Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (Gen 14,18-20)

18Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus.

Er war Priester des Höchsten Gottes.

19Er segnete Abram und sagte:

Gesegnet sei Abram vom Höchsten Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde,

20und gepriesen sei der Höchste Gott, der deine Feinde an dich ausgeliefert hat.

Darauf gab ihm Abram den Zehnten von allem.

Überblick

Der erste namentlich genannte Priester in der Bibel ist kein Israelit: Melchisedek. Er wird nur kurz erwähnt, aber bis heute wird er im Christentum als Vorausbild auf das Priestertum Jesu Christi gedeutet.

 

1. Verortung im Buch

Der im Buch Genesis dargestellte Erzvater Abraham ist ein friedfertiger Normade, der als Fremdling im Land Kanaan lebt – außer im Kapitel 14. Der scheinbar machtlose Abraham – damals vor dem in Genesis 17 erzählten Namenswechsels noch Abram genannte – betritt plötzlich als Krieger die Weltbühne. Vier Großkönige ziehen in einen Feldzug gegen fünf abgefallene Vasallenstaaten. Und in diesem Krieg wird Lot, Abrahams Neffe, wie das Ganze Habe Sodoms, bei denen Lot sich niedergelassen hatte, zu Beute der Großkönige. Abraham zieht gegen die Großkönige in den Krieg, befreit seinen Neffen, vertreibt die Feinde und bringt das gesamte Habe Sodoms wieder zurück. Bei seiner Rückkehr trifft er auf den bisher in der Erzählung noch nicht genannten Melchisedek, den König von Salem – den ersten genannten Priester der Bibel.

 

2. Aufbau

In den drei kurzen Versen, die die gesamte Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek erzählen, kommt dreimal die Gottesbezeichnung „der Höchste Gott“ (עֶלְיוֹן, gesprochen: elijon) vor. Melchisedek ist der Priester des Höchsten Gottes und er segnet Abraham in dessen Namen und lobpreist diesen Gott. Und gerahmt werden die Worte Melchisedeks von zwei Handlungen. Aus seiner Stadt heraus kommt Melchisedek Abraham entgegen. Abraham gibt ihm, dem König und Priester den Zehnten.

 

3. Erklärung einzelner Aspekte

Salem: Melchisedek, dessen Name „Mein König [=Gott] ist gerecht“ bedeutet, ist der König von Salem. Dieser Ortsname kann mit Psalm 76,3 als ein alter Name Jerusalem identifiziert werden – wie es auch der Großteil der jüdischen Tradition tut. Zudem hat ein anderer König Jerusalems, bevor die Stadt durch die Israeliten erobert wurde, einen ähnlichen Namen: Adoni-Zedek („mein Herr ist gerecht“; Josua 10,1). Somit ist Genesis 14,18 der einzige namentliche Hinweis auf Jerusalem im Pentateuch / der Tora, den in der Tradition sogenannten fünf Büchern Mose.

 

Brot und Wein: Dass Melchisedek Brot und Wein aus der Stadt dem erfolgreichen Krieger entgegenbringt, wird sowohl im Judentum als auch im Christentum kultisch gedeutet. In der jüdischen Tradition finden sich auf das Brot und den Wein des Schabbats verweisende Deutungen und in der christlichen Tradition werden Linien zum Abendmahl gezogen. Dass die Handlung Melchisedeks nicht einer notwendigen Stärkung der erschöpften Krieger dient, verdeutlicht Vers 24: Abraham und seine Kämpfer waren durch die Beute gut versorgt. Im israelitischen Kult gab es Schaubrote im Tempel, die nur von den Priestern gegessen werden durften (siehe Levitikus 24,9) – und auch der Wein gehört zum priesterlichen Opferdienst. Für eine kultische Deutung von Brot und Wein – vielleicht im Sinne eines Festmahles – sprechen der Hinweis auf das Priesteramt Melchisedeks und der folgende Segen.

 

Höchster Gott: Im direkten Kontext, in Vers 22, identifiziert Abraham den mit „Höchster Gott“ bezeichneten Gott als JHWH, seinen Gott. Melchisedek ist jedoch ein kanaanäischer Priester und daher läge es nahe, dass er einer anderen Gottheit dient und in deren Namen den Segen spricht. Die vom Autor gewählte Gottesbezeichnung ermöglicht es jedoch Jerusalem und den dort herrschenden König und Priester zur Zeit Abrahams schon im abstrakten Sinn mit dem Gott Israels zu verbinden, den das Volk später als eben den höchsten aller Götter verehrte: „Sie [= die Israeliten] dachten daran, dass Gott ihr Fels ist und Gott, der Höchste, ihr Erlöser.“ (Psalm 78,35).

