Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 1,39-45)

Der Besuch Marias bei Elisabet: 1,39-56

39Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.

40Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.

41Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt

42und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

43Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.

45Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Überblick

Maria macht sich auf den Weg zu ihrer Verwandten Elisabet. Sie hat gehört, dass diese in hohem Alter ein Kind erwartet. Als sich Elisabet und Maria begegnen, zeigt sich, dass die beiden angekündigten Geburten mehr darstellen als unverhofftes Elternglück.

1. Verortung im Evangelium
Wir stehen mit dieser Erzählung noch ganz am Anfang des Lukasevangeliums (Lk). Zweimal ist bisher durch den Engel Gabriel die Geburt eines Kindes angekündigt worden. Nun werden die beiden Erzählstränge zusammengeführt. Die Erzählung vom Besuch Marias bei Elisabet ist das Bindeglied zwischen der Verheißung der Verkündigungsszenen und der Erfüllung der Verheißung in den kommenden Geburtsgeschichten. Der Begegnung zwischen Elisabet und Maria besteht aus zwei Teilen. Im ersten (1,39-45) steht der Gruß Marias und die Reaktion der Elisabet im Vordergrund, im zweiten die Antwort Marias, die im Magnifikat Ausdruck findet (1,46-56).

 

2. Aufbau
Der Text wird eingeleitet durch eine Reisenotiz (Vers 39), die abgerundet wird durch die Ankunft und den Gruß der Ankommenden (Vers 40). Im Mittelpunk der Erzählung (Verse 41-45) steht die Reaktion der Elisabet, die körperlich beginnt (Vers 41) und im Lobpreis auf Maria mündet (Verse 42-45).

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 39: Auch wenn Besuche bei der Verwandtschaft nichts Außergewöhnliches sind, so ist die Reise einer jungen Frau ganz alleine von Nazareth hinauf in das Bergland von Judäa schon beachtlich. Wo genau das Haus des Zacharias stand, ist nicht bekannt. Da er seinen Dienst im Tempel in Jerusalem versieht, wird man es nicht allzu weit von dort vermuten dürfen. In etwa 3-4 Tagesetappen und um die 130 km dürfte Marias Reise umfasst haben.

Vers 40: Das Ziel der Reise, das Haus des Zacharias, wird nach dem Hausherrn, dem Priester Zacharias benannt. Dies folgt der jüdischen Tradition. Eine Rolle spielt der Hausherr in dieser Szene jedoch nicht. Der Fokus der Erzählung liegt auf den beiden Frauen, ihren Kindern und dem, was Gott an ihnen geschehen lässt.

Verse 41.44: Das Wort „hüpfen, springen“, das Lukas in der Szene direkt zweimal verwendet, ist Zeichen des Jubels. So sollen sich in der Feldrede in Lk 6,23 diejenigen freuen und springen, denen der Lohn im Himmel verheißen ist. Auch im Buch Maleachi (Mal 3,20) wird die Reaktion der Gerechten auf das kommende, befreiende Richten Gottes in einem ähnlichen Bild verdeutlicht: „Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen wie Kälber, die aus dem Stall kommen.“
Über die Regungen der Kinder im Mutterleib spricht auch das Buch Genesis im Hinblick auf Esau und Jakob; in Genesis 25,21-23 wird deren zukünftiges Verhältnis angedeutet.

Auslegung

Warum Maria sich auf den weiten Weg zu ihrer Verwandten macht, bleibt offen: Will sie sich selbst überzeugen, ob die Worte des Engels stimmen und Elisabet ein Kind erwartet? Ist das Verhältnis der beiden so eng, dass Besuche häufig stattfinden oder Maria unbedingt ihre eigenen Neuigkeiten der Verwandten erzählen will? Der Evangelist Lukas legt jedenfalls Wert darauf, dass Maria nach der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel nicht lange wartet, um sich auf den Weg zu machen. „Mit Eile“, wie es im griechischen Text heißt, ist sie unterwegs zu Elisabet. Der nur lapidar erwähnte Gruß der Ankommenden setzt nun ein weitreichendes Geschehen in Gang. Zwar bleibt die äußere Szenerie während der Begrüßung und dem folgenden Magnifikat identisch, inhaltlich aber greift unsere Erzählung weit voraus, weil sie wichtige Themen und Motive des Evangeliums einführt.

