Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Phil 3,8-14)

8Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen

9und in ihm erfunden zu werden. Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens.

10Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde.

11So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

12Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.

13Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.

14Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Überblick

Kommt nicht zum Stillstand! Das ist die Mahnung, die Paulus heute allen Christen mit auf den Weg gibt.

 

 

1. Verortung im Brief
Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde von Philippi, der ersten Gemeinde in Europa, während er in Ephesus im Gefängnis sitzt. Paulus hat zu der Gemeinde eine besonders intensive Beziehung, nur von ihr lässt er sich auch finanziell unterstützen. In der Korrespondenz zwischen Gemeinde und Apostel geht es sowohl um persönliche Anliegen und Vorhaben des Apostels als auch um die konkrete Situation der Gemeinde.

Im aktuellen Abschnitt setzt sich Paulus mit seiner eigenen Bekehrung vom Juden zum Christen auseinander. Daher spricht Paulus vom „früher“ seines jüdischen Lebens und dem „heute“ des Lebens in Christus.

 

2. Aufbau
Die Lesung lässt sich in zwei Sinnabschnitte unterteilen: In den Versen 8-11 steht das Vergangene im Mittelpunkt, in den Versen 12-14 das Zukünftige. Verbunden sind beide Teile durch das Motiv der Christuserkenntnis.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 8: Paulus spricht hier sehr deutlich von seiner Zeit bevor er Christus in der Vision vor Damaskus begegnete. Dort ereignet sich für ihn die „Erkenntnis Christi“. Diese „Erkenntnis Christi“, die sowohl Hören als auch Sehen als auch ein inneres Verstehen umfasst, ist jedoch kein abgeschlossener Weg, sondern ein Prozess der Lebensverwandlung. Dazu gehört das Anerkennen Jesu Christi und eine Veränderung des Lebens durch den Glauben an Jesus als den Sohn Gottes.

Alles was Paulus vor dem Damaskuserlebnis und seiner Lebenswende erlebt hat, ist für ihn nun wertlos, wie er in einem „Slogan“ formuliert: „ich halte es für Unrat“. Auf diese Weise betont er den Unterschied zwischen „früher“ und „heute“, zwischen altem und neuem, christlichen Leben.

 

Vers 9: Den Unterschied macht Paulus auch noch einmal in einem anderen Bild deutlich: Paulus sagt sich von der „alten“ Gerechtigkeit los, die mit der Erfüllung des Gesetzes zu tun hatte. Vielmehr wendet er sich der „neuen“ Gerechtigkeit zu, die allein aus dem Glauben an Jesus Christus erwächst. Dieser Glaube ist aber nicht an eine Leistung geknüpft, sondern Geschenk Gottes.

 

Verse 10-11: Paulus nimmt eine Konkretion der Erkenntnis Jesu vor. Jesus Christus zu erkennen, meint immer, seine Auferstehung und sein Leiden zu verstehen und sich von ihm zu einem neuen Leben einladen lassen. An dieser Stelle dreht Paulus die logische Reihenfolge (Tod – Auferstehung) bewusst um. Indem er zuerst von der Macht der Auferstehung spricht, lädt er ein, aus dem Bewusstsein der Auferstehung heraus auch das Leiden zu betrachten. Der Glaube an die Auferstehung ist Ermutigung und Bestärkung in der Situation des Leidens. Paulus formuliert dies bewusst so, weil er seine eigenen biographischen Erfahrungen als Apostel Jesu mitdenkt. Als er Christ wurde hat er selbst Bedrängnisse und Leiden, ja sogar Todesangst erlebt, weil er die Botschaft Jesu weiterverkündigt hat. Diese eigenen Erfahrungen von Not sind Erfahrungen der wirklichen Nachfolge Jesu und seines Leidens. Für Paulus wird das Ertragen des Leidens möglich und erträglich, wenn er es als Anteilhaben an der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu sieht, die jedoch nicht ohne die Auferstehung denkbar ist. So steht die Hoffnung auf die eigene Auferstehung am Ende dieses Gedankens.

