Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (2 Makk 7,1-2.7a.9-14)

1 Ein andermal geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch anzurühren, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen. 

2 Einer von ihnen ergriff für die andern das Wort und sagte: 

Was willst du uns fragen und was willst du von uns lernen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. 

[…]

 7 Als der Erste der Brüder auf diese Weise gestorben war, führten sie den Zweiten zur Folterung. […] 9 Als er in den letzten Zügen lag, sagte er: 

Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferstehen lassen, weil wir für seine Gesetze gestorben sind. 

10 Nach ihm folterten sie den Dritten. Als sie seine Zunge forderten, streckte er sie sofort heraus und hielt mutig die Hände hin. 11 Dabei sagte er gefasst: 

Vom Himmel habe ich sie bekommen und wegen seiner Gesetze achte ich nicht auf sie. Von ihm hoffe ich sie wiederzuerlangen. 

12 Sogar der König und seine Leute staunten über den Mut des jungen Mannes, dem die Schmerzen nichts bedeuteten. 13 Als er tot war, quälten und misshandelten sie den Vierten genauso. 14 Dieser sagte, als er dem Ende nahe war: 

Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns auferstehen lässt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben. Für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben.

Überblick

Wer lässt sich für das Gesetz Gottes „die Kopfhaut abziehen und Nase, Ohren, Hände und Füße stückweise abhacken“? Bis in den Tod gehen eine Mutter und ihre sieben Söhne, weil sie an den strafenden, aber gerechten Gott der Auferstehung glauben.

 

1. Verortung in der Geschichte und im Buch

Das Jahr 167 v. Chr. war einschneidend für das jüdische Volk und Jerusalem. Aus dem Weltreich Alexander des Großen war ab 320 v.Chr. unter anderem das hellenistische Seleukidenreich hervorgegangen, dass den gesamten Vorderen Orient beherrschte. Ab 175 v.Chr. war Antiochus IV. König dieses Reiches und brachte im Jahr 167 v. Chr. auch Jerusalem unter seine Kontrolle. Mit Gewalt setzte er seine Herrschaft dort durch, indem er die Stadt hellenisierte, die jüdische Religion verbot und zu dem Tempel des Gottes Israels zu einer Kultstätte des griechischen Gottes Zeus umweihte. Diese umwälzenden Ereignisse werden in 2 Makkabäer 4,1-7,42 erzählt, bevor die Heldengeschichte Judas‘ des Makkabäers beginnt, die zur Reinigung und Wiedereinweihung des Tempels führt. In 2 Makkabäer 6,18-7,42 werden beispielhafte Geschichten erzählt von Juden, die sich nicht der seleukidischen Herrschaft unterwarfen, sondern an der Tora, den Gesetzen Gottes festhielten und für ihre Observanz den Märtyrertod starben. Im theologischen Kontext des Buches ist das in diesen Geschichten zum Ausdruck kommende Leid werden diejenigen Juden verantwortlich gemacht, die sich für den hellenistischen Lebensstil entschieden, anstatt an der Religion der Vorfahren festzuhalten – drastisch wird dies mit Blick auf die Priester in 2 Makkabäer 4,15-16 erklärt: „Schließlich kümmerten sich die Priester nicht mehr um den Dienst am Altar; der Tempel galt in ihren Augen nichts und für die Opfer hatten sie kaum mehr Zeit. Dafür gingen sie eilig auf den Sportplatz, sobald die Aufforderung zum Diskuswerfen erging, um an dem Spiel, das vom Gesetz verboten war, teilzunehmen. Die Ehren ihres Vaterlandes achteten sie für nichts, auf griechische Auszeichnungen dagegen waren sie ganz versessen.“

 

2. Aufbau

Das Kapitel 2 Makkabäer 7, aus dem die Verse für die Lesung ausgewählt sind, ist strukturiert durch die aufeinanderfolgenden Märtyrertode der sieben Söhne und schließlich ihrer Mutter. In den jeweils letzten Worten der sterbenden Söhne entfaltet sich ein klarer Gedankengang, der die theologische Botschaft dieses Kapitels gibt.

