Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 20,27-38)

27Von den Sadduzäern, die bestreiten, dass es eine Auferstehung gibt, kamen einige zu Jesus und fragten ihn:

28Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen verschaffen.

29Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos.

30Da nahm sie der zweite,

31danach der dritte und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben.

32Schließlich starb auch die Frau.

33Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.

34Da sagte Jesus zu ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten.

35Die aber, die gewürdigt werden, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, heiraten nicht, noch lassen sie sich heiraten.

36Denn sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und als Kinder der Auferstehung zu Kindern Gottes geworden sind.

37Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.

38Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben sie alle.

Überblick

Gott ist ein Gott der Lebenden. Dieses Argument aus einem Streitgespräch über den Auferstehungsglauben ist eine Zusage Gottes, die in Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist.

1. Verortung im Evangelium
Die weitaus meiste Zeit im Lukasevanglium (Lk) befindet sich Jesus auf dem Weg durch die Städte und Dörfer Galiläas und verkündigt das Reich Gottes, indem er Kranke heilt und von Gottes Wesen und Wirklichkeit spricht. Nun (seit Lk 19,28) ist er am Ziel seiner Reise angekommen, er befindet sich in Jerusalem. Die Leser des Evangeliums wissen bereits, dass Jesus dort leiden, sterben und auferstehen muss. Seinen Jüngern hatte er dies auch mehrfach angekündigt (Lk 9,18-22; 9,43b-45; 18,31-34), doch „sie begriffen nicht, was er sagte“ (Lk 18,34).

Nun ist Jesus in Jerusalem und vor dem Beginn der Passionserzählung (Lk 22-23) reiht der Evangelist kleinere Szenen hintereinander, die allesamt im Tempelbezirk in Jerusalem spielen. Unmittelbar vor dem Gespräch mit den Sadduzäern über die Auferstehung war es um die Frage nach der Steuer gegangen (Lk 20,20-26). Im Anschluss folgt ein Gespräch über die Davidssohnschaft (Lk 20,41-44).

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt spiegelt ein Lehrgespräch zwischen Sadduzäern und Jesus wieder, dem auch andere beigewohnt haben (s. Schriftgelehrte in Vers 39). Das Gespräch wird mit Vers 27 und der Schilderung der Ausgangssituation eingeleitet. In den Versen 28-33 wird die Frage formuliert, in den Versen 34-38 die Antwort durch Jesus. Die Verse 39-40 schließen das Gespräch durch Kommentare einiger Schriftgelehrter ab und bilden mit Vers 27 die Rahmenerzählung.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Sadduzäer: Die Sadduzäer sind eine Gruppe oder Ausrichtung innerhalb des Judentums zur Zeit Jesu. Bei ihnen handelt es sich Mitglieder der Jerusalemer Oberschicht, die mit einer priesterlichen Aristokratie sympathisierten. Sie wird sich aus Priestern und Nicht-Priestern zusammengesetzt haben. Ihre Namen leitet sich vermutlich von Zadok dem Hohenpriester zur Zeit Davids und Salomos ab, in dessen Nachfolge eine einflussreiche Priesterdynastie entstand. Die Sadduzäer hielten nur die schriftliche Überlieferung der Tora, der fünf Bücher Mose, für maßgeblich. Anders als beispielsweise die Pharisäer, die auch die Überlieferung der Väter anerkennen. Die Sadduzäer entnehmen der Tora keinen Beleg für die Auferstehung der Toten und lehnen damit jede Hoffnung auf eine zukünftige Welt ab. Für sie findet eine Gerechtigkeit für menschliches Tun oder Versagen bereits im irdischen Leben statt.
Weil die Sadduzäer eng mit dem Jerusalemer Tempel verbunden sind, ist ihre Zeit mit der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. vorüber. Zur Zeit der Abfassung der Evangelien spielen sie im Leben der Gemeinden und des Judentums ihrer Zeit keine Rolle mehr.

