Lesejahr C: 2018/2019

2. Lesung (Tit 2,11-14)

11Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.

12Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,

13während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.

14Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

Überblick

Das Erscheinen der Gnade Gottes in Jesus Christus ist Sinnbild und Motivation eines neuen Lebenswandels.

1. Verortung im Brief
Der vorliegende Abschnitt entstammt dem mit dem Beginn des zweiten Kapitels einsetzenden Teils zu Fragen nach der Konsequenz eines christlichen Lebens für die Gemeinde des Titus. Unmittelbar davor (Verse 1-10) geht es um das richtige Verhalten unterschiedlicher Gruppen in der Gemeinde: Alte, Junge, Männer, Frauen, Sklaven. Im Anschluss (3,1-8) rückt die Berufung der Getauften in den Fokus des Briefes.

 

2. Erklärung einzelner Verse
Vers 11: Die „Gnade Gottes“, die erschienen ist, ist als Metapher für Jesus Christus zu verstehen. Sein kommen in die Welt ist Ausgangspunkt

Vers 12: Die Wirksamkeit des Erscheinens zeigt sich in der „Erziehung“, also der Motivation und Ermutigung ein anderes Leben zu führen. Das Vorbild Jesu ist dabei als Erziehung zu sehen: Sein Leben zeigt beispielhaft, wie man sich in seinem Tun und Denken auf Gott hin ausrichtet, ihn in den Mittelpunkt stellt und sich nicht an der irdischen, sondern der himmlischen Wirklichkeit orientiert. Entsprechend werden das Loslassen von alten Verhaltensweisen (Gottlosigkeit und irdische Begierden) und das Annehmen tugendhafter Verhaltensweisen (besonnen, gerecht, fromm) als Wechsel der Lebensweise benannt.

Vers 13: Mit diesem neuen Verhalten richten sich die Christen aus für die Zeit, die verstreicht, bis Jesus Christus wiederkommt. Seine Parusie (Wiederkunft) ist das Ziel, die Erfüllung der Erwartung der christlichen Gemeinde.

Vers 14: Die Hingabe Jesu am Kreuz errettet aus den alten Zusammenhängen der Ungerechtigkeit und ruft in ein neues Volk, das eifrig danach strebt, Gutes zu tun. Der Begriff des Eifers ist wie besonnen, gerecht und fromm der antiken Denkwelt eines tugendhaften Daseins entnommen.

Auslegung

Ausgangspunkt der Argumentationslinie im vorliegenden Abschnitt ist die Feststellung, dass Gott in Jesus Christus zu den Menschen gekommen ist, um den Menschen Neues Leben zu ermöglichen (zu retten). Weil Gott in Jesus mitten unter die Menschen getreten ist, können diese nun ein Leben führen, dass sich von den Gewohnheiten der früheren Zeit abhebt. So werden Gottlosigkeit und dem Trachten nach den weltlichen Dingen eine Absage erteilt. Stattdessen motiviert und erzieht die Begegnung mit Jesus Christus dazu, besonnen, gerecht und fromm in der Welt zu leben. In dieser neuen Lebensweise gestalten die Christen die Zeit von dem ersten Erscheinen Jesu in der Menschwerdung bis zum Wiederkommen des Herrn. Der Titusbrief wie auch die eng verknüpften Briefe an Timotheus (1. und 2. Timotheusbrief) sind geprägt von der Erwartung einer Wiederkunft Jesu in mehr oder weniger absehbarer Zukunft. Wegen dieser Erwartung ist die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Erscheinen Jesu Christi eine „Zwischenzeit“, die als Bewährungszeit inmitten einer Welt zu leben ist, die sich an anderen Maßstäben als denen der christlichen Gemeinde orientiert. Die Hingabe Jesu am Kreuz ist der rettende Ruf in ein neues Leben in seinem Volk. Ausdruck gewinnt die Zugehörigkeit zu diesem neuen Volk in einem Handeln in der Nachfolge Jesu, einem Handeln, das nach dem Guten, nach Gott strebt. Die Art und Weise wie die christliche Gemeinde die Zeit bis zur Wiederkunft des Herrn ausgestaltet, zeigt, in wie weit sie sich des rettenden Handelns als würdig erweist.