Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Lk 16,19-31)

19Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte.

20Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.

21Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

22Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.

23In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß.

24Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

25Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual.

26Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

27Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters!

28Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.

29Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.

30Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.

31Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

Überblick

Das Maß ist voll! Im Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus geht es um die „Life-Balance“ von Nehmen und Empfangen.

1. Verortung im Evangelium
Der Fokus des 16. Kapitels des Lukasevangeliums (Lk) liegt im Wesentlichen in der Frage von Reichtum und Besitz. Hatte Jesus in Lk 16,1-13 explizit den Jüngern das Gleichnis vom klugen Verwalter mit auf den Weg gegeben und sie zu klugem Umgang mit Geld und Besitz gemahnt, so sind ab Lk 16,14 die Pharisäer direkte Adressaten der Worte Jesu. Ihnen wird mit dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus das Thema Besitz, Reichtum und Gewissheiten im Sinne Jesu erschlossen.

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt besteht aus einer szenischen Einleitung (Verse 19-21). Die Verse 22- 23 berichten von der Umkehrung der Ausgangssituation und leiten damit über in einen Dialog zwischen Abraham und dem Reichen (Verse 24-31). Das Gespräch zwischen den beiden lässt sich noch einmal in zwei Teile gliedern: Verse 24-26 und 27-31. Beide Teile werden durch Bitten des reichen Mannes eingeleitet (Vers 24 und 27).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 19: Die Charakterisierung des reichen Mannes erfolgt seinen Lebensstil. Seine Kleidung besteht aus „Purpur“ und „feinem Leinen“. Purpur ist eigentlich ein Farbstoff, bezeichnet aber auch damit gefärbtes Tuch. Weil Purpur von der Purpurschnecke gewonnen wird und damit besonders teuer ist, gilt purpurne Kleidung als Herrschaftssymbol. Der „feine Leinen“ heißt im griechischen Original byssus (griechisch: βύσσος) und bezeichnet ein feines Leinen-, Baumwoll- oder Seidengewebe. Damit hebt sich die Kleidung der Wohlhabenden, wie hier des reichen Mannes, von dem einfachen Leinengewand der normalen Bevölkerung ab.

 

Verse 20-21: Gegenüber der Darstellung des reichen Mannes nimmt die Charakterisierung des Lazarus einen breiteren Raum ein. Schon sein Name trägt dazu bei, denn Lazarus ist die griechische Übersetzung des hebräischen „Gott hat geholfen“. In gewisser Weise wird durch die Namensgebung bereits etwas von der Pointe der Geschichte vorweggenommen. Weiter wird Lazarus durch seine Krankheit (Geschwüre) und seine Not (Hunger) gekennzeichnet. Dabei wird er erzählerische geschickt mit der Lebenswelt des Reichen verbunden: Er liegt vor dessen Tür und möchte seinen Hunger mit dessen Abfällen stillen.
Sowohl der Wunsch, sich von den Abfällen zu ernähren, als auch das Lecken der Geschwüre durch die Hunde präzisieren das große Elend des Lazarus. Dass Lazarus dabei mit den Hunden konkurrieren muss, denn sie bekommen normalerweise die Tischabfälle, und der Wunsch des Lazarus, sich an den Abfällen zu sättigen, nicht erfüllt wird, verstärken ebenfalls die Dramatik der Szene.

 

Vers 22: Nun wird in umgekehrter Reihenfolge zu den Versen 19-21 das weitere Schicksal der beiden Hauptpersonen beleuchtet. Während vom reichen Mann zunächst nur berichtet wird, dass er stirbt und bestattet wird, wird das Ableben des Lazarus eher außergewöhnlich dargestellt. Lazarus wird von Engeln in Abrahams Schoß getragen und damit entrückt. Damit wird er im Gleichnis eingereiht in eine Folge bedeutsamer Personen wie den Propheten Elija oder Mose. Von beiden wird im Alten Testament berichtet, dass sich kein Grab finden lässt (Mose im Buch Deuteronomium 34,6) bzw. der Leichnam wird nicht gefunden (Elija im 2. Buch der Könige 2,16-17). Das Bild vom Ruhen in Abrahams Schoß ist geprägt von der Vorstellung eines behüteten Kindes so wie zum Beispiel im 1. Buch der Könige 17,19, wenn Elija einen kranken Knaben trägt, um ihn anschließend zu heilen: „Und er nahm ihn von ihrem Schoß, trug ihn in das Obergemach hinauf, in dem er wohnte, und legte ihn auf sein Bett.“

 

Vers 23: Die Unterwelt und der Ort, an dem sich Lazarus befindet, sind einerseits deutlich voneinander getrennt (in Vers 26 ist von einem „unüberwindlichen Abgrund“ die Rede), andererseits kann man von einem zum anderen Ort hinüberblicken und sprechen. Dies wird für den kommenden Dialog wichtig.
Die Unterwelt ist gedacht als ein Ort des Unheils. Sie ist der endgültige Platz für diejenigen, denen nach ihrem Leben kein Heil zugesprochen wird. Die Unterwelt wird hier nicht als ein „Übergangsort“ bis zum Endgericht gedacht, sondern als ein Ort, der das dauerhafte Geschick nach dem Tode abbildet.

