44 leiten die Schlussszene in der Synagoge ein: Die Botschaft des Apostels bringt unterschiedliche Reaktionen hervor. Zugleich verbinden die Verse die Ausgangsszene mit der weiteren Verkündigung in der Synagoge am darauffolgenden Sabbat.
Die Verse 45-51 beschreiben das Geschehen in der folgenden Woche.
Vers 52 berichtet über die Situation der christlichen Gemeinde vor Ort nachdem der Apostel die Stadt verlassen hat.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 14: Nach dem Aufenthalt auf Zypern und in Perge (Apg 13,4-13) ziehen Paulus mit seinen Begleitern nach Antiochia in Pisidien.
Antiochia in Pisidien gehörte zur römischen Provinz Asia und war im 3. Jahrhundert vor Christus durch die Griechen gegründet worden. Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus, als Paulus und Barnabas dort predigten, war die Stadt auf dem Weg zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Region zu werden. Für die christlichen Verkündiger war es hilfreich und klug, sich mit ihrer Botschaft zunächst in größere Städte zu begeben. Zum einen fand sich dort zumeist eine jüdische Gemeinde, zum anderen hielten sich dort zu jeder Zeit Händler auf, die die Botschaft weitertragen konnten.
In Antiochia gab es seit 200 v. Chr. eine einflussreiche und relativ große jüdische Gemeinde. Dorthin wendet sich die Gruppe und nimmt am Sabbatgottesdienst teil.
Vom Synagogenvorsteher wird Paulus mit der vertrauensvollen Anrede "Brüder" gebeten, ein Wort des Zuspruchs an die Gemeinde zu richten (Vers 15).

Verse 43-44: Die Worte haben Wirkung gezeigt, denn man bittet Paulus und Barnabas auch in der nächsten Woche zum Gottesdienst zu kommen und das Wort Gottes zu verkünden (Vers 42). Im direkten Anschluss an den Gottesdienst schließen sich ihnen bereits viele Menschen an. Lukas, der Autor der Apostelgeschichte beschreibt diese ersten Überzeugten als Juden und Proselyten. Proselyten sind eigentlich zum Judentum konvertierte Anhänger eines Vielgötterglaubens. So wie der Begriff sich im Anschluss jedoch mit dem Begriff der „Gottesfürchtigen“ mischt, ist hier eher an Menschen zu denken, die als Nichtjuden an Aspekten des Judentums interessiert waren und so am Gottesdienst in der Synagoge teilnahmen. Mit der Formulierung „fast die ganze Stadt“ will Lukas das große Interesse der Menschen allgemein betonen.

 

Vers 45: Trotz der umfassenden Zustimmung gibt es auch diejenigen, die mit Ablehnung auf Paulus und Barnabas reagieren. Die negative Reaktion beruht dabei auf dem Erfolg der Prediger. Die Neider könnten Angst vor einer Spaltung der jüdischen Gemeinde oder einem Verlust ihres eigenen Geltungsbereichs gehabt haben. Schließlich sind die Gottesfürchtigen Menschen aus der Stadtgesellschaft, die sich der Synagoge verbunden fühlen. Ihre Unterstützung möchte die Gemeinde nicht verlieren. Die Lästerungen könnten sich auf die Gottessohnschaft Jesu bezogen haben oder darauf, dass sich in Jesus Verheißungen der Heiligen Schriften erfüllen.
Mit der Ablehnung eines Teils der Synagogengemeinde in Antiochia erfüllt sich wieder einmal die Prophezeiung des greisen Simeon in Lukasevangelium 2,34. Simeon hatte vorausgesagt, dass Jesus ein Zeichen ist, dem widersprochen wird. Genau dies wird durch die Reaktion einiger Zuhörer in der jüdischen Gemeinde erfüllt. Und in ähnlicher Weise wird Paulus es in nahezu allen zukünftigen Situationen der Verkündigung des Evangeliums erleben.

 

Verse 46-47: Die Gegenreaktion von Paulus und Barnabas ist eindeutig. Mit feierlichen Worten „freimütig“ weisen sie darauf hin, dass die Botschaft von Jesus als dem Sohn Gottes zuerst den Juden verkündet werden muss. Denn in Jesus wird die Zusage Gottes „ich bin der ich bin da“ aus der Schrift wahr. Diese Zusage Gottes gilt nach wie vor, daher wird Paulus auch weiterhin zuerst die Orte jüdischen Lebens aufsuchen, um davon zu erzählen. Aber: Es entspricht auch dem Willen Gottes, dass alle Völker Gottes Heilsbotschaft kennenlernen. Dies macht Paulus mit dem Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja deutlich. Der Autor Lukas schlägt damit einen Bogen zwischen dem ersten und zweiten Teil seiner Jesus-Erzählung, dem Evangelium und der Apostelgeschichte. Denn auch in Lukasevangelium 2,32 war das Wort des Propheten Jesaja – wieder durch den greisen Simeon – zu Gehör gekommen. Er spricht über das neugeborene Jesuskind, das es „Licht für die Völker“ ist.

 

Verse 48-50: Lukas berichtet noch von einer weiteren Reaktion auf die Verkündigung des Paulus. Die Nichtjuden geraten in Freude und „preisen das Wort des Herrn“. Freude und Lobpreis sind Zeichen des Geistes Gottes, so zeigt sich in der Reaktion der Heiden, dass das Wort des Propheten Jesaja gerade Realität wird. Ihnen hat sich etwas von der Verkündigung des Paulus erschlossen und damit auch etwas von Gott und seiner Heilszusage. Die Freude der Nichtjuden und die Überzeugung vieler aus der Synagogengemeinde sorgen für eine weitere Verbreitung des Evangeliums.