 

Vers 27: Die Gruppe der Sadduzäer, die sonst nicht im Lukasevangelium in Erscheinung treten, werden nur mit dem vorgestellt, was für den weiteren Verlauf der Handlung entscheidend ist. Sie vertreten eine bestimmte Position in der Frage der Auferstehung.

 

Verse 28-33: Die Sadduzäer sprechen Jesus mit „Lehrer“ (didaskalos, griechisch: διδάσκαλος, hier übersetzt mit „Meister“) an. Im Lukasevangelium sind es immer andere, nie die Jünger, die Jesus mit diesem Titel ansprechen. Ihre Frage ist als Nachfrage zur Auslegung des Mosegesetzes formuliert. Durch die Redeeinleitung in Vers 27 ist dem Leser klar, dass die Frage bzw. Hypothese dazu dienen soll, das Thema der Auferstehung zu diskutieren.

Die Sadduzäer beziehen sich mit ihrer Frage auf die sogenannte „Schwagerehe“, die im Buch Deuteronomium geregelt wird. Dort wird geregelt, dass nach dem Tod eines kinderlos verstorbenen, verheirateten Mannes sein Bruder die Witwe zur Frau nehmen soll. Hintergrund der Regelung ist einerseits der Wunsch, der Witwe eine abgesicherte soziale Zukunft zu ermöglichen. Andererseits geht es darum Besitz (vor allem Ländereien) als Eigentum der Großfamilie zu erhalten. Zudem wird über die Nachkommenschaft der Name des verstorbenen ersten Mannes weitergetragen. Vor allem die beiden ersten Begründungen für die Schwagerehe sind in der antiken jüdischen Gesellschaft von Bedeutung.

Die Frage der Sadduzäer übertreibt bewusst den im Gesetz geregelten Fall der Schwagerehe, um damit die Frage nach der Zugehörigkeit der Frau nach der Auferstehung auf die Spitze zu treiben. Die Siebenzahl der Brüder dient vor allem der Übertreibung. Wie sehr hier mit Unwahrscheinlichkeiten gespielt wird, zeigt sich z.B. darin, dass in der Hypothese der Sadduzäer alle sieben Brüder unverheiratet geblieben sind, so dass sie nach einander dieselbe Frau zur Ehefrau nehmen konnten. Es geht hier also ganz eindeutig um das Konstruieren einer möglichst unmöglichen Ausgangslage für die eigentliche Frage in Vers 33.
Die Frage der Sadduzäer setzt voraus, dass nach der Auferstehung ein Weiterleben in genau den gleichen Verhältnissen und Gesetzmäßigkeiten erfolgt. Auferstehung also einfach ein Leben zu gleichen Bedingungen in einer anderen Welt verspricht.

 

Verse 34-38: Die Antwort Jesu besteht aus zwei Argumentationslinien. Zunächst geht es darum die Argumente der Fragenden zu entkräften (Verse 34-36). Danach erläutert Jesus positiv, warum der Glauben an die Auferstehung sinnvoll ist (Verse 37-38).

Das wichtigste Argument Jesu zur Entkräftung der Beweislinie der Sadduzäer ist die Diskontinuität zwischen den Verhältnissen dem Leben auf Erden und nach der Auferstehung. Um die „Beweisführung“ zu verstehen, ist es wichtig von Vers 36 aus zu lesen. Die Auferstandenen können nicht mehr sterben, denn das ist etwas, was das irdische Leben beschreibt. Das Leben in „jener Welt“ aber kennt keinen Tod. Die „Kinder der Auferstehung“ sind Gottes Kinder und den „Engeln gleich“ – hier greift Lukas auf die Bildsprache des Alten Testaments und des Judentums zurück, in der die Engel als Söhne Gottes bezeichnet werden (vgl. Gen 6,4). Damit wird deutlich: Die Auferstandenen gehören einer anderen Welt an, vergleichbar mit den Engeln, ohne dass man sie äußerlich näher beschreiben müsste. Das wesentliche am Argument Jesu in Vers 36 ist jedoch: „sie können nicht mehr sterben“. Weil sie nicht mehr sterben, entfällt auch die Notwendigkeit, die Nachkommenschaft, das Erbe, die Erinnerung regeln zu müssen. All das sind keine Fragen, die in „jener Welt“ eine Rolle spielen. Weil jedoch Nachkommenschaft, Erbe, Versorgung etc. wesentliche Faktoren für das „Heiraten und Geheiratet-Werden“ sind, wird das Heiraten auch in der kommenden Welt nicht mehr wesentlich sein und damit die hypothetische Frage der Sadduzäer entkräftet.

