Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Phil 3,17-4,1)

17Ahmt auch ihr mich nach, Brüder und Schwestern, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt!

18Denn viele - von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche - leben als Feinde des Kreuzes Christi.

19Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch und ihre Ehre besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.

20Denn unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter,

21der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann.

41Darum, meine geliebten Brüder und Schwestern, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest im Herrn, Geliebte!

Überblick

Wie man im Himmel beheimatet sein kann und dennoch irdischen Vorbildern folgt.

1. Verortung im Brief
Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde von Philippi, der ersten Gemeinde in Europa, während er in Ephesus im Gefängnis sitzt. Paulus hat zu der Gemeinde eine besonders intensive Beziehung, nur von ihr lässt er sich auch finanziell unterstützen. In der Korrespondenz zwischen Gemeinde und Apostel geht es sowohl um persönliche Anliegen und Vorhaben des Apostels als auch um die konkrete Situation der Gemeinde. Eine Herausforderung dabei ist das Auftauchen von „Irrlehrern“, Verkündigern, die die Botschaft des Evangeliums verändern. Zum Beispiel sprechen sie von Jesus Christus mehr als einem „Helden“ mit Lehre und Handeln als auch vom leidenden Christus und dem Kreuz. Beides Themen, die für Paulus von zentraler Bedeutung sind.
Im vorliegenden Abschnitt (Phillipperbrief (Phil) 3,17-21. 4,1) geht es Paulus darum, sich die richtigen Vorbilder im Glauben zu suchen und sich zudem fest an Christus auszurichten, der durchs Leiden hindurch verherrlicht wiederkommen wird.

 

2. Aufbau
Der Abschnitt lässt sich in drei Teile unterteilen: In den Versen 17-19 liegt der Fokus auf der Frage nach den geeigneten Glaubensvorbildern. Die Verse 20-21 nehmen die Verheißung der Wiederkunft Christi in den Blick. Der Vers 4,1 schließt zum einen die Mahnungen ab und fast sie zusammen, zum anderen leitet er bereits über zum nächsten Abschnitt (4,2-9).

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 17: Paulus ruft zur direkten Nachahmung seiner selbst auf. Damit nimmt er Bezug auf seine Verkündigung einerseits und sein Beispiel des Lebens, das auch Leiden und Bedrängnis bedeutet andererseits. In dem Zusammenhang von Verkündigungswort und beispielhaftem Leben zeigt sich die Ausrichtung ganz auf Gott und seine Wirklichkeit. In ganz ähnlicher Weise hatte Paulus auch die Gemeinde in Korinth schon einmal aufgefordert, seinem Beispiel zu folgen: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme!“ (1. Korintherbrief 11,1) Paulus denkt das Vorbild sein hier als eine Art „Kettenreaktion“: Der Apostel selbst nimmt sich Christus zum Vorbild, der in seinem Wort Gottes Reich verkündet und dessen Vollmacht in seinen Wundern bezeugt. Die Gemeinde nimmt sich den Apostel zum Vorbild und wird bestenfalls selbst Vorbild für andere, die zum Glauben kommen.
Dass neben Paulus auch andere ein gutes Vorbild für ein Leben in und mit Gott sein können, zeigt der zweite Teil des Satzes.

 

Verse 18-19: Jedoch macht Paulus auch deutlich, dass nicht alle, die verkündigen, zum Vorbild taugen. Es scheint so, als gäbe es in der Gemeinde und ihrem Umfeld – wie auch sonst – Vorbilder im Guten und im Schlechten. Die schlechten Vorbilder werden als „Feinde des Kreuzes Christi“ benannt, Dies dürfte ein Hinweis darauf sein, dass sich Paulus sehr konkret auf Personen oder Gruppen bezieht, die die Botschaft des Kreuzes als Zeichen des Leidens und der Erlösung leugnen.

Entsprechend drastisch fallen daher auch die Worte des Apostels über die falschen Vorbilder aus: Sie werden verderben, d.h. am Tag der Wiederkunft Jesu gerichtet werden entsprechend ihrer Botschaft. Und sie haben nur den „Bauch“ und das „Irdische“ im Sinn, d.h. sie setzen alles auf das Hier und Jetzt und haben keine Erwartung auf das zukünftige Reich Gottes und das neue Leben, das in Tod und Auferstehung Jesu geschenkt ist.

 

Verse 20-21: Dem auf das Irdische ausgerichteten Denken der anderen, steht das Ziel der christlichen Gemeinde gegenüber. Im griechischen Text steht „unsere“ sogar betont am Anfang des Satzes, um den Gegensatz zu Vers 19 besonders zu betonen. Der Gemeinde spricht Paulus sehr deutlich zu, dass sie nicht dauerhaft im Irdischen verbleiben wird; sie ist vielmehr für eine andere Heimat bestimmt: den Himmel. Dies ist die Verheißung, die sich aus der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu ergibt. Aus dem Himmel erwarten die Christen die Wiederkunft Jesu Christi. Sein rettendes Handeln, das nur durch Tod und Auferstehung möglich ist, ist die Verwandlung des irdischen Leibes in einen verherrlichten Leib. Mit dem irdischen Leib bezeichnet Paulus den Körper, der immer der Endlichkeit und Vergänglichkeit unterworfen ist. Der verherrlichte Leib ist der neu geschenkte Leib, der zu ewigem Leben berufen ist, so wie er Jesus selbst in der Auferstehung geschenkt wurde.

