Lesejahr C: 2018/2019

Evangelium (Joh 16,12-15)

12Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.

13Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

14Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.

15Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

Überblick

Der Geist der Wahrheit. Im dreifaltigen Gott ist es die Aufgabe des Heiligen Geistes, uns das Wesen Gottes immer wieder verständlich und gegenwärtig zu machen.

1. Verortung im Evangelium
Mit dem 13. Kapitel beginnt der zweite Hauptteil des Johannesevangeliums (Joh). Im ersten Hauptteil (Kapitel 1-12) stand die Sendung Jesu vom himmlischen Vater zu den Menschen und sein Wirken mitten unter ihnen im Fokus. Mit dem Evangelium von der Fußwaschung (Joh 13,1-15) beginnt der Rückzug Jesu aus dem öffentlichen Wirken und zugleich die Rückkehr zum Vater, die mit Tod und Verherrlichung am Kreuz endet. Die Kapitel 13-20 (zweiter Hauptteil) verbringt Jesus vor allem mit seinem Jüngerkreis. Ihnen erklärt er nach der Fußwaschung in den sogenannten Abschiedsreden, die Bedeutung dessen, was ihn dann im Leiden und Auferstehen widerfährt.
Das Thema der ersten Abschiedsrede (Kap. 14) ist das Weggehen und Wiederkommen Jesu. In der zweiten Abschiedsrede (Kap. 15) steht die Frage nach der Gemeinschaft der Jünger mit Jesu und das Missverstehen der Sendung Jesu und seiner Jünger durch die Welt im Fokus. Die dritte Abschiedsrede (Kap 16) blickt in die Zukunft, indem Jesus das Kommen des Geistes ankündigt und auf sein Weggehen und Wiederkommen verweist. Innerhalb dieser Überlegungen ist der Abschnitt des Evangeliums vom Geist der Wahrheit aus Vater und Sohn eingebunden.
Die Abschiedsreden Jesu werden abgeschlossen durch ein fürbittendes Gebet Jesu (Kap. 17).

 

 

2. Aufbau
Der inhaltlich sehr dichte Text lässt sich am Ehesten in die Verse 12-13 und 14-15 unterteilen. Dabei steht zunächst der Geist als Gabe im Fokus und danach die Identität und Aufgabe des Geistes.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse


Vers 12: Hatte Jesus seinen Jüngern in der ersten Abschiedsrede noch gesagt, dass er „nicht mehr viel“ zu ihnen sagen will (Joh 14,30), steht dieser Vers in einem vermeintlichen Gegensatz dazu. Im Mittelpunkt der Aussage hier in Vers 12 steht jedoch die Sinnhaftigkeit einer weiteren Unterweisung der Jünger angesichts ihres Abschiedsschmerzes. Nur wenige Verse vorher (Joh 16,6) spricht Jesus zu seinen Jüngern von der „Trauer eurer Herzen“. Diese Trauer nimmt er als so groß und dominant wahr, dass die Jünger an ihre Aufmerksamkeits- oder Aufnahmegrenzen stoßen.

 

Vers 13: Der Tatsache, dass die Jünger nun nichts mehr „ertragen“ können, begegnet Jesus mit Verständnis. Daher wird der Geist der Wahrheit kommen und sie „auf dem Weg der Wahrheit leiten“ – so könnte man auch wörtlich übersetzen. Die Wahrheit ist nach Joh 14,6 („Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“) Jesus selbst. Wenn der Geist nicht aus sich selbst heraus redet, meint dies: Der Geist verkündet nichts Neues. Vielmehr verkündet er das, was die Wahrheit, also Jesus selbst ist.

 

Verse 14-15: Die Einheit zwischen Vater und Sohn wird über mit dem Bild des „Eigentums“ verdeutlicht. Was dem Vater gehört, gehört dem Sohn und dem Sohn gehört nichts, was nicht dem Vater gehört. Indem der Heilige Geist von dem nimmt, was dem Sohn gehört, ist er ebenfalls eingebunden in das Bild und die „Besitzverhältnisse“.