 

Zehnte: Melchisedek war weder beteiligt an dem Krieg, noch hatte er einen direkten Grund Abraham zu danken. Aber er eilt zu ihm, um ihn in seiner Funktion als Priester des Höchsten Gottes zu segnen und diesen Gott zu lobpreisen. Abrahams Reaktion darauf ist die Gabe des Zehnten an ihn. Im Kontext bedeutet dies: Abraham gibt Melchisedek den zehnten Teil der zurückeroberten Beute. Das ist nur scheinbar eine überreiche Geste. Der „Zehnte“ (מַעֲשֵׂר, gesprochen: ma‘aser) ist im gesamten Alten Testament ein feststehender Begriff für den jährlich zum Tempel zu bringenden Teil der landwirtschaftlichen Erträge: „Jeder Zehnt des Landes, der vom Ertrag des Landes oder von den Baumfrüchten abzuziehen ist, gehört dem HERRN; er ist etwas Heiliges für den HERRN.“ (Levitikus 27,30). So gibt Abraham den Zehnten der zurückeroberten Beute an Melchisedek, den er damit als Priester auch seines Gottes anerkennt.

Auslegung

Ganz unscheinbar und unvermittelt betritt die Gottesstadt Jerusalem die biblische Erzählung. Und schon bevor David sie erobern wird, ist sie anscheinend von Anfang an bereits der Ort, an dem der Gott Abrahams, der spätere Gott Israels, verehrt wird. Ein nicht-israelitisches Priestertum dient diesem „Höchsten Gott“, der heute von Juden und Christen als der einzige Gott verehrt wird. Und Melchisedek erfüllt den Dienst der Völker, der in den Büchern der Propheten und den Psalmen erhofft wird: In Gottes Auserwählten, Abraham, erkennt er das göttliche Wirken, segnet ihn und lobpreist die Macht und Güte Gottes.

Die Erzählung macht Melchisedek zum Vorbild für die Völker: Er verehrt den Gott Abrahams und anerkennt sein besonderes Handeln an dem Vorfahren Israels. Und Abraham anerkennt Melchisedeks besonderes Priesteramt, indem er ihm den Zehnten gibt. Doch die Gleichsetzung vom „Höchsten Gott“ und dem Gott Israel, JHWH, erfolgt erst durch Abraham in Vers 22. So ist die Begegnung zwischen Melchisedek und Abraham, die in den Versen 18-20 erzählt wird, auch ein Verweis auf eine gemeinsame Erkenntnis: der unabhängig voneinander verehrte Gott ist, wenn er der Höchste Gott ist, derselbe Gott. Hier tritt nicht die Religionspolemik in den Vordergrund, sondern die Erkenntnis bricht ihre Bahn, dass der Höchste Gott, der eine Gott ist.

Kunst etc.

In der Pfarrkirche St. Ägidius in Oberkappel (Österreich) zeigt der neugotische Altar von Joseph Kepplinger aus dem Jahr 1885 die Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek. Im Zentrum der Darstellung steht ein gemauerter Altar. Links von ihm kniet Abraham, der wie ein römischer Legionär aussieht und rechts steht Melchisedek mit seiner Krone deutlich als König kenntlich gemacht. Im Zentrum steht aber nicht die Begegnung der beiden Personen, sondern die Opferhandlung. Brot und Wein dienen nicht als Festmahl für den erfolgreichen Krieger. Das Brot wird von Melchisedek zu Gott erhoben. Im Endeffekt ist in der Darstellung auf dem Altar Melchisedek der christliche Priester, der das Messopfer darbringt und Abraham der Gläubige, der demütig davor niederkniet.

Pfarrkirche St. Ägidius in Oberkappel (Oberösterreich). Neugotischer Altar (1885) von Joseph Kepplinger; fotografiert von Wolfgang Sauber – Lizenz: gemeinfrei.
Pfarrkirche St. Ägidius in Oberkappel (Oberösterreich). Neugotischer Altar (1885) von Joseph Kepplinger; fotografiert von Wolfgang Sauber – Lizenz: gemeinfrei.