Der letzte Halbsatz von Vers 21 spricht von der „Macht“ Jesu als der rettenden Macht, mit der alles unterworfen werden kann. Hier lässt sich eine klare Christozentrik ablesen, d.h. für Paulus steht an dieser Stelle ganz klar Christus im Zentrum der Aussage und des erhofften Geschehens am Ende der Tage. Von Christus und seiner Macht ist somit für die Christen alles abhängig, nur durch ihn und sein Eingreifen, wird der irdische Leib zu einem anderen Leib verwandelt.

 

Vers 4,1: Die Gedanken werden vom einem eindringlichen Appell abgeschlossen. Die überschwängliche Anrede der Gemeindemitglieder („meine Freude und mein Ehrenkranz“) zeigt, wie sehr diese Menschen Paulus ans Herz gewachsen sind und wie groß seine Sorge um sie ist. Angesichts der schlechten Vorbilder bzw. Verkündiger mit falscher Botschaft bleibt Paulus, der ja in Gefangenschaft sitzt, nichts anderes übrig, als heftig an die Philipper zu appellieren, im Glauben fest zu stehen und sich nicht beirren zu lassen.

Auslegung

Auch für einen Apostel wie Paulus war es nicht immer leicht, seine Gemeinden – auch die, mit denen er sehr vertraut war – von den Einflüssen anderer abzuschirmen. Manch ein anderer Verkündiger setzte andere Akzente, wenn er vom Glauben an Jesus Christus zu der Gemeinde in Philippi sprach. Vielleicht brachten sie andere Beispiele, erzählten mehr Wunder Jesu und weniger Gleichnisse und waren auf ihre Weise gute und authentische Zeugen für das Evangelium. Auch Paulus kannte solche Menschen, die durch die Gemeinden zogen und dort das Wort Gottes verkündeten. Und er wusste, dass auch diese Menschen ein gutes Vorbild sein konnten für die christlichen Gruppen.
Für die Beurteilung „gutes“ oder „schlechtes“ Vorbild für die Gemeinde hatte Paulus jedoch Kriterien. Und diese Kriterien hatten ihre Grundlage im Leben Jesu. Wenn das Leben Jesu Christi, sein Menschsein und seine Gottessohnschaft, sein Vertrauen zu Gott, dem Vater, und sein Leiden und Auferstehen die Leitlinie der Botschaft bildeten, dann handelt es sich um ein gutes Beispiel, um einen guten und authentischen Verkündiger. Paulus selbst nennt sich der Gemeinde als Vorbild, weil er in sich und seinem Leben genau diese Punkte des Lebens Jesu und der Botschaft Jesu verwirklicht sieht: Die Verkündigung des Reiches Gottes und das Bezeugen der Botschaft auch mit dem eigenen Leben (Aufenthalt im Gefängnis).

Wer jedoch gerade im zentralen Punkt von Leiden und Auferstehung, von Kreuz und Herrlichkeit Jesu eine andere Auffassung vertritt oder sogar infrage stellt, ob dies wichtiger Teil der Botschaft ist, der kann kein gutes Vorbild sein. Für den ist das Kreuz dann nur „Torheit“ wie Paulus im 1. Korintherbrief formuliert (1. Korintherbrief 1,18), aber kein Zeichen der Rettung. Ohne das Kreuz aber ist das Leiden Jesu aus der Botschaft verbannt und damit auch der Ausblick auf die Auferstehung und ein Leben ohne Leid und Tod.
Obwohl Paulus den „armseligen Leib“ dem „verherrlichten Leib“ gegenüberstellt, ist damit jedoch keine grundsätzliche Abwertung des Körpers gemeint. Die Sinnspitze der Gegenüberstellung liegt in der Berufung zu einem himmlischen und damit ewigen Dasein. Dazu ist der Leib mit seiner Vergänglichkeit nicht ausgelegt. Aber: Der Körper, der jedem Menschen als Geschöpf geschenkt ist, hat das Potential in einen himmlischen Körper verwandelt zu werden. Der Leib in all seiner Vergänglichkeit ist berufen zur Unvergänglichkeit und kann dies auch werden, indem er sich durch Jesus Christus verwandeln lässt. Denn er, Christus, hat selbst in der Auferstehung erfahren, wie das Vergängliche vergeht und zu einer neuen Wirklichkeit wird, der Wirklichkeit Gottes, die wir Ewigkeit nennen.

 

Kunst etc.

Die Karte zeigt „Makedonien im Todesjahr Philipps II. 336 v. Chr.“ mit der autonomen Stadt Philippi, die bis zur Eroberung durch Philipp II. von Makedonien Krenides hieß.

Makedonien im Todesjahr Philipps II. 336 v. Chr. via wikicommons
Makedonien im Todesjahr Philipps II. 336 v. Chr. via wikicommons