Auslegung

Was dem Vater gehört, gehört dem Sohn und das, was dem Sohn (und damit auch dem Vater) gehört, wird der Geist nehmen und verkünden… Was nach verzwickten Erbverhältnissen klingt, ist die Logik der innergöttlichen Beziehung. Gott ist dreifaltig, das bedeutet, wir können ihm in drei Personen begegnen. Wir erleben ihn als Gott mitten unter uns, denn Gott wird Mensch in seinem Sohn Jesus Christus. Weil Gott den Sohn in die Welt gesandt hat und der Sohn von seinem Vater spricht, können auch wir Gott als den Vater kennenlernen. Ja, es ist sogar so, dass im Sohn der Vater ganz und gar erkennbar wird, weil der Sohn und der Vater eins sind in ihrem Wesen (Joh 10,30). Im liebevollen und barmherzigen Handeln des Sohnes an Kranken, Niedergedrückten und Sündern zeigt sich die Güte Gottes. Und im Sterben am Kreuz offenbart sich die ganze Liebe Gottes zu den Menschen. Das Leben und Sterben Jesu oder wie der Evangelist Johannes es umschreibt „seine Sendung hinein in die Welt“ kündet von nichts Anderem als der Liebe Gottes zum Menschen. Denn die Liebe ist das Wesen Gottes. Der Geist der Wahrheit, der Heilige Geist, ist ebenso Gott, wie der Sohn, aber nicht greifbar wie er. Der Geist ist Gottes Gegenwart in der Welt, er ist in sich „unsichtbar“, weil man ihn anders als den Sohn nicht als Mensch mitten unter uns greifen kann. Dennoch wird auch der Heilige Geist sichtbar und erfahrbar: Im Menschen, der Gottes Geist als Lebensatem in sich trägt (Genesis 2,7), und in allen Situationen und Ausdrucksformen, in denen etwas von Gottes Wesen und damit seiner Liebe erkennbar wird. Das kann ein Kunstwerk sein, die Schönheit der Schöpfung, aber auch der Akt der Versöhnung, der Hass überwindet.

Wenn im Evangelium heute vom Geist der Wahrheit gesprochen wird, steht jedoch noch ein anderer Aspekt des Geistes Gottes im Mittelpunkt. Jesus verweist seine Jünger auf den Geist als denjenigen, der sie auf dem Weg der Wahrheit leitet. Da Jesus selbst die Wahrheit, also die Offenbarung Gottes ist, soll der Heilige Geist die Jünger auf den Weg Jesu leiten oder besser sie begleiten, damit sie den Weg Jesu fortsetzen. Der Heilige Geist ist die Gabe, die den Jüngern Jesu und damit auch uns immer wieder helfen soll, den Weg Jesu, den Weg Gottes zu verstehen und zu leben. Deshalb umschreibt der Evangelist Johannes den Heiligen Geist auch nicht als etwas, das „aus sich selbst heraus redet“, sondern als den, der verkündet, „was er hört“. Die Botschaft des Geistes ist keine andere oder neue, sondern der Geist ist „Übersetzer“ des Wesens Gottes und seiner Liebe in unsere Welt hinein. Die Taten und Worte Jesu immer wieder zu verstehen und sie zu verkünden, das ist das Geschenk des Geistes und seine Aufgabe. Sie wird umso wichtiger, wenn der Abschied Jesu naht und er nicht mehr unter seinen Jüngern ist. Daher kündigt Jesus in seinen Abschiedsreden seinen Jüngern immer wieder den Geist für die Zeit, in der er nicht mehr bei ihnen ist.

Eine Woche nach dem Pfingstfest, das uns die Wirksamkeit des Geistes im Bild des Pfingstwunders vor Augen geführt hat, ist das Bild vom „Geist der Wahrheit“ eine Art Überleitung in die „Alltagszeit“ der Christen. Beschenkt mit dem Heiligen Geist geht es nun darum, diesen Geist der Wahrheit, den Geist Gottes zu erkennen und auf ihn zu hören, damit wir mit ihm den Weg Jesu, den Weg der Wahrheit und des Lebens in unserem Alltag entdecken und verkünden.

Kunst etc.

Das Gemälde von Jeronimo Cosida aus einer Zisterzienser-Abtei in Spanien aus dem 16. Jahrhundert versucht das Geheimnis des dreifaltigen Gottes auf symbolische Weise zu erläutern. Gott wird als Person mit drei Gesichtern für die drei Personen dargestellt. Er hält wie zur Erläuterung ein Dreieck in den Händen, das die Beziehung zwischen den göttlichen Personen zum Ausdruck bringen soll. Auf dem äußeren Spruchband steht (übersetzt): Der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist nicht der Heilige Geist, der Heilige Geist ist nicht der Vater. Damit wird die Unterschiedenheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist verdeutlicht. Der innere Text hingegen zeigt die unauflösliche Einheit der Personen: Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Heilige Geist ist Gott.

Jerónimo Cosida [Public domain] via wikicommons
Jerónimo Cosida [Public domain] via wikicommons