Interessant sind hier noch drei Beobachtungen: 1. „Heiraten“ steht in diesem Kontext (wie auch in Lk 17,27) nicht für die Beziehung, die damit begonnen wird, sondern vor allem für die Sexualität zwischen Mann und Frau. Dies unterstreicht die oben dargestellte inhaltliche Linie. Sexualität im Sinne von Fortpflanzung und Nachkommenschaft spielt in der kommenden Welt keine Rolle mehr. 2. Der Evangelist Lukas denkt Auferstehung ähnlich wie der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief. Dort werden ebenfalls irdische, körperliche, vergängliche Welt und himmlische, geistige, unvergängliche Welt einander gegenübergestellt (1. Korintherbrief 15,42-49). 3. Lukas spricht von „denjenigen, die gewürdigt werden“ an der Auferstehung der Toten „teilzuhaben“. Hier scheint die Vorstellung einer Auferstehung der Gerechten im Hintergrund zu stehen. Anders als in Apostelgeschichte 24,15, wo Paulus von einer „Auferstehung der Gerechten und Ungerechten“ spricht.

Um den Gedanken der Auferstehung positiv zu begründen, nutzt Jesus eine logische Schlussfolgerung. Dabei greift er ebenso wie die Sadduzäer auf die Überlieferung des Moses zurück. In der Erzählung vom brennenden Dornbusch hat sich Gott dem Mose als „Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks“ vorgestellt (Exodus 3,6). Sowohl Abraham, als auch Jakob und Isaak, sind aber bereits verstorben. Wenn Jesus nun die Feststellung hinzufügt, Gott ist „kein Gott von Toten, sondern von Lebenden“, dann können Abraham, Jakob und Isaak auch nicht tot sein, wenn Gott doch immer noch ihr Gott ist. Also leben Abraham, Jakob und Isaak noch – wenn auch nicht in der irdischen Welt. Der letzte Halbsatz in Vers 38 führt diese Bemerkung zu den Erzvätern (Abraham, Isaak und Jakob) dann ins Allgemeine. Die Wortverbindung zwischen „leben“ und einem Dativobjekt (hier: für ihn) bringt eine enge Verbundenheit zum Ausdruck. Wenn nun „alle“ für den „Gott der Lebenden“ leben, dann wird die enge Verbundenheit auf alle Menschen ausgeweitet, die zuvor für die Erzväter benannt wurde.

 

Verse 39-40: Der Dialog Jesu mit den Sadduzäern findet einen Wiederhall unter den Zuhörenden. Offenbar gehören auch Schriftgelehrte zu den Zuschauern der Szene, auch wenn sie eingangs nicht erwähnt wurden. Vielleicht sind sie ein fester Bestandteil der Menge, die mit Jesus unterwegs ist? Aus dem Kreis der Schriftgelehrten wird Zustimmung geäußert. Auch hier sind es wieder „andere“, nicht die Jünger, die den Titel „Meister/Lehrer“ verwenden (s. Vers 28). Nach diesem Gespräch wird kein weiteres Streitgespräch dieser Art im Evangelium mehr stattfinden.

Auslegung

Das Streitgespräch zwischen Jesus und den Sadduzäern bringt zwei grundlegende Gedanken zum Ausdruck: Gott ist ein Gott der Lebenden und unsere Vorstellungen von der Welt der Auferstandenen sind schnell im Hier und Jetzt verhaftet.