 

Verse 24-26: Der erste Dialog zwischen dem Reichen und Abraham setzt ein mit der Bitte um Wasser. Die Unterwelt wird damit entsprechend dem Bild in Jesaja 66,24 als ein Ort gedacht, an dem ein unauslöschliches Feuer brennt. Die Dramatik der jetzigen Situation des reichen Mannes wird dadurch veranschaulicht, dass er sich schon von einem Finger mit Wasser Linderung seiner Qualen verspricht.

Die Antwort Abrahams hat einen rein erklärenden Charakter. Die jetzige Situation der beiden Männer ist eine scheinbar logische Umkehrung der Lebenssituationen der beiden. Im Hintergrund steht die Vorstellung, dass Gott bei jedem Menschen auf ein ausgewogenes Maß an gutem und schlechtem Schicksal achtet. Und wo diese Ausgewogenheit nicht im irdischen Leben besteht, stellt er sie im Jenseits her. Der Reiche hat „seine Wohltaten“ bereits im Leben erhalten und darum wird im Jenseits nichts mehr dazu gefügt. Anders bei Lazarus, dessen Maß an Schlechtem im Leben bereits angefüllt war und nun seinen Ausgleich an Gutem in Abrahams Schoß erhält.

Der Hinweis Abrahams auf den „unüberwindlichen Graben“ zeigt noch einmal die Endgültigkeit der jetzigen Situation an.

 

Verse 27-31: Der zweite Dialog beginnt mit der Bitte des reichen Mannes, Lazarus möge seine Brüder vor einem ähnlichen Schicksal warnen. Die Vorstellung, dass jemand aus der Unterwelt zu den Lebenden zurückkehrt und sie warnt, ist ein bekanntes Motiv antiker Literatur. Es wird hier jedoch nicht weiter ausgeführt, denn weder wird konkretisiert, was Lazarus den Brüdern des reichen Mannes ausrichten soll, noch auf welche Weise sie einem solchem Schicksal entgehen können. Erst durch die Antwort Abrahams in Vers 29 wird mit dem Stichwort „Mose und die Propheten“ ein Hinweis gegeben. Damit wird zugleich eine Brücke geschlagen zu den eigentlichen Hörern des Gleichnisses, den Pharisäern. Mose und die Propheten sind ihre Bezugsgrößen, wenn es um die Gestaltung eines gottgefälligen Lebens geht. Ihnen wird also indirekt vorgehalten, sich nicht konsequent an die Weisungen der Schrift und ihre Konsequenzen zu halten.

Der letzte Teil des Dialogs beinhaltet noch einen weiteren Einwand des reichen Mannes. In der Formulierung „wenn einer von den Toten zu ihnen kommt“ sollte keine direkte Anspielung des Evangelisten Lukas auf die Auferstehung Jesu und das Scheitern der Christusverkündigung gegenüber den Juden gesehen werden. Erstens verwendet Lukas das Wort „überzeugen“ in seinem gesamten Werk nie in der negativen Weise (nicht überzeugen = ablehnen), zweitens geht es dem Evangelisten nur am Anfang der Apostelgeschichte in Jerusalem um ein Überzeugen der Juden und die Einladung zur Umkehr (danach wird dies nur noch über die Nicht-Juden ausgesagt). Drittens geht es bei den Brüdern des reichen Mannes nicht um Stellvertreter einer ablehnenden jüdischen Haltung der Christusbotschaft gegenüber. Das Argument, sich auch nicht von einem überzeugen zu lassen, der von den Toten zurückkehrt, ist darum ganz aus der Erzählung heraus zu denken. Wer sich nicht durch die bisher maßgeblichen Zeugen der Botschaft Gottes (Mose und die Propheten) zu einem bestimmten Verhalten hat überzeugen lassen, der wird sich auch nicht bekehren, wenn Lazarus nun aus dem Totenreich zurückkehrt, um eine Warnung auszusprechen.