Der Ausgangspunkt ist ein Dilemma: Die Söhne sollen Schweinefleisch essen und damit gegen den im alttestamentlichen Gesetz ausgedrückten Willen Gottes verstoßen (siehe Levitikus 11,7-8) – was ist wichtiger: das eigene Leben oder die Einhaltung der Gesetze Gottes? Der Erste der Brüder legt den Grundsatz fest, dem alle gehorchen werden: Der Tod ist besser als die Verletzung der Thora. Der zweite Bruder, der durch sein „Nein“ das vom ersten festgelegte Prinzip bekräftigt hat, bekräftigt seinem Glauben an die Auferstehung (Vers 9). Der dritte Bruder fügt hinzu, dass die Märtyrer bei ihrer Auferstehung die bei der Folterung amputierten Gliedmaßen wiedererhalten werden (Vers 11). Der Vierte bekräftigt den Glauben an die Wiederauferstehung und beginnt auf die bevorstehende Bestrafung von Antiochus hinzuweisen: Er wird keine Wiederauferstehung „bis zum Leben“ haben (Vers 14). Der Fünfte belehrt Antiochus, dass Israel nicht von Gott verlassen wurde, sondern dieser sich für das erlittene Leid der Brüder rächen werde (Vers 17). Es mag paradox erscheinen, dass das leidende Israel nicht von Gott verlassen wurde, also erklärt der sechste Bruder, dass sie dieses Leid erleiden müssen und sagt zugleich, dass für Antiochus Gottes Rache unausweichlich ist. Alle bisherigen Gedanken werden dann in den Schlussreden der Mutter und ihres jüngsten Sohnes zusammengefasst (Vers 27-38), hier zeigt sich, auch Frauen und kleine Kinder halten an der Lehre der Thora fest. In den letzten Worten, die von einem Mitglied der Märtyrerfamilie gesprochen werden, spricht der Jüngste dann das zusammenfassende Gebet (Vers 37-38): „Ich gebe wie meine Brüder Leib und Leben hin für die Gesetze unserer Väter und rufe dabei Gott an, dass er seinem Volk bald wieder gnädig sei; du aber sollst unter Qualen und Schlägen bekennen müssen, dass er allein Gott ist. Bei mir und meinen Brüdern möge der Zorn des Allherrschers aufhören, der sich zu Recht über unser ganzes Volk ergossen hat.“

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Die Einleitung durch „ein andermal“ verdeutlicht, dass es sich hier um eine sozusagen zeitlose Beispielerzählung handelt. Im vorherigen Kapitel sollte der Märtyrertod Eleazars als ein Beispiel für die Jugend angesehen werden – nun zeugt die junge Generation für ihren Glauben. Ausgangspunkt der Erzählung ist der Versuch, durch Folter die namenlosen und bis dahin unbekannten Söhne dazu zu zwingen, Schweinefleisch zu essen oder auch nur anzurühren (beide Übersetzungen sind möglich).

Vers 2: Die Frage des Ersten der Brüder scheint kontextlos. Was Antiochus IV verlangt, wurde im vorherigen Vers klar definiert. In seiner Frage zeichnet sich nun aber schon ab, dass die folgende Erzählung nun Antiochus (und den Lesern) eine Lehre erteilt. Er und seine Brüder sind bereit für Gott zu sterben (nicht zu kämpfen!).

Vers 7: Die Notiz über den Tod des ersten Bruders verdeutlicht ohne die vorherigen Verse nicht, was dieses Martyrium an Leid bedeutet – daher noch der Hinweis auf die Verse 3-5: „Da wurde der König zornig und befahl, Pfannen und Kessel heiß zu machen. Kaum waren sie heiß geworden, ließ er ihrem Sprecher die Zunge abschneiden, ihm nach Skythenart die Kopfhaut abziehen und Nase, Ohren, Hände und Füße stückweise abhacken. Dabei mussten die anderen Brüder und die Mutter zuschauen. Den grässlich Verstümmelten, der noch atmete, ließ er ans Feuer bringen und rösten.“

Vers 9: „Du Unmensch“, wie es in der revidierten Einheitsübersetzung heißt, hat eine doppelte Bedeutung. Damit könnte eine Person bezeichnet sein, deren Taten nach Rache verlangen. Eine interessante mögliche Übersetzung wäre „Rachegeist“, denn Antiochus IV ist in seinen Taten eine von Gott gewollte Strafe über das jüdische Volk, aber zugleich schlägt er mit seinen Taten über die Stränge und wird dafür von Gott selbst bestraft werden. Diese Unterordnung Antiochus unter Gott in den Augen der Brüder wird hier auch deutlich durch den Titel „König der Welt“, der dem weltlichen König entgegengesetzt wird. Interessant ist in diesem Vers auch die Wortwahl, um den Glauben an die Auferstehung auszudrücken – wörtlich heißt es hier: „uns zu einer ewigen Wiederbelebung des Lebens auferstehen lassen“.

