Lesejahr C: 2018/2019

1. Lesung (2 Sam 5,1-3)

1 Alle Stämme Israels kamen zu David nach Hebron und sagten: 

Wir sind doch dein Fleisch und Bein. 2 Schon früher, als noch Saul unser König war, bist du es gewesen, der Israel hinaus und wieder nach Hause geführt hat. Der HERR hat zu dir gesagt: 

Du sollst der Hirt meines Volkes Israel sein, du sollst Israels Fürst werden. 

3 Alle Ältesten Israels kamen zum König nach Hebron; der König David schloss mit ihnen in Hebron einen Vertrag vor dem HERRN und sie salbten David zum König von Israel.

Überblick

David wird nicht zu einem absolutistischen Monarchen. Sein Königtum ist sozusagen demokratisch legitimiert und vertraglich gebunden. Er ist der Hirte des Gottesvolkes.

 

1. Verortung im Buch

Der große David wurde nicht als König geboren. Der erste, von Gott auserwählte König war Saul, dessen Geschichte in 1 Samuel 1-31 erzählt wird. Ihm diente David als Kämpfer und als Musiktherapeut. Schon bevor David an den Hof Sauls kam, hatte Gott den König verworfen (1 Sam 13,1-15,35). Und der Prophet Samuel „trauerte um Saul, weil es den HERRN reute, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte“. Darauf hin wird Samuel, dessen Name das Buch der Geschichte über Saul und David trägt, von Gott ausgesendet, um David zum neuen König über Israel zu salben – und so beginnt die Aufstiegsgeschichte Davids (1 Samuel 16,1-2 Samuel 5,16). Er dient Saul zuerst, gerät dann doch immer mehr in Konflikt mit ihm und wird dann nach seinem Tod zuerst zum König des Stammes Juda, bevor dann ganz Israel ihn als König anerkennt, er Jerusalem als einnimmt und zur Hauptstadt Israels macht (2 Samuel 1,1-5,16). In Jerusalem wird dann König David die Verheißung einer ewigen Dynastie zuteil, die Saul überragt; in dieser sagt Gott ausdrücklich für den Nachfolger, den Sohn Davids zu: „Nie wird sich meine Huld von ihm entfernen, wie ich sie von Saul entfernt habe, den ich vor dir entfernt habe.“ (2 Samuel 7,15). Und in der weiteren Geschichte wird David, der König Israels in Jerusalem zum Anknüpfungspunkt für die Hoffnung auf einen Erlöser, einen „Sohn Davids“ – als welchen das Christentum Jesus Christus glaubt.

 

2. Aufbau

Die kurze Erzählung in 2 Samuel 5,1-3 erzählt von einem zweifachen Kommen ohne ein Weggehen. Zuerst kommt ganz Israel zu David (Vers 1). Und dann kommen noch die Ältesten Israels, die ja auch zu allen Stämmen gehören (Vers 3). Aber etwas entscheidendes hat sich zwischen den Versen verändert: Aus dem in Vers 1 genannten „David“ ist in Vers 3 „König David“ geworden.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: In Hebron war David vom Stamm Juda zum König gesalbt worden (2 Samuel 2,4). Dorthin, so der Erzähler, versammelt sich nun das gesamte Volk Israel. Die Samuelbücher spielen in einer Zeit vor dem von Salomo, dem Sohn Davids, gebauten Tempel – und berichten in 2 Samuel 15,7 von einer Kultstätte in Hebron (siehe auch Genesis 13,18). Ihr erstes an David gerichtete Wort drückt eine emotionale Nähe zueinander aus. Mit den Worten „Bein und Fleisch“ liegt eine intertextuelle Verbindung zu Adam und Eva, deren Verbindung durch ihre Entstehung, vor (Genesis 2,23). Im übertragenen Sinn verdeutlicht diese Wendung die Zusammengehörigkeit einer Sippe oder eines Stammes aus (Genesis 29,14) – damit verdeutlichen sie bereits in ihren ersten Worten, dass David nicht nur der König Judas ist, sondern sozusagen zum gesamten Volk Israel gehört. 

Vers 2: Die angesprochene Verbindung zwischen David und dem Volk Israel wird nun begründet durch drei Sätze, die im Hebräischen nach demselben Muster aufgebaut sind. Am Anfang wird David mit „Du“ angesprochen und das letzte Wort ist „Israel“. Schon während Sauls Königszeit war es David, führte Letzterer die Kriege des Volkes und war dessen Anführer (1 Samuel 18,16). Sie anerkennen damit seinen weltlichen Führeranspruch. Zudem führen sich noch einen Gottesspruch an, das Gott erst mit anderen Worten durch den Propheten in 2 Samuel 7,8 rückblickend verkünden lässt. Für den Leser und die Leserin übermittelt somit das Volk als Ganzes einen prophetischen Spruch.

Vers 3: Der Ausrufung Davids zum König folgt ein nüchterner Vertrag. Die „Ältesten Israel“ umschreibt wohl eine Versammlung von Entscheidungsträgern. Nun aber ist David der Handelnde, denn nicht sie, sondern er schließt mit ihnen einen Vertrag. Hier deutet sich an, dass das Volk sich nicht bedingungslos in die Hand Davids gelegt habe, sondern ein zweiseitiger Bund geschlossen wurde, der sozusagen die Grundlage für Davids Königtum bildete. Später wird in der Zeit Davids von Aufständen der Nordstämme gegen den König erzählt (2 Samuel 15-19; 20) und nach dem Ende der Herrschaft König Salomos zerbricht das Großreich Israels und die Nordstämme trennen sich wieder von Juda (1 Könige 12).

Auslegung

David, der kleine Hirtenjunge – wie er in 2 Samuel 16,11-12 beschrieben wird – wird zum König, zum Hirten Israels. Das Bild des Hirten wird in der Bibel häufig verwendet, um Gott zu beschreiben. Aber niemals wird es auf einen regierenden König Israels angewendet, sondern es wird zu einem Bild für den zukünftigen, messianischen Erlöser. Die einzige Ausnahme hiervor ist König David. Er, der Hirte des Gottesvolkes ist jedoch kein absolutistischer Monarch. Zwar ist David schon durch den Propheten Samuel zum König gesalbt worden, aber erst durch die Handlung der Ältesten wird er zum König. Er wird vom gesamten Volk zum König ausgerufen, unter anderem aufgrund eines Gotteswortes. Doch diese demokratische Legitimierung ist an einen Vertrag gebunden. König David ist somit seinem Volk und sowieso seinem Gott verpflichtet als dienender Hirte. 

Kunst etc.

Es fehlt in der Kunstgeschichte nicht an Darstellungen Davids als König. Theologisch grundlegend ist jedoch die Darstellung David als Hirte und Musiker geworden in der Bibel. David als Autor werden in der Tradition die Psalmen zugeschrieben. Und seine Darstellung als Hirtenjunge in 1 Samuel 16,10-13 bildet ein Leitmotiv für das ideale Herrschertum. William Dyce hat in seinem Gemälde „David in the Wilderness“ aus dem Jahr 1860 diese Motive aufgenommen und romantisiert. 

„David in the Wilderness”, William Dyce, ausgestellt in National Galleries of Scotland, Edinburgh – Lizenz: gemeinfrei.
„David in the Wilderness”, William Dyce, ausgestellt in National Galleries of Scotland, Edinburgh – Lizenz: gemeinfrei.