Noch einmal wechselt die Perspektive. Lukas beschreibt nun die „Gegenmaßnahmen“, die die Juden ergreifen: Sie hetzten einflussreiche nichtjüdische Frauen und offensichtlich auch Personen aus der städtischen Oberschicht gegen Paulus und Barnabas auf, so dass diese aus der Stadt flüchten müssen. Auch dieser Vorgang wird sich auf den Missionsreisen wiederholen.

 

Verse 51-52: Paulus und Barnabas tun genau das, was Jesus selbst in seiner Aussendungsrede den Jüngern geraten hatte: „Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann geht auf die Straße hinaus und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe“ (Lukasevangelium 10,10-11).

Die „Jünger“, also die zum Glauben Gekommenen in Antiochia in Pisidien, werden von Freude und Heiligem Geist erfüllt. Auf diese Weise wird die Glaubhaftigkeit der Botschaft und der Verkündiger bewiesen. Denn Freude und Geisterfüllung sind Kriterien der Wirksamkeit Gottes und der Wahrhaftigkeit der Botschaft.

 

Auslegung

Das erste große öffentliche Auftreten des Paulus als christlicher Verkündiger ist zugleich der Auftakt für die Weitergabe des Evangeliums an Juden und Heiden. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um die ersten Heiden, die zum Glauben an Jesus Christus kommen. In Apostelgeschichte 8 hatte Philippus bereits den äthiopischen Kämmerer getauft und Petrus in Apostelgeschichte 10 den römischen Hauptmann Cornelius. Sowohl vom äthiopischen Kämmerer als auch von Cornelius war berichtet worden, dass sie am jüdischen Glauben interessiert und gottesfürchtig waren. In beiden Geschichten war zudem Gott selbst an der Glaubensgeschichte beteiligt: Philippus wurde von einem Engel auf den Kämmerer aufmerksam gemacht, Petrus und Cornelius werden über visionäre Erfahrungen aufeinander verwiesen. Beide Erzählungen haben auf ihre Weise den Weg gebahnt zur Verkündigung des Paulus in Antiochia in Pisidien. Dort spricht Paulus bereits in seiner Anrede von den Israeliten und den Gottesfürchtigen (Vers 16) und nimmt so automatisch nichtjüdische, aber an Gott interessierte Zuhörer als Adressaten seiner Worte in den Blick. Entsprechend sind auch aus beiden Gruppen Menschen von der Botschaft des Paulus begeistert und schließen sich an. Diese Zuwendung der nichtjüdischen Synagogenbesucher einerseits und die Missgunst der Juden andererseits motivieren Paulus zu der „feierlichen Erklärung“: „Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt … wenden wir uns jetzt an die Heiden“ (Vers 46). Die Anwendung des Zitats aus dem Buch Jesaja, das von den „Völkern“ und dem „Ende der Erde“ spricht, führt dann zu Lob und Freude bei den „Heiden“. Denn endlich wird klar ausgesprochen, dass die Botschaft Jesu und damit die Zusage Gottes, sich allen Menschen zuzuwenden, auch ihnen gilt. In der Synagogengemeinde sind sie bislang gastfreundlich aufgenommen worden, aber eben Gast geblieben. In der neuen Gemeinschaft in Jesus Christus gehören sie zu den Eingeladenen – ebenso wie die Juden. Das „zuerst“ und „jetzt“ in den Worten des Apostels spielt für sie keine Rolle. Nicht die zeitliche Abfolge, sondern das Faktum der Verkündigung ist für sie entscheidend. Das entspricht sowohl dem Aussagegehalt der Worte des Paulus, als auch dem weiteren Vorgehen in der Missionstätigkeit. Paulus und seine Mitarbeiter werden auch weiterhin die Synagogengemeinde und die jüdischen Glaubensbrüder bei der Verkündigung des Evangeliums in den Blick nehmen. Der erste Weg führt sie auf ihren Reisen zumeist in die ortsansässige Synagoge. Doch die Verkündigung ist nicht mehr exklusiv für diese Zuhörerschaft bestimmt. Die Botschaft Gottes und seine Zuwendung wird nun gezielt auch denen weitergegeben, die schon bei der Geburt Jesu als Adressaten der Heilsbotschaft im Blick waren: die Völker (Lk 2,29-32).

Die Verkündigung des Paulus in der Synagoge von Antiochia weitet die Perspektive der Weitergabe des Evangeliums. Wenn Jesus Christus das Licht für alle Völker ist und Gottes Heil bis an das Ende der Erde gilt, dann muss die Botschaft auch dorthin getragen werden. Und zwar nicht mehr nur einzelnen wie dem Cornelius oder dem Kämmerer, sondern allen, denen man begegnet. Das Evangelium muss verkündet werden, in Synagogen, auf Marktplätzen, mitten unter den Menschen und jeder der das Wort annimmt, ist willkommen. Eine einfache und immer noch gültige Botschaft, die die Lesung uns heute mit auf den Weg gibt.

Kunst etc.

Ein Überblick über die Missionsreisen des Paulus (Wikicommons)