Verse 10-12: Die schnell aufeinanderfolgend erzählte Aufforderung und bereitwillige Entsprechung zeigt den Mut zum Martyrium. 

Verse 13-14: Den Märtyrern ist das ewige Leben versprochen. Diese Hoffnung auf die Auferstehung muss auch im Kontrast gegenüber weltlichen Hoffnungen gelesen werden, wie es in den Worten des letzten der Brüder deutlich wird: „Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht vergeblich im Übermut ungewisser Hoffnungen, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst!“ (Vers 34)

Auslegung

Die Worte der Märtyrer in 2 Makkabäer 7 sind getragen von der Hoffnung nicht nur auf die Auferstehung. Erstmals wird im Alten Testament hier dieser Glaube grundlegend ausformuliert und im Angesicht des Leidens für Gott reflektiert. Sondern dem Glauben an die Auferstehung liegt das Gottesbild des strafenden, aber gerechten Gottes zugrunde. Um die Tiefe der Erzählung besser verstehen zu können lohnt der Verweis auf Deuteronomium 32, der der Erzählung selbst innewohnt. Die Mutter und ihre noch lebenden Söhne sprechen sich in Vers 5 mit folgenden Worten Mut zu: „Gott, der Herr, sieht und gewiss hat er Erbarmen mit uns. Denn so hat es Mose klar gesagt in dem Lied, in dem er öffentlich das Volk anklagte: Und er wird mit seinen Dienern Erbarmen haben.“  In Deuteronomium 32,36 ist in den Worten Mose der Glaube daran grundgelegt, „der HERR seinem Volk Recht geben und mit seinen Dienern Mitleid haben“ wird. Dieses Mitleid selbst des strafenden Gottes ist der Ausgangspunkt für die Hoffnung auf Auferstehung der leidenden Gerechten. Die Grundlage für diese Hoffnung und für die Erzählung in 2 Makkabäer 7 ist das Gotteswort in Deuteronomium 32,39: „Ich bin es, nur ich, und es gibt keinen Gott neben mir. Ich bin es, der tötet und der lebendig macht. Ich habe verwundet; nur ich werde heilen. Niemand kann retten aus meiner Hand.“ Dieser absoluten Autorität unterwerfen sich die Märtyrer und stellen sich dem weltlichen, feindlichen König entgegen. Denn sie vertrauen darauf, dass sie in ihrem Tod, nicht in ihrem Kampf, stärker sind als alle weltliche Macht.

Kunst etc.

Die Mutter der sieben Brüder, die den Märtyrertod auf sich nehmen, wird – wie auch in den für die Lesung ausgewählten Versen – wenig beachtet, obwohl sie in diesem Kapitel selbst ihre Mutterliebe im Diesseits dem Glauben an die Auferstehung und die Liebe Gottes unterordnet. Sie ist nicht, wie es manchmal in bildlichen Darstellungen gezeigt wird, eine Mutter die sich schützend vor ihre Kinder wirft und um Erbarmen für sie bittet, sondern sie sagt zu ihrem letzten verbleibenden Sohn: „Mein Sohn, hab Mitleid mit mir! Neun Monate habe ich dich in meinem Leib getragen, ich habe dich drei Jahre gestillt, dich ernährt, großgezogen und für dich gesorgt, bis du nun so groß geworden bist. Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen und so entstehen auch die Menschen. Hab keine Angst vor diesem Henker, sei deiner Brüder würdig und nimm den Tod an! Dann werde ich dich zur Zeit des Erbarmens mit deinen Brüdern wiederbekommen.“ (2 Makkabäer 7,27-29)

 Illustration aus dem Buch “The story of the Bible from Genesis to Revelation” von 1873.
Illustration aus dem Buch “The story of the Bible from Genesis to Revelation” von 1873.