Wenn Jesus im heutigen Evangelium mithilfe einer logischen Schlussfolgerung deutlich macht, dass Gott ein Gott der Lebenden ist, nimmt er Bezug auf eine der zentralsten Stellen der Heiligen Schrift. Gott begegnet Moses im brennenden Dornbusch, denn er möchte mit dessen Hilfe, sein erwähltes Volk aus der Knechtschaft Ägyptens befreien. Und weil Mose Gott in dieser direkten Form noch nicht begegnet ist, braucht es ein „Erkennungszeichen“ Gottes, damit Mose versteht, mit wem er es am Dornbusch zu tun hat. Das Zeichen, das Gott dem Mose gibt und mit dem Mose erkennen soll, dass er nicht mit einem Unbekannten spricht, es ist die Einordnung Gottes als Gott der Väter. Indem sich Gott als Gott der Väter offenbart, zeigt er Mose: Du kennst mich, vertrau mir. Denn so wie du jetzt, so sind auch vor dir dein Vater und Abraham und Isaak und Jakob mir begegnet – jeder auf seine eigene Weise.
Indem Jesus auf diese Stelle Bezug nimmt, erinnert er aber nicht an den Moment der Erkennens zwischen Moses und Gott. Vielmehr macht er deutlich, dass Mose mit dieser Begegnung hineingenommen wird in eine Reihe von Menschen, die Gott erkannt und bezeugt haben und mit ihm eine besondere Beziehung eingegangen sind. Und diese Beziehung als Gottesbeziehung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie andauert – auch über den Tod hinaus. Gott spricht am Dornbusch über die Glaubensväter des Moses so als wären sie aktive Bezugspersonen. Und genau das sind sie: Sie sind lebendig, weil sie in der Glaubenstradition des Moses eine Rolle spielen, über sie kann er Gott als Gott der Väter erkennen. Und sie sind lebendig, weil Gott sie als Menschen, mit denen er in enger Beziehung steht, ebenfalls als lebendige Zeugen begreift, die für ihn bei Mose „bürgen“. An einen Gott der Lebenden zu glauben bedeutet dementsprechend, an einen Gott zu glauben, dessen Beziehungen niemals aufhören. Gott führt die Beziehung zu den Menschen fort, auch wenn die Menschen ihre irdischen Beziehungen hinter sich lassen und sterben. Der Tod ist damit keine Grenze für die Beziehung zu Gott, bei ihm geht bleibt man lebendig.

Allerdings – und das ist der zweite Gedanke – die Art und Weise, wie man sich das Weiterleben bei Gott, das Leben der kommenden Welt vorstellen soll, das entzieht sich unseren Denkkategorien. Es ist aber sicher kein „weiter so“ nur an anderer Stelle, so macht Jesus deutlich. Das Leben bei Gott unterscheidet sich substantiell vom Leben auf Erden und bleibt zugleich rätselhaft. Ganz bewusst wird daher eine genaue „Definition“ dessen vermieden, was die Menschen nach dem Tod erwartet. Jesus nähert sich im Lukasevangelium dieser Wirklichkeit nur in Bildern an wie „den Engeln gleich“.

Die Grundgedanken des heutigen Evangeliums lesen sich wie eine Ermutigung, mit leichtem Herzen über Tod und Auferstehung nachzudenken. Denn Jesu Zusage „Gott ist ein Gott der Lebenden“ strahlt Hoffnung aus und ist weit mehr als ein Argument, um die irrige Position der Fragenden zu widerlegen. Die Verheißung, dass Gottes Beziehung zu den Seinen auch über den Tod hinaus hält, dass er nach dem Tod zu neuem Leben beruft, nimmt dem Tod seinen Stachel. Was wenig später im Evangelium durch Kreuz und Auferstehung in Jesus Christus selbst sichtbar werden wird, das verkündet Jesus mit seiner Zusage im Evangelium. Zugleich bleibt die Frage nach dem genauen Wie der kommenden Welt auch nach dieser Zusage unbeantwortet. Das Einzige, was wir wissen, ist: Es ist mehr als eine Fortsetzung des irdischen Lebens auf dem nächsten, himmlischen Level.