Es fällt auf, dass die Reaktion Elisabets deutlich mehr Gewicht hat, als der eigentliche Gruß Marias. Was Maria sagt, ist nicht wichtig, sondern wer spricht. Die „Stimme des Grußes“ (Vers 44) hat auf Elisabet und ihr ungeborenes Kind eine große Wirkung: Johannes „hüpft“ im Bauch der Mutter und macht offenkundig, dass die Verheißung des Engels wahr ist: „Er wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist.“ Und auch von Elisabet heißt es, sie werde vom „Heiligen Geist erfüllt“. Johannes und seine Mutter hören die Stimme der Maria, der Mutter des Herrn, und sie erkennen: Hier zeigt sich Gott selbst. Hören und Erkennen werden im Lukasevangelium oft miteinander verknüpft und nicht selten wird wie auch hier der Heilige Geist in einem Atemzug genannt. Er ist die Gabe, die es möglich macht, das Erlebte und Gehörte nicht nur aus dem eigenen Verstehen heraus zu begreifen. Vielmehr schafft der Geist Gottes Raum, das Unmögliche wahrzunehmen und zu denken. So zeigt das Kind schon im Mutterleib wortwörtlich Begeisterung. Und Elisabet grüßt ohne von dem besonderen Auftrag Marias zu wissen, diese als die „Mutter meines Herrn“. Was sich mit einfachem Schauen und bloßem Hören nicht erschließt, das eröffnet der Heilige Geist denen, die für Gottes Wirken wachsam sind.

Elisabets Antwort auf den Gruß Marias ist ein Ausruf des Erkennens und zugleich Lobpreis. Sie führt damit den Gruß des Engels aus Lk 1,28 fort. Maria, die junge Frau aus Nazareth, sie ist nun herausgehoben aus der Schar der vielen Frauen, die ein Kind empfangen. Sie ist die, die Gottes Sohn zur Welt bringen wird. Für Elisabet ist dies eine besondere Ehre. In ihrer rhetorischen Frage: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ verleiht sie dem Ausdruck. Hier deutet sich schon an, was Maria kurz danach im Magnifikat besingen wird. Gott verändert die bekannten Verhältnisse: Elisabet, als Frau eines Priesters und in fortgeschrittenem Alter die eigentlich sozial höher gestellte der beiden, sie empfindet den Besuch der unverheirateten, jungen Frau als Ehre.

Den Endpunkt der Grußworte der Elisabet markiert eine Seligpreisung, die direkt mehrere Adressaten hat. Zuerst gilt sie Maria, die der Verheißung Gottes traut und sich von ihm in den Dienst nehmen lässt. Spätestens im Zusammentreffen mit Elisabet offenbart sich ihr die ganze Bedeutung der Botschaft des Engels. Dann gilt das Wort indirekt Zacharias, dem Mann Elisabets. Er tut sich schwer, der Verheißung einfach so zu trauen und muss verstummen bis diese eintrifft. Zuletzt (aber nicht minder deutlich) ist die Seligpreisung an jeden gerichtet, der die Frohe Botschaft liest und hört und ihr Glauben schenkt. Der sich darauf einlässt, dass Gott uns mehr zutraut als wir uns manchmal selbst.

Mit der Begegnung zwischen Elisabets und Maria werden die bisherigen Erzählstränge eindeutig zusammengeführt. Waren die Ankündigungen der Nachkommenschaft, die bei Zacharias mit Skepsis und bei Maria mit einer Bereitschaftsbekundung enden, durch die Initiative Gottes geprägt, so sind es nun Maria und Elisabeth, die uns erkennen lassen: Die Geschichte der beiden Kinder erzählt die Geschichte Gottes mit den Menschen weiter.

Kunst etc.

Johann Sebastian Bach komponierte für das Fest Mariä Heimsuchung, das in der Kirche am 2. Juli gefeiert wird, die Kantaten „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147) und „Meine Seel erhebt den Herrn“ (BWV 10).