Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 1,1-4; 4,14-21)

11Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat.

2Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren.

14Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend.

15Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.

16So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen,

17reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt:

18Der Geist des Herrn ruht auf mir; /

denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, /

damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde /

und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze

19und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

20Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.

21Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

3Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben.

4So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.

Überblick

Zwei Anfänge – grundsätzlich und ganz konkret, aber immer mit dem einen Ziel, die Botschaft Gottes weiterzutragen.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangeliumstext des heutigen Sonntags bringt die Einleitung des Lukasevangeliums zusammen mit dem ersten öffentlichen Auftreten Jesu, das nach der Taufe im Jordan spielt.

 

2. Aufbau
Die Einleitung ist ein kunstvoll und aus einem Guss gestaltete Satzfolge.
Die Erzählung vom Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu besteht aus einer grundsätzlichen Einleitung in die Verkündigung Jesu (Verse 14-15), daran schließt sich eine Einleitung in die konkrete Situation in Nazaret an (Verse 16-17). Es folgt ein Schriftzitat (Verse 18-19), bevor sich der Blick auf Jesus und sein Tun und Wort konzentriert (Verse 20-21).

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 3: Der Name Theophilus bedeutet übersetzt: der, der Gott liebt. Er wird als Adressat der Schilderungen des Evangeliums genannt wird, bleibt aber als Person unbestimmt. Er dürfte aufgrund der Anrede „hochverehrter“ ein angesehener und wahrscheinlich begüterter Mann gewesen sein und könnte sowohl ein Sponsor wie ein Schirmherr des Evangelisten gewesen sein. Ob Theophilus Christ war oder Interessierter oder Ungetaufter bleibt offen.

Verse 18-19: Das „Schriftzitat“, das Jesus in den Mund gelegt wird, existiert in dieser Variante nicht. Lukas kombiniert zwei Stellen aus dem Buch Jesaja. Lukas setzt das wiedergegebene Zitat aus Jesaja 61,1-2 und Jesaja 58,6 zusammen. Dabei lässt er Teile weg und stellt neu zusammen, so dass es für die erzählte Episode passend ist.

Auslegung

Der Anfang des Lukasevangeliums unterscheidet sich maßgeblich von dem der anderen. Der Evangelist beginnt seine Variante der Jesuserzählung mit einer Einleitung, einem Vorwort, das Rechenschaft über sein Vorhaben ablegt. Dabei orientiert er sich an Einleitungen, wie sie auch in Werken der Geschichtsschreibung seiner Zeit zu finden sind. Damit stellt er das, was er schreibt, in den Dialog mit anderen Werken, die auf historisch belastbaren Tatsachen beruhen. Die Darstellung umfasst sowohl die Geschichte von Leben und Verkündigung Jesu bis hin zu Tod und Auferstehung als auch die Ereignisse rund um die Jerusalemer Gemeinde und die Ausbreitung der Botschaft durch die Apostel vor allem Paulus. Auf diese Ereignisse beruft sich Lukas und fügt an, dass sie „unter uns“ stattgefunden haben. Sie sind abgeschlossen und vollendet, aber sie werden überliefert durch Augenzeugen und diejenigen, die als „Diener des Wortes“ die Botschaft Jesu weitertragen. So verweist er auf eine Linie der Kontinuität und der Zeugen von der Verkündigung Jesu bis hin in die Zeit des Lukas. Diese ungebrochene Überlieferung sichert gegenüber Theophilus die „Zuverlässigkeit“ der Darstellung des Lukas. Wenn er darauf Bezug nimmt, dass auch andere schon über die Ereignisse geschrieben haben, will er sich keineswegs davon absetzen oder die anderen Darstellungen abwerten. Vielmehr schreibt er für seinen Förderer, Freund, Unterstützer seine Version der Geschichte Jesu und der nachfolgenden Verkündigung. Er nimmt Theophilus, als einen, der Gott liebt in den Blick und verfasst sein Werk mit Blick auf ihn und sicher auch andere, die genaueres über die Ereignisse in Galiläa, Jerusalem, Rom etc. wissen wollen.

 

Der Anfang des Wirkens Jesu in Nazareth setzt ähnlich wie die Einleitung in das Evangelium Maßstäbe. Die Schilderung setzt ein mit einer „Beobachtung“, die die Leser schon aus den vorangegangenen Episoden kennen: Jesus wird vom Heiligen Geist geführt und ist von ihm erfüllt (vgl. Lukasevangelium (Lk) 4,1). Diese besondere Vollmacht und Identität Jesu wird bekannt, er lehrt in Synagogen und erlangt Bekanntheit. Die allgemeine Erwähnung, dass er rundherum Anerkennung findet, steht im Kontrast zu der konkreten Schilderung der Ereignisse in Nazaret. Dort wird er abgelehnt, wie sich später herausstellen wird, und die Szene in der Synagoge hier ist die letzte Episode in der Stadt, in der Jesus seine Kindheit und Jugend verbrachte.

Geschickt lenkt Lukas durch retardierende Momente der Erzählung die Aufmerksamkeit des Lesers auf das, was Jesus in der Synagoge vorliest. Die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja künden von der Befreiung derjenigen, die sich in Notlagen befinden. Die „Armen“ sind wie ein Sammelbegriff für die unterschiedlichen Gruppen, die nachfolgend benannt werden: Gefangene, Blinde, Zerschlagene. Die frohe Botschaft, die ihnen verkündet wird, ist die Zusage der Verwandlung der Situationen der Bedrängnis in Situationen des Heils. Diese Verwandlung zu verkünden und in Bewegung zu bringen ist der Auftrag Jesu. So ist der wichtige abschließende Satz zu verstehen, den er mit voller Aufmerksamkeit seines Publikums („die Augen aller waren auf ihn gerichtet“) an es richtet. ER, ist derjenige, der das Wort des Jesaja zur Umsetzung bringen kann.