 

Verse 12-14: Der Apostel blickt nun nach vorne: Für ihn ist das neue Leben als Christ ein Leben im Prozess, nichts Statisches oder einmal Ergriffenes. Daher benutzt er sehr dynamische Bilder und spricht vom „Streben“ und „Nachjagen“. Das „Nachjagen“ nach dem Siegespreis nimmt das Bild eines Läufers im Stadion auf (vgl. 1. Korintherbrief 9,24). Dieser schaut immer nach vorn, das Ziel vor Augen und nicht mehr zurück auf den Startpunkt. Genauso sieht Paulus sein Streben als Gläubiger, der seiner Berufung zu einem Leben mit Gott („himmlische Berufung“) versucht zu entsprechen. Das Wortspiel „Ergriffensein“ und „Ergreifen“ verweist auf den angenommenen Glauben und dem Ziel, diesem Glauben auch im eigenen Leben ganz zu entsprechen.

Auslegung

Die eigenen biographischen Erlebnisse lassen Paulus in der heutigen Lesung eine Mahnung an alle Christen formulieren: Kommt nicht zum Stillstand mit eurem Glauben und wiegt euch nicht selbst in Sicherheit!

Paulus sieht dabei sein eigenes Geschick und seine Lebenswende vom frommen Juden, der alle Gesetze befolgte und sich mit vollem Eifer für ein Leben im Sinne des Gesetzes Gottes einsetzte als Mahnung an die Christen in Philippi. „Damals“, d.h. vor seiner Bekehrung war er sich sicher, das Richtige zu tun und durch sein richtiges Handeln ein Leben im Sinne Gottes zu führen – schließlich hielt er sich an die Gebote Gottes. Doch nachdem Paulus Jesus Christus als Sohn Gottes „erkannt“ hat, ändert sich diese Perspektive. Das Erkennen Jesu ist für Paulus eine Kraft, die das gegenwärtige Leben umfasst und zugleich in die Zukunft hineinwirkt. So versteht er die „Erkenntnis Christi“ nicht als etwas, was er einmal erreicht hat und was ihn in eine Sicherheit vergleichbar mit der damaligen Gesetzessicherheit hineinführt.

Für ihn bedeutet der Glaube an Jesus Christus vielmehr ein Hereingerufen werden in eine neue Wirklichkeit. Den Glauben anzunehmen, getauft zu werden und damit als Christ leben zu wollen ist ein Hereingerufen werden in ein Leben mit Gott. Gott ergreift in seinem Ruf die Initiative, aber es braucht auch ein „Ergreifen“ dieses Lebens durch den Menschen. An seinem eigenen Leben erkennt Paulus, dass er mit diesem Ergreifen, mit diesem vollkommenen Leben in Gott in seinem irdischen Leben nie zu Ende kommt. Im Glauben zu wachsen und immer mehr zu verstehen, wie Gottes Wirklichkeit aussieht, bedeutet auch immer an seinem eigenen Handeln und Denken zu arbeiten. Das christliche Leben ist nichts zum Festhalten eines Status quo, sondern eine immer weitergehende Dynamik mehr von Gott zu begreifen und immer mehr in seinem Sinne zu leben.

Für alle die, die keine Dauerläufer sind, gibt es jedoch eine kleine Beruhigung. Das Bild des Läufers im Stadion ruft nicht dazu auf, als Christ ständig atemlos und gehetzt nach dem Leben in und mit Gott zu suchen. Aber es mahnt dazu, nicht bereits nach der ersten Kurve langsamer zu laufen, weil man sich sicher ist, anzukommen.

 

Kunst etc.

Das Fresko von Michelangelo entfaltet das Erlebnis des Paulus auf dem Weg nach Damaskus sehr dramatisch und erweitert die Erzählung. Sehr deutlich aber kommt in dieser Darstellung zum Ausdruck, dass Paulus nach der Begegnung mit Jesus Christus sein altes Leben und die Zusammenhänge (Personen, soziales Netzwerk etc.) hinter sich lässt. So wird ein Reden von „früher“ und „heute“ in der heutigen Lesung vielleicht verständlicher.

 

Wer die Erzählung von der Bekehrung des Paulus nachlesen möchte, findet sie unter „Kontext“.

 

Michelangelo [Public domain], Bekehrung des Heiligen Paulus, Fresko in der Kapella Paolina, Vatikan via wikicommons
Michelangelo [Public domain], Bekehrung des Heiligen Paulus, Fresko in der Kapella Paolina, Vatikan via wikicommons