Auslegung

Nach heutigen Maßstäben gehört das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus am Ehesten in ein Lifestyle-Magazin. Da ist ein namenloser Reicher, er kleidet sich gerne exklusiv und genießt das Leben in vollen Zügen. Er gehört zu den „Reichen und Schönen“, immer umringt von anderen, beliebt wegen seiner Feste. Ein Mensch dessen Nähe sicher viele suchen – auch um sich in seinem Glanz zu sonnen. Wenn wir solche Geschichten in Hochglanz-Magazinen lesen, bewundern wir solche Menschen einerseits. Andererseits beschleicht einen immer wieder auch ein Zweifel an der „Echtheit“ solch puren Lebensglücks: Kann es denn wirklich sein, dass jemand immer nur auf der Sonnenseite des Lebens steht? Der Zweifel an der Ungebrochenheit eines derartig rundum sorglosen Lebens entspringt nicht notwendiger Weise einem neidischen Blick auf Reichtum und Glück eines anderen. Im Zweifel steckt auch und vor allem das eigene Erleben, dass das menschliche Leben immer auch ambivalent ist. Es steht die Erfahrung dahinter, dass selten alles Sonnenschein ist und auch die glücklichsten und zufriedensten Menschen Stunden des Fragens, Zweifelns und der Not erleben. Und auch umgekehrt sind wir uns sehr wohl bewusst, dass auch Menschen, die in subjektiver und objektiver Not leben, die Erfahrung glücklicher Momente machen können.

Das Gleichnis spielt mit genau diesen persönlichen Wahrnehmungen. So scheint uns die Umkehrung der diesseitigen Verhältnisse im Jenseits gerecht und logisch zu sein. Der Reiche – der ja in seinem Leben so viel empfangen hat – bekommt nun nach seinem Leben auch die anderen Facetten des Daseins zu spüren: körperliche Not (Durst), Angst um die Familie. Und Lazarus, der in seinem irdischen Leben Not litt und nicht mal die Abfälle erhielt, er wird umsorgt und in Abrahams Schoß gebettet. Das Gleichnis veranschaulicht scheinbar das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit. Gott sorgt dafür, dass es jedem in einem ausgewogenen Maß gut und schlecht ergeht und dass bei niemandem das Pendel an der einen Seite zu sehr ausschlägt. Wo diese Balance im Diesseits nicht gelingt, muss sie im Jenseits hergestellt werden.

Doch bleibt das Gleichnis nicht einfach bei dieser göttlichen Life-Balance stehen. Der Dialog zwischen Abraham und dem reichen Mann ist kein schmückendes Beiwerk, um die Dramatik des Ausgleichens von Gutem und Schlechtem eindringlich vor Augen zu führen. Die Mahnung, die in der Erzählung auf die Pharisäer gemünzt ist, darüber hinaus aber auch uns als Leser trifft, geht einen Schritt weiter. Dabei durchbricht die Überlegung, Lazarus könne die Brüder des reichen Mannes warnen, die vorhergehende Logik einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Denn ihr wird der Gedanke der Umkehr hinzugefügt. Mose und die Propheten stehen für die Hinweise, die Gott seinem Volk für ein gelingendes Leben mitgegeben hat. Und ein gelingendes Leben meint eben mehr als die geschenkte richtige Life-Balance von Gutem und Schlechtem. Ein gelingendes Leben meint ein Leben, das im Vertrauen auf Gott und seine Sorge um jeden geführt wird. Es meint aber auch ein Leben, das im Frieden mit sich und mit Blick auf den Nächsten gelebt ist. Und genau dieser Blick auf den Nächsten ist der Knackpunkt des Gleichnisses und der Grund, warum das Hoffen auf Gottes ausgleichende Gerechtigkeit nicht genug ist. In den Geboten und Weisungen zum Leben, die durch die Propheten vermittelt und in Jesus Christus konkretisiert wurden, steht das barmherzige Handeln am Nächsten gleichbedeutend neben der Gottesliebe und der Eigenliebe. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Levitikus 19,18, vgl. Lk 10,27) ist ein Aufruf Gottes, an dem niemand vorbeikommt. Und genau diesem Anspruch hat der reiche Mann nicht entsprochen. Er lebte quasi Tür an Tür mit dem armen Lazarus und sah ihn doch nicht. Die Erinnerung an Mose und die Propheten durch Abraham weist darauf hin, dass eigentlich alles bekannt ist, was zu einem guten und heilvollen Leben im Diesseits und Jenseits führt. Wer sich aber zu Lebzeiten nicht an diesen Weisungen orientiert und den Blick nicht bis vor die eigene Tür lenkt, der verweigert sich dem Angebot Gottes auf ein Leben in Fülle. 
Die Bemerkung des Abraham im Gleichnis trifft daher die Pharisäer im Evangelium genauso wie alle Leser: Welche Zeichen brauchen wir noch, um mit wachem Blick auf den Nächsten unser Leben zu führen? Was braucht es, damit wir unser Gutes mit denen teilen, die nicht so viel haben?

Kunst etc.

Jan Stehen, Das Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus (ca. 1677) [Public domain]
Jan Stehen, Das Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus (ca. 1677) [Public domain]